1. Marathon Baie des Chaleurs Carleton-sur-Mer
Kanada (2.6.13)

Viel Wärme an der
"Bucht der Wärme"

von Ralf Klink

Nein, gemeint ist mit dieser Überschrift nicht das Wetter. Das könnte sich für einen Juni-Marathon nämlich kaum ungemütlicher präsentieren als bei der Erstauflage des Rennens im kleinen kanadischen Städtchen Carleton-sur-Mer. Pünktlich zum Start geht der bis dahin noch leichte Regen in einen ziemlich heftigen Guss über, so dass man bei Temperaturen um fünf Grad das Signal zum Loslaufen regelrecht herbei sehnt, um sich zumindest selbst ein bisschen aufwärmen zu können.

Und auch wenn die Niederschläge später aufhören, wird die Marke von zehn Grad erst nach der Mittagszeit gekratzt. Überschritten wird sie allerdings nicht. "Warm" fühlt sich diesbezüglich eindeutig anders an. Die Formulierung bezieht sich vielmehr auf die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen, denen man bei jener ziemlich überschaubaren Marathonveranstaltung in einer ziemlich entlegenen Ecke Québecs begegnen kann.

Südlich des in diesem Bereich schon fast einhundert Kilometer breiten Mündungstrichters des Sankt-Lorenz-Stromes ragt der auf drei Seiten von Wasser umgebene Südostzipfel der Provinz in den Atlantik hinaus.

"Gaspésie" nennt man diese Halbinsel nach ihrem Hauptort Gaspé. Dieser ist seinerseits vermutlich wieder von einem Begriff aus der Sprache des in dieser Region ansässigen Volkes der Mi'kmaq abgeleitet. Er lautet "gespeg" und bedeutet angeblich etwas Ähnliches wie "Ende der Welt".

Die Halbinsel Gaspésie im südöstlichsten Zipfel der Provinz Québec, auf der man den Marathon Baie-des-Chaleurs veranstaltet, bietet ihren Besuchern ziemlich viel Natur Wie die stark an die französische Trikolore erinnernde Flagge zeigt, zählt man sich in ihrem südliche Teil mit dem Start- und Zielort Carleton-sur-Mar bereits zur Region Akadien
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Selbst wenn diese unter den Sprachforschern keineswegs vollkommen unumstrittene Herleitung dann doch nicht stimmen sollte, wäre sie zumindest gut erfunden und enthielte irgendwie ein Fünkchen Wahrheit. Obwohl sich Kanada im Südosten mit den sogenannten Seeprovinzen New Brunswick, Nova Scotia und Prince Edward Island noch ein ganzes Stück weiter fortsetzt, liegt die Region bereits ziemlich abseits der großen städtischen Zentren des Landes und ist auch verkehrstechnisch nicht unbedingt gut zu erreichen.

Je nachdem, wie man die Grenzen nun genau absteckt, erstreckt sich die Gaspésie auf etwa zweihundert Kilometer Länge und einhundert Kilometer Breite über eine Fläche, die ungefähr so groß wie Belgien ist. Doch kaum hunderttausend Einwohner verteilen sich über Halbinsel. Genauer gesagt tun sie dies eigentlich nur entlang der Küste. Denn das Landesinnere ist im wahrsten Wortsinne nahezu vollkommen unbewohnt.

Dort ragen als Verlängerung und Endpunkt des aus den USA herauf kommenden Appalachen-Gebirges Berge mit dem in europäischen Ohren eher niedlich klingenden Namen "Monts Chic-Chocs" auf. Doch sind diese ganz im Gegensatz zur drolligen Bezeichnung nicht etwa sanft sondern oft ziemlich schroff und haben in höheren Lagen zum Teil sogar eindeutig alpinen Charakter.

Mehr als zwei Dutzend Gipfel übertreffen die Marke von tausend Metern. Und im Mont Jacques-Cartier erreichen sie eine Höhe von 1268 m. Abgesehen von den noch vierhundert Meter weiter nach oben reichenden Torngat Mountains, die ganz im Norden an der Grenze von Québec und Labrador aus dem Eismeer heraus wachsen, geht es im gesamten Osten des kanadischen Festlandes nicht weiter hinauf.

Auf einem Landstreifen zwischen mehreren hundert Meter hohen Bergen und einer durch zwei Sandbänke gebildeten Lagune liegt das kleine Städtchen

Im Norden und Osten reichen sie oft bis direkt an die Küste heran, fallen dort steil ab und lassen den kleinen Fischerorten nur wenig Platz in den eher seltenen Buchten. Im Süden sind die Übergänge zwischen Berg und Meer dagegen meist sanfter und deutlich weniger spektakulär. Ein nur noch leicht welliger Landstreifen leitet dort hinunter zur Baie des Chaleurs, die sich als geschwungenes "V" zwischen Québec und das südlich anschließende New Brunswick hinein zwängt.

Ein wenig dichter als auf der Nordseite der Gaspésie ist dort die Besiedlung. Wie Perlen an der Schnur reihen sich die Ortschaften am Ufer der Bucht auf. Jedoch täuschen die vielen auf der Karte verzeichneten Namen über die tatsächliche Bevölkerungsdichte hinweg. Meist verbergen sich dahinter nämlich kaum mehr als zwei oder drei parallel zum Ufer verlaufenden Straßen mit loser Bebauung. Carleton-sur-Mer zählt mit seinen nur ungefähr viertausend Einwohnern nämlich schon zu den mit Abstand größten Gemeinden an der Baie des Chaleurs.

"Bucht der Wärme" - eigentlich ist es ja sogar die Pluralform "Bucht der Wärmen" - hat sie Jacques Cartier getauft, der in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des sechzehnten Jahrhunderts auf mehreren Enddeckungsfahrten den Osten Kanadas erkundete und als Besitztum des französischen König reklamierte. Doch auf die örtlichen Gegebenheiten ziemlich passende Beschreibungen in alten isländischen Sagas lassen vermuten, dass bereits fünfhundert Jahre zuvor Wikingerboote an ihren Stränden anlandeten.

Selbst wenn seine Benennung natürlich eher auf einem momentanen Eindruck als auf langfristigen Wetterdaten beruhte, lag Cartier damit nicht wirklich daneben. Denn durch die Chic-Chocs einigermaßen geschützt vor den kalten Winden aus der Arktis, besitzt praktisch kein Abschnitt der kanadischen Ostküste ein milderes Klima. Und im Hinblick auf die Wassertemperaturen muss man am Atlantik sogar bis in die amerikanischen Südstaaten hinunter wandern, um vergleichbare Werte zu entdecken.

Der wohl markanteste Punkt der ganzen Gaspésie-Halbinsel findet sich in ihrer südöstlichen Ecke beim kleinen Städtchen Percé

Wenn Kanadier zu einem Badeurlaub im eigenen Land aufbrechen wollen, dann ist die Baie des Chaleurs - im Englischen in der Regel zwar offiziell unter "Chaleur Bay" kartiert, im normalen Sprachgebrauch allerdings angepasst an die französische Grammatik trotzdem häufig "Bay of Chaleur" genannt - zumeist ihre erste Wahl. Doch als "überlaufen" kann man die Region deswegen noch lange nicht bezeichnen.

Von einer Ansammlung unzähliger Bettenburgen, wie man sie am Mittelmeer oft vorfindet, ist die touristische Infrastruktur auf jeden Fall meilenweit entfernt. Vielmehr ist die Zahl der Unterkünfte für eine Feriengegend sogar ziemlich überschaubar. Neben einigen wenigen Hotels sind es hauptsächlich kleine Pensionen, in denen man rund um die Bucht übernachten kann. Selbst jene Nordamerika-Touristen gut bekannten Motel-Ketten, die sonst fast überall eine ihrer Herbergen postiert haben, machen sich ziemlich rar.

Wie in den Nachbarorten geht es deswegen dann auch in Carleton-sur-Mer eher beschaulich zu. Dem Leben fehlt jede großstädtische Hektik. Und auch kaum jemand vermisst sie wohl. Man kennt sich im Städtchen und findet bei fast jeder Begegnung die Zeit, ein paar zusätzliche Worte miteinander zu wechseln. Immer wieder lässt sich beobachten, dass es unter solchen Vorrausetzungen beinahe leichter ist, eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen und die dafür nötigen Helfer zu finden, als in unpersönlichen Metropolen.

Es muss nur einer anfangen und die Sache in die Hand nehmen. In Carleton-sur-Mer war dieser jemand Mario Moses, ein aus dem Städtchen stammender Mittvierziger, der selbst gelegentlich die Schuhe für Laufwettbewerbe schnürt. Die auf der - nur in Französisch gehaltenen - Internetseite nachzulesende und ziemlich amüsante Entstehungsgeschichte dieser Premiere betont allerdings, dass der eigentlichen Ausgangspunkt für den neuen Marathon dessen nun vierzehnjähriger Sohn Antoine gewesen sei.

Zwanzigmal war bis zum vergangen Jahr jenseits der Bucht in Charlo in New Brunswick - oder besser in Nouveau Brunswick, da es sich um den größtenteils französischsprachigen Teil der ganz offiziell zweisprachigen Provinz handelt - ein fast genauso, nämlich "Marathon de la Baie des Chaleurs" heißender Lauf veranstaltet worden. Dann habe die Organisatorin Jeannita Caron während einer Ansprache ganz offiziell verkündet, dass es sich um die letzte Austragung handeln würde.

Direkt danach hätte Antoine, der mit seiner kompletten Familie an der über ein breites Streckenangebot verfügenden Veranstaltung dabei war, sie gefragt, ob es denn schwer sei, einen Marathon auszurichten, denn vielleicht könne es ja sein Vater übernehmen. Man kam miteinander ins Gespräch und tatsächlich reifte die Idee, auf die gegenüber liegende Seite der Baie des Chaleurs umzuziehen und dort wie bisher am ersten Juni-Wochenende weiter zu machen.

Gleich am nächsten Tag wurde Alphonse Boudreau, der schon einige Marathons in den Beinen habenden Inhaber eines Sportgeschäftes in Carleton von Moses gefragt, ob er bereit wäre, als Sponsor des Laufes einzusteigen. Und als dieser einwilligte, stand der Veranstaltung kaum noch etwas im Wege. Denn aus den örtlichen Läufern war schnell ein Organisationsteam zusammen gestellt. In kleineren Gemeinden geht eben manches einfacher.

Schroff ragt der lange, aber ziemlich schmale Rocher Percé fast hundert Meter senkrecht aus dem Wasser

Und Jeannita Caron und ihr Mann Alain ließen sich unter diesen Voraussetzungen natürlich ebenfalls gerne einbinden, um ihre langjährigen Erfahrungen an die neue Mannschaft weiter zu geben. Allerdings setzt man trotz vieler Ansatzpunkte mit der Nummerierung dann doch nicht beim Vorgänger auf, sondern beginnt lieber als komplett neue Veranstaltung mit der "première édition du marathon Baie-des-Chaleurs."

Das Konzept, neben dem namensgebenden Marathon auch noch die gesamte übrige Palette der gängigen Laufwettbewerbe - nämlich Halbmarathon, zehn und fünf Kilometer sowie einen Schülerlauf über einen Kilometer - anzubieten, wurde dagegen übernommen. Denn bei meist nur zwanzig bis dreißig Teilnehmern auf der langen Strecke, hätte sich der Aufwand kaum gelohnt. Und mit viel mehr kann auch Mario Moses auf der anderen Seite der Bucht nicht rechnen.

