5. Dingle Marathon - Irland (7.9.13)

"Nächster Halt, Amerika"

von Ralf Klink

"Next stop, America", mit diesen drei einfachen Worten beschreiben Iren gerne die Lage der Dingle-Peninsula im Südwesten ihrer "Grünen Insel". Was sie damit meinen, lässt sich zumindest erahnen. Wer von dort in westliche Richtung aufbricht, bekäme nämlich erst nach mehr als dreitausend Kilometern auf dem Atlantik in Labrador wieder festen - und zwar kanadischen - Boden unter die Füße.

Selbst wenn man beim Blick auf eine Karte schon recht genau hinsehen muss, um es bestätigt zu bekommen, weil noch einige andere Halbinseln kaum weniger stark ins Meer hinaus ragen, existiert nämlich auf Irland keine Stelle, die noch weiter im Westen liegt. Die Betonung liegt dabei beim Wörtchen "auf", denn gemeint ist damit nur die Hauptinsel. Wählt man das dagegen die Formulierung "in Irland", ginge es durch einige vorgelagerte Eilande noch etwas westlicher.

Wenn manchmal die Bezeichnung "westernmost point of Europe" verwendet wird, um eines der nicht nur, aber insbesondere im englischsprachigen Raum so beliebten Superlative zu generieren, unterschlägt man dabei jedoch, dass es in Norden auch noch Island gibt, das im Allgemeinen geographisch ebenfalls zu Europa gerechnet wird. Und die ziemlich verloren im Ozean schwimmenden portugiesischen Azoren befinden sogar noch weiter in Richtung auf die untergehende Sonne.

Eines ist allerdings ziemlich unstrittig. Man findet in ganz Irland keine westlichere Straße als jene R559, die in dem Städtchen Dingle, das der Halbinsel ihren Namen gegeben hat, beginnt und nach einer Umrundung der Westspitze auch wieder endet. Diese auch als "Slea Head Drive" bekannte Strecke bietet aber weit mehr als nur irgendeinen Punkt an der Küste, dem man ohne Kompass und Karte oder einer eigens aufgestellten Markierungstafel gar nicht ansehen könnte, dass er etwas Besonderes darstellt.

Sie ist vielmehr fast in ihrem kompletten Verlauf landschaftlich enorm abwechslungsreich und in vielen Abschnitten sogar extrem spektakulär. Und da sich auf dieser Panoramastraße eine etwas mehr als vierzig Kilometern lange Schleife von Dingle nach Dingle zurücklegen lässt, muss vor einigen Jahren in der zu einem nicht unerheblichen Teile vom Tourismus lebenden Gegend die Idee gereift sein, dass man auf ihr doch durchaus auch einen Marathon veranstalten könnte.

Hohe Berge und etliche verschiedene Buchten bringen auf der Dingle-Halbinsel immer wieder neue Varianten der Küstenlandschaft hervor
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
Berglauf & Trail-Run im LaufReport HIER

Seit 2009 wird in Irland jedenfalls über die westlichste Straße des Landes gelaufen. Und bereits seit dem ersten Rennen bewegen sich die Gesamtteilnehmerzahlen dabei im Bereich von ungefähr zweitausend. "Gesamt" deswegen, weil es neben den klassischen zweiundvierzig Kilometern - wie abgesehen von wenigen ganz großen Veranstaltungen auch international längst völlig üblich - zudem noch einen Halbmarathon gibt.

Diese kürzere Strecke ist - ebenfalls wenig überraschend - dann quantitativ auch drei- bis viermal so stark besetzt wie der namensgebende Hauptlauf, der in seiner kurzen Geschichte meist nur zwischen drei- und vierhundert Läufer zählte. Dass man im Vorjahr knapp an der Fünfhunderter-Marke vorbei schrammte, war wohl doch eher ein Ausreißer. Denn mit nur dreihundertvierzig Einträgen fällt die Liste beim kleinen Jubiläum schon wieder deutlich kürzer aus.

Zweitausend Läufer sind allerdings für Dingle dennoch eine enorme Zahl. Schließlich zählt das Städtchen selbst nur etwa genauso viele Einwohner. Und die gesamte, immerhin ungefähr fünfzig Kilometer lange und zehn bis fünfzehn Kilometer breite Halbinsel ist mit gerade einmal etwa zehntausend Menschen bevölkert. Auch in einem noch größeren Umkreis dahinter drängeln die Iren nicht gerade. Die Besiedlungsdichte ist vielmehr selbst für - das im europäischen Maßstab diesbezüglich eher auf hinteren Rängen rangierende - Irland noch weit unterdurchschnittlich

Und so stammt die Mehrheit der Teilnehmer dann auch keineswegs aus der Region, sondern sind aus größerer Entfernung angereist und muss untergebracht werden. Inklusive des mitgebrachten Angehörigen kommen über das Marathonwochenende so sicher einige tausend Übernachtungen zusammen. Da Anfang September zudem die Saison noch lange nicht vorbei ist und auch eine ganze Reihe "normale" Besucher auf der Dingle-Peninsula unterwegs sind, lässt sich kaum noch ein freies Bett finden.

Trotz einer durchaus vorhandenen und erkennbaren Ausrichtung auf den Tourismus ist die Halbinsel keineswegs mit großen Beherbergungsbetrieben übersät, von einem Massenansturm weit entfernt und wird wie das ganze Land außer von Individualreisenden maximal noch von organisierten Bustouren angesteuert. Die Zahl der Hotels in Dingle und Umgebung kann man fast schon an einer Hand abzählen. Und die meisten von ihnen sind zudem von einer durchaus überschaubaren Größe.

Mit seinen kleinen, denkbaren Bonbonfarben gestrichenen Häusern präsentiert sich der alte Stadtkern von Dingle "typisch irisch"

Ein beträchtlicher Teil des Kuchens geht deswegen auch an die zahlreichen, meist nur wenige Fremdenzimmer besitzenden Bed-and-Breakfast-Unterkünfte, die man im Städtchen sowie den - in der Regel nicht über ein- bis zweihundert Einwohner hinaus kommenden - Dörfern rundherum entdecken kann. Und praktisch an keiner dieser Frühstückspensionen lässt sich das sonst übliche Schild mit der Aufschrift "vacancies" - sinngemäß etwa "Zimmer frei" - entdecken.

Der Westen der Dingle-Halbinsel ist an diesem Wochenende weitgehend ausgebucht. Ganz egal, ob dieser Effekt wirklich beabsichtigt und eine der Antriebsfedern war, die Veranstaltung überhaupt ins Leben zu rufen oder sich nur als Nebenprodukt ergeben hat, auch in dieser Hinsicht muss man den Dingle Marathon trotz seines leichten Teilnehmerrückganges in diesem Jahr wohl weiterhin als vollen Erfolg bezeichnen.

Das gilt insbesondere deswegen, weil sich das Interesse längst nicht nur auf Irland beschränkt sondern der Lauf auch international ziemlichen Zuspruch findet, der weit über den bei Veranstaltungen dieser Größenordnung sonst üblichen Rahmen hinausgeht. Mehr als fünfundzwanzig "different countries" habe man am Start verkünden die Organisatoren in dem Informationsblatt, dass man den Startunterlagen beigelegt hat.

Bei genauerem Hinsehen lügt man sich dabei allerdings - zumindest aus mitteleuropäischem Blickwinkel - ein bisschen in die eigene Tasche. Denn in der Auflistung der Länder tauchen nicht nur England, Schottland, Wales und Nordirland jeweils einzeln auf sondern zudem auch noch die Kanalinseln und die Isle of Man, die hierzulande - selbst wenn sie formal sogar tatsächlich kein Bestandteil des Vereinigten Königreiches sind - wohl niemand als "Land" zählen würde. Doch natürlich können sich auch zwanzig vertretene Nationen immer noch sehen lassen.

Das gilt umso mehr, als die Anreise ins kleine Dingle keineswegs so einfach ist wie in eine große Metropole. Nicht nur weil es sich in der Nähe des westlichsten Punktes der Insel befindet, ist das Städtchen schließlich ziemlich abgelegen. Im äußersten Südwesten Irlands ragen nämlich fünf Halbinseln weit ins Meer hinaus, zu denen als nördlichste aus diesem Quintett auch Dingle-Peninsula gehört.

Die Hauptstadt Dublin, in deren direktem Umfeld immerhin fast die Hälfte aller Iren lebt, findet sich dagegen in der Mitte der Ostküste. Viel weiter vom bevölkerungsmäßigen, verkehrstechnischen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes als diese exponierten Zipfel kann man in der "Republic of Ireland", die auf der Insel selbst gerne auch einmal mit "ROI" abgekürzt wird, also eigentlich kaum noch entfernt sein.

Kneipen und Kirchen gehören gerade auf dem Land noch immer beide zum irischen Lebensstil

Oft werden die fünf Halbinseln als "Finger" bezeichnet. Schon alleine die Zahl legt das durchaus nahe. Betrachtetet man sich aber ihre Formen und Größen, scheint bei der Anordnung dieser Hand dann doch das eine oder andere durcheinander gekommen zu sein. Die Dingle-Peninsula ließe sich als "Daumen" - wenn auch mit seltsamen Auswüchsen - sogar beinahe noch akzeptieren, da sie stärker nach Westen und damit in eine etwas andere Richtung zeigt als die anderen vier, die eher südwestlich ausgerichtet sind.

Die auf der Karte eher plump wirkende Iveragh-Halbinsel, die mit rund dreißig Kilometern mehr als doppelt so breit ausfällt wie ihre feingliedrigeren Nachbarn, ist als "Zeigefinger" dann aber bereits eine glatte Fehlbesetzung. Dennoch ist sie die eindeutig die bekannteste und meistbesuchte Pensinsula. Ihren wirklichen Namen kennen zwar die wenigsten. Selbst viele, die schon einmal dort waren, können mit ihm nichts anfangen.

Doch der "Ring of Kerry", die rund zweihundert Kilometern um sie herum führende Straße, ist ein weithin bekannter Begriff. In den meisten Reiseführern wird er hochgelobt. Und schon deswegen gehört er eigentlich zum Pflichtprogramm einer jeden größeren Irlandreise. Entsprechend belebt ist die berühmte Panoramastraße dann auch. Und dass sie verglichen mit den kaum weniger aussichtsreichen Strecken rund um die anderen "Finger" noch einigermaßen gut mit großen Tour-Bussen zu befahren ist, verstärkt diesen Effekt zusätzlich.

Weit ruhiger geht es dann schon wieder auf dem "Ring of Beara" auf der gleichnamigen Halbinsel zu. Ähnlich wie die Dingle-Peninsula weiter nördlich steht sie ein wenig im Schatten des "großen Bruders". Es muss jedoch nicht unbedingt immer ein echter Nachteil sein, wenn man noch Aussichtspunkte findet, auf deren Parkplatz nicht ständig neue Busladungen von Touristen aus organisierter Rundfahrten ausgespukt werden. Für die Rolle des "Mittelfingers" ist die lange und relativ schmale Beara-Halbinsel übrigens ihrerseits wieder ganz gut geeignet.

Noch weniger besucht sind dann allerdings die übrigen beiden Finger, die meist unter dem Namen dar Kaps an ihren beiden Spitzen "Sheep's Head" und "Mizen Head" bekannt sind. Da beide eher klein und unscheinbar ausfallen, werden sie - obwohl der sie trennende Meeresarm fast genauso tief ins Land hinein reicht wie alle anderen - manchmal sogar gemeinsam betrachtet und als eine einzige Halbinsel aufgefasst.

Mit steilen Feldwänden, rauschenden Wasserfällen und karger Vegetation hat der gerade einmal vierhundert Meter hohe Conor Pass fast schon alpinen Charakter

Das Bild der ausgestreckten Hand hätte sich mit einer solche Zählung allerdings dann endgültig erledigt. Sheep's Head im Norden ist jedoch ohnehin deutlich kürzer und schmaler als die ganz im Süden die Gruppe abschließende Mizen-Peninsula, so dass diese Hand nicht nur einen irgendwann einmal unter eine Dampfwalze geraten Zeigefinger hätte sondern auch der Ringfinger und der kleine Finger vertauscht wären.

Während man im Ausland von beiden wohl nur in den seltensten Fällen gehört haben dürfte, hat zumindest Mizen Head in Irland einen gewissen Ruf als Südspitze der Insel. Genaue Vermessungen haben zwar inzwischen gezeigt, dass der ebenfalls auf der Halbinsel und einige Kilometer östlich gelegene "Brow Head" dem Äquator noch ein paar Schritte näher kommt. Doch traditionell wird die Nord-Süd-Ausdehnung Irlands auch weiterhin mit "from Malin Head to Mizen Head" bezeichnet.

Besonders spektakulär werden die Halbinseln dadurch, dass sie keinesfalls flach daher kommen sondern ziemlich gebirgig sind. Die beiden südlichen erreichen dabei Höhen von drei- bis vierhundert Metern, was bei nur wenigen Kilometern Breite durchaus schon beachtliche Steigungen ergibt. Noch weitaus größere Werte gibt es allerdings auf der Beara-Peninsula, wo die "Caha Mountains" bis knapp unter siebenhundert Meter heranreichen.

Die höchsten Berge in ganz Irland findet man dann sogar auf der Iveragh-Halbinsel, wo drei Gipfel der "Macgillycuddy's Reeks" die Tausend-Meter-Marke übertreffen. Den Platz des Spitzenreiters belegt dabei "Carrantuohill" - was keineswegs etwas mit "Hügel" zu tun hat sondern die englische Verballhornung der irisch-gälischen Bezeichnung "Corrán Tuathail" darstellt. Unterschiedliche Quellen geben seine Höhe mit allen denkbaren Werten zwischen 1038 und 1041 Metern an.

In beide Richtungen sind die Aussichten von der Conor Passhöhe wirklich spektakulär

Mit seinen 952 Metern auch nur wenig niedriger ist aber der "Mount Brandon" auf der Dingle-Peninsula. Insgesamt auf Platz neun der irischen Rangliste zu finden, liegt er als Erster nicht in der oben genannten Berggruppe der Nachbarhalbinsel. Einige weitere Gipfel in seiner Umgebung erreichen ebenfalls noch Höhen von mehr als sieben- oder achthundert Metern

Nicht nur weil sie wesentlich weniger Platz haben, sich entsprechend weit nach oben hinauf zu schwingen, fallen diese irischen Berge deutlich rauer und schroffer aus als ihre vergleichbar hohen Gegenstücke in deutschen Mittelgebirgen. Durch den praktisch vollkommen fehlende Wald und die spärliche Vegetation haben sie vielmehr schon in relativ niedrigen Lagen ein fast hochgebirgsartiges Aussehen, das vielleicht noch am besten mit dem nordischen Fjell zu vergleichen ist.

Eine wirkliche Einheit bilden die fünf Halbinseln allerdings nicht, weder administrativ noch im Hinblick noch auf die Einstellung ihrer Bewohner. Ein Gemeinschaftsgefühl hat sich schon deshalb nicht herausbilden können, weil sie traditionell zu zwei verschiedenen Counties gehören, die hierzulande auch weiterhin gerne unter Verwendung der wörtlichen Übersetzung als "Grafschaft" bezeichnet werden, obwohl es seit der Bildung der Republic of Ireland gar keine "counts" mehr gibt.

In zweiunddreißig dieser Verwaltungseinheiten war die Insel gegliedert, als sie in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts in die irische Republik und das im Vereinigten Königreich verbleibende Nordirland aufgeteilt wurde. Und während man die sechs Counties im Nordosten längst aufgelöst und wesentlich kleinere Bezirke mit ganz anderem Zuschnitt eingeführt hat, ist die alte Struktur im Süden der Insel nach wie vor von erheblicher Bedeutung.

