15.8.16 - 22. Danzig Energa Solidarnosc Maraton

Gedenklauf für die Opfer der Danziger Aufstände

Kleiner Marathon in großartiger Stadt

Kenianer vorne - Größte Auslandsgruppe aus Deutschland

von Michael Schardt

Man schrieb den 14. August 1980, als es in der Danziger Leninwerft zu Streiks und Aufständen vieler tausend Arbeiter kam. Auslöser waren massive Preiserhöhungen für Lebensmittel, die sechs Wochen vorher von der Obrigkeit für einige Städte und Regionen Polens beschlossen worden waren, dann aber auf das ganze Land ausgedehnt wurden. Der Aufstand in der Leninwerft am Vortag von Mariä Himmelfahrt gilt heute als Geburtsstunde der Gewerkschaft Solidarnosc, deren Anführer ein einfacher Arbeiter, der Elektriker Lech Walesa, war.

Die Aleja Grunwaldzka ist eine ellenlange Einfallstraße von Gdingen nach Danzig, die die Läufer bis zur Halbmarathonmarke auf einer abgesperrten Spur zu absolvieren haben, gesäumt von starkem Straßenbahn- und Autoverkehr, aber fast gänzlich frei von Zuschauern Wesentlich attraktiver sind da die letzten Kilometer des Marathons in der Danziger Altstadt mit dem Finale auf dem Langen Markt
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Was man damals nicht ahnen konnte, war, dass dieser kleine Mann später einmal zum Präsidenten des Landes berufen werden würde. Und auch nicht, dass es sich um einen Augenblick von welthistorischer Bedeutung handelte. Denn in der Folge fiel die politische Struktur Europas in sich zusammen, die Sowjetunion und der gesamt Ostblock brachen auseinander, und der Weg zu Glasnost und Perestroika war frei. In der Folge dieser Bewegung kam es auch zum Fall der Berliner Mauer und zur deutschen Wiedervereinigung.

Geschichtsträchtiger Marathon

Die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc trat einen schnellen Siegeszug an und hinterließ in Danzig nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich ihre Spuren. Die Gewerkschaftsgründung war fast von Anfang an eine großangelegte Initiative, die größte öffentliche Aufmerksamkeit im In- und Ausland erfuhr. Es war aber auch eine Bewegung, die schon sehr bald den Fokus auf die eigene, noch kurze Geschichte legte. In einem beinahe museal anmutenden Gestus wurde schon früh an die eigene Geschichte erinnert und an die früheren, teils blutig endenden Aufstände, von denen die von 1970 besonders im Bewusstsein geblieben war.

Der Solidarnosc Marathon findet in Erinnerung an die Opfer der Arbeiteraufstände (1956 und 1970) der Leninwerft statt. Im Vordergrund ist das aus drei hohen Kreuzen bestehende Mahnmal zu sehen, im Hintergrund das erst kürzlich eröffnete, von rostigen Stahlwänden umfasste Europäische Zentrum für Solidarität Am Eingang zum Zentrum prangt das Bildnis des Streikführers von 1980 und späteren polnischen Präsidenten Lech Walesa

Auch auf sportlichem Gebiet sind solche Aktivitäten zu beobachten. Man hob bereits in den frühen achtziger Jahren einen Halbmarathonlauf in Danzig aus der Taufe, der jährlich an die Gründung der Gewerkschaft erinnern sollte, vor allem aber an die Toten von 1970. Als Datum wurde der 15. August ausgewählt, der Gedenktag Mariä Himmelfahrt, der in Polen ein Feiertag und mit der Gewerkschaftsgründung terminlich so eng verbunden ist.

Ab 1995 wurde daraus der erste Danziger Marathon, der explizit auch den Gewerkschaftsnamen "Solidarnosc" (Solidarität) von Anfang an (und bis heute) im Namen trägt. Mit der Terminierung auf den kirchlichen Festtag war verbunden, dass der Solidarnosc-Marathon (heute: "Energa Maraton Solidarnosci") an immer wechselnden Wochentagen stattfand und stattfindet. 2016 war es ein Montag und damit günstig gelegen für ein verlängertes sporttouristisches Wochenende.

