22. bis 28.08.16 - Chamonix - 14. Ultra-Trail du Mont-Blanc

UTMB® Mont-Blanc

Wenn aus Laufen Leidenschaft wird, dann kann man viel mehr, als man glaubt!

Oder, wie kommt man non stop um den Mt. Blanc, auf 170 km Bergpfaden mit 10.000 Höhenmeter?

von Marion & Wolfgang Braun

Wer ein paar Samenkörner ausstreut, weiß im Allgemeinen, was er säht und was daraus entstehen wird. Aber als wir (Marion und Wolfgang Braun) vor 22 Jahren mit ein paar Kilometern Joggen begannen, hätten wir niemals, selbst im Traum nicht daran gedacht, was aus dieser Aussaat werden könnte.

Aus ein paar Kilometern wurden zweistellige Beträge - und nach drei Jahren war die Saat bereits zum Marathon herangereift. Neugierde und Grenzen überschreiten, das war schon immer unser Leitfaden und führte uns somit in die Welt über den Marathon hinaus.

Sechs Stunden am Stück laufen, das ging tatsächlich auch noch, und einmal im Dunstkreis der Ultraläufe eingehüllt, wurde die Neugierde mit 12- und 24-Stundenläufen weiter geweckt und schließlich gestillt.

Was die Sonne für den Pflanzenwuchs bedeutet, ist beim Laufen die Freude an diesem wunderbaren Sport.

Und wir hatten immer viel Freude, was uns zu weiteren Entdeckungen und immer häufiger zu Landschaftsläufen führte.

Die Leidenschaft zum Laufen war geweckt

Auch hier wurde die Messlatte nach anfänglichen "Schnupper-Trails", wie dem Alb Marathon (50 km), dem Rennsteig (73 km) oder dem Swiss Alpine (78 km), in Folge höher gelegt und neue Herausforderungen angegangen. Mit dem Zugspitz Ultra-Trail (100 km) oder dem Eiger Ultra-Trail (101 km) waren dann die Fährten ins Gebirge gelegt. Die Laufbegeisterung nahm (und nimmt bis heute) kein Ende.

Goldener Herbst beim Alb Marathon 2015 EigerTrail, die steile gefürchtete Moräne bei 80 km
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Das Läuferleben ließ uns aber immer wieder zu Veranstaltungen in der Ebene zurückkehren, damit die Muskulatur auch geschmeidig und flott blieb, so sind etliche flache 100 km- oder Stundenläufe in unserem Laufrepertoire zu finden.

Neugierde und Grenzerfahrung

Und irgendwann, ja irgendwann setzte sich dann ein Samenkorn fest, welches sich UTMB nannte und was auf so nahrhaftem Boden, wie dem unsrigen, bestens gedeihen konnte und was einen gedanklich dann nicht mehr los ließ. Je mehr wir uns damit auseinander setzten, desto größer wurde der Zauber um diesen magischen Lauf.

Was verbirgt sich denn nun hinter dem Zauberwort "UTMB"?

Es bedeutet "Ultra-Trail du Mont-Blanc" und es handelt sich um eine Laufveranstaltung, dessen Epizentrum in Chamonix in den Französischen Alpen liegt und deren 14. Ausgabe dieses Jahr, in die Woche vom 22. bis 28. August 2016 fiel. Erstmals 2003 ausgetragen, bei einer Streckenlänge von 150 km und gerade mal mit 67 LäuferInnen im Ziel, zählt der UTMB mit einer Streckenlänge, von mittlerweile 170 km und mehr als 10.000 zu überwindenden Höhenmetern im Auf- und im Abstieg, bei der das Massiv des Mont Blanc, entgegen dem Uhrzeigersinn, bei einem Zeitlimit von 46,5 Stunden umrundet wird, zu den anspruchsvollsten Berg-Ultramarathons weltweit.