Von insgesamt etwa dreihundert Läufern seien er und seine Mannschaft bei ihren Planungen ausgegangen, berichtet der neue OK-Chef vor dem Rennen nicht ohne ein gewisses Grinsen im Gesicht. Und nun wären mehr als tausend Meldungen eingetroffen. So einen enormen Erfolg hätte sich niemand von ihnen auch nur im Entferntesten erträumt. Beim Blick auf die Karte ist diese Aussage absolut nachvollziehbar. Denn nicht nur in der Gaspésie leben wenige Menschen. Auch jenseits der Bucht in New Brunswick ist die Besiedlung nicht wirklich dichter.

Zwar stammen etliche der Teilnehmer an der Premiere auch von dort und die Herkunftsorte im Läuferfeld verteilen sich deswegen auf zwei Provinzen. Doch da hüben wie drüben der Grenze Französisch als Sprache dominiert, sind fast alle Aktiven "Canadiens francophones". Ein Blick in die Startliste zeigt bereits im Vorfeld, dass sich dort nur ganz wenige englisch klingende Namen entdecken lassen.

Als Mitte März dann plötzlich eine Meldung aus Deutschland eingeht, ist man bei der Organisationsmannschaft deswegen auch weit mehr als nur ein bisschen überrascht. Dass die weltweite Erreichbarkeit des eigenen Internetauftrittes tatsächlich eine Wirkung auf der anderen Seite des Atlantiks haben könnte, damit hat von ihnen absolut niemand gerechnet.

Der unverwechselbare Felsen mit dem Loch in der Mitte ist nicht nur das Wahrzeichen der gesamten Halbinsel, vermutlich wird auch im Osten Kanadas abgesehen von den Niagara-Fällen kein natürliches Objekt häufiger fotografiert

Doch die Reaktion - und da lassen sich eben die Unterschied von kleinen Veranstaltungen zu anonymen Großereignissen erkennen, bei denen alles einfach nur automatisch weiter verarbeitet wird - erfolgt prompt. Nur wenige Stunden nach dem Ausfüllen und Abschicken der "inscription" ist im elektronischen Briefkasten bereits eine persönlich gehaltene Antwortmail aus Kanada eingegangen.

Maryse Tremblay, die beim Marathon Baie-des-Chaleurs für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, begrüßt den neu gemeldeten Teilnehmer aus Übersee nicht ohne einen gewissen Stolz und erkundigt sich selbstverständlich, wieso man denn ausgerechnet auf ihren Lauf gekommen wäre. Einige Mails wandern über den großen Teich hin und her. Und irgendwie wird dabei schnell klar, dass die Begrüßung in Carleton-sur-Mer wohl doch etwas anders ausfallen wird als bei einem zahlenmäßig wesentlich stärker besetzten Rennen in einer Großstadt.

Doch erst einmal muss man überhaupt dorthin kommen. Und das stellt sich bei genauerem Hinsehen als eine durchaus längere Angelegenheit heraus. Der Weg über den Atlantik ist dabei eigentlich sogar noch der leichtere Part. Denn von Montréal, wo es den am nächsten gelegenen regelmäßig aus Europa angeflogenen Flughafen gibt, sind es über achthundert Straßenkilometer bis ins kleine Städtchen an der Bucht der Wärme.

Und von Québec, das mit seiner knappen Million Menschen und als Hauptstadt der gleichnamigen Provinz zumindest ans nationale Flugnetz ausgezeichnet angebunden ist, muss man immerhin noch fast sechshundert Kilometer fahren. Doch während man beim Zurücklegen einer solchen Distanz in Europa oft gleich mehrere Länder durchqueren könnte, bewegt man sich in Kanada damit noch immer nur in einem kleinen Streifen einer einzigen Provinz - auch wenn es sich dabei zumindest um die Größte unter ihnen handelt.

Menschenleer ist die Gaspésie abseits der Küste, die einzige Straße die sie durchquert, führt mehr als hundert Kilometer lang durch nahezu völlig unbesiedelte Wälder

Selbst um die nächsten kleinen Regionalflughäfen in Gaspé, Mont-Joli oder Bathurst, die am Tag nur wenige Male mit kleinen Maschinen angesteuert werden, zu erreichen, sitzt man von Carleton-sur-Mer schließlich zwei bis drei Stunden hinter dem Lenkrad. Bis zu den nächsten wirklich etwas größeren Städten Rimouski in Québec oder Moncton und Fredericton in New Brunswick - alle drei übrigens einerseits mit eigenem Marathon, andererseits mit deutlich weniger als hunderttausend Bewohner nach deutschen Maßstab auch keine echten Großstädte - ist es sogar noch weiter.

Jedenfalls ist das Maß für Entfernungen ein völlig anderes. Und man muss einiges an Zeit mitbringen. All den verhinderten Rennfahrern, die glauben, es könne doch nicht so schwer sein, die Distanz nach Montréal oder zumindest Québec in ein paar Stunden herunter zu spulen, sei gesagt, dass zum einen selbst auf Autobahnen ein Tempolimit von einhundert gilt und zum anderen die nächste Auffahrt ohnehin mehrere hundert Kilometer entfernt ist.

Die "Autoroute 20", mit der zumindest die nordwestliche Gaspésie irgendwann einmal an die Metropolen angebunden werden soll, ist längst noch nicht überall fertig gestellt. Und auch dort, wo sie bereits befahren werden kann, hat man sie zwar überall kreuzungsfrei, aber zum Teil - insbesondere je weiter sie sich von den städtischen Zentren entfernt - abgesehen von kurzen Überholstellen eben nur zweispurig ausgebaut.

Doch eigentlich wäre es auch fast schon ein Frevel, nur wegen einer Laufveranstaltung einen kurzen Abstecher zur Gaspésie zu machen und ihr dann gleich wieder den Rücken zu kehren. Viel eher sollte man sich ganz langsam um die Halbinsel herum tasten und auch einmal eine Abstecher ins Innere machen. Schließlich hat die Region dem Besucher einiges an landschaftlicher Schönheit und Vielfalt bieten.

So wird ein immerhin achthundert Quadratkilometer umfassender Bereich rund um die höchsten Gipfel der Monts Chic-Chocs durch den "Parc national de la Gaspésie" geschützt und trotzdem gleichzeitig auch erschlossen. Von wild schäumenden Bächen und Flüssen zwischen dichten Wäldern führt eine Reihe von Wanderwegen durch mehrere Vegetationszonen bis hinauf zu den kahlen Hochflächen über der Tausend-Meter-Marke.

Über die komplette Halbinsel ziehen sich die Monts Chic-Chocs als nordöstlichste Ausläufer der Appalachen

Der Name "Nationalpark" täuscht allerdings ein wenig. Denn nicht etwa die Naturschutzbehörde der kanadischen Bundesregierung ist für ihn zuständig. Das Gebiet unter der Verwaltung der Provinz Québec. In jedem anderen Landesteil würde es nur "Provincial Park" genannt. Doch versteht man sich in Québec eben als eigene Nation im kanadischen Staatsverband. Inzwischen ist diese Formulierung sogar von Parlament Kanadas anerkannt worden.

Natürlich schwingen bei einer solchen Aussage bei vielen Québecois auch separatistische Komponenten mit. Und immer wieder kommt das Thema der vollständigen staatlichen Unabhängigkeit auf den Tisch. Doch hat man in Kanada auch vom objektiv keineswegs eindeutig zu definierenden Begriff der "Nation" ein vielleicht etwas anderes Verständnis als hierzulande. Denn die indigenen Völker, die man in den USA weiterhin "Indianer" nennt, werden zum Beispiel ein Stück weiter im Norden gelegenen Nachbarland als "First Nations" bezeichnet.

In der nordöstlichsten Ecke der Gaspésie dehnt sich unweit der Stadt Gaspé nicht minder spektakulär der "Forillon National Park" aus. Für ihn ist nun tatsächlich "Parks Canada" und nicht die "Sepaq" - die "Société des établissements de plein air du Québec" - zuständig. Seine beeindruckenden Steilküsten sind die letzten Ausläufer des Appalachen-Gebirges, die an dieser Stelle endgültig im Meer verschwinden.

Der wohl markanteste Punkt der ganzen Halbinsel findet sich allerdings etwas weiter südlich, wo die Küstenlinie am kleinen Städtchen Percé wieder zurück nach Westen abdreht. Schroff ragt dort der lange, aber ziemlich schmale Rocher Percé fast hundert Meter senkrecht aus dem Wasser. Bei Ebbe gibt der Atlantik eine Sandbank frei über die das kurze Stück hinüber zum Felsen auch zu Fuß zu bewältigen ist.

Als wäre seine Form nicht schon auffällig genug, hat der riesige Kalkstein-Block in der Mitte auch noch ein rund zwanzig Meter hohes Loch, das von Wellen in ihn hinein geschlagen wurde. Es gibt dem Rocher Percé und indirekt damit der Stadt auch den Namen, denn "percé" bedeutet "durchbohrt". Der unverwechselbare Felsen ist nicht nur so etwas wie das Wahrzeichen für die gesamte Halbinsel. Vermutlich wird auch im Osten Kanadas abgesehen von den Niagara-Fällen kein natürliches Objekt häufiger fotografiert.

Die im Gaspésie-Nationalpark geschützten höchsten Gipfel des Gebirges haben fast schon alpinen Charakter

Wer ein wenig früher angereist ist, erlebt die Baie des Chaleurs noch bei Temperaturen, die man angesichts des Namens der Bucht im Juni erwarten kann. Über zwanzig Grad zeigt das Thermometer am Freitag. Und so sitzen die Helfer, von denen die Startunterlagen verteilt werden, dann auch mit kurzen Ärmeln und zum Teil sogar mit kurzen Hosen im Sportgeschäft von Alphonse Boudreau.

Im Gegensatz zu den sonstigen Gepflogenheiten, bei denen die Verkäufer von Laufartikeln ihre Stände am Veranstaltungsort des jeweiligen Rennens aufbauen, ist in Carleton-sur-Mer der Marathon nämlich zum Sponsor gekommen. Die Lösung ist zwar ungewöhnlich, aber gar nicht einmal schlecht. Denn der Laden liegt ziemlich zentral im eigentlichen Kern der entlang der Küste weit verteilten Ortschaft, die angesichts ihrer Größe zudem vermutlich ansonsten nicht gerade vor geeigneten Räumlichkeiten strotzt.

Parkplätze sind rundherum auch genug vorhanden, so dass selbst bei etwas größerem Ansturm kein Verkehrschaos ausbricht. Doch versucht man die Verteilung ohnehin über einen möglichst langen Zeitraum zu strecken. Bereits eine komplette Woche vor dem Start der Läufe beginnt man nämlich damit. Und auch die ganzen Tage dazwischen kann man das Geschäft aufsuchen, um seine Nummer dort in Empfang zu nehmen.

Teilnehmer aus Carleton sowie allen Nachbarorten "de New Richmond à Nouvelle" werden sogar ausdrücklich gebeten, diese Möglichkeit am besten schon bis Donnerstag zu nutzen. Am "vendredi" und "samedi" seinen schließlich "les coureurs et coureuses de l'extérieur" im Ort angekommen, weshalb es dann zu Verzögerungen kommen könnte. Es sieht so aus, als ob man damit durchaus auf das erbetene Verständnis getroffen wäre. Denn am Freitagabend haben alle Anwesenden ihren Umschlag innerhalb weniger Minuten in der Hand.

Dazu gibt es als Ausnahme von der in Nordamerika ziemlich üblichen Regel diesmal kein T-Shirt. Man hat sich auf Seiten der Organisatoren für ein Kopf- und Halstuch mit dem Logo des Marathons als zusätzliches Geschenk an die Teilnehmer entschieden. Auch dann, wenn man die Schränke noch nicht bis obenhin mit Lauftrikots vollsitzen hat, ist das eine durchaus gute Alternative.