Sehr versteckt auf dem weiträumigen Solidarnosc-Gelände befindet sich auch der Eingang zur Startnummernausgabe mit zwei kleinen Ständen davor. Eine Marathonmesse gibt es nicht

Entspannte Logistik

Die Leninwerft, auf der zu besten Zeiten über 20.000 Menschen arbeiteten, gibt es in der alten Form und auch namentlich nicht mehr. Aber ein wichtiger Umschlagplatz für Waren aller Art ist der Danziger Ostseehafen immer noch, und Schiffbau- und (schiffs) -reparaturunternehmen konnten sich nach erheblichen Umstrukturierungen wieder festigen. Was die ehemalige Leninwerft anbetrifft, da waren erhebliche Reduzierungen nötig, um sie vor dem Untergang zu retten. Heute arbeiten dort nur noch gut 3000 Menschen.

Der Ort des Aufstandes wurde mit EU-Geldern in den letzten Jahren in das "Europäische Zentrum für Solidarität" umfunktioniert. Auf dem Gelände befinden sich nun ein Museum, diverse Schulungsräume, eine Fachbibliothek und andere Institutionen. Passend zur Historie haben die Marathonveranstalter die Startnummernausgabe in ein Gebäude innerhalb dieses riesigen, früheren Werkgeländes an der Straße Doki 1 gelegt, nur wenige Gehminuten vom Stadtzentrum und dem Hauptbahnhof entfernt. Wer durch das Hauptportal schreitet, wird die Startnummernausgabe nicht unbedingt gleich finden, denn das Hauptgebäude des Europäischen Zentrums dominiert mit seiner Größe und der ungewöhnlichen Architektur aus rostigen Stahlmauern und modernem Glashausdesign den Platz. Hinweisschilder auf den Marathon finden sich nicht oder sind sehr klein.

Die Marienkirche ist die größte Backsteinkirche der Welt und bestimmt das Danziger Stadtbild nachhaltig Der Besuch des Innenraums der Marienkirche ist touristisches Pflichtprogramm

Eher unscheinbar dagegen ist das geduckte Gebäude, in der sich die Organisation des Laufs befindet. Erkennbar noch am ehesten an zwei kleinen Ständen eines Sporteinkleiders bzw. eines Händlers von Sportlernahrung, die davor aufgebaut sind. Eine Marathonmesse gibt es nicht und auch kein Rahmenprogramm an den Tagen vor dem Lauf. Viel Betrieb herrscht im Inneren nicht, denn für den Marathon, das einzige Rennen der Veranstaltung, haben nur neunhundert Teilnehmer gemeldet. Da man zwei volle Tage Zeit hat für die Abholung der Unterlagen und diese auch noch am Marathontag am Start ergattern kann, können zwei bis drei Volontäre die Ausgabe ganz entspannt erledigen. Inkludiert in das moderate Startgeld von 18 bis 25 Euro sind eine große Finishermedaille, ein Finishershirt und der freie Eintritt in alle laufenden Ausstellung des Zentrums für Solidarität.

Schmucke Häuserfront am Ufer der Motlawa. Es handelt sich meist um Nachbauten, denn die Danziger Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zu neunzig Prozent zerstört Originelle Wassertaxis bringen die Touristen zu den gewünschten Orten. Danzig wird mit seinen vielen Flüssen, Kanälen und seiner Nähe zur Ostsee auch als Amsterdam des Ostens oder Venedig des Norden bezeichnet