Abgesehen davon, dass aus der dicht bevölkerten Grafschaft Dublin drei kleinere Einheiten wurden, um die Einwohnerzahlen der Counties ein wenig gleichmäßiger zu gestalten, und der Einführung von "City Councils" in den größeren Städten, die diesen einen Status gab, der mit der hiesigen Kreisfreiheit zu vergleichen ist, hat sich ansonsten im Zuschnitt praktisch nichts verändert. Da die Iren sich jeweils stark mit ihrem eigenen County identifizieren, würde eine Reform wohl auch auf erheblichen Widerstand stoßen.

Die kleinen südlichen Finger der irischen Hand gehören jedenfalls zur Grafschaft Cork, die zwei im Norden zum County Kerry. Und die Beara-Peninsula ist sogar zwischen beiden geteilt. Während Cork dabei wie ungefähr zwei Drittel der Counties nach der Stadt benannt ist, in der sich der Verwaltungssitz befindet oder zumindest früher einmal befand, bezeichnet man mit "Kerry" schon immer eine Region.

Sowohl prähistorische Bauten wie die aus Feldsteinen errichteten "beehive cabins" als auch faszinierende Steilküsten lassen sich entlang des Slea Head Drive zuhauf entdecken

Diese zeichnet unter anderen dadurch aus, dass sie als mittelalterliches "Königreich Kerry" eine relativ eigenständige Geschichte hat. Wenn man in Irland von einem "Kingdom" spricht, ist deswegen keineswegs immer das benachbarte Herrschaftsgebiet der zweiten Elizabeth gemeint. Gerade in Kerry selbst, das hierzulande hauptsächlich durch Butter ein Begriff ist, verwendet man diesen Spitznamen ziemlich gerne. Zumindest Freunde der Grünen Insel kennen aber natürlich auch die spektakulären Landschaften des "Kingdom of Kerry".

Aber keineswegs nur im äußersten Südwesten präsentiert sich Irland jedoch in solch herber Schönheit, die nur wenig mit den sanften grünen Hügeln zu tun hat, die viele wohl im ersten Moment mit diesem Land verbinden. Fast der gesamte Westen wird vielmehr von Gebirgen und Steilküsten dominiert, die in Verbindung mit den eher kargen Böden dafür sorgen, dass sich dort die mit Abstand am dünnsten besiedelten Regionen der Insel finden lassen.

In einem Staat, der ziemlich genau die Größe von Bayern besitzt, aber mit viereinhalb Millionen Menschen nur etwas mehr als ein Drittel von dessen Einwohnern hat, kommt man in solchen Gegenden hinsichtlich der Bevölkerungsdichte dann manchmal sogar recht nahe an die bekannt niedrigen skandinavischen Werte heran. Doch ohnehin wird der vom stark besiedelten Großraum Dublin ziemlich verfälschte Landesdurchschnitt eigentlich nur rund um die Hauptstadt übertroffen. Sonst liegen die Werte meist klar unter dem Mittelwert.

Dass Cork mit seinen nicht einmal zweihunderttausend Bewohnern bereits - und zwar mit großem Abstand - die zweitgrößte Stadt des Landes ist, unterstreicht diese ziemlich ungleiche Verteilung. Limerick und Galway als nächste in der Liste kommen nicht einmal auf die Hälfte. Während man von Dublin nach Dingle weit über dreihundert Kilometer zurück zu legen hat, sind es von den zumindest etwas näher gelegenen Städten Cork und Limerick immerhin noch jeweils hundertfünfzig.

Und selbst von Tralee, der trotz gerade einmal zwanzigtausend Einwohnern eindeutig größten Stadt der Region muss man immerhin noch rund fünfzig Kilometer im Auto verbringen, um in den Start- und Zielort des Laufes zu kommen, was angesichts kurviger und nicht immer wirklich gut ausgebauter Straßen mit einer Reihe von Ortsdurchfahrten mindestens eine Stunde in Anspruch nimmt.

In den meisten Gebäuden im Stadtkern finden sich Läden und Geschäfte, denn Dingle ist nicht nur der Dreh- und Angelpunkt für den Tourismus in der Region, es versorgt auch die kleineren Siedlungen rundherum weitgehend mit

Wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen möchte, muss man sogar noch wesentlich mehr Zeit einkalkulieren. Auf der früher einmal existierenden Bahnlinie hat man schon vor über einem halben Jahrhundert den Betrieb eingestellt. Und von Tralee, wo die Züge jetzt enden und es auch einen größeren Busbahnhof gibt, das aber seinerseits - gerade für einen an dichte Taktzeiten gewöhnten Mitteleuropäer - alles andere als optimal angebunden ist, gibt es pro Tag maximal fünf Busverbindungen in das kleine Städtchen.

Wer also zum Dingle Marathon will, muss im Vorfeld ein wenig mehr Zeit für die Planung investieren. Und so ist die Zahl der internationalen Teilnehmer umso beachtlicher. Selbst wenn der Wohnort der Teilnehmer aus den Start und Ergebnislisten gar nicht ersichtlich ist, lässt sie sich alleine dadurch abschätzen, dass man einen Blick auf die Zahl der Umschläge wirft, die in der "Pobal Scoil" von Dingle ausgegeben werden.

Denn an alle Adressen in der Republik Irland hat man die Startunterlagen bereits im Vorfeld mit der Post verschickt. Ohne Postleitzahl wohlgemerkt, denn die Iren sind wirklich die einzige Nation in ganz Europa, die eine dem Ortsnamen zur leichteren Identifikation beigefügte Zahlenfolge - die manchmal, wie zum Beispiel bei den britischen Nachbarn auch mit Buchstaben durchsetzt sein kann - überhaupt nicht kennen.

Auch die Farbe der Briefkästen und der Postautos ist eine ziemliche Besonderheit, wenn auch zur "Grünen Insel" durchaus passend. Ansonsten sind in dieser Hinsicht weltweit nämlich meist Gelb, Rot oder Blau üblich, in Irland sind sie dagegen tatsächlich grün gestrichen sind. Und natürlich dominiert dieser Farbton auch im Schriftzug von "An Post", was im zur keltischen Sprachfamilie gehörenden Irisch schlicht "die Post" bedeutet.

Obwohl in Irland längst fast die gesamte Bevölkerung mit Englisch als Muttersprache aufwächst und gerade einmal ein bis zwei Prozent der Iren ihre althergebrachte, in den letzten beiden Jahrhunderten aber weitgehend verdrängte Sprache überhaupt noch im täglichen Umgang benutzen, wird insbesondere im öffentlichen Bereich gerne auf irische Begriffe bei der Benennung zurück gegriffen.

So ist "Pobal Scoil" dann auch nichts anderes als die Schule des Städtchens. Und obwohl ansonsten die Bedeutung der meisten Worte auf "Gaeilge" - wie die Eigenbezeichnung lautet - im Gegensatz zu germanischen oder auch romanischen Sprachen mangels Ähnlichkeit nur schwer zu erahnen ist, lässt sich in diesem Fall sogar eine gewisse Verwandtschaft zur englischen "public school" erkennen.

An das Wettkampfzentrum einer Großveranstaltung erinnert im Eingangsbereich des relativ modernen Schulgebäudes am Tag vor dem Lauf eher wenig. Ein einziger Tisch reicht für die Kisten, in denen die Umschläge einsortiert sind, völlig aus. Und mehr als zwei Helfer sind an diesem Freitag auch nicht nötig, um sie auszugeben und zudem auch noch ein paar T-Shirts, Pullover und Kappen mit dem Logo des Marathons zu verkaufen.

Der rund zwei Quadratkilometer große Dingle Harbour ist mit seinem nur wenige hundert Meter breiten Einlass ein fast perfekter Naturhafen

Bevor man sich in Unkosten stürzt, sollte man jedoch bedenken, dass im je nach Meldezeitpunkt sechzig bis siebzig Euro betragenden Startgeld - für den Halbmarathon sind in jeder Preisstufe immer zwölf Euro weniger fällig - neben eine Medaille auch nach dem Zieleinlauf ausgegebenes Langarmfunktionshemd enthalten ist. Und so bestimmt dessen Hellblau nach dem Rennen dann auch eindeutig das Stadtbild.

Eine "pasta party" gehört auch zum Leistungspaket. Doch sollte man sich, um nicht hinterher furchtbar enttäuscht zu sein, nicht allzu viel von dieser Bezeichnung versprechen. Denn eigentlich kann sich neben der Startnummernausgabe nur jeder einen fertig abgepackten Nudelsalat, eine Flasche Wasser sowie ein Päckchen Kekse greifen und diese dann an ein paar im nüchternen Schulfoyer aufgestellten Tischen schnell zu sich nehmen.

Überprüft, ob man auch wirklich am Lauf teilnimmt, wird dabei übrigens nicht. Es sind nicht einmal Helfer hinter der Theke postiert, um die Portionen auszugeben. Dennoch füllt sich niemand einfach die Taschen. Da kann man hierzulande durchaus auch einmal anderes erleben. Doch - obwohl dies die Iren, die auf keinen Fall mit den früheren Herren ihrer Insel in eine Topf geworfen werden wollen, wohl gar nicht gerne hören - hat das vielleicht mit jener britischen Selbstdisziplin zu tun, die sich zum Beispiel in den legendären geordneten Wartschlangen zeigt.

Denn auch wenn sie ihre Startnummern schon nach Hause geschickt bekommen haben, können natürlich die irischen Läufer ebenfalls vorbei schauen. Da zudem die Briten als direkte Nachbarn wenig überraschend das größte Kontingent stellen, dominiert so selbstverständlich Englisch in der Schullobby. Doch wer länger bleibt und ein bisschen aufpasst, kann durchaus auch italienische, spanische oder skandinavische Wortfetzen hören

Ein Unterhaltungsprogramm bekommen die Besucher während des Essens übrigens genauso wenig geboten wie irgendwelche Ansagen, Ratschläge oder Interviews übers Mikrofon, die - so schön und interessant sie für einen Eisteiger auch sein mögen - routiniertere Läufer allerdings in ihrer Penetranz durchaus auch ziemlich nerven können. Selbst Musik aus der Konserve wird keine gespielt. Von einer "Party" ist also nicht viel zu spüren. Die wenigsten bleiben dann auch lange sitzen.

Abgesehen von einigen wenigen Schauern, mit denen man in Irland eigentlich immer rechnen muss, zeigt sich das Wetter am Tag vor dem Rennen von seiner besseren Seite. Am nächsten Morgen jedoch, als sich die ersten Läufer aus ihren Betten heraus schwingen, sieht die Welt auf einmal weitaus trüber aus. Heftiger Regen prasselt aus dichten dunkeln Wolken herab an die Fensterscheiben. Und auch der Wind lässt ab und zu von sich hören.

Direkt neben den Hafenkais befinden sich Start und Ziel des Marathons von Dingle

"Das wird schon" gibt sich Padraig Brady beim Frühstück, das wegen des für neun Uhr angesetzten Marathonstarts im Hotel eigens eine Stunde früher beginnt, optimistisch. Von Dauerregen wäre im Wetterbericht keine Rede gewesen. Nur ein paar Schauer genau wie am Vortag hätten die Meteorologen angekündigt. Der Südwesten Irlands solle sogar noch die Region mit den besten Witterungsbedingungen auf der ganzen Insel sein. "Überall sonst ist es noch nasser" lautet die irgendwie nicht wirklich ermutigende Aussage.

Brady, dessen Vorname die irische Variante des hierzulande unter "Patrick" bekannten Nationalheiligen ist, kann es wohl durchaus beurteilen, schließlich stammt er aus dem - übrigens auch nicht nach einer Stadt benannten - County Mayo, das sich gut zweihundert Kilometer im Norden fast genauso weit in den Atlantik hinaus wagt wie die Dingle oder die Iveragh-Halbinsel und zudem mit achthundert Meter hohen Bergen auch von der Topographie her ähnliches zu bieten hat.

Schon relativ lange ist der Mittsechziger im Geschäft. Alleine den Dublin Marathon - der mit Abstand ältesten Marathon des Landes und viele Jahre praktisch die einzige Startmöglichkeit über diese Distanz in der gesamte Republik - hat er schon mehr als zwanzig Mal bestritten. Und natürlich wird er dort am letzten Montag im Oktober, der in Irland nicht nur Feiertag ist sondern an dem auch traditionell das Rennen in der Hauptstadt stadtfindet, wieder dabei sein.

Auch in Dingle ist er nicht zum ersten Mal am Start. Auf den eigentlich viel näher an seiner Heimatgrafschaft gelegenen Connemara Marathon im Frühjahr hat er in diesem Jahr allerdings wegen einer Verletzung verzichten müssen. Und der daraus resultierende Trainingsrückstand macht ihm schon ein wenig Sorgen. Nur solide und in ungefähr fünf Stunden durchkommen möchte er - ein Ziel, das er mit 4:50:51 mehr als voll und ganz erreichen wird.

Padraig Brady soll mit seiner Vorhersage recht behalten. Als sich die Parkplätze rund um den Hafen von Dingle, an dem sich Start und Ziel befinden, zu füllen beginnen, kommt tatsächlich erst einmal keine weitere Feuchtigkeit von oben dazu. Immer mehr blaue Stellen lassen sich am Himmel entdecken. Und mit Temperaturen von etwa zehn Grad, die im Tagesverlauf sogar noch um ein wenig zulegen werden, herrschen eigentlich ideale Laufbedingungen.

Bei fast zweitausend Läufern, die sich nach und nach am Hafen einfinden, nimmt die Startaufstellung einigen Platz in Anspruch

Der Hafen mit seinen gemauerten Kais liegt am nördlichen Ende einer etwa zwei Quadratkilometer großen Bucht, zu der es durch eine im Süden quer zu ihr liegende Halbinsel nur eine wenige hundert Meter breite Zufahrt gibt. Da diese im Carhoo Hill fast zweihundert Meter erreicht und auch in alle anderen Himmelrichtungen im Umkreis von wenigen Kilometern mindestens genauso hohe Berge aufragen, die den Dingle Harbour vor Winden schützen, hatte das Städtchen bereits im Mittelalter eine gewisse Bedeutung.

Unter Elizabeth I. und ihren Nachfolger James I. erhielt Dingle den Status einer "walled town", also das Recht eine Stadtmauer zu errichten. Und tatsächlich wurde diese dann auch errichtet. Viel sehen kann man von ihr heute aber nicht mehr. Obwohl der in der Republik Irland übliche Grenzwert von siebeneinhalbtausend Bewohnern für den Status "town" weit unterschritten ist, wird Dingle aus historischen Gründen meist auch weiterhin mit dieser Bezeichnung versehen.

Direkt hinter dem Hafen ziehen sich die schmalen Sträßchen des Stadtkerns einen an manchen Stellen recht steilen Hang hinauf. Da sie nicht nur ziemlich unregelmäßig angeordnet sind, sondern größtenteils auch nur in eine Richtung befahren werden dürfen, dreht man mit dem Auto manchmal schon die eine oder andere unbeabsichtigte Zusatzschleife, bevor man dann wirklich dort ist, wo man gerne hin möchte.

Dicht kleben in diese Gassen mit allen nur denkbaren Bonbonfarben gestrichene und meist maximal zwei- bis dreistöckige Häuser aneinander. In den etlichen von ihnen finden sich Läden und Geschäfte. Auf den ersten Blick sind weit mehr, als die Größe von Dingle eigentlich herzugeben scheint. Doch ist das Städtchen ja nicht nur der Dreh- und Angelpunkt für den Tourismus in der Region, es muss auch die noch wesentlichen kleineren Siedlungen rundherum weitgehend mit versorgen.

Etliche blumengeschmückte Pubs haben sich ebenfalls eingereiht. "Typisch irisch" präsentiert sich Dingle also in seinem alten Zentrum, Dieses ist allerdings keineswegs groß. Nur wenige hundert Meter dehnt es sich in jede Richtung aus, bevor sich die Ortschaft mit einigen Neubaugebieten endgültig in die hüglige Landschaft hinaus verliert. So nett und idyllisch das Städtchen aus sein mag, man hat es in relativ kurzer Zeit vollständig abgelaufen.