Chamonix ist in dieser Woche das Mekka der Trailläufer aus aller Welt. Über 9000 LäuferInnen aus 87 Nationen bevölkern die Täler unterhalb des höchsten Berg Europas, dem Mont Blanc. Die Königsetappe ist der UTMB, wobei noch weitere Trailstrecken angeboten werden, wie die 119 km des TDS (Sur les Traces des Ducs de Savoie) oder die 101 km des CCC (Courmayeur - Champex - Chamonix). Oder zum Kennen lernen die 53 km des OCC (Orsieres - Champex - Chamonix) und der La Petite Trotte à Léon (PTL) eine 290 km Strecke, für Zweier- und Dreier-Teams, ohne Wettkampfcharakter.

Aller Anmeldung ist schwer

Ein Startvorhaben beim UTMB bedeutet fast drei Jahre lang Planung, denn es bedarf alleine für die Anmeldung, die im Dezember beginnt, des Nachweises von 3 Qualifikationsläufen, die innerhalb der letzten 2 Jahre absolviert werden müssen. Dabei handelt es sich um weltweit bewertete Trailläufe, die ca. um die 100 km Laufstrecke liegen.

Mit der Anmeldung beginnt der Nervenkitzel, denn die heiß begehrten 2300 zur Verfügung stehenden Startplätze werden mit Anfragen um das Doppelte überschritten, weswegen ein Losverfahren dann Mitte Januar über eine Teilnahme entscheidet. Wird man nicht gezogen, kann man es im nächsten Jahr wieder versuchen, vorausgesetzt man hat die Qualifikationsläufe der letzten zwei Jahre erfüllt. Zieht man abermals eine Niete, ist eine Teilnahme bei der dritten Anmeldung gewiss, allerdings immer vorausgesetzt, man erbringt den Nachweis der geforderten Qualifikationsläufe in den letzten zwei Jahren.

Da sich nun mal die grenzüberschreitenden Herausforderungen bei den "Braunis" (wie wir in Freundeskreisen genannt werden) immer um ein paar Jahre verschieben, gelang es Wolfgang bereits 2010 das Los des Glücklichen gezogen zu haben, als er eine Teilnahmeberechtigung beim UTMB erhielt. Doch "Glückslos" bedeutet nicht gleich "lauf los", denn eine massive Wetterverschlechterung führte seinerzeit dazu, dass der UTMB, drei Stunden nach dem Start, vom Veranstalter abgebrochen wurde. Die Sicherheit der Läufer geht vor, so lautet die Devise der Organisatoren.

Man kann viel mehr, als man glaubt

2013 war Wolfgang abermals mit Losglück am Start und es wurde ein fantastisches Lauferlebnis bei idealen Witterungsbedingungen, die ihn bei jedem Gedanken daran, immer wieder erneut in Verzückung versetzten. Bei diesem Lauf konnte Marion, dank eines sehr gut organisierten Shuttlebus-System des Veranstalters, die verschiedenen Versorgungsstationen an der Strecke erreichen und somit Wolfgang nicht nur beim Umziehen helfen, sondern auch moralisch unterstützen.

Dieses eindrückliche Erlebnis und die Schwärmerei von Wolfgang waren jedenfalls so nachhaltig, dass der Funke auf Marion übersprang und sie dass Anmeldeprocedere für einen UTMB-Start im Jahr 2015 auf sich nahm, jedoch dann bei der Verlosung eine Absage erhielt. Aller Enttäuschung zum Trotz absolvierte sie für die Anmeldung 2016 wiederum die Qualifikationsläufe und startete einen zweiten Versuch, der ihr dann endlich die lang ersehnte Startberechtigung erbrachte.

2016 wurde der Spieß umgedreht, Marion lief den UTMB und Wolfgang konnte die Eindrücke der Streckenbetreuung, die vom Veranstalter nur in besonders gekennzeichneten Zonen erlaubt ist, aufnehmen.