Privilegierte Ostseemetropole

Wer Danzig betritt, der atmet den Hauch einer über tausendjährigen, wechselvollen Geschichte ein. Im Zweiten Weltkrieg zu über neunzig Prozent zerstört, erstrahlt die schöne Ostseestadt heute in neuem Glanz. Dies konnte nur gelingen, weil die Wiederherstellung des Stadtkerns die größte Baumaßnahme dieser Art in ganz Europa war. Die Gebäude an den Ufern der Motlawa wurden ebenso in historischer Gestalt wieder aufgebaut und restauriert wie die Patrizier- und Kaufmannshäuser in der Altstadt. Als vielleicht schönste Straße Danzigs gilt die Frauengasse, die von der Marienkirche in östlicher Richtung zum Altarm der Motlawa führt. Hier sind viele kunsthandwerkliche Läden zu finden und ungezählte Restaurants und zünftige Kneipen. Das besondere dieser Straße sind die Häuseremporen, die beidseitige als Aufgänge zum Eingang fungieren. Die Marienkirche gilt als bedeutendster Sakralbau der Stadt und soll die größte Backsteinkirche der Welt sein.

Sehr groß und vollkommen verkehrsfrei ist die Danziger Altstadt. Das Große Zeughaus ist ein herausragendes Beispiel des niederländischen Manierismus Mit den schönen Aufgängen rechts und links sowie den historischen Häusern ist die Frauengasse vielleicht die schönste Straße der Stadt. Wegen den vielen kunsthandwerklichen Lädchen und einladenden Restaurationsbetrieben herrscht hier fast rund um die Uhr immer großer Publikumsverkehr

Besonders schön erscheint die Danziger Altstadt von der anderen Seite der Motlawa aus - im Abendlicht betrachtet. Vom Ostufer, wo sich einige Luxushotels angesiedelt haben, hat man den besten Blick auf das wuchtige Wahrzeichen der Stadt, das Krantor, auf die Stadttore und Brücken, die schmucken Giebelhäuser am Flussufer und die vielen Kirchen.

Touristisches Zentrum der Altstadt, die vollkommen autofrei ist, ist der Lange Markt mit dem prächtigen Rathaus und dem berühmten Neptunbrunnen, neben dem seit einigen Jahren auch der Marathon endet. Hier befinden sich die meisten (auch etwas teureren) Geschäfte und (bestens auf auswärtige Besucher eingestellte) Gasthäuser. Ein Besuch ist auch der alte Bahnhof und das Nationalmuseum wert, die Philharmonie und das städtische Theater.

Ein Hingucker: das rechtsstädtische Rathaus Im August ist der Touristenzustrom in Danzig besonders groß. Der Grund: auf dem bekannten Dominikanermarkt bieten hunderte von Händler drei Wochen lang ihre kulinarischen und sonstigen Waren feil

Wer einen Spaziergang durch das heutige Danzig unternimmt, der kann ahnen, dass die Hansestadt an der Ostsee, die heute 450.000 Einwohner zählt, im Mittelalter als eine der reichsten Städten Europas galt. Mit ein Grund dafür war ihre strategische günstige Lage an der Mündung der Weichsel, über die alle Waren des bis zu den Karpaten reichenden Hinterlandes transportiert werden mussten. Das garantierte hohe Zolleinkünfte und großen wirtschaftspolitischen Einfluss.

Wo der zweite Weltkrieg begann

Danzig war und ist kulturelles, wirtschaftliches und intellektuelles Zentrum der Region, das eine lange deutsche und polnische Vergangenheit hat und zeitweise auch den Status als Freie Stadt führte und damit - auch zwischen den Kriegen - eine konfliktträchtige Sonderrolle innehatte. Wer von der Altstadt aus eine Bootsfahrt Richtung Ostsee unternimmt, kann zunächst den großen Hafen und rechter Hand die Festungsanlage an der Weichselmündung in Augenschein nehmen, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Später wird er dann Gelegenheit haben, die Halbinsel Westerplatte zu besichtigen, deren Beschuss am 1. September 1939 allgemein als Beginn des Zweiten Weltkriegs angesehen wird. Ein Monument auf einem Hügel erinnert an die getöteten polnischen "Verteidiger der Küste".