Seit knapp zwanzig Jahren gibt es als zusätzliche Attraktion noch ein Aquarium, das sich am Hafen direkt gegenüber des Start- und Zielbereiches finden lässt. Eine Stunde vor dem Beginn der Rennen - der volle und der halbe Marathon werden gemeinsam gestartet - ertönen dort noch irisch-keltische Klänge aus den aufgebauten Boxen. Später werden diese dann aber - man ist geneigt zu sagen "leider" - durch austauschbare Rockmusik ersetzt.

Auf den ersten Meter passiert man eine zuerst farbenfroh gestaltete Häuserreihe … … und stößt anschließend wieder in die Bucht des Dingle Harbour vor

Nur über eine der beiden Fahrspuren der Uferstraße erstreckt sich das Startgerüst. Und auch die von Absperrgittern begrenzte Aufstellungszone ist nur einseitig ausgelegt, so dass sich das dort nach und nach versammelnde, fast zweitausendköpfige Feld ziemlich in die Länge zieht. Auch wenn - abgesehen von einer Tafel im vorderen Bereich, die darum bittet, dass dort nur die wirklich schnelleren Läufer stehen sollten - keine Einteilung in Startblöcke gibt, bieten die bunten Luftballons der Schrittmacher beim Finden der Position eine gewisse Orientierung.

Neben dem Start hat man eine große Videowand aufgebaut. Wirklich neu ist die Idee zwar nicht, viele andere Veranstalter machen dies auch. Doch auf ihr die letzten sechzig Sekunden mit großen Zahlen herunter zu zählen, ist eine weit weniger verbreitete, allerdings fast schon genial zu nennende Idee. In Dingle ist zwar auch die Beschallung ausgesprochen gut. Doch anderswo sind die Ansagen längst nicht immer so deutlich zu verstehen. Mit einem Countdown auf Anzeigentafel ließe sich auch in solchen Fällen die Zeit bis zum Start eindeutig bekannt machen.

Als die Zahlen dann herunter gelaufen sind, dauert es angesichts der lang gestreckten Formation, in der sich das Feld durch die Absperrungen hinein gezwängt ist, zwar einige Minuten, bis auch die Letzten die Linie überquert haben. Doch dafür lässt es sich danach, als nach dem Durchqueren des Startgerüstes die ganze Breite der Straße zur Verfügung steht, auch ziemlich schnell einigermaßen frei laufen.

Fast augenblicklich zwängt sich eine direkt an der Straße stehende Häuserreihe zwischen die Marathonis und das Wasser. Sie löst dabei den Parkplatz ab, der nicht nur etliche, wenn auch längst nicht alle Fahrzeuge der Läufer aufgenommen hat sondern auch die gesamte Logistik des Marathons wie zum Beispiel die Lastwagen für die Taschenaufbewahrung - für den Halbmarathon wird die Wechselbekleidung zum Ziel transportiert - oder die nach dem Zieleinlauf benötigten Versorgungszelte beherbergt.

Von ihrem Baustil her sind diese etwa zwanzig Gebäude, in denen sich den außen angebrachten Schildern zufolge auch gleich mehrere Bed-and-Breakfast-Unterkünfte befinden, eigentlich alle gleich. Doch wegen der völlig unterschiedlichen Gestaltung durch Verkleidung mit Natursteinen, farbige Anstriche - nicht nur der Putz sondern auch Türen und Fenster zeigen manchmal fast schon knallige Farben - und Blumenschmuck hat eigentlich jedes eine ziemlich individuelle Note.

Gleich hinter dem Städtchen steigt die Strecke erst einmal spürbar an … … um anschließend erneut ans Wasser der Bucht hinunter zu fallen

Weit weniger farbenfroh und zum Teil von Gewerbebauten durchsetzt ist die gegenüberliegende Straßenseite. Dafür stehen dort die Gebäude auch deutlich weiter von der Straße weg in grünen Gärten. Als die Häuserreihe auf der Wasserseite endet und damit den Blick auf das hintere Ende der Bucht freigibt, bestimmen auf einmal aber villenhafte Anwesen den Hang. Die meisten von ihnen sind jedoch ebenfalls, in diesem Fall allerdings etwas größere "guesthouses".

Nach etwa einem Kilometer endet die Uferstraße, die inzwischen einen deutlichen Bogen geschlagen hat, an einem Kreisel. Dort zeigt ein brauner Richtungspfeil - auch in Irland wird diese zum Ausschildern von Sehenswürdigkeiten international weit verbreitete Farbe im Straßenverkehr verwendet - an, dass der Weg zum "Slea Head Drive" über eine mit ihren niedrigen, kleinen Feldsteinbögen schon etwas älter aussehende Brücke nach links führt.

Hinter dieser "Milltown Bridge" über das als "Milltown River" bekannte Flüsschen beginnt die bis dahin völlig ebene Strecke erstmals leicht zu steigen. Etwa zwanzig Meter hoch ist die Kuppe, von der man noch einmal zurück auf das Zentrum des Städtchens mit dem Hafen blicken kann. Doch ist dies natürlich erst der Auftakt. Im Verlauf des Rennens werden noch weitaus mehr Höhenmeter - nämlich insgesamt ungefähr fünfhundert - zusammen kommen. Die bekannte Regel, dass ein besonders schöner Kurs eben meist etwa schwerer ausfällt, gilt auch in Dingle.

Zwar hat man das eigentliche, dichtbebaute Stadtgebiet dabei schon hinter sich gelassen. Doch wirklich freies Feld passiert man dennoch nicht. Vielmehr stehen immer wieder einzelne Häuser am Streckenrand. Manchmal finden sie sich auch zu kleinen Häusergruppen zusammen, die oft sogar Namen haben, sich aber trotzdem nur schwerlich als echte "Ortschaften" bezeichnet werden können.

Die immer wieder wechselnden Lichtverhältnisse lassen die Landschaft ständig in anderen Grüntönen leuchten - jene 'forty shades of green', für die Irland bekannt ist

Obwohl man in Dingle unzweifelhaft einen Landschaftslauf absolviert und die Bevölkerungsdichte der Region außerdem noch ziemlich gering ist, werden die Marathonis unterwegs fast immer irgendwo ein Gebäude im Blick haben. Und selbst wenn man im späteren Verlauf der Strecke tatsächlich einmal ein längeres Stück durch offenes Gelände läuft, werden dennoch spätestens nach einem oder zwei Kilometer die nächsten Bauten erreicht.

Fast überall, wo auf der Dingle-Halbinsel - und ebenso im Rest von Irland - eine Straße entlang führt, stehen nämlich irgendwann auch Häuser. Geschlossene, klar abgegrenzte Dörfer oder Städte sind eher die Ausnahme als die Regel. Das Gelände ist vielmehr meist ziemlich stark zersiedelt. Und da viele der mitten im Grünen stehenden Eigenheime dem Anschein nach vor nicht allzu langer Zeit errichtet wurden, hat sich diese Entwicklung zuletzt wohl nur noch verstärkt.

Über die im ersten kleinen Anstieg gewonnene Höhe kann man sich nicht wirklich lange freuen. Gleich nach der Kuppe geht es nämlich in einem sanften Gefälle fast wieder auf Meeresniveau hinunter, wo die Straße sich ein weiteres Mal einige Zeit am weiten Naturhafen von Dingle orientiert. Eigentlich hat man über den Hügel nämlich nur eine Stelle abgeschnitten, an der das Land mit einer Ausbeulung etwas stärker in die Bucht hinein ragt.

Dabei wird endlich auch das Schild mit der "1" passiert, auf das man erstaunlich lange musste. Denn obwohl die "Republic of Ireland" inzwischen offiziell vollständig auf das metrische System umgestellt hat und zum Beispiel Straßenschilder sowohl die Entfernungen als auch die Geschwindigkeiten nun in Kilometern angeben werden, tun sich die meisten Marathonveranstalter im Land noch immer schwer mit dieser Einheit und markieren ihre Kurse weiterhin in Meilen.

Dass diese von den Briten ausgerechnet unter dem Oberbegriff "imperialen Maße" gepackt werden, die neben den hierzulande durchaus noch bekannten "yard", "foot" oder "inch" auch so ungewöhnliche Dinge wie die Gewichtseinheit "stone" umfassen, gehört zu den seltsamen Widersprüchen im Verhältnis der beiden ungleichen Nachbarn. Schließlich sind die meisten Iren doch ansonsten froh, genau diesem inzwischen weitgehend untergegangenen früheren Imperium längst entkommen zu sein.

Nach einem heftigen Schauer inklusive Regenbogen, geht es wenig später schon wieder bei strahlendem Sonnenschein weiter

Je weiter man sich von Dingle entfernt, umso schmaler scheint die sowieso nicht breite Straße zu werden. Noch sind es allerdings hauptsächlich optische Effekte, die diesen Eindruck entstehen lassen. Denn immer wieder rücken dichte Hecken oder auch einmal einer jener - ebenfalls unter die Kategorie "typisch irisch" einsortierten - Steinwälle bis an den Rand des Asphaltes heran und erzeugen eine Art Hohlweg.

Beim Laufen über die nun bis zum Halbmarathonziel vollständig für den Verkehr gesperrten Straße ist dies natürlich kein Problem. Ist man dagegen mit dem Auto über solche - auf der grünen Insel weit verbreiteten - Strecken unterwegs muss man deutlich mehr Vorsicht walten lassen. Denn selbst leichte Kurven lassen sich so nicht mehr einsehen und hinter jeder von ihnen kann eine Überraschung warten.

So bekommen die Läufer dann auch gar nicht mit, als sich die Strecke endgültig vom Dingle Harbour verabschiedet. Als man den letzten Zipfel der Bucht passiert, versteckt dieser sich nämlich ebenfalls gerade hinter Hecken. Doch da die Straße nun erneut etwas ansteigt, lässt sich aber durchaus erahnen, dass man gerade die Stelle passiert, an der die vorgelagerte Carhoo-Halbinsel ans Land andockt.

Inzwischen hat der Nordwestwind eine neue, ziemlich dunkle Wolke heran gebracht, die sich über den Marathonis langsam ihrer feuchten Fracht zu entledigen beginnt. Die dritte Meile wird so zu einer eher nassen Angelegenheit. Doch man weiterhin zumindest grob in westlicher Richtung unterwegs ist, am Morgen also die - noch eine mehr als ausreichende Lücke am Himmel findenden - Sonne im Rücken hat, geht es damit auch genau einem Regenbogen entgegen.

Wirklich selten sind diese bei nüchterner Betrachtung eigentlich nur aus einer simplen Lichtbrechung bestehenden Wetterphänomene in Irland keineswegs. Die meisten Besucher werden sich vielmehr nach ihrer Rückkehr später kaum an einen Tag erinnern können, an dem sie keinen gesehen haben. So falsch ist der Spitzname "Regenbogenland", den man der Grünen Insel Irland verpasst hat jedenfalls nicht.

Hinter der kleinen Kirche von Ard an Bhóthair … ... .führt die Strecke langsam dem Mount Eagle entgegen

Gerade im Westen des Landes, der sich als allererster Teil von Europa den über den Atlantik herein kommenden Wolken mit meist auch noch recht hohen Bergen entgegen stellt, sind die Niederschlagsmengen doppelt bis dreifach so hoch wie hierzulande - oder eben auch wie in Dublin im Osten der Insel. Die Zahl der Tage, an denen es mindestens einmal regnet, ist ebenfalls höher als auf dem kontinentalen Festland.

Dass es gleichzeitig aber auch mehr Tage gibt, an denen die Sonne scheint, als in vielen deutschen Orten, ist dazu keineswegs ein Widerspruch. Denn Dauerregen ist die große Ausnahme. Es handelt sich meist um nicht allzu lange anhaltende Schauer, die nach kurzer Zeit schon wieder von Sonnenschein abgelöst werden, nur um den Kreislauf bald darauf wieder von vorne beginnen zu lassen. "Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte eine Viertelstunde", ist ein weiterer Spruch, den man deswegen über das irische Klima geprägt hat.

Und auch die Marathonis können sich wenig später ein Bild davon machen. Denn der der Guss endet ziemlich schnell wieder. Und mit ihm verschwindet auch der Regenbogen, dem man gerade noch entgegen gelaufen war. Er löst sich im wahrsten Wortsinne wieder in Luft auf. Der Schatz, der angeblich an seinem Ende zu finden ist - eine auch und gerade in Irland verbreitete Legende - bleibt unentdeckt.

Doch dafür bekommen die Läufer plötzlich in der Landschaft ganz andere Grüntöne als gerade eben noch zu Gesicht, obwohl man eigentlich immer noch genau die gleichen Hügel vor sich sieht. Es sind vermutlich diese sich ständig verändernden Lichtverhältnisse, die für die bekannte Formulierung "forty shades of green" verantwortlich ist, die den Country-Barden Johnny Cash zu einem gleichnamigen Lied inspirierten, in dem übrigens gleich am Anfang auch Dingle erwähnt wird.

Auch ohne Regen hat man inzwischen wieder erhebliche Mengen Wasser in Blickfeld. Denn die Strecke hat die "Wurzel" der Carhoo-Halbinsel überquert und verläuft nun zwanzig bis dreißig Meter oberhalb einer weiteren Bucht, die - obwohl ihre Einfahrt weit weniger eng ist als die des benachbarten Naturhafens von Dingle - "Ventry Harbour" genannt wird, über einen leicht zur See hin gekippten Hang.

Waren die Häuser, die man passiert hatte, zuletzt ziemlich gleichmäßig auf beide Ränder der R559 verteilt, haben sie sich nun ganz eindeutig für eine der Seiten - die in Laufrichtung rechte - entschieden. Über die "regional road" und den ein- bis zweihundert Meter Wiesenstreifen, der sich noch zwischen Straße und Küste befindet, hinweg haben so alle einen ähnlich guten Blick auf die Bucht und den jenseits von ihr aufragenden, über fünfhundert Meter hohen Mount Eagle.

Relativ sanft, aber ziemlich stetig steigt das Sträßchen weiter nach oben und ermöglich immer weitere Blicke über die Landschaft

Nach ungefähr fünf Kilometern - oder in britisch-irischer Maßstäben drei Meilen - ist vor dieser lockeren Häuserreihe die erste Wasserstelle aufgebaut. Damit hält man sich anfangs ziemlich genau an die vom internationalen Leichtathletik-Verband vorgegebenen Abstand. Später werden die Intervalle bis zu nächsten Posten aber deutlich weniger gleichmäßig ausfallen und zwischen zwei und vier Meilen betragen.

Es gibt übrigens tatsächlich nichts anderes als Wasser an den Tischen. Von den acht Verpflegungsständen findet man gerade einmal an zweien feste Nahrung in Form von Bananen und - eine Variante dem man auf den britischen Inseln, zu denen Irland zumindest geographisch ja gehört, durchaus häufiger begegnen kann - Weingummi. Und nur an der vorletzen bei Meile einundzwanzig werden ein einziges Mal Elektrolytgetränke ausgegeben. An einigen Punkten bekommt man aber zusätzlich von anscheinend vom Marathon ziemlich begeisterten Anwohnern Orangenstücke gereicht.

Immerhin teilt man keine Becher sondern kleine Flaschen aus. Was für die Läufer den Vorteil hat, die Flüssigkeit weit besser und über einen längeren Zeitraum verteilt aufnehmen zu können, sorgt leider auch dafür, dass sich der anfallende Müll auf eine weitaus größere Strecke verteilt. Die Flaschen landen dann irgendwo am Straßenrand. Die schwarzen Tonnen, die einige Häuser nach dem Verpflegungsstand zu sehen sind und hinter denen man im ersten Moment Abfalleimer vermuten könnte, stellen sich beim Näherkommen nämlich als Blumenkübel heraus.