Die Herausforderung naht

Aber wenn schon einmal "Urlaub" in Chamonix, dann bot sich für Wolfgang der TDS (Sur les Traces des Ducs de Savoie, 119 km, 7250 Höhenmeter) an, startet dieser doch am Mittwochmorgen, den 24. August 2016 um 6 Uhr auf der italienischen Seite in Courmayeur, dass durch den Mont Blanc Tunnel in 45 min mit Shuttlebussen erreicht wird. Also rechtzeitig, um dann ab Freitag Marion beim UTMB zu betreuen.

Chamonix, wir kommen. Wir bezogen ein heimeliges B&B, am letzten Kilometer des UTMB gelegen, von wo es nur ein paar Schritte zur Abholung der Startunterlagen war. Das Abholen der Startunterlagen, mit Vorzeigen des fertig gepackten Rucksackes, ist ein weiterer Schritt im Procedere für die Teilnahme. Das ärztliche Attest wurde bereits im Vorfeld eingereicht. Nach dem Zufallsprinzip wurden verschiedene Dinge der Pflichtausrüstung, wie z.B. Mobiltelefon, Überlebensdecke, elastische Binde, Trillerpfeife, Regenhose, Regenjacke, lange Hose, langes Shirt, wasserdichte Handschuhe, Mütze, zwei Stirnlampen, zweimal Ersatzbatterien, Essensvorrat, mind. 1,5 Liter Wasser, die man stets mit sich führen muss, kontrolliert. Nach Unterschreiben der Ethikerklärung und Erhalt der Startnummer, wurde noch ein für jeden Lauf farblich unterschiedliches Band am Handgelenk verplombt.

Der TDS wird vom Veranstalter als schwerer eingestuft als der UTMB, ist aber wegen seiner "nur" 119 km eher überschaubar. Die Bergpfade sind von ihrer Beschaffenheit her unwegsamer, die Anstiege länger und steiler und die Verpflegungspunkte weiter voneinander entfernt.

Um es vorweg zu nehmen, Wolfgang schaffte es und bewältigte den TDS in 27:17:35 Stunden. Damit landete er auf dem 396. Rang von 1794 Startern und 1060 LäuferInnen im Ziel. In seiner Altersklasse kam er auf den 6. Rang. Unterwegs waren seine Gedanken dahin gerichtet, gut durchzukommen, da er Marion beim UTMB, einen Tag später über zwei Nächte und einen Tag zur Seite stehen wollte.

Er hat in den ersten Stunden nach dem Start um 6 Uhr noch die Morgenkühle genießen können, obwohl es gleich steil berauf ging und die Betriebstemperatur schnell in den roten Bereich kam, jedoch kein Vergleich mit dem, was der Tag noch bringen sollte. Nach den ersten 11 km auf dem Mont Favre (2409 m) um 8 Uhr war die Aussicht auf das Mont Blanc Massiv im ersten Morgenlicht einfach umwerfend und wurde noch einmal auf dem Col Chavanne (2584 m) übertroffen, wo Wolfgang um 9:39 Uhr nach 19,7 km registriert wurde. Die nächsten 9,5 km mit über 800 Höhenmeter hinunter nach Alpetta (29,2 km), an diesem wolkenlosen Tag, waren ein Vorgeschmack auf die Hitze die noch anstand.

Zu Mittag auf dem 2188 m hohen Col du Petit St. Bernard (36 km), waren es die Zuschauer, die den Läufern durch ihre Anfeuerungsrufe neue Kraft verliehen. Auf den nächsten 15 km mit über 1300 Höhenmetern ‚downhill' nach Bourg Saint-Maurice (51 km) stieg das Quecksilber mit jedem Meter Abstieg höher und kletterte auf gut über 30°C. Jede Kuhtränke war eine willkommene Abkühlung, doch die permanente Sonneneinstrahlung machte die Abkühlung schnell wieder zunichte.