Nicht weit von Danzig liegt die Halbinsel Westerplatte, die mit einem Ausflugsboot in weniger als einer halben Stunde erreicht werden kann. Das dortige Monument zur Ehren der polnischen Verteidiger erinnert daran, dass hier der Zweite Weltkrieg begann Der Eingang zur Festungsanlage an der Weichselmündung kann bei der gleichen Bootsfahrt besichtigt werden. Sie gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO Das Krantor ist das wuchtige Wahrzeichen der alten Hansestadt Danzig

Ein literarisches Denkmal setzte Danzig der Literaturnobelpreisträger Günter Grass vor allem mit dem Roman "Die Blechtrommel", der mit den Erzählungen "Katz und Maus" und "Hundejahre" die sogenannte Danziger Trilogie bildet. Wer auf den Spuren des gebürtigen Danzigers Grass und seinem Blechtrommler Oskar Matzerath wandeln will, der begibt sich am besten in den Danziger Stadtteil Wrzeszcz, wo der Romancier seine Kindheit verbrachte und wo es Skulpturen seines kleinwüchsigen Romanhelden zu bewundern gibt. Grass selbst, der in seiner Geburtsstadt erst sehr spät Anerkennung fand, hat es abgelehnt, dass man ihn in einem Denkmal verewige. Man möge mit dem Geld anderweitig verfahren und den Bewohnern der Straße Lelewela anständige Toiletten bauen, bemerkte er pointiert.

Grass ist nicht der einzige berühmte Sohn von Danzig. Auch der Philosoph und Skeptiker Arthur Schopenhauer und der kauzige Bohemeschriftsteller Paul Scheerbart kommen von hier, haben aber kaum Spuren in der Stadt hinterlassen. Ganz im Gegensatz zu einem gewissen Günther Karl Nakszynski, der später als genialischer Filmbösewicht Klaus Kinski Berühmtheit erlangen sollte. An seinem Geburtshaus in der Ulica Kosciuszki Nummer 10 kann eine Gedenktafel in Augenschein genommen werden. Dort gibt es auch eine Kinski-Kneipe, die mit vielen Filmrequisiten ausstaffiert ist.

Was wie ein antikes Segelboot aussieht, ist tatsächlich ein motorisierter Ausflugsdampfer für Touristen. Auf ihm finden abends zünftige Techno- und andere Partys statt Zu einem ausgewogenen Danzigprogramm gehört unbedingt auch ein Besuch des traditionsreichen Ostseebades Sopot, das nur zehn Kilometer von Danzig entfernt liegt. Am besten nimmt man dazu das Fahrrad und radelt auf dem bestens ausgebauten Europaradweg 10 fast autofrei dorthin

Marathon durch die Dreistadt

Der Solidarnosc Marathon hat im Laufe seiner Geschichte mehrfach die Laufstrecke verändert. Früher führte sie von Gdingen (Gdynia) über Lenica nach Danzig, später dann über Westerplatte zum Zielort. Weil die Strecken unterschiedliche Schwierigkeitsgrade haben, werden auch zwei verschiedene Listen mit Streckenbestzeiten geführt, eine für die alten Strecken und eine für die neue.

Aktuell handelt es sich um eine Punkt-zu-Punkt-Strecke, die ihren Start in Gdingen hat, dann am Seebad Sopot vorbeiführt und im Zentrum von Danzig endet. Da die drei Orte Gdingen, Sopot und Danzig in den letzten Jahren fast zusammengewachsen sind und eine Metropolregion mit etwa 1,2 Millionen Einwohnern bilden, spricht man auch von einer Dreistadt und einem Dreistadt Marathon. Startpunkt ist die aleja marsz. J. Pilsudskiego im Zentrum von Gdingen, gleich in der Nähe des Stadthauses und der S-Bahnstadion Maksimiliana. Zunächst wird eine fünf Kilometer lange Runde durch die Innenstadt gedreht, wobei am Hafen ein Wendepunkt liegt. Der Weg von dort nach Danzig führt über mehrspurige Ausfallstraßen, die zunächst vollständig halbseitig abgesperrt sind. Später, auf der ellenlangen aleja Grunwaldzka, ist für die Läufer nur noch eine Fahrspur abgesperrt.