Durch die Wasserstelle sortiert sich das Feld ein wenig um und man bekommt neue, bisher unbekannte Nebenleute. Es stellt jedoch kein allzu großes Rätsel dar, zu erraten, aus welchem Land Peter Johnstone zum Marathon nach Dingle angereist ist. Denn unübersehbar prangt ein rotes Ahornblatt auf seinem ursprünglich wohl eher für Radfahrer entwickelten Langarm-Trikot. Und für alle, die dieses Symbol trotz seines Bekanntheitsgrades tatsächlich nicht deuten können, ist dann sicherheitshalber an den Seiten auch noch der Schriftzug "Canada" zu lesen.

Fünfzig Meter über dem Wasser windet sich der Slea Head Drive am Hang entlang

Es ist eine eigenartige Mischung aus Nationalstolz und der Befürchtung, für einen US-Amerikaner gehalten zu werden, die dafür sorgt, dass Kanadier im Ausland fast immer irgendwo das rote Blatt zeigen. Ob als Aufkleber auf dem Koffer, als Aufnäher auf dem Rucksack oder als Anstecknadel an der Jacke, an irgendeiner Stelle ist es zu entdecken. Wenn man etwas genauer hinsieht, lassen sich die Bürger der flächenmäßig größten Staates der Erde, meist ganz gut identifizieren.

Er stamme aus der Provinz Alberta, berichtet Johnstone, und er lebe mehr oder weniger direkt am Fuße der Rocky Mountains. Insgesamt sei er zwei Wochen über den Atlantik herüber gekommen und wolle sich in dieser Zeit dann auch noch den Rest von Irland etwas ansehen. Dass er sich darauf beschränkt und nicht wie andere Nordamerikaner den von vorne herein zum Scheitern verurteilten Versuch unternimmt, in dieser Zeit halb Europa abzuarbeiten, hängt mit einer gewissen Reiselust zusammen.

Schließlich ist er nicht zum ersten Mal auf dem alten Kontinent. Auch Deutschland hat er schon einen Besuch abgestattet und diesen wie eigentlich immer mit einem Marathon verbunden. Doch zur großen Überraschung nennt er dann nicht Berlin, dessen Name sonst immer fällt, wenn ein Läufer davon erzählt, dass er schon einmal auf deutschem Boden gestartet sei. Im vorigen Jahr wäre er vielmehr in Ulm dabei gewesen.

Ein wenig unsicher, was diesmal heraus kommen wird, ist Johnstone schon. Schließlich sei er längere Zeit verletzt gewesen und habe nicht richtig trainieren können. Auf den Edmonton Marathon Ende August praktisch vor seiner Haustür habe er deswegen lieber verzichtet. Zwei Läufe über diese Distanz innerhalb weniger Wochen traue er sich in der aktuellen Form nicht zu. Dass er dennoch aus alter Gewohnheit beinahe noch schneller als im Vorjahr in Ulm, wo er etwas mehr als vier Stunden benötigte anläuft, wird sich später als Fehler heraus stellen.

Peter Johnstone ist längst nicht der einzige aus Übersee angereiste Teilnehmer. Vielmehr kommt sogar eine ganze Reihe von Läufern aus allen möglichen Teilen des einstigen britischen Empire. Neben Kanada und den USA listet die Aufzählung der startenden Nationen unter anderem noch Australien, Neuseeland und Südafrika auf. Bei Johnstone lässt es der Name nicht unbedingt vermuten, doch einige andere sind irischer Abstammung und kommen ins Ursprungsland ihrer Vorfahren zurück.

Hinter jeder Kurve warten neue Aussichten auf Meer und Berge

Praktisch jahrhundertelang waren die Iren vor der Armut ihrer Heimat geflohen. Und es hatte sie in nahezu alle Ecken der eine Zeit lang ziemlich britischen Welt verschlagen. Wie kaum eine andere Gruppe europäischer Einwanderer haben viele von ihnen - eventuell bedingt durch den von den protestantischen Angelsachsen abweichenden katholischen Glauben - aber auch nach Generationen in der Fremde den Zusammenhalt und die Verbindung zur alten Heimat bewahrt.

Wenn man mit offenen Augen durch Irland fährt, sieht man immer wieder einmal ein Schild, das ein Treffen des Familienclans - ein sogenanntes "Gathering" - ankündigt und dazu auch die Mitglieder aus der "Diaspora" in Übersee begrüßt. Und auch sonst zieht es Amerikaner, Kanadier oder Australier irischer Herkunft bei einem Besuch in Europa meist zuerst einmal auf die Grüne Insel.

Schon weit über einen Kilometer ist man nun schon auf der leicht welligen Straße am Ventry Harbour unterwegs. Und nachdem sie sich vorsichtig auf mehr dreißig Meter über dem Meer hinauf gearbeitet, strebt sie inzwischen in ähnlich sanften Abstufungen dem Wasser wieder etwas entgegen. Während der Unterhaltung hat man sich auch Ventry genähert, das der Bucht den Namen gegeben hat.

Das Dörfchen fällt zwar eher übersichtlich aus und kann deswegen als "Ortschaft" im eigentlichen Sinne auch nicht unbedingt überzeugen. Immerhin kleben aber entlang der Hauptstraße einige bunte Häuschen in althergebrachter Form direkt aneinander. Zudem gibt es einen Pub, ein Café und den einen oder anderen kleinen Laden. Und außerdem hat man im Gegensatz zu den anderen Häusergrüppchen auch ein noch Ortsschild.

Allerdings ist darauf nur "Ceann Trá" und nicht etwa "Ventry" zu lesen. Der Westen der Dingle-Halbinsel ist nämlich ein "Gaeltacht", eine der wenigen verbliebenen Zonen Irlands, in der das keltische Irisch auch weiterhin im täglichen Umgang benutzt wird. Diese finden sich nahezu ausschließlich in den dünn besiedelten und abgelegenen Regionen ganz im Westen der Insel.

Die Grenzen hatte die Regierung nach einer Volkszählung in den Fünfzigern neu festgelegt, nachdem die kurz nach der Unabhängigkeit in den Zwanzigern definierten Gebiete sich als viel zu weit gezogen heraus gestellt hatten, weil das Englische trotz aller Versuche zur Förderung der ursprünglichen Sprache im Land immer stärker dominierte. Inzwischen sind auch in vielen der aktuellen Gaeltachtai - so lautet nämlich die Mehrzahl des Wortes - die Irischsprecher schon wieder in der Minderheit.

Als nach fünfzehn Kilometern ein Bach in einer engen Klamm einfach über die Straße fließt, wird der Untergrund kurzeitig ziemlich uneben

Zum einen werden die Gebiete nämlich staatlich gefördert, was auch viele eigentlich englischsprachige Iren anzieht. Zum anderen gehören sie wie die Dingle- und die Iveragh-Halbinsel, wie Connemara oder die Küsten der Counties Mayo und Donegal oft landschaftlich zum Schönsten und Spektakulärsten, was die Insel zu bieten hat, weswegen sie viele Touristen anziehen, mit denen man sich nahezu ausschließlich auf Englisch verständigt.

Da Irisch Pflichtfach in den Schulen ist und für das nationale Selbstverständnis zudem eine hohe Bedeutung hat, gibt bei Umfragen zwar rund die Hälfte der Bevölkerung an, es zu beherrschen. Und fast ein Viertel behauptet sogar, es gelegentlich zu benutzen. Doch die Zahl der echten Muttersprachler dürfte sich inzwischen nur noch auf einige zehntausend Personen beschränken.

Trotzdem sind die Beschilderungen im Straßenverkehr stets zweisprachig, wobei die irischen Namen stets zuerst genannt werden. Im Gaeltacht hingegen sind diese nur Gälisch beschriftet, was durchaus auch einmal zu ziemlicher Verwirrung führen kann. Wer den Slea Head Drive befährt - der als Ausnahme übrigens trotzdem zweisprachig markiert ist - und den Weg zurück nach "Dingle" sucht, wird ihn zum Beispiel nicht finden.

Man muss vielmehr den Schildern nach "An Daingean" folgen, was übersetzt "die Festung" bedeutet. So lautet nämlich der ursprüngliche Name des Ortes, der wie alle anderen von den englischen Besatzern später verballhornt wurde. Dass anderswo gelegentlich auch noch die lange Variante "Daingean Uí Chúis" - auf Deutsch "Festung von Uí Chúis" - auftaucht und man dabei auch noch den Artikel "an" unterschlägt, macht die Sache nur noch verwirrender.

Als das für die Gaeltacht-Gebiete zuständige Ministerium eine Verordnung verabschiedete, dass dort einzig und alleine irische Namen und Beschilderungen erlaubt seien, gab es in Dingle dann auch erheblichen Widerstand. Zu sehr ist die Region einfach vom Tourismus abhängig. Und auch weit über die Grenzen Irlands hinaus hat der Begriff "Dingle" schließlich einen gewissen Bekanntheitsgrad.

In einer Volksabstimmung setzte man mit einer überwältigenden Mehrheit zumindest noch den Doppelnamen "Dingle / Daingean Uí Chúis" als offizielle Stadtbezeichnung durch. Dass "Dingle" allerdings, kurz bevor man das Städtchen erreicht, plötzlich von allen Richtungspfeilen an Kreuzungen verschwindet, ließ sich mangels Zuständigkeit dadurch aber trotzdem nicht verhindern. Der Streit schwelt jedenfalls weiter.

Auch hinter der Spitzkehre klettert der Slea Head Drive noch etwas weiter den Berg hinauf

Es liegt wohl auch daran, dass man im Gaeltacht unterwegs ist, dass die Sprüche auf den Meilenschildern nur in Irisch zu lesen sind. Da die Sprache sich so deutlich von anderen unterscheidet, bleibt ihr Inhalt rätselhaft. Da man aber bei genauem Hinsehen zumindest erkennen kann, dass es sich jedes Mal um einen andere Wortkombination handelt, lassen sich dahinter mit etwas Phantasie Anfeuerungsformeln erahnen.

Auch die Internetseite des Dingle Marathons hat als einzige anderssprachige Variante eine Version in Gaeilge, die sich hinter der irischen Flagge verbirgt, während man für Englisch auf einen Union Jack klicken muss. Diese gälischen Informationen haben aber wohl doch eher einen formalen und vielleicht maximal noch lokalen Charakter. Wirklich viele Leser dürften sie nicht gerade finden.

Denn nicht nur das Irische selbst ist auf dem Rückzug. Den wenigen noch lebenden verwandten Sprachen geht es meist auch kaum anders. Neben dem ebenso auf abgelegene Inseln und Halbinseln im Nordwesten beschränkten schottischen Gälisch, das dem Irischen noch am ähnlichsten ist, gibt es noch das vom Französischen stark bedrängte und deswegen immer weniger Sprecher besitzende Bretonisch. Einzig das Walisische ist aus der keltischen Gruppe noch einigermaßen vitale und mittelfristig nicht bedroht.

Während das große Feld Ventry hinter sich lässt, sind einige andere Teilnehmer der Veranstaltung schon deutlich länger unterwegs und nähern sich gerade Dingle. Neben Halb- und Vollmarathon gibt es nämlich auch noch einen Ultramarathon über fünfzig Meilen. Allerdings ist die Zahl der Starter auf dieser umgerechnet ziemlich genau achtzig Kilometer entsprechenden Distanz verglichen mit den beiden anderen Strecken recht überschaubar. Ganze sechzig Namen wird die Ergebnisliste später umfassen.

Wirklich ungewöhnlich ist diese Kombination bei irischen Veranstaltungen keineswegs. Auch andere Marathons haben ihr Programm um einen noch längeren Lauf ergänzt. In Connemara im April gibt es zum Beispiel genauso einen Wettbewerb über drei halbe Marathons wie in Longford, wo man zwei Wochen vor dem Rennen von Dingle unterwegs war. Und auch bei der einen Tag vor Longford stattfindenden Premiere auf Achill Island waren neben einundzwanzig und zweiundvierzig ebenfalls dreiundsechzig Kilometer ausgeschrieben.

Seit sieben Uhr sind die Ultras beim Dingle Marathon bereits auf der Strecke. Gestartet sind sie im Gegensatz zu allen anderen jedoch nicht im Städtchen selbst sondern im nördlichen Teil der Halbinsel nahe dem Örtchen Camp, wohin sie von Bussen gebracht wurden. Von dort verläuft der Kurs erst einmal längere Zeit an der Nordküste entlang. Anschließend quert er die Peninsula, um das im Süden gelegene Dingle zu erreichen, wo er für die zweite Hälfte der Distanz auf die Marathonstrecke einschwenkt.

Im Verlauf der Strecke wird das Gelände ringsherum immer schroffer und steiler

Es geht auch gar nicht anders. Denn wenn man in den Westen der Dingle Halbinsel gelangen will, kommt man am namensgebenden Städtchen nicht vorbei. Denn die maximal drei in Ost-West-Richtung parallel über sie hinweg verlaufenden Straßen steuern allesamt den Marathonort an, der so einen echten Knotenpunkt für den Verkehr bildet. Dahinter fächern sich die Strecken wieder und bieten eine ganze Reihe von Alternativen zur Routenwahl. Doch durch Dingle muss man einfach durch.

Im realen und auch im übertragenden Sinne der Höhepunkt dieses Anlaufstückes ist der "Conor Pass", der mit etwas über vierhundert Metern als höchster asphaltierter Bergübergang Irlands gilt. Grob gesprochen wird die Halbinsel nämlich in der Mitte nahezu komplett von einer Gebirgskette durchzogen. Nur südwestlich des schon erwähnten Örtchens Camp gibt es eine Art Schlupfloch zwischen den beiden Hauptreihen, bei dem man nicht viel höher als zweihundert Meter nach oben klettern muss.

Dieses nutzt die von Tralee nach Dingle führende Nationalstraße N86, deren Ausbaugrad allerdings an manchen Stellen recht wenig mit hiesigen Bundesstraßen zu tun hat. Ganz im Süden verläuft eine zweite Strecke praktisch immer in Sichtweite des zwischen der Dingle- und der Iveragh-Halbinsel hinein ragenden Meeresarmes. Diese R561 vereinigt sich etwa fünfzehn Kilometer vor der Stadt mit der von Nordosten heran kommenden "national road".

Die dritte Alternative, die vom Ultramarathon benutzt wird, zweigt bei Camp von der N86 ab, um zwanzig Kilometer weiter westlich den zweitniedrigsten Einschnitt im Höhenzug - eben den Conor oder auch Connor Pass, auf Irisch "An Conair" - zu nutzen. Trotz seiner eher bescheidenen Höhe hat dieser mit steilen Felswänden, rauschenden Wildbächen und karger Vegetation fast schon Hochgebirgscharakter.

Und da unweit des Überganges die Bergreihe zudem nach Norden abdreht, um im Mount Brandon ihren höchsten Punkt zu erreichen, blickt man von oben in einen regelrechten Talkessel hinunter, den man sich aus manchen Blickwinkeln durchaus auch in niedrigeren Bereichen den Alpen vorstellen könnte. Allerdings ist hinter den tiefblauen Gletscherseen eben auch die "Brandon Bay" genannte Meeresbucht zu erkennen, die nicht so ganz zu diesem Gedanken passen will.

Am mit einem großen Kreuz markierten Felsenkap Slea Head ist die Straße praktisch mitten in den Berg hinein gebaut

Nur einen guten Monat später wird dieser Pass erneut Teil einer Laufstrecke sein. Denn angeregt vom Erfolg des Dingle Marathons hat man im Städtchen gleich noch einen weiteren Marathon kreiert, dessen Priemere Mitte Oktober ebenfalls an der Marina gestartet werden wird. Auch dieser "Brandon Mountain Marathon" genannte Lauf ist landschaftlich extrem spektakulär und zudem noch einmal deutlich anspruchsvoller als sein Pendant im September.

Denn er führt von Dingle zuerst etwa zehn Kilometer bis zum Fuß des Mount Brandon, um diesen dann innerhalb der nächsten zehn Kilometer zu erklettern und auf der gegenüber liegenden Seite danach gleich wieder hinunter auf Meereshöhe zu fallen. Im zweiten Streckenteil gilt es dann, über den noch einmal weitere vierhundert zur Gesamtsumme von dreizehnhundert Höhenmetern liefernden Conor Pass hinweg den Rückweg nach Dingle anzutreten. Gleich zwei Halbmarathons - einer über den Mount Brandon und ein weiterer über den Conor Pass - ergänzen das Angebot.

