30.10.16 - Dublin Marathon (Irland)

Viertgrößter Marathon Europas - doch Europa merkt es kaum

An der Spitze dominieren afrikanische Läufer und Läuferinnen

Laura Graham und Sergiu Ciobanu gewinnen irische Meisterschaften

von Axel Künkeler

Beim Dublin-Marathon am letzten Oktober-Sonntag gewannen der Äthiopier Dereje Debele Tulu und Helalia Johannes aus Nambibia. Während Tulu mit seiner Zeit von 2:12:18 Stunden einen komfortablen Vorsprung vor seinen Landsleuten Dereje Urgecha Beyecha (2:14:38h) und Asafa Legese Bekele (2:15:01h) herauslief, konnte sich Helalia Johannes erst im Finish in 2:32:32h mit lediglich zwei Sekunden vor Ehite Bizuayehu (Äthiopien) den Sieg sichern. Dritte wurde die Kenianerin Viola Jelagat (2:35:03.h) vom Laufteam run2gether.

Mit 19.500 gemeldeten Startern ausgebucht - mit 16.831 Finishern jetzt viertgrößter Marathon in Europa
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Mit 16.831 Finishern, die bei (für irische Verhältnisse) sehr guten äußeren Bedingungen den 26.2-Miles-Rundkurs durch Irlands Hauptstadt absolvierten, avancierte der Dublin Marathon zum viertgrößten Marathon Europas im laufenden Jahr. Dabei hätte es gar nicht mal der teils euphorischen Pressemeldungen "fast 20.000 Teilnehmer" und "seit Wochen ausgebucht mit 19.500 Anmeldungen" bedurft. Die um 15 Prozent deutlich niedrigere Finisherzahl reicht aus für den Sprung von Rang acht im Europa-Ranking 2015 auf den vierten Platz 2016. Klar, an die Zahlen von Paris, London und Berlin (40.000 - 36.000) reicht kein anderer Marathon in Europa ran.

Irische Meisterin wird Laura Graham Marathon-Siegerin Helalia Johannes aus Namibia hält sich lange im Windschatten Überlegener Marathon-Sieger - Dereje Debele Tulu

Um mehr als die Hälfte niedriger liegen die Zahlen hinter diesem Triumvirat. Doch dahinter ist viel Bewegung. Der Sprung gelang Dublin in diesem Jahr zum einen wegen des deutlichen Rückgangs der Zahlen in Stockholm und Hamburg auf 12.-13.000, vor allem aber wegen des gegenüber Barcelona (von 15.400 auf 16.506) deutlich stärkeren Anstiegs in Dublin. Um rund 30 Prozent von 12.938 (2015) auf jetzt eben fast 17.000 sind die Finisherzahlen allein in 2016 gestiegen.

Analysiert man die Entwicklung des 1980 erstmals mit ca. 1.500 Teilnehmern ausgetragenen Marathons über die 36 Jahre hinweg, dann wird die Story noch beeindruckender. Von 1982 und 1988 bei der 1000-Jahr-Feier Dublins abgesehen (jeweils ca. 8.800 Finisher) lagen die Zahlen in den 1980er und 1990er Jahren meist unter 3.000. Nach dem Jahr 2000 stabilisierte sich die Veranstaltung bis 2008 zwischen 6.000 und 9.000 Finishern. Erst 2009 konnte die 10.000er-Marke durchbrochen werden. Allein den letzten acht Jahren haben sich die Zahlen also etwa verdoppelt.

Irischer Marathon-Meister wird Sergiu Ciobanu (17-schwarz) vor Sean Hehir (16-grün) Das Feld mit der 3. Irin Pauline Curley an der St. Patrick's Cathedral

Dabei hat es fast den Anschein, als bekomme Europa selbst diesen zumindest quantitativen Aufstieg Dublins in die europäische Top-Liga gar nicht mit. Knapp 14.000 der 19.500 Anmeldungen kamen aus Irland selbst und weitere 4.000 aus dem Vereinigten Königreich; 90 Prozent also aus Irland und Großbritannien sowie weitere 500 aus den USA. Bleiben gerade mal 1.300 Teilnehmer aus dem Rest Europas und der übrigen Welt. Eine solch niedrige internationale Beteiligung dürfte kaum eine zweite europäische Marathon-Veranstaltung mit Renommee haben.