14 Uhr in Bourg Saint Maurice (837 m) wurden die Läufer extra noch einmal darauf hingewiesen, auf eine gute Versorgung für den als nächstes anstehenden Streckenabschnitt zu achten. Es folgte der Härtetest und die Schlüsselstelle des Laufes, auf dem folgenden sehr steilen Aufstieg zum Passeur de Pralognan (2546 m) (62,2 km), bei dem fast 2000 Höhenmeter am Stück zu überwinden waren, wobei die Nachmittagsonne unaufhörlich in den Hang brannte. Viele Läufer kehrten im Berg um und gaben auf.

18:57 Uhr gab die Zeitmessung für Wolfgang auf dem Pralognan an. Die Tageshitze war nun endlich gebrochen, doch dafür sorgte der Abstieg an Kletterseilen und über Geröllfelder dafür, dass die Beinmuskulatur so richtig strapaziert wurde, bis es dann die letzten Kilometer zum großen Verpflegungspunkt in Cormet de Roselend (1976 m) bei 66,6 km gemächlicher zuging.

20 Uhr und somit 14 Stunden auf den Beinen. Die Nacht brach herein und damit änderte sich das Laufgeschehen. Keine überwältigenden Aussichten mehr, die ablenkten, sondern nur noch die auf den Sternenhimmel und auf den von der Stirnlampe ausgeleuchteten Boden. Allerhöchste Achtsamkeit ist erstes Gebot, will man nicht durch einen Sturz, der katastrophale Folgen haben könnte, das Aus herbeiführen. Trotzdem passiert es immer wieder, dass man anschlägt, stolpert, ausrutscht und einem so die Wachsamkeit wieder bewusst wird.

Beim Aufstieg von La Gitte (1665 m, 74,5 km) zum Col Est de la Gitte (2315 m, 78,4 km) bis hin zum Col Joly (1989 m, 85,6 km), wo ein großes Verpflegungszelt zum Auftanken bereit stand, und an den sich der 10 km lange Abstieg bis nach Les Contamines (1153 m, 95,4 km) anschloss, zeigten sich am frühen Morgen kurz vor 4 Uhr doch Ermüdungserscheinungen, die jetzt alles, was man an mentaler Kraft besaß, herausforderten. Denn es standen noch die beiden Steilanstiege zum Chalets du Truc (1721 m) und dem Col du Tricot (2126 m, 102 km) als letzte große Hürde an.

Der Morgen erwachte kurz vor 7 Uhr auf dem Col du Tricot, nach 24:40 h Laufzeit. Nach einer "Talfahrt" bis Bellevue (1800 m, 106,4 km) kam Chamonix in Sicht und noch einmal standen 800 Höhenmeter auf 5 km, Abschussfahrt bis Les Houches (111,2 km, 1008 m) auf dem Programm.

Die letzten 8 km bedeuteten dann, "nur noch" ablaufen und mit diesen Gedanken und der Gewissheit es gleich geschafft zu haben, genoss Wolfgang den letzten Kilometer durch die Haupt-Touristenstraße in Chamonix und saugte die Gratulationen der Respekt zollenden Zuschauer, nach dem Motto "heute hier und jetzt", wohlwollend in sich auf!

Im Zielbogen auf dem "Place du Triangle de l'Amitié" wurde Wolfgang von Marion in die Arme geschlossen, glücklich mit ihm, dass er es geschafft hatte und auch gleichzeitig daran denkend, dass sie in 32 Stunden hier stehen würde um ihr "großes Ding" zu bewerkstelligen.

Wolfgang im Ziel vom TDS In Chamonix Mont-Blanc kurz vor dem Start

Endlich geht es los!

Am 26. August 2016 ist es dann endlich soweit, bei hochsommerlichen 30°C, ist der zentrale Platz "Place du Triangle de l'Amitié" in Chamonix (1036 m) gefüllt mit 2556 Läufern, die alle aus demselben Grund hier sind, die Mont Blanc-Umrundung zu bezwingen. Und Marion Braun von der SV Germania Eicherscheid ist eine unter ihnen.