Im etwa sechzig Kilometer östlich gelegenen Killarney, das nicht nur als Ausgangspunkt für den Ring of Kerry gilt sondern durch den ans Städtchen grenzenden "Killarney National Park" - einer von sechs irischen Nationalparks - auch ein eigenständiges Ziel für Touristen darstellt, gibt es gleich zwei konkurrierende Marathonläufe im May und im Juli. Und da außerdem noch in Tralee ein Marathon im März veranstaltet wird, kann man die Grafschaft Kerry trotz ihrer eher abgelegenen Position wohl durchaus als einen Schwerpunkt des Laufens in Irland ansehen.

In einem lang gezogenen Bogen, der sich allerdings eher aus mehreren einzelnen kleinen Kurven zusammen setzt, dreht die Strecke zur Umrundung der Bucht in südliche Richtung ab. Weiter geradeaus wäre es aber auch schnell ziemlich steil geworden. Denn vor den Läufern ragt ein kleines, aber ziemlich schroffes Bergmassiv auf, das in seinem auf Irisch "Sliabh an Iolair" und auf Englisch "Mount Eagle" genannten höchsten Punkt immerhin 514 Meter erreicht.

So läuft der Kurs allerdings noch etwas über eine Meile mehr oder weniger eben am Fuß des Berges entlang und passiert dabei auch das kleine Kirche von Ard an Bhóthair, das - obwohl rund zwei Kilometer vom "Ortskern" entfernt - als Pfarrkirche von Ventry dient. Dass unter den kaum einer Handvoll Häuser, die um sie herum gebaut sind, auch ein Pub zu entdecken ist, passt irgendwie zum populären Bild der gottesfürchtigen, gleichzeitig aber ziemlich trinkfesten Iren. Vor der Kirche gibt es auch für die Läufer wieder zu trinken, allerdings bleibt es für sie bei Wasser.

Vom Slea Head aus blickt man hinüber zur unbewohnten Inselgruppe der Blasket Islands

Noch einige hundert Meter läuft man zwischen hohen, größtenteils blühenden Hecken geradeaus. Dann - es sind inzwischen ziemlich genau zehn Kilometer zurück gelegt - schwenkt der Kurs um neunzig Grad nach rechts und scheint direkt dem Mount Eagle entgegen zu streben. Tatsächlich führt die Straße nun auch bergan. Aber sie tut dies mit einer noch immer ziemlich moderaten Steigung. Und bevor der Hang an Steilheit zulegt, geht es bald darauf wieder parallel zu ihm weiter.

Einen halben Kilometer später wiederholt sich das gleiche noch einmal, wenn auch diesmal der Gipfel des Adlerberg nicht mehr in ganz in der Ideallinie angesteuert wird. Der Anstieg hat allerdings durchaus ähnliche Qualität. Eine weitere der vielen in der Landschaft verteilten Häusergrüppchen markiert den nächsten leichten Schwenk. Doch im Gegensatz zum ersten Zickzack-Haken wird es diesmal nicht noch einmal flacher. Die Straße behält auch weiterhin ihre - immerhin recht erträglichen - Prozente.

Trotzdem ist das auf dem Asphalt zu lesende, eigentlich den Autofahreren geltende "Go mall" vielleicht gar nicht einmal der schlechteste Tipp. Denn diese sollen damit keineswegs zum Einkaufen aufgefordert werden. Man ist schließlich im Gaeltacht und da sind nicht nur Richtungsangaben sondern auch alle anderen Verkehrsschilder und -markierungen aufgrund der strengen gesetzlicher Vorgaben in der Regel nur auf Irisch gehalten.

Das mag zwar durchaus konsequent sein, birgt aber auch einige Risiken. Denn zumindest die internationalen Besucher dürften kaum den Sinn dieses Schriftzuges verstehen. Wer die Lösung für das Rätsel nicht schon bei der Anreise nach Dingle irgendwo entdecken konnte, muss bis Meile sechzehn warten, bevor eine der dann doch vorhandenen zweisprachigen Aufschriften die offen gebliebene Frage nach der Bedeutung endlich beantwortet. Denn neben "go mall" steht dort nämlich auch "slow".

In der Kurve hat sich neben einigen Zuschauern auch ein Dudelsackspieler postiert. Es ist zwar die größere schottische Variante des Instrumentes und keine irische Uilleann Pipe, die er im Einsatz hat. Und auch der karierte Rock, den er trägt, gehört eindeutig in die Highlands im Norden Großbritanniens. Doch hätte er kaum einen passenderen Standort als gegenüber des "Celtic and Prehistoric Museum" finden können.

Nirgendwo sonst in Irland lassen sich nämlich ähnlich viele Überbleibsel aus vorgeschichtlicher Zeit entdecken wie als auf der Dingle-Peninsula. Außer - auch dank eines unbeugsamen Galliers namens Obelix hierzulande meist als "Hinkelsteine" bekannten - Menhiren gibt es auch die Reste früherer Befestigungsanlagen und etliche zum Teil ziemlich gut erhaltene Gebäude. Diese sind ähnlich wie die heutigen Siedlungen über die weiten Weideflächen verstreut. Im Museum kann man aber immerhin einzelne Fundstücke betrachten.

Mit der Umrundung des Kaps kommt Dunmore Head in Sicht, der westlichste Punkt der irischen Insel … … dem man auf einem schmalen Sträßchen zwischen Fels und Klippen entgegen läuft

Relativ sanft, aber ziemlich stetig steigt das Sträßchen angelehnt an den Berg nun nach oben und ermöglicht immer weitere Blicke über die Landschaft. Der Ventry Harbour bleibt unten zurück und bietet mit seinem Blau einen markanten Kontrast zum Grün der Wiesen und Hecken um ihn herum. Dahinter ragt der Höhenzug mit Brandon Mountain und Brandon Peak sowie einigen weiteren Kuppen empor, wobei die südlichere "Brandonspitze" - angesichts der Benennung recht überraschend - eindeutig niedriger als der "Brandonberg" am Ende der Reihe ist.

Je höher die Läufer kommen, umso schroffer und steiler werden der Hang auf der rechten und der Abhang auf der linken Seite. Und irgendwann sind dann nicht mehr nur grüne Wiesen unterhalb der Läufer. Mit einem Rechtsbogen schwenkt die R559 nach ungefähr zwölf Kilometern nämlich wieder in westliche Richtung ein und orientiert sich von nun an endgültig am Küstenverlauf. Weiter als etwa hundert Meter wird man nun für längere Zeit nicht mehr von den Klippen des felsigen Ufers entfernt sein.

Bisher war die Strecke zwar durchaus schön. Dennoch ragte sie nicht unbedingt aus dem breiten Angebot an Landschaftsmarathons heraus. Von jetzt an wird sie aber wirklich enorm spektakulär sein und muss sich hinter fast keinem Konkurrenten mehr verstecken. Für etliche Kilometer windet sich der Slea Head Drive fünfzig oder mehr Meter oberhalb des Wassers am Hang entlang. Hinter jeder Kurve warten dabei neue Aussichten auf Ozean und Berge. Und jenseits des Meeresarmes erheben sich außerdem ziemlich markant die Gipfel der Iveragh-Peninsula.

Ein Schild am Straßenrand kündigt einen Parkplatz an, von dem aus man zur Besichtigung von "beehive huts" aufbrechen kann. Doch so wie die Tafel aussieht, ist sie nicht von offizieller Seite aufgestellt. Denn das mehrere tausend Jahre alte und tatsächlich wie ein Bienenkorb aussehende Wohnhaus steht auf dem privaten Grund und Boden eines Farmers, der eine Möglichkeit erkannt hat, durch den von Touristen für den Besuch verlangten Obolus den einen oder anderen Euro hinzu zu verdienen.

Entlang der wild zerklüftete Küstenlinie im Westen von Dingle wechseln sich felsige Halbinseln mit sandigen Buchten ab

Das Schild ist nicht die einzige ihrer Art. Andere Bauern haben ebenfalls solche - auch "Clochán" genannte - Bauten oder zum Beispiel prähistorische Forts auf ihrem Gelände und bewerben diese entsprechend. Und auf den kleinen Parkbuchten am Straßenrand herrscht meist auch einiger Betrieb. Allerdings sind längst nicht alle, die dort stoppen, tatsächlich an Archäologie interessiert. Auf der schmalen, an beiden Seiten meist von Wällen begrenzen Straße, bieten sie vielmehr eine gute Möglichkeit für einen Halt zur Bewunderung des Panoramas.

Verständlich ist diese Suche nach einem kleinen Nebenverdienst sehr wohl. Die kargen Böden und das meist ziemlich unebene Terrain macht extensive Schafzucht im Westen Irlands zum eindeutig dominierenden Teilbereich der Landwirtschaft. Bunte Klekse - die Tiere sind zum Erkennen der jeweiligen Eigentümer auf dem Rücken oft mit verschiedenen Farben markiert - bewegen sich deswegen immer wieder zwischen den von Feldsteinmauern unzähligen kleine Stücke aufgeteilten Hänge der Dingle-Peninsula.

Trotz des ständig leicht kurvigen Verlaufes, bei dem der "Sliabh an Iolair" ständig näher an die Straße heran rückt, behält der Slea Head Drive seine grobe Ausrichtung entlang der steil abfallenden Küste und damit immer nach Westen bei. Nach etwa fünfzehn Kilometern dreht die R559 dann aber doch kurzzeitig vom Meer weg. Denn ein Wasserlauf hat an dieser Stelle eine enge Klamm tief in den Berg hinein gefressen. Und diese Kerbe läuft man nun mit einer Spitzkehre aus.

Ein von den Organisatoren aufgestelltes Schild warnt vor "uneven surface ahead". Denn dort wo das - zumindest zu diesem Zeitpunkt - gar nicht eindrucksvolle und nicht mehr als ein Rinnsal darstellende Bächlein die Straße kreuzt, scheint er bei stärkerer Wasserführung einfach über sie hinweg zu fließen. Einige Meter Kopfsteinpflaster muss man dabei an dieser Stelle überqueren und dabei aufpassen mit den Füßen nicht in einer großen Pfütze zu landen.

Abgesehen davon, dass der Untergrund auf irischen Nebenstrecken gelegentlich durchaus ein wenig holprig daher kommen kann und man deswegen keineswegs in den totalen Schlurfschritt verfallen sollte, ist dies aber der einzige Punkt während des gesamten Marathons, an dem man für wenige Meter einmal den Asphalt verlassen muss. Für den Rest des Rennens hat man durchgängig "tared roads" unter den Füßen.

Nahezu eben führt die Strecke hinter dem Slea Head an der Grenze zwischen Europa und den Weiten des Atlantik entlang

Auch hinter der Haarnadelkurve klettert der Slea Head Drive weiter den Berg hinauf. Und statt grüner Wiesen hat man nun gelegentlich auch einmal blanke Felsen als Begleiter am Straßenrand. Noch immer wird man den Eindruck nicht los, dass die Aussichten mit jedem Schritt noch ein bisschen besser werden. Und da von oben die Sonne auf die Läufer herunter scheint, kann man sie richtig genießen.

"Ireland is beautiful at this weather", kommentiert Aileen O' Keeffe die in diesem Moment wahrlich spektakuläre Strecke nicht ganz unpassend. Ja, unter diesen Bedingungen ist ein Lauf über den Slea Head Drive tatsächlich ein absoluter Genuss. Man ist sich allerdings auch schnell einig, dass dies nicht bei jedem Wetter so sein muss. Es sind Sätze, die sich bald darauf als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung heraus stellen werden.

Sie stamme aus Cork, erklärt die schon etwas ältere Läuferin, die sich auf den Halbmarathon beschränkt, und meint damit nicht die Stadt sondern das County. Die meisten Iren beantworten die Frage nach ihrer Herkunft nämlich mit der Grafschaft. Und sie schiebt sofort die Gegenfrage nach, ob man denn vom anstehenden "All Ireland Championships" im Hurling gehört hätte, das einen Tag später in Dublin anstehe. Im Finale wäre Cork nämlich dabei. Bei der letzten Bemerkung schwingt durchaus ein wenig Stolz in der Stimme mit.

Man hat davon gehört. Es lässt sich in diesen Tagen gar nicht vermeiden. Denn in Radio und Fernsehen gibt es kaum noch ein anders Thema als dieses Endspiel, das die beiden Counties Cork und Clare austragen. Ganz Irland scheint ihm entgegen zu fiebern. Doch umgekehrt nimmt nirgendwo sonst auf der Welt irgendwer Notiz von diesem Ereignis. Nicht einmal eine Kurzmeldung ist es wert. Viel zu exotisch ist diese Sportart, die - sieht man einmal von jenen Iren ab, die es ins Ausland verschlagen hat - einzig und allein auf der Grünen Insel gespielt wird.

Zusammen mit dem "Gaelic Football", den man vielleicht am besten als Mischung zwischen "normalem" Fußball, Rugby und Handball beschreiben könnte, ist Hurling in der GAA, der "Gaelic Athletic Association" organisiert, die sich nicht nur um die Pflege dieser der uririschen Sportarten kümmert sondern lange Jahr auch für ziemlich nationalistische, politische Standpunkte bekannt war. So wurden bis vor nicht allzu langer Zeit alle Sportler einfach aus dem Verband ausgeschlossen, die nebenbei auch die "englischen" Sportarten Fußball oder Rugby betrieben.

Hurling selbst kann man sich ungefähr wie Hockey in der Luft vorstellen, bei dem der Ball mit einer Art abgeflachten Keule mit hoher Geschwindigkeit über ein Feld - das deutlich größer als das beim Fußball ist - befördert wird. Gespielt wird auf große Tore, aber die Pfosten sind nach oben verlängert. Und während ein Tor drei Punkte zählt, bringt ein Treffer zwischen die Malstangen immerhin noch einen Zähler.

In der Nähe des Dunmore Head kleben die Häuser von Couleenoole am Hang des Mount Eagle

Neben Runden, in denen Vereinsmannschaften gegeneinander spielen, gibt es auch eine Meisterschaft die zwischen den Counties - in diesem Fall wieder zweiunddreißig, denn die administrativ längst abgeschafften, früheren nordirischen Grafschaften haben GAA-Verbände und sind vollkommen gleich- und spielberechtigt - ausgetragen wird. Da die Leistungsstärke der Teams allerdings ziemlich unterschiedlich ist, gibt es insgesamt vier "tiers" - Abstufungen, die man ungefähr als "Spielklassen" interpretieren könnte - mit jeweils eigenen Pokalen.

Und Kerry spielt dabei im Gegensatz zu den beiden Nachbarn Cork und Clare nur in der "zweiten Liga". Am Tag des Marathons gewinnt das "kingdom" aber immerhin das Jugend-Finale gegen das County Meath, so dass man vielleicht in der Zukunft doch einmal wieder weiter oben mitmischen könnte. Das spannende Finale bei den Erwachsenen wird dagegen am nächsten Tag unentschieden enden, weswegen ein Wiederholungsspiel fällig wird, das man aufgrund der engen Termine erst drei Wochen später angesetzt.

Denn zwischendurch steht im mehr als achtzigtausend Zuschauer fassenden und bei solchen Gelegenheiten auch ausverkauften Croke Park - das Stadion der GAA in Dublin, in dem nach langen Diskussionen im Verband während des Umbaus der anderen großen Arena an der Lansdowne Road erstmals auch Fußball- und Rugby-Länderspiele ausgetragen werden durften - auch noch Meisterschaft beim Gaelic Football an.