Und angesichts eines Startgeldes von fünfundvierzig kanadischen Dollar - also kaum fünfunddreißig Euro - für den die längste Strecke und gerade einmal fünfzehn für die fünf Kilometer kann sich sowieso niemand über fehlende Gegenleistungen beklagen. Für alle Distanzen werden im Ziel schließlich auch noch Medaillen verteilt. In den letzten vier Wochen vor dem Rennen wird die Marathon-Gebühr zwar auf sechzig Dollar erhöht, doch selbst das ist nicht unbedingt überzogen.

Auf den Wanderwegen durch den Park lässt sich kanadische Wildnis wie aus dem Bilderbuch erleben

Zumindest in einem Fall geht die Verteilung der Unterlagen für Organisationschef Mario Moses dann allerdings ein bisschen zu schnell. Denn eigentlich hätte er den Gast von der anderen Seite des Atlantiks gerne schon an der Startnummernausgabe persönlich begrüßt. Doch obwohl er an diesem Freitag sehr wohl anwesend ist, muss er sich einen Moment zu lange mit etwas anderem beschäftigen, um dieses Vorhaben auch wirklich in die Tat umzusetzen. Der Zufall will allerdings, dass er am nächsten Tag dann doch noch die Gelegenheit dazu hat.

Denn gerade als der Chef mit dem Auto zu einer Kontrollfahrt aufbrechen will und dazu eine der bereits aufgebauten Absperrungen bei Seite schiebt, läuft man sich über den Weg, weil der Gelegenheitsschreiber aus Übersee genau in diesem Moment am Start- und Zielgelände ankommt, das er zur Vorbereitung auf seinen Bericht schon einmal inspizieren möchte. Es ist durchaus bezeichnend für die ziemlich familiäre Atmosphäre der Veranstaltung, dass die Initiative für die kurze Unterhaltung dabei von Moses ausgeht.

Er hat den Teilnehmer mit der weitesten Anreise nämlich erkannt und spricht ihn an, nicht umgekehrt. An die Frage, ob er nicht "l'Allemand" sei, kann dieser sich dabei gleich einmal gewöhnen. Sie wird in den nächsten vierundzwanzig Stunden noch öfter gestellt werden. Er sei "l'organisateur du marathon" stellt Mario sich vor. Und dann schiebt der Marathonorganisator gleich noch die Bitte um Entschuldigung nach, dass es am Tag davor nicht gleich reagiert habe.

Für das Wetter kann zwar er nichts. Aber sein Bedauern darüber gibt er ebenfalls zum Ausdruck. Denn nachdem es am Abend zu regnen angefangen hatte, sind die Temperaturen über Nacht um mehr als zehn Grad abgestürzt. Das Thermometer verharrt im einstelligen Bereich und soll über das ganze Wochenende die Zehn-Grad-Marke nicht übertreffen. Immerhin ist es, nachdem es am Morgen noch ziemlich gegossen hatte, in diesem Augenblick trocken. Allerdings sind die Vorhersagen auch in dieser Hinsicht keineswegs vielversprechend.

Zum Laufen seien solche Bedingungen dann aber doch gar nicht so schlecht, meint der Marathonleiter. Zum Teil ist er wohl tatsächlich davon überzeugt, doch andererseits klingt es auch ein bisschen beschwörend. Nun ja, sicher sind solche Quecksilber-Werte wesentlich besser als eine Hitzeschlacht. Aber das eine oder andere Grad könnte vielleicht doch noch mehr auf den Anzeigen stehen, um es nicht gar zu unangenehm zu machen.

Das Gespräch verläuft übrigens auf Französisch. Und inzwischen auch der Begleiter von Moses aus dem Auto gestiegen und hat sich dazu gesellt. Er könne nämlich noch etwas besser Englisch und wolle im Bedarfsfall beim Übersetzen helfen. Man ist zwar in Kanada, aber eben in Québec und dann auch noch in einem ziemlich abgelegen Winkel der Provinz. Es ist eine Region, in der neun Zehntel der Bevölkerung praktisch ausschließlich mit Französisch aufwachsen.

Im kleinen Städtchen Carleton-sur-Mer freut man sich unverkennbar über den Marathon Eher ungewöhnlich ist die Startnummernausgabe in einem Sportgeschäft

Englisch wird dagegen - wie hierzulande auch - maximal als Fremdsprache erlernt. Doch im normalen Leben spielt es praktisch keine Rolle. Von einer echten Zweisprachigkeit, die man - trotz aller auch dort manchmal existierender Konflikte zwischen den beiden Gruppen - zum Beispiel in den Großräumen Montréal oder Ottawa erleben kann, ist die Gaspésie ziemlich weit entfernt.

Andererseits muss man als Tourist allerdings keine Bedenken haben, dass man ohne tiefgreifende Französisch-Kenntnisse nicht durchkäme. Denn natürlich lässt sich in Hotels, Restaurant oder Souvenirgeschäften das Wichtigste auch auf Englisch erledigen. Gerade weil die Frankokanadier es von den "Anglos" aus den anderen Provinzen nicht unbedingt gewöhnt sind, kann man zudem schon gewaltigen Eindruck schinden, indem man das einbringt, was vom Schulfranzösisch noch hängen geblieben ist.

Ein wenig einhören muss man sich jedoch sogar dann, wenn man diese Sprache eigentlich ganz gut beherrscht. Denn das in Kanada benutzte Französisch unterscheidet sich recht deutlich von dem im einstigen Mutterland. Die Ansager im Fernsehen und Radio lassen sich durchaus noch verstehen, orientiert sich die bei offiziellen Gelegenheiten benutzte, manchmal scherzhaft tatsächlich "français de Radio-Canada" genannte Form, zumindest bei der Aussprache doch weitgehend am europäischen Standard.

Nur bei der Wortwahl weicht man gelegentlich etwas ab. Ein schönes und irgendwie passendes Beispiel dafür ist der in Kanada - zumindest auf Warnschildern am Straßenrand - ziemlich häufig vorkommende Elch. Während man in einem Zoobesuch in Frankreich für diesen größten aller Hirsche ein "élan" auf der Erläuterungstafel lesen könnte, heißt er in seiner kanadischen Heimat nämlich "orignal".

Aber schon bei Interviews kann man die Antworten oft erst beim zweiten Hinhören überhaupt als Französisch erkennen. Mit dem Verstehen wird es noch deutlich schwieriger. Und was man bei Gesprächen von Kanadiern untereinander aufschnappen kann, lässt vermutlich selbst Franzosen gelegentlich nur noch mit den Schultern zucken. Die lange Trennung hat dafür gesorgt, dass sich beide Varianten noch deutlich weiter auseinander entwickelt haben als britisches und amerikanisches Englisch.

Ähnlich wie die meisten Schweizer vom für Uneingeweihte kaum verständlichen Schwizerdütsch bei Kontakt mit Fremden in ein nur noch leicht mundartlich gefärbtes Deutsch hinüber wechseln können, sind auch viele Frankokanadier im Bedarfsfall durchaus in der Lage, gegenüber Europäern eine von deren Sprachgewohnheiten weit weniger abweichende Form des Französischen zu benutzen. Doch empfinden sie dieses - genau wie die Eidgenossen das Hochdeutsche - ansonsten meist als ziemlich gestelzt und wenig natürlich.

Da die meisten Siedler aus dem Nordwesten Frankreichs nach Québec kamen und sich einiges aus den dortigen Mundarten auch in der neuen Welt jenseits des Atlantiks gehalten hat, tun sich aber Bewohner der Normandie oder der Picardie etwas leichter mit dem "Québecois" - das seinerseits wieder in eine Reihe etwas unterschiedlicher Dialekte zerfällt - als die Großstädter aus Paris oder Südfranzosen vom Mittelmeer.

Doch spricht man an der Baie des Chaleurs - auch am zur Provinz Québec gehörenden Nordufer - keineswegs dieses "Québecer Französisch". Was einem in dieser Region auf der Straße, im Geschäft oder dem Café zu Ohren kommt, klingt selbst für den Laien irgendwie völlig anders. Es gibt nämlich noch eine weitere klar davon zu trennende Sprachform des Französischen in Kanada - das "Akadische", das seinerseits die Québecer manchmal ebenfalls vor erhebliche Probleme stellt.

Schon am Tag vor dem Start sind alle Markierungen vorhanden

Die "acadiens", von denen etwa vierhunderttausend im Süden der Gaspésie sowie in den Atlantikprovinzen New Brunswick, Nova Scotia und Prince Edward Island leben, habe ihre ganz eigene Identität. Sie unterscheiden sich nicht nur sprachlich sondern - selbst aus europäischem Blickwinkel eigentlich nicht deutlich wird - auch kulturell von der weitaus zahlreicheren, ebenfalls französisch sprechenden Nachbarschaft im Norden und Westen.

Vor allen Dingen besitzen sie aber eine ganz eigene, zum Teil völlig andere Geschichte. Denn schon bald nachdem die ersten französischen Niederlassungen entstanden waren, unterschied man in "Neufrankreich" die beiden Kolonien "Canada" rund um den Sankt-Lorenz-Strom und die großen Seen sowie "Acadie" am Atlantik, die neben den schon genannten Gebieten auch noch große Teile des heutigen US-Staates Maine umfasste.

Die Herkunft der Bezeichnung wird unter Historikern und Linguisten noch immer diskutiert. Entweder geht sie auf einen indianischen Begriff zurück oder aber auf den Entdecker Giovanni da Verrazano, der die amerikanische Ostküste im sechzehnten Jahrhundert in französischen Auftrag erkundete und in einem Reisebericht eine Halbinsel mit dem griechischen "Arkadien" verglichen hatte. Vermutlich dürfte damit aber eher die Delmarva-Peninsula im Süden des heutigen Philadelphia gemeint gewesen sein.

Wegen seiner strategischen Bedeutung - zwischen der nordöstlichen Spitze der Region bei Cape Breton Island und der Insel Neufundland verengt sich die Cabotstraße als wichtigste Zufahrt zum Sankt-Lorenz-Strom auf nur noch gut einhundert Kilometer - war Akadien praktisch von Anfang an zwischen den um die Vorherrschaft über Nordamerika ringenden Briten und Franzosen umstritten. Nachdem beide Seiten in der Region Siedlungen gegründet hatten, wechselten die offiziellen Besitzverhältnisse gleich mehrfach.

Jedes Mal, wenn die beiden Rivalen in Europa wieder aneinander gerieten, gingen auch dort die Kämpfe erneut los. Deshalb könnte man zum Beispiel den Pfälzischer Erbfolgekrieg oder den Spanischer Erbfolgekrieg, an denen der nicht gerade friedliebende "Sonnenkönig" Ludwig XIV sich genauso beteiligte wie seine englisch-schottischen Kontrahenten Wilhelm III. und Anne, zumindest wegen der Schauplätze auf verschiedenen Kontinenten durchaus beinahe schon als "Weltkriege" bezeichnen.

Mit dem Frieden von Utrecht mussten die Franzosen 1713 den Festlandsteil der heutigen Provinz Nova Scotia, wo sich die meisten Siedlungen Akadiens befanden, endgültig an das zwischenzeitlich auch formal vereinigte "Königreich Großbritannien" abtreten. Die Übergabe der damals "Île Royale" genannte Insel von Cape Breton und damit den Verlust der Kontrolle über den Sankt-Lorenz-Strom konnte man allerdings noch einmal verhindern.