Im Sommer ist das mondäne Ostseebad sehr stark frequentiert, allerdings nur im unmittelbaren Zentrum von Sopot Die Attraktion schlechthin ist in Sopot die Molo, die bedeutendste Flaniermeile Polens und eine der längsten Seebrücken in ganz Europa. Wer auf dem Laufsteg der Reichen und (oft leicht bekleideten) Schönen mit dabei sein will, muss sich zuvor in eine lange Schlange einreihen, um eine Eintrittskarte zu ergattern

Etwa bei Kilometer 10 tangiert der Kurs das mondäne Ostseebad Sopot, ohne allerdings in den Ort mit einer der längsten Seebrücken Europas zu führen. Halbzeit ist dann genau am Ende der Grunwaldzka. Hier begeben sich die Läufer nach einem erneuten Wendepunkt nach Norden und drehen hernach unterhalb von Sopot weitere Schleifen. Erst dann geht es wieder zurück nach Danzig, wo bei km 40 die Altstadt mit dem Ziel erreicht wird.

Die Strecke ist nicht ganz flach, sondern hält vor allem auf der ersten Hälfte einige Höhenmeter bereit. Zwischen km 2 und 7 ist eine leichte, aber ununterbrochene Steigung zu bewältigen. Auf der zweiten Hälfte fällt die Strecke leicht ab. Am Ende warten noch einige Kopfsteinpflasterpassagen auf die Läufer. Insgesamt ist der Kurs nicht von der einfachsten Art, bleibt aber ohne gravierende Schwierigkeiten. Pech könnte man mit dem Wind haben, denn der Kurs führt zu siebzig Prozent in südliche Richtung. Dies war jedoch bei der jüngsten Auflage nicht der Fall. Im Gegenteil: der leichte Rückenwind begünstigte sogar. Größere Schwierigkeiten machte den Teilnehmern die Witterung. Denn in der Sonne konnte schnell die Marke von 28 Grad erreicht werden, schob sich eine Wolke davor, zeigte das Thermometer immer noch 24 Grad an bei leicht schwüler Luft.

Der Solidarnosc Marathon fand in Gedenken an den Arbeiterstreik von 1980 nun schon zum 22. Mal statt. Davor gab es schon einen HM. Mit gut 600 Finishern ist die Veranstaltung eher klein zu nennen. Große Laufgruppen sind nur zu sehen, wenn es sich um Pacemakergruppen handelt. Hier für die Zeit von unter vier Stunden Wer nicht in einer Tempomachergruppe unterwegs war, lief meist allein wie hier der Ukrainer Pawel Stepanenko, der 10. wurde, oder ... ... nahm sich jemanden mit, wie hier Mateusz Sala. Der Pole schaffte den Marathon mit Kinderwagen in beachtlichen 2:40:41h, womit er Rang 9 in der Gesamtwertung belegte

Entsprechend hoch war die Ausfallquote. Von 918 gemeldeten Teilnehmern traten nur gut 700 an. Von denen erreichten lediglich 630 das Ziel, darunter nur 85 Frauen.