In dieser Disziplin ist das County Kerry weitaus erfolgreicher. Ebenfalls am Tag des Marathons tragen bereits die Frauen ihr Finale in dieser Disziplin aus.- bei den Damen sind die Regeln der in der Herrenversion recht rustikalen Sportart allerdings etwas entschärfte - und Kerry stellt eines der beiden dort vertreten Teams, kann sich dabei aber gegen die Nachbarn aus Cork nicht durchsetzten und unterliegt am Ende klar.

Der Blick zurück zum Slea Head zeigt, wie eng sich die Straße in diesem Bereich tatsächlich an den Berg angelehnt hatte

Es dauert bei der Fernsehübertragung jedoch einen Moment, bis man als Nichtire die beiden Kontrahenten identifiziert hat. Denn auf den Trikots sind die Namen "Ciarraí" und "Corcaigh" zu lesen. Auch der Kommentar ist gälisch, so dass sich außer den Namen der Spielerinnen kaum etwas verstehen lässt. Denn gesendet wird das Spiel im irischsprachigen Programm der nationalen Rundfunkanstalt RTE.

Und die Interviews werden vorher, in der Pause und hinterher ebenfalls in dieser Sprache geführt. Die Kombination ist durchaus passend und wäre im Fußball oder Rugby - wo es eine Profiliga gibt, in der irische Mannschaften gemeinsam mit schottischen und walisischen spielen - nur schwer möglich. Denn schon aufgrund der Philosophie der GAA hat die irische Sprache in deren Disziplinen eine starke Bastion.

Vielleicht sieht man wegen der Endspiele beim Durchlaufen der kleinen Siedlungen an der Strecke noch ein wenig häufiger als sonst grün-gelbe Fahnen oder Wimpelgirlanden neben und über der Straße, Die einzelnen Counties haben zwar keine eigenen Flaggen. Doch haben sich die traditionellen Farben der jeweiligen Trikots der Auswahlmannschaft zur Identifikation der Grafschaften weitgehend etabliert.

Da all dies jedoch völlig inoffiziell ist, gibt es keinerlei festgelegte Anordnung. Und so kann man Fahne in unterschiedlichsten Kombinationen der entsprechenden Farben erwerben. Längs- oder quergestreift, diagonal oder wellenförmig. Wohl am beliebtesten sind dann aber doch die Schachbrettmuster. Aber auch bei diesen kann die Anzahl der Felder von Exemplar zu Exemplar schwanken. Bunt machen sie irische Ortschaften allerdings ganz eindeutig.

Inzwischen ist das Gelände ringsherum noch etwas schroffer und steiler geworden. An einigen Stellen hat man die Straße praktisch mitten in den Berg hinein gebaut. Als man das Schild mit der "10" passiert, hat man der einen Seite nur noch eine blanke Felswand, auf der anderen Straßenseite bricht das Gelände gesichert mit einer kleiner Schutzmauer fast senkrecht zum Meer hinunter ab. Fünfzig bis sechzig Meter direkt unter den Läufern schlagen dort die Wellen an die zerfurchten Klippen.

Gleich mehrere Haltebuchten ermöglichen in diesem Bereich kurze Stopps, bei denen man die Aussichten etwas länger genießen kann. Die kleinen Parkplätze befinden sich übrigens fast ausnahmslos auf der Seeseite. Denn obwohl natürlich auch einige auf des Slea Head Drives in umgekehrter Richtung unterwegs sind, wird er - schon alleine wegen des in Irland herrschenden Linksverkehrs und der somit besseren Sicht - in der Regel mit dem Uhrzeigersinn befahren. Auch der Marathon verläuft wohl nicht ganz zufällig rechtsherum über die Küstenstraße.

Bei den ersten Häusern des Dörfchens Dunquin beginnt für die Halbmarathonläufer der Endspurt

Besonders viele Fahrzeuge lassen sich an jenem Felsenkap abstellen, das ihr den Namen gab. Ein großes Kreuz markiert auf der Bergseite diesen Slea Head, an dem die R559 einen scharfen Schwenk nach Norden vollführt. Von nun an dominieren nicht mehr die hohen Berge der Nachbarhalbinsel Iveragh das Panorama. Vielmehr reicht der Blick vor allem hinüber zur seit Jahrzehnten unbewohnten Inselgruppe der Blasket Islands.

Mit der Umrundung des Kaps kommt aber auch jener Dunmore Head in Sicht, der den westlichsten Ausläufer der irischen Insel darstellt. Wie so oft in solchen Fällen ist dieser Extrempunkt nicht gleichzeitig auch die spektakulärste Stelle der Küstenlinie. Alleine bei der Runde um die Dingle-Peninsula kann man mehrere ähnliche kleine Halbinseln entdecken, die sich wie Wurmfortsätze noch ein wenig weiter ins Meer hinaus wagen.

Und dennoch ist Dunmore Head eigentlich ein ganz passender Abschluss für Irland. Denn oberhalb von Klippen mit einigen wirklich faszinierenden, aber nur aus der Nähe erkennbaren Felsformationen wölbt sich ein sanfter grüner Hügel, der eine Miniausgabe so vieler anderer im Land sein könnte. Dass der "Hals" des "Kopfes" zudem aus einer sandigen Bucht besteht, fügt der auf engstem Raum kombinierten Küstenformen eine weitere Variante zu.

Mit dem Richtungswechsel wird das ohnehin nicht breite Sträßchen sogar noch ein wenig enger. In den fast senkrecht zum Meer abfallenden Klippen blieb den Ingenieuren aber auch kaum noch Raum für die Platzierung der Strecke. Sie überhaupt in die für die Anlage einer befahrbaren Piste nun wirklich alles andere als geeigneten Felsen hinein zu schlagen, dürfte schon mehr als genug Arbeit gewesen sein.

Für den Dingle Way bleibt in diesem Abschnitt kaum eine andere Wahl als die R559 zu nutzen. Auch an einigen anderen Stellen verläuft der um die gesamte Halbinsel herum führenden Fernwanderweg direkt auf der Straße entlang. Und so sieht man bei Fahrten über die Halbinsel immer wieder einmal Fußgänger mit großen Rucksäcken, die zudem - angepasst an die meist wechselhafte irische Witterung - in der Regel ziemlich regenfeste Kleidung tragen.

Nachdem die "Kurzstreckler" ins Ziel gelaufen sind … …müssen sich die Marathonis die Straße von nun an mit den Bussen teilen, von denen diese zurück nach Dingle gebracht werden

Nahezu eben führt die Straße auf der Grenze zwischen Europa und den Weiten des Atlantik hinüber nach Coumeenoole, dessen wenige Häuser in der Nähe des Dunmore Head zum Teil regelrecht am - langsam wieder etwas abflachenden, aber als Standort für ein Dörfchen noch immer ziemlich ungeeigneten - Hang des Mount Eagle kleben. Während man diese passiert und der Westspitze Irlands näher kommt, gehen allerdings dann doch einige Höhenmeter verloren.

Der etwas abseits der Straße gelegene große Parkplatz, von dem man zum einen zum Dunmore Head gelangen, zum anderen aber auch hinunter an die Bucht zu seinem Füßen laufen kann, ist mit etwa dreißig Metern über dem Meeresspiegel der niedrigste Punkt in dieser Senke. Doch nachdem man sich kurzzeitig vom Atlantik verabschiedet hat, um das Landspitze weiter hinten zu überqueren, wird die verlorene Höhe schnell wieder zurück gewonnen - und gleich noch ein paar weitere Meter zusätzlich.

Selbst wenn man die äußerste Landspitze während des Marathons nicht berührt, ist damit wenig überraschend auch erst einmal den westlichsten Punkt der Runde erreicht, die letzte irische "Haltestelle" vor Amerika. Ganz vorsichtig dreht die Straße nach Nordosten weg, wobei es eigentlich streng genommen nur in Richtung Nordnordost ist. Denn die Straße wird für drei weitere Meilen an der zwar zerklüfteten, aber trotzdem eher breiten und sich vom scharfen Knick am Slea Head über rund zehn Kilometer erstreckenden langen Westseite der Dingle-Halbinsel bleiben.

Wie wechselhaft das irische Wetter tatsächlich ist, zeigt sich zum Leidwesen der Marathonis ausgerechnet genau in diesem Moment. Den Slea Head hatte man noch bei strahlendem Sonnenschein umrundet. Nun kaum eine Meile - und damit weit weniger als die sprichwörtliche Viertelstunde - später, laufen sie mitten in einen heftigen Guss hinein. Dass sie zudem gegen den Wind unterwegs ist und dieser ihnen ziemlich heftig ins Gesicht bläst, kommt als Erschwernis hinzu. Der inzwischen fast umrundete Mount Eagle bietet jedenfalls keine Deckung mehr.

So schnell wie er gekommen war, ist der wirklich unangenehme Schauer allerdings dann auch wieder vorbei. Und als man hinter den der gerade erklommenen Kuppe, den leicht kurvigen Weg hinunter nach Dunquin antritt, erinnern nur noch die dunklen Wolken am Himmel und der nasse Straßenbelag an den kurz zuvor überstandenen Regenguss, der damit ebenfalls weit weniger als jene ominösen fünfzehn Minuten gedauert hat.

Nur etwa zweihundert Einwohner soll dieses "Dún Chaoin" - so der offizielle irische Name - haben. Doch da sie sich weit über den von den Bergen an dieser Stelle gebildeten, zum Meer hin abfallenden Talkessel ausbreitet, sieht es nach deutlich mehr aus. Für die Halbmarathonläufer hat mit dem Erblicken des Ortes nun der Endspurt begonnen. Die letzte Meile führt sie weitgehend bergab ihrem eher unscheinbaren Ziel in einem Nebensträßchen entgegen.

Gleich hinter Dunquin bringt die nächste Steigung die Läufer hinauf zum Clogher Head bei Meile vierzehn

Angesichts der keinesfalls ebenen und rekordverdächtigen Piste sind die Zeiten, die Paul Stephenson und John Meade brauchen, bis sie dort abbiegen zu können, wirklich beachtlich. Denn Sieger Stephenson wird mit 1:14:14 gestoppt. Und sein erster Verfolger Meade ist nur zehn Sekunden langsamer. Dagegen fallen die ebenfalls alles andere als schlechten 1:17:05, die Gary Hynes auf Platz drei bringen, beinahe schon etwas ab.

Dass die in der - insgesamt 1444 Namen umfassenden - Ergebnisliste angegebenen Nettozeiten rund eine halbe Minute schneller sein sollen, erscheint allerdings nicht unbedingt wahrscheinlich und deutet eher auf einen Lapsus der Zeitnahmefirma hin. Denn auch bei allen anderen Spitzenläufern sind die Unterschiede zwischen beiden Werten ähnlich eklatant. Und natürlich werden sie nur noch größer, je weiter man nach hinten blättert

Ein wenig länger muss man im Halbmarathonziel warten, bis die ersten Frauen auftauchen. Über neunzig Minuten sind da auf der Uhr schon herunter getickt. Doch dann geht es wirklich Schlag auf Schlag. Denn nachdem Maura Regan nach 1:30:15 als Erste eingelaufen ist, sind mit der 1:30:28 benötigenden Suzanne Quinn und der in 1:30:42 registrierten Gillian Cotter auch die nächsten beiden Plätze in weniger als dreißig Sekunden vergeben.

Gleich hinter Dunquin wird der bis dahin zwar nicht einfache, aber für einen Landschaftslauf noch durchaus moderate Marathon deutlich schwerer. Und das keineswegs nur, weil der größte Teil des Feldes ins Halbmarathonziel abgebogen ist und die Übriggebliebenen deswegen plötzlich viel Platz auf einer leeren Straße haben. Die R559 steigt außerdem erneut an um aus der kleinen Ortschaft hinaus zu kommen. Und das tut sie nicht gerade sanft - nämlich mit zum Teil zweistelligen Prozentsätzen.

Selbst wenn die Steigung später wieder ein wenig nachlässt, geht es während der nächsten beiden Kilometer praktisch ununterbrochen bergan. In nüchternen Zahlen ist der Anstieg zwar gar nicht so dramatisch. Denn kaum mehr als fünfzig Höhenmeter werden gewonnen. Und der Scheitelpunkt bleibt ziemlich deutlich unter der Hundert-Meter-Linie. Doch da man kurz nach dem Verlassen von Dunquin schon wieder hoch über dem Ozean unterwegs ist, wirkt die Kuppe optisch wesentlich höher.

Maria Wiesler ist dann auch keineswegs die Einzige, die sich in den steileren Abschnitten des Stiches zum Wandern hinreißen lässt. Die Vermutung, dass sie Schwedin sein könnte, kommt erst im Ziel auf, als sie die Gratulation eines - inklusive der unverwechselbaren Kreuzflagge - gelb-blau gekleideten und wohl aus ihrer Läufergruppe kommenden Marathonis in einer ziemlich skandinavisch klingenden Sprache entgegen nimmt.

Recht einsam wird es auf der zweiten Hälfte der Strecke für die Marathonläufer, doch die abwechslungsreiche Landschaft ist mehr als nur eine Entschädigung dafür

Nicht alleine das "ja" auf die überraschte Frage "du är Svenska" bringt Klarheit. Auch wie sie dieses Wörtchen ausspricht ist so typisch, dass es bereits die letzten Zweifel hätte verschwinden lassen können. Denn mit dem irgendwo zwischen a und o angesiedelten Mischlaut, den man eigentlich auch mit einem å schreiben könnte, hört man es eigentlich wirklich nur im hohen Norden Europas. .

Bis dahin verläuft das Gespräch nicht nur in English. Jeder hält anderen vermutlich auch für einen Iren, was auf der einen Seite an den bekannt guten Sprachkenntnissen der Skandinavier liegt, umgekehrt vielleicht aber doch eher daran, dass Irland gesprochenes Englisch für ungeübte Ohren alles andere als immer leicht verständlich ist. Und gerade das "th" mit dem sich hierzulande bekanntlich so viele schwer tun, klingt aus dem Munde eines Iren oft durchaus ähnlich wie bei Deutschsprachigen.

Das aus Umeå stammende Grüppchen von Lauftouristen ist beileibe nicht die einzige Abordnung aus Sverige, das sich an diesem Wochenende nach Irland aufgemacht hat. Auf der anderen Seite der Insel in der Hauptstadt Dublin sind noch weitaus mehr Schweden anzutreffen. Denn am Abend vor dem Marathon hatte die irische Fußballnationalmannschaft ein WM-Qualifikationsspiel gegen die Wikinger ausgetragen.

Und nach dieser Begegnung dürften Schweden bei den Iren nicht wirklich hoch in Kurs stehen. Denn die Heimmannschaft hatte mit 1:2 verloren und damit praktisch alle Chancen auf eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft eingebüßt. Allerdings sind die irischen Anhänger ja - spätestens seitdem sie im Vorjahr bei einer deftigen EM-Niederlage gegen Spanien dennoch stolz und trotzig immer weiter das wehmütige "Fields of Athenry" gesungen hatten - als ziemlich gute Verlierer bekannt. Ein wenig enttäuscht ist man schon, Aggressionen gibt es aber keine.

Auf der zweiten Hälfte dreht die Strecke stärker vom Meer weg ins Land hinein, doch Berge hat man fast immer im Blick Donal O'Donovan läuft diesmal unweit seiner Heimatgrafschaft Cork, war aber auch schon in Berlin und München

"Clogher Head" heißt das nächste kleine Kap, dessen Verbindung zum Rest der Halbinsel die Straße ein Stück hinter Meile vierzehn auf ihrem bis dahin höchsten Punkt überquert. "Next stop, America", heißt es dabei noch ein weiteres Mal. Denn fast auf Gradminute und -sekunde genauso weit wie am Dunmore Head ist man nun wieder im Westen. Und auch die Landzunge selbst ist nur knapp am Ruhm, das Ende Irlands zu sein, vorbei geschrammt.