Doch die französischen Kolonisten der Region fanden sich nun unter britischer Herrschaft und damit irgendwie zwischen den Stühlen wieder. Denn zum einen fürchteten die neuen Herren natürlich nicht ganz zu Unrecht, dass sich die Akadier beim nächsten Konflikt auf die französische Seite schlagen und ihnen in den Rücken fallen könnten. Andererseits hätte der von ihnen verlangte Treueschwur bedeutet, im Zweifelsfall sogar unter dem Union Jack kämpfen zu müssen.

Und dazu, die fruchtbare Heimat zu verlassen, um in die auch weiterhin französischen Gebiete überzusiedeln und dort komplett neu anzufangen, konnten sich auch nur wenige aufraffen. Mit einem ständig wiederholten Bekenntnis zur strikten Neutralität ließen sich die Briten zumindest erst einmal zufrieden stellen, was allerdings auch der Tatsache geschuldet war, dass Nordamerika in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts einige einigermaßen friedliche Jahrzehnte vergönnt waren.

Im größten Hotel des Ortes wird für die Läufer auch eine Nudelparty angeboten Der Parc Germain-Deslauriers dient als Start- und Zielgelände und bietet für die nötigen Aufbauten mehr als genug Platz Sogar einige Tribünen hat man dort am Zieleinlauf postiert

Als der Konflikt aber mit wieder aufbrach, gerieten auch die Akadier erneut ins Blickfeld. Der Österreichische Erbfolgekrieg- dessen von 1744 bis 1748 ausgefochtener nordamerikanischer Teil in der angelsächsischen Geschichtschreibung meist "King George's War", in der französischen in der Weiterzählung der beiden Vorgänger "troisième Guerre intercoloniale" genannt wird - ließ erst einmal alles beim Alten, da sich die weltweiten Eroberungen beider Seiten ausglichen und man anschließend alles einfach wieder zurück tauschte.

Doch schon 1754 stand der nächste Waffengang an, der vom späteren Sieger "French and Indian War", vom Verlierer dagegen "Guerre de la Conquête" - auf Deutsch "Krieg der Eroberung" - genannt wird. Auch hierbei gibt es natürlich eine europäische Entsprechung. Der Siebenjährige Krieg zwischen Preußen und Österreich begann allerdings erst zwei Jahre später. Um das Durcheinander der Bezeichnungen noch zu erhöhen, kategorisiert man in den USA allerdings zum Teil auch alle vier genannten Kriege unter "French and Indian Wars".

Jedenfalls kämpften neben regulären Truppen schon bei den ersten Gefechten auf beiden Seiten auch Siedler-Milizen. Und deswegen verlangten die Briten nun schärfer als je zuvor von den Akadiern die Ablegung eines Eides auf den König. Als diese erneut ablehnten, wurde von den Briten der Beschluss gefasst, alle französischen Kolonisten im eigenen Herrschaftsgebiet festzunehmen und in weiter südlich gelegene Gebiete zu deportieren. Viele tausend Menschen wurden so verschleppt und weit verstreut.

Etliche von ihnen zog es anschließend weiter ins noch französische Louisiana, wo ihre Nachfahren heute in einer völlig anderen Landschaft und einem anderen Klima als in den kanadischen Atlantikprovinzen leben. Der - hauptsächlich aufgrund der ganz speziellen Küche auch hierzulande ein wenig bekannte - Begriff "Cajun", mit dem auch Bevölkerungsgruppe, Kultur und der weiterhin gesprochene französische Dialekt dort belegt werden, belegt diese Herkunft. Er ist nämlich nur die amerikanische Verballhornung von "Acadien".

Die gewaltsame Vertreibung bildet ein kollektives Trauma der Akadier und ist gleichzeitig eine Klammer, die sie zusammen hält. Und sie bildet auch einen grundlegenden Unterschied zu den "Canadiens" im großen Rest von Québec und Teilen von Ontario. Denn nachdem der letzte britisch-französische Krieg mit der Abtretung ganz Kanadas geendet hatte, erhielten diese eine weit weniger strenge Behandlung.

Da der sich mehr als ein Jahrhundert hinziehenden Machtkampf nun eine Entscheidung gefunden hatte, sämtliche französischen Truppen und Beamten abgezogen waren, ging nur von den Siedlern keine echte Bedrohung für die mehr neuen Herren aus. Also ließ man sie bald am langen Zügel laufen. Ihr katholischer Glaube und ihre Sprache wurden offiziell zugelassen. Die Entscheidung sollte sich bereits wenig später auszahlen.

Denn als ein gutes Jahrzehnt danach die Amerikaner gegen den britischen König rebellierten und ihre Unabhängig erklärten, schlossen sich die "Canadiens français" - ein Begriff, der auch heute noch weit enger gefasst ist als das schon wegen fehlender Übersetzungsvarianten ins Deutsche auf den ersten Blick ziemlich gleiche "Canadiens francophones" und tatsächlich nur die Nachkommen der französischen Siedler im "klassischen Kanada" an Fleuve Saint Laurent und Großen Seen meint - keineswegs dem Aufstand an, sondern standen auf Seiten der Krone.

Bereits kurz nach den Friedensschluss 1763 kamen aber auch die ersten Akadier in die alte Heimat zurück. Und in den folgenden Jahrzehnten wuchs die Zahl der Rückkehrer Zahl ständig. Im früheren Kernland, dem heutigen Nova Scotia und im kleinen Prince Edward Island stellen sie heute wieder etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung. In Neubraunschweig - denn "Brunswick" bedeutet nichts anderes und ist so benannt, weil der britische König auch Herzog von Braunschweig-Lüneburg war - sind es sogar mehr als ein Drittel.

Organisationsleiter Mario Moses klärt kurz vor dem Rennen noch letzte Details mit den für die Streckensicherung zuständigen Ordnungshütern Maryse Tremblay, in der Marathonmannschaft für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, hat einen ganz speziellen Gruß für den einzigen Gast aus Übersee vorbereitet Ziemlich übersichtlich ist das nur etwas mehr als dreißig Läufer umfassende Marathonfeld, auf den kürzeren Distanzen werden dagegen jeweils mehrere hundert Teilnehmer antreten

Jedenfalls sieht sich Carleton-sur-Mer eindeutig als Bestandteil Akadiens. Das lässt sich schon dadurch erkennen, dass vor dem Rathaus neben dem kanadischen Ahornblatt nicht etwa das für Québec stehende blaue Tuch mit Kreuz und Lilien an den Fahnenmasten flattert, wie fast überall sonst in der Provinz sondern eine Flagge, die der französischen Trikolore im ersten Moment zum Verwechseln ähnlich ist. Auf den zweiten Blick erkennt man allerdings den gelben Stern links oben, der sie seit weit mehr als hundert Jahren zum Symbol der Akadier macht.

Das "Hôtel de Ville" des Städtchens befindet sich direkt oberhalb des Start- und Zielgeländes auf einer kleinen Erhebung, die das Zentrum von Carleton-sur-Mer beherbergt. Die Läufer beginnen und beenden ihr Rennen dagegen im "Parc Germain-Deslauriers", der mit Fußballplatz und Spielgeräten an der "Promenade des Acadiens" fast direkt auf Meereshöhe liegt und durchaus ausreichenden Raum für die benötigten Aufbauten bietet.

Dass es sich bei der Wasserfläche wirklich um die Baie des Chaleurs handelt und nicht um einen See lässt sich allerdings nur mit Mühe erahnen. Denn zwei lange schmale Nehrungen lassen nur einen engen Durchlass, der die rund einen Quadratkilometer umfassende Lagune mit der "Bucht der Wärme" verbindet. "Barachois" nennt man diese Landschaftsform, von der es an der kanadischen Atlantikküste noch wesentlich größere Exemplare gibt, im Akadischen. Ursprünglich ist der Begriff allerdings Baskisch, heißt "barratxoa" und bedeutet "kleine Sandbank".

Auf der Spitze von einer "banc de sable" sitzt ein kleiner Leuchtturm. Er wird für die Starter der längeren drei Distanzen die Wendemarke darstellen. Nur die Fünf-Kilometer-Läufer und die Kinder kommen nicht so weit, weil sie bereits früher umdrehen. Der Streckenplan sieht nämlich für alle Läufe recht ähnlich und auch ziemlich einfach aus. Die Kurse führen mehr oder weniger immer geradeaus, bis man ausreichen Kilometer zusammen hat und dann auch über genau die gleichen Straßen zurück.

Auf den kürzeren Wettbewerbe sind dabei die Wege in Carleton rund um den Barachois vollkommen ausreichend. Für Halbmarathon und Marathon geht es dagegen zu Anfang des Rennens erst einmal auf der anderen Seite aus dem Städtchen hinaus. Nach einer Zielpassage bildet der "phare" auf der Sandbank für diese beiden Läufe dann noch einen zweiten Umkehrpunkt.

Im Abstand von jeweils zehn Minuten sollen die einzelnen Rennen in absteigender Streckenlänge sortiert gestartet werden, beginnend um halb neun mit dem Marathon und um neun Uhr endend mit dem Fünfer. Nur der ein Kilometer lange Lauf der Kinder fällt ein wenig aus der Reihe, denn für die Jüngsten geht es im - nach einem früheren Bürgermeister benannten - Park erst um elf Uhr los.

Selbst wenn man in Carleton-sur-Mer oder einem der Nachbarorte übernachtet hat, ist die Veranstaltung eindeutig nichts für Langschläfer. Für alle, die erst am Wettkampfmorgen anreisen, endet die Nacht noch viel früher. Dabei kann der Wecker durchaus schon einmal um drei oder vier Uhr klingeln. Schließlich muss man die weitaus größeren Entfernungen berücksichtigen, die es in Kanada zu überbrücken gilt.

Einen Kilometer lang bleibt die Strecke am Ufer der im akadischen Dialekt "Barachois" genannten Lagune … ... dann biegt sie auf die Hauptstraße von Carleton ein

Vom schon genannten Percé im Osten der Halbinsel wäre man zum Beispiel über zwei Stunden unterwegs, vom Hauptort Gaspé wie erwähnt noch eine halbe Stunde länger. Und obwohl unweit von Carleton die einzige direkte Straßenverbindung, die quer durch die "péninsule gaspésienne" zur Nordküste existiert, auf die Baie des Chaleurs trifft, sind die Fahrzeiten vom dort gelegenen Sainte-Anne-des-Monts keineswegs geringer.

Die unter anderem durch den Gaspésie-Nationalpark führende, durchaus kurvige und bergige Strecke ist alleine nämlich schon hundertvierzig Kilometer lang und führt zudem praktisch ausschließlich durch nahezu unbesiedelte Wälder. Wenn man sie befahren will, sollte man darauf achten, die Fahrt mit ausreichend Benzin zu beginnen. Ein Verkehrsschild hinter Sainte-Anne-des-Monts erinnert ausdrücklich daran, dass von dort bis zur nächsten Tankstelle - in Europa kaum vorstellbar - weit über hundert Kilometer zurück zu legen sind.

Wer aus Nouveau Brunswick herüber kommt, hat zwar in der Regel auch keine wirklich kürzere Anfahrt, aber dennoch gewissen einen Zeitvorteil. Denn obwohl die Grenze zwischen dieser Provinz und Québec mehr oder weniger genau in Ost-West-Richtung verläuft gehört sie einer anderen Zeitzone an. Die Neubrauschweiger haben bereits eine Stunde mehr auf der Uhr. Und halb neun in Carleton-sur-Mer bedeutet nach ihrem Zeitempfinden deshalb ein selbst bei hundert oder mehr nötigen Autokilometern wesentlich erträglicheres halb zehn.