Zurückgenommenes Konzept

Als wirklich attraktiv kann man den Solidarnosc Marathon nicht bezeichnen. Zu eintönig ist die Strecke, zu minimalistisch das Konzept. Es gibt keine Unterhaltung an der Strecke, keine Eventpunkte, nur wenige Zuschauer und irgendwie kaum etwas zu sehen außer Beton und Asphalt. Überwiegend sind Autofahrer die ständigen Begleiter der Läufer, mal nur auf der einen, mal auf beiden Seiten. Eine gewisse "Entschädigung" bieten dann die wenigen Schlusskilometer in der Danziger Innenstadt, die an wichtigen Sehenswürdigkeiten vorbeiführen und auf dem Prachtboulevard Langer Markt enden. Da zur Marathonzeit der berühmte Dominikanermarkt durchgeführt wird, ist die pulsierende Stadt mit Besuchern überfüllt. Vielleicht sind nur wenige wegen dem Lauf da, aber sie nehmen dieses zusätzliche Ereignis gerne mit und sorgen wenigstens hier für eine tolle Stimmung. Nach dem Zieleinlauf braucht man nicht lange zu warten, bis man eine Massagebank ergattert hat. Außerdem gibt es zur Stärkung eine gut mundende polnische Kartoffelsuppe als Gratisverspeisung.

Noch, nämlich bei Halbzeit, ist der Pole Christopher Zablocki (links) nicht verloren. Aber die beiden Kenianer Wycliffe Kipkorir Biwot (mitte) und Joel Maina Mwangi werden ihn später noch abhängen. Biwott wird siegen vor seinem Landsmann und dem tapferen Polen Vordere Plätze gingen an Läufer aus der Ukraine. Sergii Ukrainets (links) wird 4; Artem Piddubnuy landet auf 6

Bei dem, an der Größe der Stadt gemessenen, kleinen Teilnehmerfeld scheint es gar nicht nötig, so große und breite Straßen für die Route auszuwählen, deren wirklich vorbildliche Absperrung zudem großen Personalaufwand nötig macht. Alternativ stünde der Ostseeradweg als Laufkurs zur Verfügung, der bestens ausgebaut ist, ebenfalls von Gdynia über Sopot nach Danzig führt und eine hervorragende, maritime Landschaftskulisse für die Läufer böte. Zudem ist Sopot am Feiertag mit vielen Besuchern gesegnet, die sich sicher leicht auch für den Marathon begeistern ließen.

Kenia vorne

Gestartet wird der Marathon um 9:30 Uhr. Wer rechtzeitig zur Eröffnungszeremonie um 9:00 Uhr da sein will, sollte sich gegen 7:15 Uhr von Danzig auf den Weg nach Gdingen machen. Der Danziger Hauptbahnhof ist mit der Straßenbahn gut zu erreichen, die auch am Feiertag kurzgetaktet fährt. Von dort nimmt man die S-Bahn nach Gdingen, die im Rhythmus von zwanzig Minuten die beiden Städte verbindet. Die Fahrt dauert vierzig Minuten und kostet weniger als zwei Euro. Die Kleiderbeutel werden per Bus zum Ziel gebracht, die - Achtung - pünktlich um 8:45 Uhr abfahren. Vom Ziel wird vom Veranstalter ein Shuttlebus zurück nach Gdingen eingesetzt, für diejenigen, die dort ihre Unterkunft haben. Über diese organisatorischen Notwendigkeiten informiert die Veranstalterhomepage nicht immer ausreichend. Das Wichtigste lässt sich für ausländische Starter aber einer englischsprachigen Seite entnehmen. Man sollte sich aber als Teilnehmer etwas gründlicher in die Materie einfuchsen.

Die einzige verpflichtete Kenianerin, Ruth Chemisto Matebo, wird ihrer Favoritenrolle gerecht und bleibt als einzige Läuferin unter drei Stunden Rang 2 geht an die Ungarin Helén Csönge, die als Aufenthaltsort die kenianische Läufermetropole Eldoret angegeben hat Platz 3 ging an die Polin Malgorzata Mikolajek