Jenseits der Kuppe öffnet sich eine Ebene - für die von Bergen dominierte Dingle-Halbinsel ziemlich ungewöhnlich - vor den Marathonis. Zu beiden Seiten hat wird diese von in sie hinein reichende Buchten bedrängt. Am ungewöhnlichsten an ihr ist allerdings der einsame, kleine, nur etwa zweihundert Meter hohe, aber teils ziemlich schroffe Höhenzug, der dahinter noch einmal aufragt und die Fläche im Nordwesten als t-förmiger Riegel zum Meer hin abschließt.

Er bildet dabei neben Dunmore und Clogher Head noch ein drittes markantes Kap auf dieser Seite der Halbinsel, das in seiner Ausdehnung nach Westen ebenfalls bis auf wenige hundert Meter an den Rekordhalter heran kommt "Ceann Sibéal" heißt diese Spitze im Gaeltacht offiziell. Ansonsten kennt man sie auch unter "Sybil Head".

Auf einem Wendepunktabschnitt werden bei Meile 21 die zur Marathondistanz noch fehlenden Meter heraus geholt

Auf der anderen Seite der in der Mitte ein wenig niedriger werdenden Berggruppe bilden "An Triúr Deirfiúr" den Abschluss. "Die drei Schwestern" sind drei Kuppen, von denen allerdings keine für sich genommen mir einem weiblichen Eigennamen aufwartet. Wenn man genau hinsieht, lässt sich die "drei" in der Bezeichnung sogar erahnen. Wie kaum ein anderes Wort zieht sich die Zahl schließlich durch alle indoeuropäischen Sprachen, zu denen die keltische Familie gehört.

In einem lang gezogenen Rechtsbogen senkt sich die Strecke nun in diese Ebene hinunter und steuert dabei auch auf die Häuser von Clogher - einige davon jene typischen niedrigen "cottages" mit den an beiden Giebeln außen aufragenden Schornsteinen - zu, die sich zu Füßen des gleichnamigen Kaps verteilen. Die Läufer nähern sich ihnen auf der rechten Seite der Straße. Denn sie haben den Asphalt nun nicht mehr für sich alleine.

Die Teilnehmer, die das Rennen an der Halbmarathonmarke beendet haben, müssen schließlich zurück nach Dingle gebracht werden. Und da dieser Teil der Runde nicht ganz so schmal und kurvig ist wie die Küsterstraße entlang von Slea und Dunmore Head ist, werden die Busse über ihn geleitet. "Busses to left, runners to right" heißt es deswegen auf den über die zweite Hälfte der Distanz immer wieder an Verkehrsschildern oder Telegrafenmasten angebrachten Tafeln.

Auf der rechten Seite läuft man allerdings auch dem übrigen Verkehr entgegen, der inzwischen gelegentlich auf der Strecke auftaucht. Den Marathonkurs komplett abzusperren, ist schließlich schon deswegen nicht denkbar, weil dann für viele Stunden keinerlei Möglichkeit bestehen würde, die Ortschaften im Westen von Dingle irgendwie zu erreichen. Doch hält sich die Zahl der Autos, denen man begegnet, in einem ziemlich überschaubaren Rahmen.

Und die Fahrer sind durchaus rücksichtsvoll. Allerdings sind sie auch beim Einbiegen auf die Laufstrecke entsprechend vorbereitet worden. Denn wirklich jede einzelne Einmündung im kompletten Verlauf der zweiundvierzig Kilometer ist mit Ordnern besetzt. Die seltsamen kleinen Tafeln, die man zusätzlich zu den Meilenschildern bereits am Vortag entlang der Strecke entdecken konnte und hinter denen man zwischendurch auch ergänzende Kilometermarken hätte vermuten können, zeigen ihre durchnummerierten Positionen an.

Nachdem man die weite Ebene hinunter gelaufen ist, wird die Strecke zum ersten Mal seit langer Zeit wieder etwas weniger spektakulär. Ohne große Höhenunterschiede führt sie mehrere Meilen weitgehen geradeaus durch die obligatorischen unterschiedlich grüne Wiesen, die wie so oft von Hecken und Steinmauern umgeben sind. Da ist die Rechts-Links-Kombination, mit der man in den Weiler Teeravane hinein läuft, obwohl sie ein wenig bergan führt, schon eine willkommene Abwechslung.

Von hinten hat sich Noelle Butler heran gearbeitet und beendet damit eine längere Phase alleine auf der Landstraße. Sie läuft erst ihren zweiten Marathon. Irgendwann vor nicht allzu langer Zeit habe sie beschlossen, dass sie einmal über diese ominösen zweiundvierzig Kilometer oder sechsundzwanzig Meilen laufen wolle. Doch nachdem ihr dies gelungen war, habe sie jetzt doch einen zweiten in Angriff genommen. Und ihre interessierten Fragen nach deutschen Rennen, lassen erahnen, dass ihre Karriere wohl auch mit Nummer zwei noch nicht beendet sein dürfte.

Im nächsten Jahr will sie mit ihrem Mann nach Frankfurt - erst einmal nicht zum Laufen, ein rein touristischer Besuch soll es werden. Und natürlich erkundigt sie sich auch, wie den diese Stadt so wäre, in der für das Euro-Land Irland so wichtige Entscheidungen getroffen werden. Sie selbst habe einige Zeit in Dublin gelebt. Doch irgendwie sie das nichts für sie gewesen. Nun wären sie wieder auf dem Land daheim, im County Cork. Und schon folgt die Frage hinterher, ob man denn vom so wichtigen Hurling-Match am Folgetag gehört habe. Ja, man hat.

Acht Kilometer vor dem Ziel können Noelle Butler aus dem County Cork und … …eine bunt besetzte Dreiergruppe schon einmal den Daumen hoch nehmen

Noelle kann aber durchaus nachvollziehen, dass man außerhalb von Irland daran wenig Interesse zeigt. Ihr ist klar, wie exotisch dieser Sport für jemanden "aus Europa" - die Iren verwenden den Ausdruck wesentlich seltener als die mit ihrer spledid isolation" so zufriedenen Briten, wenn sie vom kontinentalen Festland reden, aber man bekommt ihn gelegentlich schon zu Ohren - sein muss. Immerhin gäbe es in Schottland ein Spiel namens "Shinty", das sei ganz ähnlich. Die gemeinsame keltische Herkunft schlägt sich also wohl auch in der Bewegungskultur nieder.

Wenn man sich ein wenig mit den unterschiedlichen Sportarten auf der Welt beschäftigt, lässt sich allerdings auch eine Ähnlichkeit zum nordamerikanischen, ursprünglich irokesischen Lacrosse entdecken, bei dem der Schläger allerdings ein Netz besitzt. Und auch Tor und Feld sind deutlich kleiner. Doch mit ihren an Eishockey erinnernden Helmen und kurzen Hosen sich Hurling- und Lacrosse-Spieler durchaus ähnlich.

Umgekehrt kann Noelle allerdings - wie eigentlich alle Iren, Briten und sonstige Angelsachsen in der ganzen Welt - gewisse Mühe den Begriff "Handball" richtig einzuordnen. Denn zum einen gibt es eben auch in Irland ein "Handball", dem man immerhin ab und zu ein "Gaelic" vorsetzt und das so gar nichts mit der Mannschaftssportart zu tun hat. Es ist nämlich um ein Rückschlagspiel, das entfernt an Squash ohne Schläger erinnert. Zum anderen ist der "auf dem Kontinent" nahezu überall gespielte Sport auf den britischen Inseln etwa genauso exotisch wie Hurling hierzulande.

Bezeichnend war, dass die Briten, die als Gastgeber der Olympischen Spiele ja automatisch auch im Handball-Turnier startberechtigt waren, zum Aufbau ihrer beiden Mannschaften einerseits Basketballer sowie bei den Männern Rugby-Spieler und bei den Frauen Netball-Spielerinnen - eine ebenfalls typisch angelsächsische und mit dem Basketball verwandte Disziplin, die in den früheren britischen Kolonien durchaus populär, im Rest der Welt aber unbekannt ist - rekrutierten und zum anderen in halb Europa Handballer mit britischen Vorfahren zum Einbürgern suchten.

Bei der Erwähnung, dass es sich bei Handball immerhin um eine "olympic discipline" handele, lässt bei Noelle den Groschen fallen. Doch vielleicht tut sie ja auch aus Freundlichkeit gegenüber dem Gast vom Festland nur so, als ob sie sich an irgendwelche schon einmal gesehen Filmschnipsel erinnere. Dass es nicht nur einen britischen sondern auch einen irischen nationalen Handballverband und ein halbes Dutzend Vereine im Land gibt, dürfte ihr aber völlig unbekannt sein.

Während man auf dem ebenen Wendepunktstück (links, rechts) noch gut laufen kann, ist die danach kurz vor Meile 22 beginnende Steigung (mitte) ein echter Prüfstein, die viele - wie zum Beispiel die Schwedin Maria Wiesler - zum Gehen zwingt

In Deutschland seien die Straßen doch deutlich besser als in Irland, ist sich Noelle ziemlich sicher. Und ohne den Iren auf die Füße treten zu wollen, erntet sie dafür keinen Widerspruch. Seit die R559 die Küste hinter sich gelassen hat ist sie zwar durchgehend zweispurig. Doch in einigen Passagen war sie tatsächlich so eng, dass man schon mit einem breiteren Personenwagen seine liebe Mühe haben könnte. Wie die Fahrer der Tourbusse, die man auf dem Slea Head Drive tatsächlich manchmal sieht, ihre Gefährte um solche Ecken bringen, bleibt ein Rätsel.

Aber längst nicht nur die Panoramastraßen - auch die Straße über den Conor Pass ist im oberen Bereich zum Teil nur einspurig - stellen gewisse Anforderungen an das Fahrvermögen. Selbst Nationalstraßen können - abgesehen von den sternförmig auf die Hauptstadt Dublin zulaufenden "national roads" mit den einstelligen Nummern - an manchen Stellen ziemlich eng, kurvig und durch die schon erwähnten Hecken und Steilwälle zudem auch noch ziemlich unübersichtlich geraten.

So unangenehm es wegen der fehlenden Sicht nach vorne ansonsten auch sein mag, hinter einem Lastwagen oder Bus her zu fahren, in Irland kann es durchaus Vorteile haben. Schließlich räumen diese auf schmalen Abschnitten den Weg frei. Wehe dem allerdings, dem auf einer Aussichtsstraße wie dem Slea Head Drive ein Bus in einem der erwähnten Engpässe entgegen kommt. Dann bleibt oft tatsächlich nur noch der Rückwärtsgang bis zur nächsten Ausweichstelle.

Während sich Noelle Butler, die sich ihren zweiten Marathon keineswegs schlecht eingeteilt hat, am "Ortseingang" von Ballyferriter - zumindest wird die lose in der Landschaft verstreute Bebauung in diesem Bereich ein wenig dichter - nach vorne verabschiedet, naht mit Donal O'Donovan schon der nächste Gesprächspartner. Als er auf die Frage nach der Herkunft mit "Cork" antwortet, ist allerdings eigentlich schon klar, um welches Thema es jetzt erst einmal gehen wird. Denn natürlich drückt auch er am nächsten Tag dem eigenen Hurling-Team die Daumen.

Dass so viele Läufer aus dem County Cork in Dingle am Start sind, findet er wenig erstaunlich. Schließlich sei es von seiner Heimatgrafschaft ja nicht allzu weit zu Halbinsel. Tatsächlich haben nur die Einheimischen aus Kerry einen kürzeren Weg. Doch um aus Cork noch am Wettkampfmorgen herüber zu kommen, muss man angesichts der wenig optimalen Straßenverbindungen nun wirklich ziemlich früh aus den Federn.

Beim schwersten Anstieg des gesamten Rennens müssen die Läufer noch einmal etwa einhundert Höhenmeter zum höchsten Punkt der Strecke überwinden

Die von den Organisatoren veröffentlichten Statistiken zeigen, dass sogar mehr Teilnehmer der Veranstaltung aus Cork stammen als aus Kerry. Allerdings muss dazu auch gesagt werden, dass dort auch fast viermal so viele Menschen leben. Denn betrachtet man die traditionellen Grenzen, nimmt also die inzwischen eine vom County unabhängige, eigenen Verwaltung besitzende namensgebende Stadt hinzu, hat Cork deutlich über eine halbe Million Einwohner, während Kerry keine hundertfünfzigtausend zählt.

Er würde aber nicht nur in Irland laufen, erzählt O'Donovan, der insgesamt bereits siebenunddreißig Marathons hinter sich gebracht hat. Auch in Berlin und München sei er schon gewesen. Und an Hamburg und Frankfurt hat er durchaus Interesse, wie seine Nachfragen zeigen. Allerdings sei das international so beliebte - und vielleicht als einziges auch wirklich in der vollen Breite der Laufszene wahrgenommene - Rennen in der deutschen Hauptstadt für seinen Geschmack dann doch ein bisschen zu groß und zu voll gewesen.

Auf der Dingle-Halbinsel, wo sich das kleine Feld inzwischen ziemlich in der weiten Landschaft verliert, ist das selbstverständlich völlig anders. Die Aussage, dass man diese Umrundung der Westspitze Irlands durchaus in die Liste der spektakulärsten Marathonkurse der Welt aufnehmen könnte, nimmt Donal während des Durchlaufens des - tatsächlich dicht bebauten aber aus kaum mehr als einem Häuserblock an Durchgangstraße bestehenden - Zentrums von Ballyferriter mit viel Wohlwollen zu Kenntnis.

Der auf Irisch "Baile an Fheirtéaraigh" - wie meist ist die Bezeichnung trotz recht ähnlicher Aussprache dabei um etliche Buchstaben länger als der ins Englische übertragene Name - heißende Ort wirkt dort mit beidseitig komplett aus bunten zusammenhängenden Gebäuden bestehenden Häuserblocks für einen kleinen Moment fast schon städtisch. Man muss allerdings schon einen ganz bestimmten Blickwinkel einnehmen, um diesen Eindruck wirklich zu bekommen. Direkt daneben und dahinter erstrecken sich schließlich gleich wieder die üblichen Wiesen.

International ist die Besetzung des Marathons, unverkennbar starten Läufer aus Südafrika (links) oder aus Kanada wie Peter Johnstone (rechts) - Stephan Mooney (mitte) ist dagegen Ire und kommt aus Dublin

Was dabei aber komplett erhalten wirkt, ist außerdem zum Teil kaum älter als ein zehn Jahre. Ihr Hotel, dem man aus architektonischer Sicht mindestens ein Jahrhundert zugestehen würde, sei jedenfalls erst nach der Jahrtausendwende errichtet, wird die Besitzerin beim Bezahlen am nächsten Tag erzählen. Um das Gesamtbild zu erhalten, müssten jedoch nach den - nicht nur hierzulande sondern auch in Irland oft existierenden - Bauvorschriften alle Um- und Neubauten in diesem Bereich den traditionellen Stil besitzen.

Nicht nur in der nach dem Höhenzug "Ceann Sibéal" benannten Unterkunft ist ein Restaurant und eine Bar untergebracht. Mindestens die Hälfte der Häuser beherbergt Pubs, so dass man in einem kaum hundert Meter langen Abschnitt der Hauptstraße rund ein halbes Dutzend Einkehrmöglichkeiten hat. Die angesichts der Einwohnerzahlen, die selbst im Umkreis von einigen Kilometern nur mit Mühe vierstellig werden dürften, ziemlich hohe Dichte ist irgendwie ein weiteres gutes Beispiel für die ausgeprägte Kneipenkultur auf der grünen Insel.

Schließlich stellt ja auch eine Biersorte mit dem Namen "Guinness" das weltweit bekannteste Exportprodukt Irlands dar. Eigentlich hat die braune, nur wenig schäumenden Flüssigkeit sogar eine viel größere Bedeutung. Zusammen mit Kleeblatt und Harfe kommt ihr praktisch die Rolle eines nationalen Symbols zu. Es ist sicher kein Zufall, dass in Souvenirläden fast genauso viele T-Shirts, Pullover, Gläser oder Tassen den Schriftzug "Guinness" wie die Aufschrift "Ireland" tragen.