Für alle, die dagegen schon vor Ort sind, hat man sich im Städtchen selbst auch abseits des eigentlichen Wettkampfortes ganz gut auf die Startzeiten eingestellt. So verkünden die Marathonorganisatoren unter anderem, dass alle "restos"- gemeint sind Restaurants - im Ort bereits ab sechs Uhr morgens geöffnet hätten. Eines würde sogar bereits um halb fünf Gäste einlassen.

In Nordamerika ist es nämlich ziemlich üblich, dass es in den Unterkünften kein Frühstück gibt. Und wenn man tatsächlich doch etwas bekommen sollte, dann handelt es sich fast immer um ein "continental breakfast", das kaum mehr als Kaffee, Toastbrot und Bagels, Cornflakes aus der Tüte sowie Marmelade und "cream cheese" - anscheinend auf dem gesamten Kontinent überhaupt nur von einer einzigen Firma produziert - in kleinen Einzelpäckchen umfasst.

Serviert wird das Ganze dann in einem Raum, der meist den Charme einer großen Küche besitzt und in dem selbstverständlich ein Fernseher mit einer der üblichen Morgenshows läuft. Dort füllt sich seinen Kaffee in einen Schaumstoffbecher, lädt alles, was man sonst noch braucht, auf Pappteller und greift sich dazu ein Plastikbesteck. Mit einem Frühstücksbuffet, wie man ihn aus Europa kennt, hat das ziemlich wenig zu tun. Und Müllvermeidung geht sowieso eindeutig anders.

Wer dieses Angebot nicht hat oder es nicht wahrnehmen will, begibt sich auch am Morgen in ein Restaurant - zum Teil allerdings direkt an ein Hotel angeschlossen - und wählt dort von der eigens vorhandenen Frühstückskarte. Die andere Alternative, eine Filiale einer der überall im Land ziemlich gleich aussehenden Kaffeeketten aufzusuchen, entfällt sowohl in Carleton-sur-Mer wie auch in den Nachbarorten mangels Existenz.

Was man bestellen kann, hat allerdings ziemlich wenig mit dem einzelnen Croissant zu tun, der in Frankreich so oft als Frühstück ausreichen soll. Neben Pfannkuchen mit Ahornsirup für die Süßmäuler kommen da nämlich auch im französischsprachigen Teil des Landes nach bester angelsächsischer Tradition Eier, Speck und Würstchen auf den Teller. Da ist es eigentlich auch kein Wunder, dass man in Kanada auf das "petit", das die Franzosen irgendwann einmal dem Wörtchen "déjeuner" hinzugefügt haben, auch weiterhin verzichtet.

Selbst wenn den Frankokanadiern von einigen Anglos vorgehalten wird, viel zu "französisch" zu sein, kann man als Europäer davon eigentlich nichts bemerken. Mit Baseballkappen, Holzfällerhemden und Arbeitsstiefeln sowie dem Pickup auf dem Parkplatz sehen die Canadiens oder Akadiens, denen man morgens in Frühstücksrestaurants begegnet, auch nicht anders aus als ihre Englisch sprechenden Landsleute.

Bei Kilometer zwei biegt der Marathonkurs noch einmal zu einem kurzen Abstecher in ein Wohngebiet direkt am Wasser ab

Optisch lässt sich zwischen Ontario und Québec jedenfalls kaum ein Unterschied feststellen. Einzig die Beschriftungen der obligatorischen Werbe-Schilder sind im Zweifelsfall ein bisschen anders. Dafür sorgen schon die strengen Québecer Sprachgesetze, die nicht nur Französisch zur einzigen Amtssprache der Provinz machen, sondern auch vorschreiben, dass es überall sonst - ob bei Reklamezetteln oder Packungsaufdrucken - an führender Stelle stehen muss.

Die Position ist durchaus ein wenig nachvollziehbar. Schließlich galt Französisch lange als "minderwertig" und wurde, obwohl etwa ein Viertel der kanadischen Bevölkerung es als Muttersprache besitzt, erst 1969 offiziell zur zweiten Landessprache erklärt. Gerade in den Prärie- und Gebirgsprovinzen im Westen mit ihrem geringen Anteil an Frankokanadiern ist die offizielle Zweisprachigkeit aller kanadischen Bundesbehörden auch weiterhin umstritten, gilt als überflüssig und teuer.

Andererseits schießen die Québecer Regelungen in ihrer Rigorosität manchmal wohl doch etwas über das Ziel hinaus. Dass bei der kanadischsten aller Coffee-Shop-Ketten "Tim Hortons" unter dem Namen in Québec "toujours frais" steht und nicht "always fresh" wie im Rest von Kanada, ist eigentlich sogar ganz sympathisch. Warum aber ein amerikanischer Hähnchenbrater, der überall auf der Welt - also auch in Frankreich - die Abkürzung "KFC" im Logo hat, unbedingt unter dem Kürzel "PFK" - "Poulet frit à la Kentucky" - auftreten muss, lässt sich nur noch schwer verstehen.

Nicht nur bei den früheren Öffnungszeiten für das "déjeuner" zeigt sich, dass die Laufveranstaltung im sonst doch eher - im positiven Sinne - verschlafenen Städtchen große Aufmerksamkeit erfährt. In mehreren Schaufenstern werden die Teilnehmer zum Beispiel auch mit großen Buchstaben an den Scheiben in Carleton-sur-Mer begrüßt. Und im größten Hotel des Ortes - ebenfalls ein Sponsor - wird für die Läufer eine Nudelparty, ein "buffet de pâtes" angeboten.

Als die ersten Läufer am Sonntagmorgen ihr Frühstück hinter sich gebracht haben und sich am Park einfinden, ist das Wetter - wie von den Fachleuten in allen Medien schon Tage zuvor angedroht - tatsächlich eher ungemütlich. Tief hängen die Wolken über dem Meer. Und sie verdecken deswegen auf der anderen Seite, der Landseite natürlich auch die Kuppen der Berge, die ansonsten das Bild durchaus stärker prägen.

Es regnet nicht unbedingt, nur ein leichtes Nieseln lässt sich ab und zu bemerken, während alle die ihre Nummern bisher noch nicht abgeholt haben, diese nach und nach an einem einfachen Pavillonzelt auf dem Fußballfeld in Empfang nehmen. Doch die Temperaturen bewegen sich im mittleren einstelligen Bereich. Dick eingepackt sind viele der Ankommenden. Und man entdeckt Anfang Juni sogar die eine oder andere Wintermütze.

Andere Regionen der riesigen Provinz Québec vermelden ebenfalls Regen. Doch nirgendwo ist er so unangenehm wie in der Gaspésie. Weiter im Westen sind die Niederschläge weit wärmer. Denn in den großen Metropolen Montréal und Québec gehen an diesem Wochenende schwere Gewitter nieder. Die "Tour de l'Île de Montréal", bei am gleichen Tag fünfundzwanzigtausend Hobbyradler bis zu hundert Kilometer lang in die Pedale treten, findet jedenfalls mir Warnung vor heftigen "orages" statt.

Auch Mario Moses trägt der Kälte wegen Handschuhe. Und er muss damit so manche andere Hand schütteln. Denn natürlich hat der Chef an diesem Morgen eine ganze Reihe von Leuten persönlich zu begrüßen. Honoratioren, Zeitnehmer, Helfer und die vielen persönlich bekannten Läufer, die nach und nach zur Teilnahme eintreffen. Dazwischen spricht er wegen der Absperrungen letzte Details mit der Polizei ab und schaut dann wieder ganz am anderen Ende des Platzes nach dem Rechten.

Auf dem fünften Kilometer wartet die längste Steigung der Strecke auf die Läufer, rund fünfzig Höhenmeter müssen dabei erklettert werden Alain Caron hat zusammen mit seiner Frau zwanzig Jahre lang auf der anderen Seite der Bucht einen Marathon organisiert, nun läuft er beim Nachfolger mit Startnr. 1

Vieles ist vermutlich gar nicht nötig. Das meiste ist längst vorbereitet, Organisationteam und Helfer kennen ihre Aufgaben und scheinen extrem gut zu harmonieren. Doch selbstverständlich sind alle vor der Premiere des neuen Laufes ein wenig nervös. Trotzdem findet Moses natürlich die Zeit, auch mit dem einzigen Europäer im Starterfeld wieder ein paar freundliche Worte zu wechseln. Die bisher nur aus Mails bekannte Maryse Tremblay stellt sich ebenfalls von. Wie einige andere stapft die "Pressesprecherin" in Gummistiefeln über den ziemlich nassen Rasen.

Es ergeben sich in der Folge noch etliche weitere Gespräche. Schließlich hat sich nicht nur im engeren Kreis der Marathonmacher längst herum gesprochen, dass ein "Allemand" gemeldet hat. Und man freut sich anscheinend wirklich darüber. So mancher sagt da zumindest mal hallo und wünscht "bonne course" - also einen guten Lauf. Und wer vor dem Rennen nicht dazu gekommen ist, fragt hinterher nach, wie es denn gewesen sei. Bis zum Ende der Veranstaltung hat man jedenfalls ziemlich jeden aus dem "comité du Marathon Baie-des-Chaleurs" kennengelernt.

Mit Alphonse Boudreau, dem Sportgeschäftsinhaber, dauert die Unterhaltung etwas länger. Er ist nämlich nicht nur Sponsor, er will beim Marathon in seiner Heimat selbst antreten und zum zehnten Mal die Distanz bewältigen. Da kann man - wenn auch wegen nicht immer vorhandenen Vokabulars manchmal etwas mühsam - über den anstehenden Wettbewerb diskutieren. Das läuft in Kanada, Québec und Akadien aber nicht viel anders ab als hierzulande. Fragen wie "wie schnell willst du denn laufen?" oder "was hältst du vom Wetter?" kennt man weltweit.

David Comeau begrüßt, obwohl man sich gerade zum ersten Mal sieht, den Gast aus Übersee gleich mit dem Vornamen und beinahe schon wie einen alten Freund. Und tatsächlich zeigen die Ergebnislisten, dass man sich vor zwei Jahren in Montréal schon einmal im selben Rennen befand und sogar die eine oder andere Zwischenzeit gar nicht so weit auseinander liegt - natürlich ohne sich angesichts der dort weit größeren Teilnehmerzahl wirklich zu begegnen.

Eigentlich gehört der Achtunddreißigjährige zum Organisationsteam, trotzdem findet er aber ebenfalls Zeit den Heimmarathon unter die Füße zu nehmen. Genau das gleiche gilt für Lynne Bourdages. Die Ehefrau von Mario Moses will allerdings in Carleton zum ersten Mal über eine so lange Distanz laufen.

Alain Caron hat da schon wesentlich mehr Erfahrung. Denn schon den von seiner Frau und ihm ausgerichteten Marathon auf der anderen Seite der Bucht hatte er stets selbst mitgelaufen - und sogar schon gewonnen. Insgesamt hat er die zweiundvierzig Kilometer bereits rund zweihundertmal im Wettkampf bewältigt. Nun tritt er natürlich ebenfalls wieder an der Linie, um die Serie auch bei der Nachfolgeveranstaltung fortzuführen. Man hat ihm die Startnummer "1" reserviert.