Sie erfüllt das Elite-Niveau nach den ITRA-Leistungsindizien, die auf der Grundlage einer Analyse der Leistungen von Tausenden von Läufen in der ganzen Welt erstellt wurde. Damit war sie berechtigt den Startbereich von vorne über die Startlinie betreten zu dürfen, in den für das Elitefeld reservierten Raum. Das erspart zwar die lange Wartezeit in der Enge des Startblockes, steigert aber die Aufregung, im Umfeld der geballten Eliteszene.

Die Spannung steigt ins Unermessliche unter den an den Absperrgittern wartenden Zuschauern. Familien und Freunde liegen sich in den Armen, es wird ein Abschied für zwei Tage und zwei Nächte. Hoffnung, Freude und Ungewissheit liegen in der Luft. Die verbleibende Zeit bis zum Start wird über Lautsprecher immer wieder verkündet. Nur noch zwei Minuten, die Klänge von Vangelis "Conquest of Paradise" erfüllen den Ort, viele Menschen haben Tränen in den Augen, eine Gänsehaut jagt die nächste. Dann endlich, 18 Uhr, der erlösende Startruf "gooooo" und wie eine Explosion rennen die Läufer los, als gäbe es kein Morgen mehr. Einen solch emotionalen Start gibt es nur hier, nur bei diesem Lauf, dem UTMB. Ein tobendes Zuschauermeer trägt die Läufer auf dem ersten Kilometer durch den Ort, immer wieder Umarmungen am Streckenrand, viele Läufer halten diesen Moment auf ihren Kameras fest. Es scheint, als würde der Läuferstrom kein Ende nehmen, erst nach 10 min geht der Letzte auf die Strecke.

Only one minute ... Start am 26.08.2016, 18:00 Uhr

Alles was zählt ist durchkommen, den Lauf erfolgreich beenden, denn die Vorbereitungen über viele Monate hinweg waren zu aufwendig und die psychische Belastung in den letzten Wochen und vor allem in den letzen Tagen taten ihr eigenes.

Marion hat es nun in ihren Händen, besser gesagt in ihren Beinen oder eigentlich im Kopf, denn der bestimmt, wie es weiter geht!

Sie wird später von unzähligen Erlebnissen und Eindrücken erzählen; wie die Masse losraste, als wäre es ein 10 km-Lauf und wie sie ständig überholt wurde und sie nach dem ersten Pass, dem Le Délevret (1739 m), bei 13,8 km, auf dem 903. Gesamtplatz registriert wurde.

Dann kam die erste Nacht und die ganz langen Anstiege, wie der Croix du Bonhomme (2439 m) und sie genoss den Sternenhimmel und die klare Luft, verglich die Lichterkette der tausenden Stirnlampen die sich die Berge hinauf und hinunter zogen, mit einem Lavastrom und manchmal war sie erschrocken über die hoch über ihr funkelnden Lichter, die ihr einen hohen Pass vorgaukelten, sich dann aber als Sterne entpuppten.

KM 8: Verpflegung in Les Houches KM 79: Verpflegung am Samstagmorgen um 9Uhr in Courmayeur

Wichtig waren die Verpflegungspunkte, feste Nahrung und Flüssigkeit sind die Grundlagen einer solchen Tour. Alle 5 bis 10 km werden die Läufer gescannt und ihre Zwischenzeiten direkt ins Internet eingegeben, so können die Angehörigen ihre Liebsten verfolgen und mit ihnen fiebern. Auf dem dritten Pass, dem Col de la Seigne (2516 m), Grenzübertritt nach Italien, nach 60 km in 10:36 h und dem folgenden Col des Pyramides Calcaires wurde Marion als 579. im Durchlauf notiert. Letzteren Pass wird sie verfluchen, denn über einen weglosen Geröllhang ging es steil bergab.