Hinter der wenige Schritte erreichten Kirche zerbröselt Ballyferriter ziemlich schnell wieder in die Landschaft hinaus. Und die Verpflegungsstelle am Ortsende steht schon wieder mitten im Grünen. Kurz darauf ist Noelle Butler zurück. "Too much water on board" gibt sie mit ein wenig Augenzwinkern als Begründung an. Deswegen hätte sie einen Boxenstopp in dem am Versorgungsposten aufgestellten Häuschen einlegen müssen.

Darüber, dass man während des Rennens ja nun wirklich genug Wasser bekommen konnte, ist man sich auch ohne große Diskussionen ziemlich schnell einig. Dass es im Unterschied dazu "in Europe" - also auf dem Festland - allerdings viele Läufe geben soll, bei denen man, im Abstand von wenigen Kilometern nicht nur Elektrolytgetränke sondern auch noch Obst und Cola bekommt, erstaunt sie dann doch ziemlich.

So etwas ist man auf den Inseln weiter im Westen, wo man traditionell eine eher spartanische Verpflegung bevorzugt, nun wahrlich nicht gewohnt. Für die "islanders" könne ein Marathon wohl gar nicht hart genug sein, scherzt man ein wenig darüber. Und eine Begründung hat Noelle dafür auch parat. "It seems as if we like to punish ourselves".

Den Abschlusskilometer durch Dingle kennt man schon vom Beginn des Rennens

Gleich hinter Ballyferriter beginnt die Straße, die sich noch immer weitgehen eben dahin zieht, kurz hintereinander mehrere Haken zu schlagen. Sie kommt dabei "Smerwick Harbour" - der östlicheren der beiden Buchten, von denen den Ebenen begrenzt wird - näher. Wirklich erreicht wird die Wasserfläche - für es mit "Ard na Caithne" natürlich auch eine irischen Bezeichnung gibt - aber nicht. Die Marathonstrecke hält sich nämlich immer im Abstand von einigen hundert Metern zum Meer.

Den Namen haben der "Hafen" und das an ihm liegenden Örtchen von den Wikingern bekommen, die nicht nur auch Irland mit ihren Raubzügen heimsuchten, sondern später an dieser Stelle höchstwahrscheinlich auch eine Handelsniederlassung unterhielten. Mit ein bisschen Interesse für skandinavische Sprachen lässt sich ihre Bedeutung sogar erahnen. Denn "smør" bedeutet Butter, und mit "vik" ist eben eine Bucht gemeint.

Doch nicht nur der "Butterbucht" kommt man mit dem Zickzack näher. Vor den Läufern zeichnet sich auch immer deutlicher jene auch noch zwei- bis dreihundert Meter hohe Kammlinie ab, die sich als rückwärtige Verlängerung des Mount Eagle zwischen Ballferriter auf der einen und Dingle auf der anderen Seite schiebt. Immerhin scheint es in ihrer Mitte einen kleinen Sattel zu geben, zu dem man deutlich weniger Höhenmeter bewältigen muss.

Bevor man diesen immer noch ziemlich unangenehm aussehenden Pass, zu dem man den Abstand auf nun wieder wesentlich weniger kurviger Straße bald darauf um eine weitere Meile verkürzt hat, in Angriff nehmen kann, müssen auf einem Wendepunktabschnitt noch jene zwei zusätzliche Kilometer heraus gekitzelt werden, die den Organisatoren ansonsten zur vollen Marathon-Distanz fehlen würden.

An einem Hotel, das obwohl ein ganzes Stück von der Bucht entfernt trotzdem den Namen "Smerwick" trägt, schwenkt der Kurs kurz hinter der inzwischen erreichten Meile zwanzig um neunzig Grad nach links. Dabei bleibt man sogar auf der R559, die an dieser Stelle noch einen kleinen Umweg nach Norden macht, während die geradeaus führende Straße den Hügel weitaus direkter angeht.

Darüber ob es wirklich angenehm ist, den Anstieg so noch ein wenig hinaus zu zögern, kann man sicher streiten. Schließlich sind die Beine dann noch um zwei weitere Kilometer ermüdet. Und aus den Augen verliert man die Berge, die sich erst rechts und nach dem Richtungswechsel links der Marathonis aufbauen, ohnehin nicht. Immerhin wartet an der Wendemarke am Ende dieser Gerade auch die einzige Verpflegungsstelle, an der man Elektrolytgetränke bekommt - diese dann aber gleich in größeren Flaschen.

Die Bucht von Dingle hat, als man sie kurz vor dem Ende ein zweites Mal passiert, gegenüber dem ersten Besuch durch die Ebbe einiges an Wasser eingebüßt

Zurück auf der eigentlichen Runde sind es nur noch wenige Meter bis zum Fuß des längsten Anstiegs des Rennens, den sich die Streckenarchitekten fast bis zum Schluss aufgehoben haben. Vom Einstieg etwa bei Meile zweiundzwanzig bis zur Kuppe, die man eine Meile später erreicht gilt es nämlich ziemlich genau hundert Meter zu gewinnen. Da man auf dem Slea Head Drive stets unterhalb dieser Marke geblieben war, erklettert man dabei auch gleich noch den höchsten Punkt des Kurses.

Schräg zum Hang zieht sich der Anstieg hinauf, was ihr zumindest ein wenig von der Steilheit nimmt. Dennoch zwingt sie nach über fünfunddreißig bereits zurück gelegten Kilometern schon ab dem Mittelfeld viele Marathonis in den Gehschritt. Belohnt werden die Anstrengungen mit immer weiteren Ausblicken über die mit jedem Schritt tiefer unter den Läufern zurück bleibende Nordwestecke den Dingle-Peninsula.

Und auch die letzte Wasserstelle, die oben an der Passhöhe wartet, bietet sich als lohnendes Zwischenziel an. Allerdings bekommt man inzwischen auch wieder etwa Flüssigkeit von oben. Es ist zwar nur ein leichter Nieselregen und kein heftiger Guss wie bei Dunquin. Doch zeigt sich auch dadurch wieder einmal jene berühmte Wechselhaftigkeit, dass die irische Witterung längst nicht nur im April hat.

Oben am Sattel trifft man wieder auf die R559, die nach ihrem Schlenker zum Smerwick Harbour dieselbe Kerbe zwischen den Bergen nutzt und jenseits der Höhe mit viel Schwung den Weg hinunter in Richtung Dingle antritt. Anfangs eher kurvig geht sie bald darauf in eine lange Gerade über, an deren anderem Ende man den Zielort mit ein wenig Phantasie beinahe schon erahnen kann. So unangenehm der Aufstieg auch gewesen sein mag, der letzte Teil der Strecke fällt dafür umso leichter.

Auch Stephan Mooney, der wie so viele andere zuvor marschiert war, läuft nun wieder. Er trägt das schwarze T-Shirt mit roten Seitenteilen und grüner Schrift, dass man auf internationalen Veranstaltungen seit einiger Zeit als Vereinstrikot des "100 Marathon Club Ireland" entdecken kann. Erst vor einigen Jahren ist diese Vereinigung entstanden. Zuvor hatten sich die irischen Marathonsammler dem "100 Marathon Club UK" ihrer britischen Kameraden angeschlossen. Doch bei Mooney fehlen im ansonsten völlig identischen Logo eben jene drei Ziffern.

Das sei auch völlig korrekt, bestätigt er auf Nachfrage. Schließlich sei er von Marathon Nummer einhundert noch weit entfernt. Gerade einmal siebzehn Rennen über diese Distanz habe er bisher absolviert. Es würden also noch volle dreiundachtzig fehlen. Allerdings wäre das Erreichen dieser Zahl keineswegs Voraussetzung für eine Mitgliedschaft im Klub. Und bereits nach fünfundzwanzig Läufen würde man mit einer Bronzemedaille geehrt. Bei fünfzig gäbe es dann Silber. Und bei hundert wäre schließlich eine goldene Auszeichnung fällig.

Die letzten Meter der Strecke führen wieder an der bunten Häuserreihe vorbei, an der man sich schon direkt nach dem Start erfreuen konnte

In den letzten Jahren sei die irische Marathonszene stark gewachsen, bestätigt auch Mooney eine Entwicklung die sich schon in Terminkalendern und Ergebnislisten erkennen ließ. Noch zur Jahrtausendwende habe es gerade einmal zwei Marathons in Irland gegeben, berichtet er weiter. Und zählt dann neben Dublin noch das nordirische, also zum Vereinigten Königreich und nicht zur "Republic of Ireland" gehörende Belfast auf.

Selbst wenn man nun eigentlich die Neigung verspürt, Einspruch zu erheben, sollte man trotzdem in solchen Momenten besser still sein, um nicht mitten in einer hochbrisanten politischen Diskussion zu landen. Allerdings zeigt auch die oben erwähnte Einzelnennung von England, Schottland und Wales, dass auf den britischen Inseln die im Rest von Europa weitgehend synonym benutzen Begriffe "Staat", "Land" und "Nation" längst nicht eindeutig und schon gar nicht überlappungsfrei definiert sind.

Inzwischen gäbe es aber etliche Marathonrennen in Irland, erzählt Mooney. Neben größeren Städten wie Cork oder Limerick oder dem bekannten Landschaftsmarathon von Connemara fallen dabei dann auch Namen von Orten wie Clonakilty, Waterford oder Kildare, für die wohl selbst die meisten eingefleischten Fans der Grünen Insel erst einmal auf der Karte suchen müssen, wo diese denn nun genau liegen.

Dass man diesen Trend in Deutschland bereits vor über einem Jahrzehnt beobachten konnte, man dort längst wieder im Abschwung sei und so manche Veranstaltung inzwischen ums Überleben kämpft, erstaunt ihn angesichts der nach oben gehenden Entwicklung in seiner Heimat ziemlich. Allerdings ist auch in Irland nicht alles Gold was glänzt. In Galway oder Sligo warfen die Organisatoren angesichts mäßiger Erfolge ebenfalls schnell wieder das Handtuch.

Selbst wenn man sich auf einer endlos erscheinenden Geraden langsam, aber sicher Dingle und damit dem Ziel nähert, steht Stephan Mooney der vielleicht anstrengendste Teil seines Tagwerkes übrigens noch bevor. Denn er stammt aus Dublin, ist am Freitag mit dem eigenen Auto angereist und will schon am Abend wieder zu Hause sein. Nicht allzu lange nach seinem Zieleinlauf wird er sich also auf die mehrstündige Fahrt quer über die ganze Insel machen.

Fast zwei Meilen lang führt die Strecke mit immer schwächer werdendem Gefälle schnurgerade auf Dingle zu. Und nach einer letzten - allerdings nur wenige Meter hohen - Welle trifft man dort, wo es kurz hinter der Brücke zum ersten Mal bergan ging, wieder auf die am Anfang des Rennens belaufene Strecke. Einen knappen Kilometer gilt es nun noch am Hafen entlang zu bewältigen, bevor man am Ziel, das nicht auf der halbseitig gesperrten Straße sondern auf dem benachbarten Parkplatz befindet.

Egal, ob alleine oder in Begleitung, direkt vor dem Ziel am Hafen von Dingle werden die Gesichtszüge deutlich entspannter

Auf wenige Meter schrumpft die eigentliche Zielgerade damit zusammen. Und wirklich erst im letzten Moment erkennt man das direkt gegenüber des Aquariums aufgebaute Gerüst. So hat Peter Johnstone dann auch kurzzeitig keine Ahnung, wie lange er noch sprinten muss. Der Kanadier ist auf der zweiten Hälfte ziemlich eingebrochen und verliert auf die angestrebte Zeit rund vierzig Minuten.

Doch den Ultrasieger Sean Brosnan, der sich auf der Straße am Hafen von hinten nähert, will er auf keinen Fall vorbei lassen. Der ist zwar zwei Stunden vorher gestartet, hat in dieser Zeit aber auch achtunddreißig Kilometer mehr zurück gelegt. Und so gibt Johnstone auf den letzten Metern noch einmal alles und erreicht eher in der Manier eines Sprinters als eines Marathonis wenige Sekunden, bevor die Uhren nach 6:38:54 für Brosnan stehen bleiben, die Ziellinie.

Bevor Rory Campbell mit 6:47:57 als Zweiter der ganz langen Distanz einläuft, vergehen ziemlich genau acht Minuten. Und weitere knapp zwei Minuten danach schütteln sich dann Brosnan und der Dritte Daibhi O'Leary, der in 6:49:28 gestoppt wird, die Hände. Kaum langsamer ist die in 7:10:47 als Gesamtsechste ins Ziel kommende Frauensiegerin Amy Masner Und auch Col Conway (7:25:32) und Caroline Kelly (7:42:45) legen die alles andere als flachen achtzig Kilometer noch klar unter acht Stunden zurück.

Die Schnellsten auf der Marathondistanz sind da allerdings längst geduscht und haben auch die Siegerehrung auf dem riesigen Lastwagen, der als mobile Bühne dient, schon längst hinter sich. Bei den Männern werden dabei Eoin Sugrue als Erster in die Mitte sowie Pat Dunworth und Michal Rejmer an seine Seiten gebeten. Die zu den Namen gehörenden Zeiten lauten 2:44:02 sowie 2:47:30 und 2:51:22. Allerdings bleiben dahinter nur noch vier weitere Läufer unter der Drei-Stunden-Grenze.

Relativ gesehen ein wenig schwächer dafür aber auch etwas enger sind die Resultate im weiblichen Bereich. Denn Aideen Shinners gewinnt dort mit einer 3:19:38 vor der 3:21:24 laufenden Jo Reeve und Fionnuala Desmond, bei der die Zeitnehmer 3:22:17 registrieren. Innerhalb von wenig mehr als zweieinhalb Minuten ist also das Treppchen vollständig gefüllt. Und nur ein einziger Mann schiebt sich überhaupt beim Einlauf noch in dieses Trio hinein.

Dreihundertvierzig Namen insgesamt lassen sich auf der Liste des Marathons finden, was zwar durchaus der abgelegenen Lage von Dingle entspricht, allerdings kaum zum Verlauf der Strecke, die - noch einmal sei es gesagt - sicher zu den schönsten und spektakulärsten gehört, die sich in Europa finden lassen. Dass man den westlichsten Punkt der Insel zu Gesicht bekommt, ist zwar ein schöner Nebeneffekt, aber angesichts der faszinierenden Steilküsten für die Bewertung eigentlich völlig unerheblich.

Während der Kanadier Peter Johnstone sich gerade noch vor, den von hinten heran kommenden Ultramarathonsieger Sean Brosnan (in gelb) ins Ziel rettet … … freut sich Padraig Brady aus dem County Mayo, dass er seine Vorgabe von fünf Stunden klar unterboten hat
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Nur hat sich diese herausragende landschaftliche Schönheit der Strecke - trotz des ziemlich internationalen Teilnehmerfeldes - eben in der Marathonszene längt noch nicht überall herum gesprochen. Und von den Laufreise-Veranstaltern hat ihn auch noch keiner im Programm. Die Läufer aus dem kleinen Irland alleine werden allerdings aus dem Dingle Marathon wohl kein Megaereignis machen können.

Ob die Organisatoren - bei aller Freude über große Beteiligung - überhaupt daran interessiert sind, steht allerdings noch auf einem ganz anderen Blatt. Eine wirklich offensive Werbung betreiben sie auf dem internationalen Markt jedenfalls nicht. Und vielleicht ist dies schon alleine im Hinblick auf die eher als "mäßig" zu bezeichnende Infrastruktur auf der Dingle-Halbinsel auch gar nicht so schlecht.

Reisefreudigen Individualisten kann man aber einen Trip nach Dingle nur wärmstens empfehlen. "Next stop, America" hin oder her, die Runde um des Slea Head zählt sicher zu den interessantesten Ecken auf der Grünen Insel.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Info & Ergebnisse www.dinglemarathon.ie

Zurück zu REISEN + LAUFEN – aktuell im LaufReport HIER

© copyright
Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de Redaktion (Adresse im IMPRESSUM) unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.