So sind neben dem Sponsor auch gleich drei der zehn Personen, die sich Monate zuvor als Planungsgruppe der Presse vorgestellt hatten, beim längsten Rennen dabei. Mehr als ein Zehntel des ziemlich übersichtlichen, da nur etwas mehr als dreißig Läufer umfassenden Marathonfeldes, kommt schon einmal alleine aus dem eigenen Dunstkreis. Doch kann man - eventuell bedingt auch durch einen gewissen Neugier-Effekt - trotzdem einige Teilnehmer mehr am Start begrüßen, als in den letzten Jahren bei der Vorgängerveranstaltung in Charlo dabei waren.

Das von den Ausrichtern bei fünfzig Startern angesetzte Meldelimit ist also eigentlich recht nahe an der späteren Realität gewählt. Doch warum sie es überhaupt festgelegt haben, ist nicht ganz nachzuvollziehen. Gerade beim Marathon, bei dem sich die Läufer im Laufe des Rennens weit auseinander ziehen, wäre es eigentlich nicht im geringsten störend, ja vielleicht sogar wünschenswert, wenn noch der eine oder andere Aspirant zusätzlich mit auf die Strecke ginge.

Magalie Hardy gewinnt als Gesamtfünfte im Halbmarathon die Frauenwertung mit großem Abstand Pascal Thibodeau (links) wird bei den Männern Zweiter hinter dem Sieger Benoit Poirier (in schwarz), Sebastien Hetu (rechts) und Benoit Yves Theriault landen auf den Rängen fünf und sechs Während die Halbmarathonläufer zu ihrem Wendepunkt noch einmal kurz abbiegen müssen, führt die Marathonstrecke weitere geradeaus

Auch bei allen weiteren Wettbewerben ist der Meldungseingang gedeckelt. Doch sind die Werte mit zweihundertfünfzig bei Halbmarathon, vierhundert beim Zehner und dreihundert beim Fünfer deutlich höher angesetzt. Je geringer die Streckenlänge umso besser werden die Kontingente dabei ausgeschöpft. Etwa hundertfünfzig Halbmarathonis stehen nämlich weit über dreihundert Sportler über zehn Kilometer gegenüber. Und auf der kürzesten Distanz ist man zu neunzig Prozent ausgebucht.

Die Marathonis werden eher wenig von diesen weit größeren Läuferzahlen mitbekommen. Durch die Startzeitenstaffelung gibt es eigentlich nur zwei Berührungspunkte. Während nämlich die Langsameren unter ihnen gerade soeben von der Spitze der Halbmarathonläufer eingeholt werden, bevor diese ihren ersten Umkehrpunkt erreichen, sehen andererseits die Schnellsten beim Hinauslaufen zum Leuchtturm nur noch den Schwanz dieses Feldes von der zweiten Wendeschleife zurück kommen. Fünfer und Zehner sind da schon komplett abgewickelt.

Bevor die Langstreckler sich bei strömendem Regen und mit leichter Verzögerung auf ihre ersten Meter begeben, hat Maryse Tremblay noch eine ganz besondere Überraschung parat. Kurz vor dem Startsignal hält sie nämlich ein großes Pappschild nach oben, das eigens für den Gast aus Übersee in deutscher Sprache beschriftet ist. Den ziemlich geheimen Geheimtipp - schließlich dürfte kaum jemand der anderen Umstehenden den Text verstehen - beim Marathon immer schön einen Fuß vor den anderen zu setzen, befolgt man natürlich gerne.

Den ersten Kilometer verläuft die Stecke über die Promenade des Acadiens am Ufer des "Barachois" entlang, dann biegt sie, dort wo die kürzere der beiden Nehrungen ans Festland stößt, auf die Hauptstraße von Carleton ein. Doch dreht man dem eigentlichen Ortskern auf der kleinen Anhöhe oberhalb des Parks dabei den Rücken zu und läuft vorbei an einigen Hotels und Motels aus dem Städtchen hinaus.

Dabei ist man weiterhin praktisch direkt am Wasser unterwegs, bei dem es sich nun allerdings um die deutlich weitere "Bucht der Wärme" handelt. Die - durch den Regen allerdings ziemlich getrübte - Aussicht bleibt auch, als der Kurs bei Kilometer zwei die Hauptstraße noch einmal verlässt und einen kurzen Abstecher in ein auf der Seeseite gelegenes Wohngebiet macht. Doch nach einigen hundert Metern hat man schon wieder die deutlich breitere Asphaltpiste erreicht und läuft endgültig aus dem zusammen hängend bebauten Gebiet des Ortes hinaus.

Es ist die "Route 132", auf der man die ganze Gaspésie einmal komplett umfahren kann. Über achthundert Kilometer kommen bei so einer Runde zusammen. Und selbstverständlich ändert sich dabei irgendwann die Himmelsrichtung, in die man unterwegs ist. Da in Nordamerika allerdings Straßen mit einer Kombination von Nummer und Himmelsrichtung ausgeschildert werden, führt ihr Verlauf zur seltsamen Situation, dass man dort, wo sie sich im Norden der Halbinsel bei Mont-Joli teilt, als Autofahrer die Wahl zwischen "132 Est" und "132 Est" hat.

Andererseits ist diese Route allerdings praktisch auch die einzige Möglichkeit überhaupt nach Carleton-sur-Mer zu gelangen. Schließlich führt nur sie durch das Städtchen hindurch. Doch selbst wenn man über die direkte Nachbarschaft hinaus blickt und das Ganze deutlich weiträumiger betrachtet, gibt es kaum Alternativen zur Anreise aus den großen Bevölkerungszentren am Sankt-Lorenz-Strom.

Denn abgesehen von der Ringstraße und der schon erwähnten Querverbindung durch den Nationalpark, stellt nur noch der auf einem Umweg über New Brunswick erreichbare "Trans-Canada-Highway" an der Grenze zum US-Bundesstaat Maine eine Fernverbindung nach Norden her. Dorthin muss man nämlich auf jeden Fall, insbesondere wenn man in Kanada bleiben und nicht in die Vereinigten Staaten hinüber will.

Nach acht Kilometern wird die Kirche von Saint-Omer passiert
Einen Kilometer später erreicht man den "Barachois de Saint-Omer", ein Schutzgebiet für Zugvögel " Bei der Vorläuferveranstaltung jenseits der Baie des Chaleurs war Dominic Carrier seit 2010 stets der Erste, nun gewinnt er auch den neuen Marathon

Die Grenze zwischen den beiden nordamerikanischen Nachbarn nimmt schließlich einen aus geographischer Sicht eher seltsamen Verlauf. Vom Ontariosee bis kurz vor Montréal liegt sie im Fleuve Saint Laurent und wird danach zu einer schnugeraden Linie entlang des fünfundvierzigsten Breitengrades. Dann allerdings schiebt sich Maine wie ein gewaltiger Keil nach Norden in Québec hinein und lässt zwischen dem Strom und der "border" nur noch einen an manchen Stellen kaum fünfzig Kilometer breiten Streifen.

Neubraunschweig hat seinerseits aber wieder eine weitgehend Nord-Süd-Richtung einschlagende Grenze zu Maine, das entlang seiner äußeren Konturen weit mehr Kontakt zu Kanada als zum Rest der USA besitzt. Der Fremdkörper zwingt insbesondere die "Route Transcanadienne" - wie die berühmte Fernstraße von der Ost- zur Westküste auf Französisch heißt - zu einem ziemlich großen Umweg.

Für die Baie des Chaleurs und Carleton-sur-Mer, das übrigens ungefähr auf der Höhe von Freiburg im Breisgau zu finden ist, stellt dagegen viel eher die Topologie den Grund dafür dar, dass die zu ihnen führenden Straßen nicht den schnurgeraden Weg zu wählen. Denn im weitgehend ebenen Gelände entlang des großen Stromes lässt sich natürlich wesentlich einfacher fahren als durch die Berge und Täler der Appalachen.

Jedenfalls kann man die einzige Zufahrtsstraße, die aus westlicher Richtung in die Region führt, ganz sicher nicht für eine Laufveranstaltung sperren. Nur der linke Seitenstreifen steht als Strecke zur Verfügung. Nicht einmal abgesperrt ist er für das Rennen. Einzig einen Abschnitt, in dem die Leitplanken auf beiden Seiten enger heran rücken, hat man mit den in Nordamerika üblichen Baustellentonnen gesichert. Ansonsten ist die Spur aber meist ausreichend breit, so dass man durchaus zu zweit nebeneinander laufen kann, ohne auf die Fahrbahn hinaus zu müssen.

Die um diese Uhrzeit noch nicht wirklich zahlreich vorbei kommenden Autos werden gelegentlich durch Warntafeln zur Vorsicht aufgefordert und halten sich auch daran. Doch selbst später, wenn der Verkehr zugenommen hat, wird es keinerlei Probleme geben. Der Umgang der Fahrer mit den Läufern am Straßenrand ist durchaus rücksichtsvoll. Und das bei Begegnungen relativ häufig zu hörende Hupen ist alles andere als eine Unmutsbekundung. Vielmehr handelt es sich dabei, wie der Blick auf die winkenden Menschen in den Autos zeigt, um Anfeuerung für die Marathonis.

Bald nachdem man die Route 132 wieder erreicht hat, zeigt ein Schild am gegenüberliegenden Straßenrand die Zufahrt zu einem Wanderparkplatz an. Was im deutschsprachigen Raum mit seinem dichten Wegenetz als Selbstverständlichkeit eigentlich kaum erwähnt werden müsste, hat in Kanada eher Seltenheitswert. Denn abgesehen von den - auch nicht gerade vielen - in National- und Provinzparks markierten Pfaden, bieten sich praktisch kaum Möglichkeiten, mit einer Tour zu Fuß die nahezu endlosen Wälder des Landes zu erkunden.

In Carleton hat man allerdings für "randonneurs" gleich etliche "sentiers" in den Bergen hinter dem Städtchen abgesteckt, die sich - auch das ist keineswegs immer üblich, ziemlich oft muss nämlich man genau den gleichen Weg wieder zurück gehen - zu noch viel mehr verschiedenen Rundentouren kombinieren lassen. Eine ganze Reihe von Aussichtpunkten, von denen man hinunter auf die Bucht blicken kann, und sogar mehrere "chutes" - also Wasserfälle - dienen dabei als Zwischenziele.

Zentrum des Netzes ist der "Mont St. Joseph", der mit seiner leicht zu merkende Höhe - eine dreifache Fünf - die direkte Nachbarschaft noch einmal merklich überragt. Weniger als eine Handvoll Kilometer vom Ortskern entfernt ist er eindeutig der Hausberg von Carleton-sur-Mer. Der bei über sechshundert Meter noch etwas höhere und vom Namen her eigentlich passendere "Mont Carleton" hat dagegen wegen seiner Lage in der zweiten Reihe das Nachsehen.

Philippe Litalien landet nicht einmal eine Minute hinter dem Sieger auf Rang zwei Platz drei geht an Michel Laviolette Der nach der Wende Vierplatzierte Mark Georges (links) kann seinen Platz halten, sein Begleiter Mathieu Robichaud wird dagegen noch einige Plätze durchgereicht

Dass man mit dem Auto auf einer bis zu zwanzig Prozent steilen Straße bis zum Gipfel des Mont St. Joseph hinauf fahren kann und man sich die Aussicht nicht mühsam durch eine Aufstieg verdienen muss, verschafft ihm natürlich nur noch zusätzliche Popularität. Neben mehreren hölzernen Aussichtsterrassen findet man oben zudem auch eine Kapelle mit dem herrlich langen Namen "Oratoire Notre-Dame-du-Mont-Saint-Joseph".