Das sie gut die Berge hoch kam, wird sie später berichten, aber auch dass sie Berg runter, selbst auf schwierigstem Gelände, im Kamikazelaufstil überholt wurde. Auf dem Arête Mont Favre (2409 m) war die Aussicht bei Sonneaufgang auf das unter ihr liegende, mit Wolken gefüllte Tal Val Veni und das sich daraus erhebende Mt. Blanc-Massiv so atemberaubend, dass sie für eine Weile stehen blieb, um den Moment zu verinnerlichen.

Kleiderbeutel Übergabe ... ... und Übernahme an Marion in Courmayeur bei km 79

Am nächsten Morgen in Courmayeur (1192 m) (79 km in 14:41 h) durften die Betreuer beim Wechsel der Kleidung behilflich sein. Ein strahlend blauer Himmel verkündete schon zeitig, dass es ein heißer Tag werden würde. Und spätestens beim Anstieg auf den Grand Col Ferret (2527 m), bei 100 km, mit Grenzübertritt in die Schweiz, war dies einem jedem Läufer bewusst. Die Liste der Abbrüche wies hier bereits 628 Läufer aus, während Marion nach 20:32 h den 448. Gesamtplatz belegte.

In der Nachmittagshitze ging es meist schattenlos bis zu dem an einem See gelegenen hübschen Bergdorf Champex-Lac (1481 m), bei 124 km. Nach knapp 25 Stunden traf sie dort gegen 19 Uhr ein. Bis auf ein paar dicke Blasen, die ihr Tageswerk kennzeichneten, war sie vor einsetzen der zweiten Nacht hoch motiviert, die restlichen drei Pässe und 46 km hinter sich zu bringen.

Anstieg nach Champex Lac, Samstagabend 19 Uhr Während die meisten gerade die erste Hälfte geschafft haben, ist der 1. Läufer im Ziel - 22:00:02h, Ludovic Pommeret (F)

Beim Einstieg in den nun folgenden Berg, der Bovine (1987 m), gegen 20:30 Uhr, kam das, was nicht hätte kommen müssen, ein Gewitter braute sich innerhalb von Minuten zusammen und überraschte die Läufer mit Einsetzen der Dunkelheit. Marion entschied sich mit anderen Läufern nicht weiter aufzusteigen und verblieb eine dreiviertel Stunde unter Büschen, während Blitz um Blitz zuckte und der Himmel seine Schleusen öffnete. Hier zeigte sich die dringende Notwendigkeit der Pflichtausrüstung, wie Regenjacke und Regenhose, die jetzt zum Einsatz kamen. Als es dann weiter ging, waren mittlerweile kleine Rinnsale zu Bächen angeschwollen und mit Vorsicht zu durchwaten und die Wege waren nur noch glitschige Schlammpfade, auf denen es ständig zu Ausrutschern und Stürzen kam.

KM 124: Verpflegung in Champex-Lac
... und weiter geht´s

Nach weiteren drei Stunden konnte die Regenkleidung wieder abgelegt werden und um Mitternacht, bei sternenklarem Himmel war Trient (1303 m) bei 140 km und 30 Stunden Laufzeit erreicht. Der Lauf ging nun in die Endphase, es wurde verdammt hart, Grenzerfahrungen werden gemacht, überall müde Augen, manche versuchen, eingehüllt in Decken, durch Schlaf neue Kräfte zu sammeln. Andere geben auf, haben ihre Nummer abgegeben und damit das Rennen beendet.