Die Berichterstattung über die sportliche Seite des 22. Solidarnosc Marathons darf an dieser Stelle etwas verkürzt erscheinen, da die Namen der besten Akteure den LaufReport-Lesern kaum etwas sagen dürften. Bei den Männer bestimmte lange Zeit ein Trio das Renngeschehen, bestehend aus dem späteren kenianischen Sieger Wydcliffe Kipkorir Biwot (2:18:49h), seinem Landsmann Joel Maina Mwange (Vizemeister in 2:20:52h) und dem Polen Christopher Zablocki (3. in 2:21:38h). Erst nach der Halbzeit fiel der Pole etwas zurück, später auch der zweite kenianische Vertreter. Bei den Frauen sicherte sich die Kenianerin Ruth Chemisto Matebo in 2:54:34h den Sieg, gefolgt von der Ungarin Helén Csönge (3:09:10h) und der Polin Malgorzata Mikolajek in 3:12:50h. Die Streckenrekorde von 2:15:29h bzw. 2:41:38h blieben unangetastet.

Lag bei Halbzeit noch auf dem "Bronzerang", fiel später noch auf 4 in der Gesamtwertung zurück, gewann aber die Solidarnosc-Sonderwertung: Monika Brzozowska aus Polen Gemeinsame Sache machten die schnellsten Danziger Marathontwins: Malgorzata Tuwalska (links) als 5. mit Schwester Elzbieta als 6.

Im nur spärlich mit ausländischen Startern besetzten Feld machten die Deutschen mit 26 gemeldeten und 15 gefinishten Teilnehmern die größte Gruppe aus. Dass darunter vor allem Berliner waren, verwundert nicht, da es eine Direktverbindung mit dem Intercity von der deutschen Hauptstadt nach Danzig gibt. Überraschend aber, dass keine deutsche Läuferin überhaupt dabei war. Schnellster unter den Deutschen war Florian Albert (Frankfurter Wasserratten) als 117. in der Gesamtwertung in 3:38:17h, einen Platz vor Karsten Laborn (Comrunners Berlin) in 3:38:18h.

Fazit

Danzig und das Küstenumland sind unbedingt eine Reise wert, für die man sich durchaus drei bis sieben Tage Zeit nehmen sollte. Danzig ist fast ganzjährige die Bühne für Festivals, Konzertveranstaltungen, Kunst und Kultur und hat für alle viel zu bieten. Auch wenn die Strände der Ostsee nicht weit sind und unbedingt einen Besuch verdienen, ist die pulsierende Studentenstadt die Hauptattraktion eines solchen Kurzurlaubs.

Die Danziger Marathonstrecke ist insbesondere auf den ersten Kilometern recht wellig und hält am Schluss, wie hier zu sehen, noch einige hundert Meter Kopfsteinpflaster bereit Das Ziel liegt auf dem Langen Markt, direkt neben dem berühmten Neptunbrunnen. Der Danzig Marathon findet immer am 15. August, einem Feiertag (Maria Himmelfahrt), statt und kann auf einen Wochentag fallen. Dieses Jahr war es ein Montag
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Gelegenheit zur sportlichen Betätigung bietet für Läufer nicht nur der Solidarnosc Marathon, sondern auch weitere Laufveranstaltungen mit kürzeren Distanzen. Wer aber auf die Königsstrecke nicht verzichten möchte und wem der Trubel im polnischen Ferienmonat August wegen des Dominikanermarktes zu groß ist, der hat seit neuestem auch im Mai die Gelegenheit, die 42,2 Kilometer unter die Füße zu nehmen. Seit 2015 wird der Danziger PZU-Marathon angeboten, dessen Organisatoren unter anderem auch den erfolgreichen Warschau Marathon im September durchführen.

Bei der neuen Veranstaltung handelt es sich um einen Rundkurs, der im neuen Fußballstadion, das aus Anlass der Europameisterschaft 2012 erbaut wurde, startet und endet. Schon nach zwei Auflagen hat dieser Marathon mehr als doppelt so viele Finisher hervorgebracht, als sein älterer Konkurrent, ist beileibe aber nicht so historisch verankert als dieser.

Michael Schardt

Bericht Michael Schardt - Fotos Peter Strauß

Ergebnisse www.maratongdansk.home.pl

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Peter Strauß

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