Während der Blick von dort nach Süden erst auf Carleton, dann auf die Baie des Chaleurs und schließlich hinüber nach New Brunswick geht, sieht man von der Rückseite des Berges gleich Dutzende der in der Gaspésie gar nicht einmal seltenen Windkraftanlagen zu Stromerzeugung. Ihre bloße Anwesenheit zeigt, dass man sich die "Bucht der Wärme" vielleicht nicht unbedingt mit mediterranem Sonnenklima vorstellen sollte. Noch deutlicher ist dazu jenes Straßenschild, das ebenfalls an der Marathonstrecke später die Zufahrt zu einer Skilanglauf-Loipe anzeigen wird.

Die Straße hat angefangen zu steigen. Und was wie eine leichte Welle beginnt, wird auf dem Weg zu Kilometer fünf schließlich zu einem echten Hügel. Rund fünfzig Höhenmeter zu überwinden. Es ist allerdings die einzige größere Steigung auf einem ansonsten weitgehend ebenen Kurs. Durch die Konzeption der Strecke als "course aller-retour" muss er jedoch gleich zweimal überwunden werden. Und von beiden Seiten ist der Anstieg etwa gleich unangenehm.

Im Umkehrschluss bedeutet dies dann aber auch, dass der sechste Kilometer relativ stark abfällt und man so gleich wieder Schwung aufnehmen kann. Ziemlich genau an der Stelle, an der das Gefälle abflacht und langsam beginnt auszulaufen, sind Ordner mit der Aufgebe postiert, die sich gerade etwas vermischenden Felder von Marathon und Halbmarathon sofort wieder auseinander zu sortieren. Verschiedenfarbige Nummern und völlig andere Nummernkreise - blau und zweistellig oder rot und vierstellig - erleichtern dabei die Arbeit.

Während die Langstreckler auf der Route 132 bleiben, sollen die Läufer der kürzeren Distanz nach links in ein hinunter zum Meer führendes Seitensträßchen einbiegen, in dem sich nach etwa zweihundert Metern für sie dann der erste Wendepunkt befindet. Während bei den Männern noch längst keine Entscheidung gefallen ist und innerhalb kürzester Zeit rund ein Dutzend Läufer den Rückweg antreten, hat Magalie Hardy an dieser Stelle in der Frauenwertung schon einen klaren Vorsprung heraus gearbeitet.

Daran wird sich auch bis zum Ziel nichts mehr ändern. Vielmehr vergrößert sie den Abstand zur Zweiten Marie Larue auf mehr als zehn Minuten und kommt bereits als Gesamtfünfte mit einer Zeit von 1:27:53 wieder im Parc Germain-Deslauriers an. Enger wird es um die beiden übrigen Treppchenplätze. Hinter der 1:38:11 laufenden Larue landet Renee Henry in 1:38:51 auf Rag drei. Marie-Andree Pedneault dagegen verpasst mit ihrer 1:39:35 bereits das Podest.

Am Ende gibt es allerdings auch bei den Herren einen recht deutlichen Sieger. Denn obwohl Benoit Poirier bei der ersten Wende noch nicht ganz an der Spitze sondern in einer Verfolgergruppe läuft, setzt er sich schließlich nach 1:22:57 doch klar vor Pascal Thibodeau (1:25:52) und Felix Thibodeau (1:26:48) durch und unterbietet als einziger den Schnitt von vier Minuten pro Kilometer.

Kurz vor dem Abzweig hat man bereits zum zweiten Mal auf einer Brücke Gleise überquert, die sich an dieser Stelle durch den Fuß des gerade bewältigten Hügels schneiden, um ihn auf der Seeseite zu umgehen. Carleton-sur-Mer hat nämlich durchaus Anschluss an das nicht gerade dichte kanadische Eisenbahnnetz. Entlang der Baie des Chaleurs zieht sich die Strecke bis nach Gaspé im Osten der Halbinsel.

Lange Zeit absolvieren die Vereinskameraden Gilles Cormier und Jean-Marc Labrunette den Marathon gemeinsam, sie landen auf den Rängen fünf und sieben Gaetan Mercier ist als Gesamtsechster schnellster Läufer über fünfzig Während andere noch dem Wendepunkt entgegen streben, ist Pierre-Olivier Bujold schon wieder auf dem Rückweg

Doch muss man eine Anreise mit der Bahn ziemlich genau planen. Denn in jeder Richtung fährt - fast unvorstellbar im diesbezüglich mit dichten Taktzeiten ausgestatteten Mitteleuropa - ganze dreimal pro Woche ein Personenzug. "Le Chaleur" hat die Betreibergesellschaft "Via Rail Canada" diese Verbindung von und nach Montréal getauft, die zwischen den beiden über tausend Schienenkilometer auseinanderliegenden Endpunkten achtzehn Stunden unterwegs ist. Von Carleton dauert die Zugfahrt in die große Metropole immerhin noch mehr als zwölf Stunden.

Am Ende des Gefälles stößt die Strecke wieder direkt ans Meer vor und läuft ungefähr einen Kilometer entlang eines schmalen Strandes. Wirklich aufgehört hat die Bebauung am Straßenrand nie und sie wird es auch bis zum Wendepunkt nicht tun. Irgendwo ist immer ein Haus zu sehen. Doch waren diese entlang des Hügels etwas weiter verstreut. Nun scheinen sie wieder ein wenig dichter zusammen zu rücken. Die Läufer nähern sich nämlich Saint-Omer.

Der Blick auf die Karte zeigt allerdings später, dass sich dieses zur Stadtgebiet von Carleton gehörende Örtchen entgegen des optischen Eindrucks meist nur über einen schmalen Streifen zu beiden Seiten der Route 132 erstreckt. Die etwas mehr als tausend Einwohner verteilen sich deshalb über einen Bereich von mehreren Kilometern Länge.

Erst zur Jahrtausendwende legte man das bis dahin eigenständige Saint-Omer mit Carleton zusammen. Und anfangs führte neue Gemeinde auch den Doppelnamen "Carleton-Saint-Omer". Einige Jahre später wurde dieser dann jedoch in "Carleton-sur-Mer" geändert. Mit einer etwas schnoddrigen Aussprache hört sich dann allerdings auch die neue Bezeichnung kaum anders an als die alte.

Wirklich neu ist diese Zusammengehörigkeit ohnehin nicht. Denn erst ziemlich genau hundert Jahre vor der Fusion hatte man aufgrund wachsender Bevölkerung in Saint-Omer, dessen Bewohner zuvor in Carleton zur Kirche gegangen waren, eine weitere "paroisse" gegründet. Kurz darauf wurde die neue Pfarrei durch die Regierung von Québec auch als politische Gemeinde anerkannt. Etwa einen Kilometer nachdem sich die Strecke wieder ein wenig vom Wasser der Bucht entfernt hat, passiert man genau diese Kirche.

"C'est l'Allemand" schallt es von der unweit davon aufgebauten Verpflegungsstelle. Es ist nicht das erste Mal. Zuvor war an einem anderen Posten schon ähnliches zu hören. Und es wird auch nicht das letzte Mal bleiben. Die Zurufe sind alles andere als unfreundlich, sie klingen regelrecht begeistert. Der eine oder andere kramt auch einen irgendwo aufgeschnappten Brocken Deutsch hervor und müht sich mit "Willkommen" oder "Guten Tag" ab.

Irgendwie sind wohl alle mächtig stolz darauf, dass die Marathonpremiere in ihrem kleinen abgelegen Städtchen auch Resonanz im fernen Deutschland gefunden hat. Es ist ein ziemlich plötzlicher und ungewohnter Aufstieg vom anonymen Mittelfeldläufer anderer Rennen zum Stargast. Doch meint man all dies eben wirklich ehrlich und herzlich. Und deswegen wirkt es auch keineswegs peinlich oder überzogen, sondern ist oft regelrecht rührend. Die "Bucht der Wärme" bekommt auf einmal eine ganz andere Bedeutung.

So zielsicher wie die Helfer an den Getränketischen den Europäer aus den inzwischen doch schon ziemlich auseinander gerissenen Läuferreihe heraus picken, könnte man sowieso fast meinen, vorher wären "Fahndungsfotos" verteilt worden. Und das schelmische Grinsen, das Antoine Moses - der beim Zehner übrigens eine 45:42 läuft - bei einem kurzen Gespräch nach dem Rennen zeigt, lässt vermuten, dass er an dieser besonderen Begrüßung nicht ganz unbeteiligt ist. Die meisten der "bénévoles" sind schließlich Altersgenossen von ihm.

Denn die Fußballjugend von Carleton und die Cheerleaderinnen der örtlichen Schule stellen den größten Teil der Verpflegungsstellen-Besatzungen. Die auffälligen Schleifen in den Haaren der jugendlichen Helferinnen, die man schon vor dem Start bemerken konnte, als diese sich im Park versammelten, sehen aufgrund ihrer Farben und dem Stern im ersten Moment irgendwie US-amerikanisch aus. Mit etwas Nachdenken kann man dann doch darauf kommen, dass sie eigentlich die Fahne der Akadier symbolisieren.

Keinen Blick für die imposante Lastwagenreihe am Streckenrand hat Marco Laverdiere Gaetan Grenier, der zweite M50er verzichtet auch bei Regenwetter nicht auf seine Sonnebrille

Nicht nur beim Besucher aus Übersee sind sie mit riesiger Begeisterung bei der Sache. Jeder der schon bald ziemlich vereinzelt auftretenden Läufer bekommt von ihnen mindestens ein halbes Dutzend Becher entgegen gestreckt. Selbst wenn der Regen inzwischen nachgelassen hat, lässt sich so viel Flüssigkeit natürlich nicht im Entferntesten bewältigen - insbesondere, da die einzelnen Versorgungspunkte auch jeweils nur zwei bis drei Kilometer auseinander liegen.

An der etwa nach acht Kilometern passierten Kirche von Saint-Omer hat schon die vierte erreicht. Und bis zur Wende werden noch drei weitere folgen. Da alle jeweils doppelt genutzt werden können, hat man auf den etwa dreiunddreißig Kilometern der ersten Schleife vierzehn Mal die Gelegenheit nachzutanken. Auf dem abschließenden neun Kilometern zum Leuchtturm und zurück stehen noch einmal zwei Verpflegungsstellen bereit. Überall gibt es dabei Wasser und Elektrolytgetränke, einige haben zudem auch Bananen und Orangen im Angebot.

Für jeden einzelnen Marathoni gibt es dabei eine ganz spezielle Anfeuerung. Und diese kleinen Erlebnisse mit ihren eher persönlichen Begegnungen können - selbst wenn sie sich nur im Abstand von etlichen Minuten ereignen - manchmal mehr Motivation geben als ein durchgängiges, aber gesichtsloses Zuschauerspalier, die eine genauso undifferenzierte Läufermasse bejubeln. An der Baie des Chaleurs muss niemand überlegen, ob er denn wirklich mit einem anfeuernden Zuruf gemeint war. Es ist mangels Quantität auf beiden Seiten definitiv so.

Schon alleine die Einwohnerzahlen von Carleton-sur-Mer und seiner Nachbarorte macht schließlich die Erwartung völlig utopisch, dass dieses Rennen vor großem Publikum stattfinden könnte. Und das Wetter tut ein Übriges dazu, das Interesse in engen Grenzen zu halten. Doch einige lassen sich eben trotzdem nicht vom Zusehen abhalten. Der Marathon ist eben ein besonders Ereignis für die ganze Region.

Eine der wenigen Zuschauerinnen steht zum Beispiel mutterseelenalleine auf dem Rasen vor ihrem Haus und fotografiert jeden einzelnen der dort vorbei kommenden Läufer. Und genau das gleiche tut sie auch wieder, als diese viele Kilometer später auf dem Rückweg zum Parc Germain-Deslauriers diese Stelle noch ein weiteres Mal passieren. Dass sie nicht so aussieht, als ob sie in den letzten Jahren irgendetwas mit Laufen zu tun gehabt hätte, macht diese Aktion eigentlich nur noch sympathischer.