Abendstimmung in Champex-Lac KM 155: Col des Montets - Aufstieg zum Tete aux Vents, Sonntagmorgen 4Uhr

Marion hat den Willen und noch die Kraft weiterzumachen, auch wenn die Blasen ihr immer mehr zu schaffen machen. Nach weiteren 3 Stunden über den Catogne (2011 m) hat sie in Vallorcine (1263 m) (151 km) wieder französischen Boden erreicht. Nur noch ein Pass, der Tête aux Vents (2116 m), der es den Läufern mit seinem steilen, nicht Enden wollenden Anstieg noch einmal so richtig schwer macht und wo viele noch aussteigen. Die Bergspitzen des Mont Blanc-Massivs werden von den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages erleuchtet. Es wird wieder einen wunderschönen Tag geben, was die meisten Läufer jedoch nicht mehr registrieren. Sie wollen nur eines, endlich ankommen. Der letzte Abstieg, noch einmal 800 Höhenmeter auf 7 km, mörderisch steil und unwegsam, Marion wird dies als grauenhaftestes Stück in Erinnerung bleiben.

Doch als sie dann auf dem letzten Kilometer durch Chamonix eilt, kommen die Lebensgeister zurück. Der Gedanke, es gleich geschafft zu haben, bringt sie wieder in den Laufschritt.

Chamonix an der L´Arve morgens um 8Uhr - noch 1km
... und hier nur noch 500m bis ins Ziel

Trotz der frühmorgendlichen Sonntagsstunde hat es viele Zuschauer an die Strecke gelockt und sie begleiten Marion mit einem vielstimmigem "BON Courage" und "Chapeau" durch Chamonix. Da ist es, dieses Gefühl, warum man sich an ein solches Experiment heranwagt und es durchsteht, dieses unbeschreibliche Gefühl, das man nicht in Worte fassen kann, wo alle Anstrengungen plötzlich abfallen, Freudentränen kullern und man nicht will, dass die letzten Meter zu Ende gehen, weil, ja weil der Traum, den Mont Blanc non stopp zu umrunden, gleich vorbei ist.

Marion im Ziel, nach 38:08:44 h Stefan Henscheid mit Tochter freut sich nach 44:45:57 h als 1099. Mann im Ziel

Auch wenn der erste Mann (Ludovic Pommeret 22:00:02 h) schon seit 16 Stunden und die erste Frau (Caroline Chaverot 25:15:40 h) seit 13 Stunden im Ziel sind, wird hier jeder im Ziel gefeiert. Mit einer Zeit von 33:08:44 h hat Marion den 2. Rang in der Altersklasse V2F (50-59 Jahre) erreicht, ist 34. Frau und gleichzeitig älteste Teilnehmerin von 131 Frauen im Ziel und liegt auf dem 397. Gesamtplatz von 1468 Läufern im Ziel. 1088 Läufer von 2556 Läufern am Start, haben aufgegeben oder wurden wegen Zeitüberschreitung an diversen Kontrollstellen aus dem Rennen genommen.

Zieleinlauf mit traditioneller Begleitung UTMB® Mont-Blanc - geschafft Siegerehrung der V2H/F, (v.l.) Armin Bernard (D) 2. in 30:33:24h, Marion Braun (D) 2. in 38:08:44h, Ildiko Wermerscher (H) 1. in 29:13:56h, Jay Aldous (USA) 1. in 27:04:59h
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Nach einer wohlverdienten Dusche, einem Stundenschlaf, denn mehr wollte der aufgewühlte Körper nicht, nach Versorgung der Blasen, dem Applaudieren für die noch ankommenden Läufer, die emotionale Siegerehrung unter den Hintergrundklängen von "Conquest of Paradise", die man nie mehr vergisst. Da war sie sich sicher, genau das war es!

Ein ganz besonderes emotionales Ereignis lässt bei der Siegerehrung noch einmal die Begeisterung bei den Zuschauern aufbrausen, als die letzte Läuferin nach 46:42 h ins Ziel kommt und sie dann vom Sieger und der Siegerin des UTMB empfangen und durch ein Spalier in der Menschenmenge auf die Bühne begleitet wird. Genau solche Gesten prägen den einmaligen Ruf des UTMB. Jeder ist ein Sieger!

Bericht und Fotos von Marion & Wolfgang Braun

Informationen utmbmontblanc.com/de

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