Überlegener Rollstuhl-Sieger wird der Ire Patrick Monahan Richie Powell aus Wales wird Zweiter bei den Rollstuhl-Marathonis

Preisgelder für Top-Läufer und irische Meister

An der Spitze des Teilnehmerfeldes sorgen zudem recht erkleckliche Preisgelder dafür, dass vor allem schwarzafrikanische Läufer in Scharen an den Start gehen. 12.000 Euro Siegprämie gab es sowohl für den Äthiopier Tulu als auch die Frauen-Siegerin Johannes. Bis Platz zehn gab es Preisgelder, von 7.500 Euro (2.) bis 500 Euro (10.). Deutlich weniger bekamen die Sieger der irischen Meisterschaften, für die es auf den ersten drei Plätzen aber ebenfalls noch 3.500, 2.500 bzw. 1.500 Euro plus gestaffelte Zeitprämien gab. Hier gewannen Sergiu Ciobanu (2:17:40h) vor Sean Hehir (2:18:46h) und Mark Kirwan (2:22:17h) bei den Männern sowie Laura Graham (2:41:54) vor Caitriona Jennings (2:44:59) und Pauline Curley (2:48:38).

Begleitetes Rollstuhl-Laufen als irischer Beitrag zur Inklusion Ernstes Anliegen im spaßigen Outfit - die Frauen von 'Walk the Walk' engagieren sich im Kampf gegen Brustkrebs

Der aus Moldawien stammende, aber seit zehn Jahren in Irland lebende und mit einer Irin verheiratete Ciobanu haderte nach dem Rennen immer noch mit dem irischen Verband, der ihn trotz Erreichens der Qualifikationszeit nicht für die Olympischen Spiele in Rio nominiert hatte. Die 30-jährige Graham jedoch, die 2010 in Belfast ihren ersten Marathon bestritt, danach aber eine fast sechsjährige Babypause mit der Geburt ihrer vier Kinder einlegte, war nach ihrer um über sechs Minuten verbesserten Bestzeit fast schon außer sich vor Freude. Zumal sie als einzige Irin mit Rang zehn eine Top-Platzierung in dem ansonsten von den Ost-Afrikanerinnen dominierten Rennen erreichte.

Marathon-Massen bei KM 2

Vergleichsweise bescheidene Preisgelder (750/500/250) gab es auch für die Rollstuhlfahrer. Der Ire Patrick Monahan gewann den Titel zum dritten Mal in Folge mit neuem Strecken-Rekord von 1:39:18 h und einem gewaltigen Vorsprung vor dem Waliser Richie Powell in 2:06:54 h sowie dem Drittplatzierten John McCarthy (2:48:29h). Neben dem überschaubaren Feld der Rollstuhlfahrer nahmen etliche "begleitete" Rollstuhlfahrer am Marathon-Feld teil. Das "assisted chair running" als sportliche Inklusion unter dem Motto "running and rolling together" ist maßgeblich von den Iren David und Sandra Kerr entwickelt worden, die am Sonntag mit ihrem Sohn Aaron bereits den 25. Marathon auf diese Weise absolvierten und von Dublins Bürgermeister Brendan Carr mit der "Lord Mayor's Medal" geehrt wurden.

Die führenden Frauen an der Halbmarathon-Marke

Weitere Charity-Aspekte dominierten vor allem im hinteren Teil des Feldes, wo eine bunt gekleidete, sehr offenherzige Gruppe englischer Frauen sich walkend im Kampf gegen den Brustkrebs engagierte. Die fröhliche Gruppe von "Walk the Walk" nimmt an vielen Lauf- und Walking-Veranstaltungen, vor allem den sogenannten Moonwalks auf der britischen Insel teil. Der Dublin-Marathon war sogar offiziell ausgeschrieben sowohl für Läufer, Läuferinnen wie auch Walker und Walkerinnen. Die hohe Finisherzahl ist daher sicher auch ein Stück weit auf eine überdurchschnittliche große Beteiligung von Walkern und Walkerinnen zurück zu führen. Viele von ihnen benötigten sieben, acht Stunden für die Marathondistanz, am Ende des Feldes wurden sogar zweistellige Stundenzeiten verzeichnet. Als Letzter auf Rang 16.831 kam Jack McGowan nach 11:38:56 Stunden ins Ziel.

Pacemaker gab's für alle zehn Minuten zwischen 3.00h und 5.00h Applaus gab's von den zahlreichen Zuschauern

Flacher Kurs erlaubt schnelle Zeiten

Der Dublin Marathon ist aber durchaus auch für Bestzeiten-Jäger geeignet. Der Andrang am Start und das Gewusel auf den ersten Kilometern werden bereits durch vier Start-Wellen im Zehn-Minuten-Abstand entzerrt. Der Kurs selbst ist weitgehend flach, nur stellenweise leicht kupiert, weist kaum Höhenmeter auf. Zudem sorgt die erstaunliche Zahl von 39 Pacemakern für Zielzeiten zwischen drei und fünf Stunden jeweils im Zehn-Minuten-Rhythmus für gute Voraussetzungen zur Erreichung der angestrebten Zielzeiten. Auch die Verpflegung kann zu den positiven Aspekten gerechnet werden.

Sympathie für Irland zeigten diese beiden Franzosen Der Franzose Michel Blanc trug den Eiffelturm über die Marathon-Strecke

Zwar gibt es nur Wasser und ISO, später noch etwas Gel, das aber an zehn Wasserstationen im Abstand von drei, vier Kilometern. Nur die Anreichung der Getränke in kleinen Flaschen sorgt für reichlich Müll mit halbvollen oder halbleeren Plastikflaschen. Insgesamt versorgen über 1.250 freundliche Helfer an der Strecke die Läuferinnen und Läufer. Von zahlreichen Zuschauern werden zudem Bananen, Kekse und andere Süßigkeiten gereicht - was über die Grundversorgung hinausgeht, bleibt also der privaten Initiative überlassen. Die Tausende, vielleicht Zehntausende Zuschauer ersetzen mit ihrer recht stimmungsvollen Anfeuerung auch die Bands und Musikgruppen, die in Dublin allenfalls kaum an der Strecke zu finden sind. Als die Spitze des Feldes nach gut einer Stunde die Halbmarathon-Marke passiert, ist es noch merkwürdig ruhig. Außer den Helfern sind es nur wenige Zuschauer. Mit zunehmender Renndauer, je mehr sich das Renngeschehen wieder aus den Außenbezirken in Richtung Innenstadt verlagert, nehmen deren Anzahl sowie der Geräuschpegel jedoch mehr und mehr zu.

Berümteste Sehenswürdigkeit - St. Patrick's Cathedral Beliebtes Ausflugsziel - Powerscourt Garden südlich von Dublin

Reiseziel Dublin und Umgebung

Dublin oder irisch Baile Átha Cliath ("Stadt der Hürden-Furt") geht zurück auf eine 988 von König Mael Sechnaill II. gegründete Siedlung an der strategisch wichtigen östlichsten Furt durch den Fluss Liffey. Über viele Jahrhunderte galt Irland als sehr ärmlich. Erst mit dem Beitritt Irlands zur EU hat sich das Land wirtschaftlich entwickelt, ist Dublin zu einer mit gut 500.000 Einwohner aber eher kleineren europäischen Metropole geworden. Nicht unbedingt eine schöne Stadt, aber eine interessante Stadt voller Gegensätze zwischen alt und modern, verfallenen, leerstehenden Arbeiterquartieren einerseits sowie georgianischen Prachtbauten und hypermodernen Büropalästen aus Glas und Stahl andererseits. Vor allem aber ist es eine junge, lebendige Stadt, in der die fröhlichen Iren und die zahlreichen Touristen in den Pubs bei irischer Musik und einem schwarzen Guinness Bier miteinander feiern.

Beliebtes Künstler- und Vergnügungs-Viertel - Temple Bar inmitten der Dublin City Als Individual-Reisende oder mit Veranstaltern wie interAir waren auch einige Deutsche am Start

Zudem lohnt es, das Marathon-Wochenende in Dublin mit einem Ausflug in die nähere Umgebung zu verbinden. Die landschaftlich reizvollen Wicklow Mountains und Slieve Bloom Mountains, Schloss Powerscourt mit seinen Gärten, die Klosterstadt Glendalough oder die Whisky-Stadt Tullamore sind allemal eine Reise wert. Trotz des attraktiven Reiseziels Dublins und des zunehmend größer werdenden City-Marathons, ist es für deutsche und andere kontinentaleuropäische Laufreise-Veranstalter ein nicht ganz einfaches Pflaster. Bei interAir sind diesmal gerade fünf deutsche Läufer dabei, dazu kommen zehn Österreicher vom Kooperationspartner Runners Unlimited. Mit Begleitpersonen ist die Gruppe von Reiseleiter Andy Perer dann doch 33 Köpfe stark.

Die 3.20h-Läufer freuen sich über die erreichte Zielzeit Tanja freut sich beim Zieleinlauf Freundliche Helfer und jede Menge Wasser und ISO-Flaschen gab's auch
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Interesse an Irland und Dublin wächst in Europa

Immerhin hat sich die Zahl der europäischen Teilnehmer, wenn auch auf niedrigem Niveau, ebenfalls deutlich erhöht. Vor allem die Resonanz aus Frankreich hat durch den äußerst sympathischen Auftritt der irischen Fußball-Nationalmannschaft bei der EM in Frankreich spürbar zugelegt, so jedenfalls die Einschätzung der Dubliner Marathon-Veranstalter. Vor allem aber dürfte die erstmalige Verlegung des Lauftermins vom irischen Bank Holiday (Feiertag) am Montag auf den Sonntag eine deutliche Erleichterung der Teilnahme für ausländische Gäste gewesen sein. Wird das Potenzial europäischer Teilnehmer also künftig noch stärker ausgeschöpft, könnte die Kurve der Finisherzahlen auch 2017 weiter nach oben gehen.

Bericht und Fotos von Axel Künkeler

Informationen und Ergebnisse sseairtricitydublinmarathon.ie

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