Inzwischen ist man am Schild mit der "9" vorbei gekommen. Für jeden einzelnen Kilometer ist schließlich eine kleine Tafel aufgestellt. Doch wer etwas genauer hinsieht, bekommt schnell seine Zweifel, ob dabei alles mit rechten Dingen zugeht. Denn bei einer Wendepunktstrecke wäre eigentlich zu erwarten, dass die Markierungspaare für Hin- und Rückweg jeweils etwa im gleichen Abstand zueinander stehen.

Das tun sie aber nicht. Die anfangs praktisch nebeneinander an den Straßenrand steckenden "bornes kilométriques" wandern immer weiter auseinander, je weiter man sich von Carleton entfernt. Wie - einmal vorsichtig ausgedrückt - "phantasievoll" die Kilometrierung ist, lässt sich daran erkennen, dass man bis zur Wende angeblich siebzehn Kilometer benötigt, allerdings sechzehn Kilometer später schon wieder an Start und Ziel ist - wohlgemerkt über genau den gleiche Randstreifen genau der gleichen Straße.

Nicht weniger unlogisch ist natürlich, wenn für Marathon und Halbmarathon die eigentlich hundert Meter auseinander zu postierenden Marken vierunddreißig und dreizehn bis hin zu einundvierzig und zwanzig jeweils als Doppel auftauchen. Die Anwesenheit einer Vier und einer Neun in den Farben der anderen beiden Distanzen direkt neben dem letzten Pärchen macht die Sache nur noch seltsamer. Es ist ein kleiner "technischer" Lapsus in einer ansonsten mit wirklich viel Engagement auf die Beine gestellten Veranstaltung.

Noch ist Denis Morneau gut unterwegs, am Ende seiner Marathonpremiere wird er aber doch ziemlich leiden müssen
Von Anfang an läuft Magalie Bellefeuille bei den Frauen an der Spitze Lisa Arsenault kann lange den Kontakt zur Führenden halten, liegt im Ziel dann aber doch etliche Minuten zurück

Bestzeitenjäger würde er vielleicht zur Verzweiflung treiben. Von den nicht gerade wenigen Routiniers im Feld wird das Ganze - falls sie es überhaupt bemerken - allerdings mit einem Schulterzucken quittiert. Sie verlassen sich ohnehin mehr auf das eigene Gefühl. Und den Novizen geht es sowieso erst einmal ums Durchkommen. Wenn da die ersten Kilometer ein wenig zu kurz geraten und man beim Versuch eine Marschtabelle einzuhalten deswegen herunter gebremst wird, kann das sogar ein Vorteil sein.

Auf den Fehler angesprochen, nehmen die Organisatoren die Kritik dankend an und versprechen, es bei der zweiten Auflage besser zu machen. Ein kleiner Satz auf der Internetseite lässt Zweifel, ob denn auch die gesamte Vermessung fehlerhaft sein könnte, allerdings schnell verschwinden. "Marathon certifié par Athlétisme Canada" kann man dort nämlich zu lesen.

Noch einmal stößt die Strecke in die Nähe des Wassers vor. Es ist der "Barachois de Saint-Omer", eine weitere allerdings völlig anders geformte Lagune im Gemeindegebiet. An ihrem Ufer findet sich auch ein größerer Parkplatz. Das ist eine "halte municipale", wie man sie beim Umrunden der Gaspésie zuhauf am Straßenrand entdecken kann. Es handelt sich dabei um zum Teil sehr schön direkt an der Küste gelegene und gut ausgebaute Rastplätze mit Toiletten, Bänken und manchmal auch einem Kiosk.

In Saint-Omer kommt allerdings noch ein Beobachtungspunkt für Vogelfreunde dazu. Denn die Lagune ist auch für Zugvögel ein sehr beliebter Zwischenstopp und deswegen als "Refuge d'oiseaux de Saint-Omer" geschützt. Die Reiher, die man in den beiden Barachois entdecken kann, haben der Region von Carleton auch den ursprünglichen Namen gegeben. "Tracadigash" oder "Tracadigache" bedeutet in der Sprache der Mi'kmaq nämlich ungefähr "Ort, an dem die Reiher sitzen".

Die ersten Akadier, die sich in der Gegend niederließen, übernahmen die Bezeichnung, auch wenn sie diese angepasst an die französische Aussprache "Tracadièche" schrieben. Erst als amerikanische Loyalisten - englischstämmige Siedler, die aus Treue zum Königreich nicht in den nun unabhängigen Vereinigten Staaten bleiben wollten - an der Baie des Chaleurs kamen, erhielt Carleton seinen heutigen Namen.

Denn der ist, obwohl er durchaus französisch aussieht und längst auch so ausgesprochen wird, eigentlich englischen Ursprungs. Benannt ist das Städtchen nämlich nach Guy Carleton, einem britischer Offizier, der bei der Eroberung Neufrankreichs dabei war und später zum Gouverneur von Québec aufstieg. Dass er in dieser Position den "Quebec Act" förderte, der unter anderem den katholischen Canadiens - sogar denen im Staatsdienst - freie Religionsausübung zusicherte, macht ihn trotzdem auch für Frankokanadier durchaus akzeptabel.

Es ist längst nicht der einzige englische Ortsname in der Region. Denn entlang der Südküste der Gaspésie findet man unter anderem auch noch New Richmond, Hope Town und New Carlisle. Und im Gegensatz zu Carleton, wo inzwischen wieder nahezu ausschließlich französischsprachig ist, lässt sich in ihnen zum Teil sogar tatsächlich noch ein gewisser Anteil an Anglokanadiern entdecken.

Einige Kilometer später verlässt man, ohne es eigentlich wirklich zu merken, die Gemeinde Carleton und wechselt auf Territorium des Nachbarortes Nouvelle hinüber, der den nächsten Küstenabschnitt entlang der immer enger werdenden Bucht belegt. An der lockeren Häuserreihe entlang der Straße ändert sich wenig, doch dreht die Straße nun merklich vom Meer weg. Auf einmal sind auch auf der linken Seite Hügel und Berge zu erkennen.

Das Dörfchen erstreckt sich nämlich weitgehend im Tal des gleichnamigen "Rivière Nouvelle", der an dieser Stelle aus den Bergen heraus kommt, um in die Baie des Chaleurs zu münden. Der Fluss ist wie viele andere im Osten Kanadas ein "rivière au saumon", ein Gewässer, in dem man Lachse fangen kann. Dass dies durchaus ein besonderer Titel ist und eine Auszeichnung darstellt, lässt sich an den vor Flussbrücken aufgestellten Tafeln erkennen, auf denen es eigens unterhalb des jeweiligen Namens vermerkt ist.

Seifenblasen begrüßen die Läufer an der letzten Verpflegungsstelle vor dem Wendepunkt Shawna Grant, die am Ende drittplatzierte Frau und … … Normand Doucet befinden sich schon auf dem Heimweg und kommen das zweite Mal an ihnen vorbei

Nicht nur für Carleton ist der Marathon etwas Besonders. Auch im Nachbarort werden die Läufer bereits erwartet. Eines der vielen Pappschilder, das rund um jede der Verpflegungsstellen entweder in den Boden gesteckt sind oder in die Höhe gehalten werden, trägt zum Beispiel die Aufschrift "Nouvelle aime le Marathon". Viele sind einfache Anfeuerungen, so manches unter ihnen ist durchaus auch ziemlich originell. Über die Aussage "Faire un Marathon 90% mental, 10% dans la tête" kann man auf den nächsten Kilometern jedenfalls durchaus einmal nachdenken.

Ein Stück talaufwärts wird es für einen Moment etwas ländlicher. Denn auch wenn die Bebauung keineswegs völlig aufhört, rücken nun auch einmal Wiesen, Felder oder größere Baumgruppen direkt an die Laufstrecke heran. Als die Häuser dann wieder etwas zahlreicher werden, kündigt ein braunes Schild, mit dem nicht nur in Kanada besondere Sehenswürdigkeiten angezeigt werden, den Abzweig zum "Parc national de Miguasha" an.

Wieder einmal stammt der Begriff von den Mi'kmaq. Er bedeutet etwa "rotes Kliff'. Und viel mehr als diese nicht einmal wirklich hohe Abbruchkannte gibt es im von der Sepaq und nicht von Parcs Canada verwalteten Schutzgebiet auch kaum zu sehen. Weniger als einen Quadratkilometer Fläche umfasst es. Doch ein Logo auf der Tafel zeigt trotzdem seine globale Bedeutung. Es handelt sich nämlich das Symbol der UNESCO, auf deren Welterbe-Liste der Park seit vierzehn Jahren eingetragen ist.

Denn der Miguasha-Nationalpark stellt eine der weltweit bedeutendsten Fossilienfundstätten überhaupt dar. Weit mehr als zehntausend Einzelobjekte aus dem Devon, dem "Zeitalter der Fische" wurden bisher dort entdeckt. Nirgendwo kann diese Periode besser erforscht werden. Und einige der besterhaltenen Fundstücke kann man im eigens eingerichteten Museum direkt vor Ort besichtigen.

An einer Tankstelle biegt die Marathonstrecke tatsächlich genau in diese Zufahrtsstraße ab. Doch sind bis zum Wendepunkt nur noch wenige hundert Meter zurück zu legen. Die Phase des Gegenverkehrs hat begonnen. So kann man jeden einzelnen der Teilnehmer noch einmal persönlich in Augenschein nehmen. Und einige von ihnen haben durchaus eine interessante Geschichte zu bieten.

Denis Morneau hat zum Beispiel, seit er im vergangenen Jahr mit dem Laufen begonnen hat, rund fünfzig Kilo Gewicht verloren und wagt nun seinen ersten Marathon. Noch ist er ziemlich flott unterwegs. Am Ende seiner Premiere wird er aber doch ziemlich leiden müssen und über massive Krämpfe klagen. Doch auch wenn er bis ins Ziel mehr als ein Dutzend Plätze verlieren wird, ist er nach einer 4:27:45 überglücklich.

Ebenso erstmals auf die Strecke geht Laurent Thibodeau. Für ihn ist die Premiere ein Heimspiel. Seine Mutter, die ihm mit dem Auto folgt, kann man unterwegs immer wieder an der Strecke stehen sehen. Und auch "Monsieur l'Allemand" bekommt neben dem eigenen Sohn stets eine besondere Anfeuerung ab. Thibodeau geht zwar deutlich langsamer an, aber muss für seine 4:41:32 ebenfalls heftig beißen. Dennoch antwortet nach dem Rennen er auf die Frage, ob das "le premier et le dernier" - also der Erste und der Letzte - gewesen sei, mit einem klaren "non".

Roger Goulet ist dagegen ein absoluter Vielstarter. Und wie Alain Caron war schon bei allen zwanzig Austragungen des Vorläufers dabei. Da ist es fast eine Selbstverständlichkeit auch dem neuen Rennen am Start zu stehen. Noch eine Woche zuvor hatte der Einundsiebzigjährige beim Marathon in Ottawa eine 4:25:14 gelaufen. In Carleton wird er in fast der gleichen Zeit, nämlich 4:26:49 die Klasse M70 gewinnen.

Mit dem Umrunden einer Baustellentonne ist der erste Abschnitt beendet, von nun an geht es zurück nach Carleton
David Comeau gehört eigentlich zum Organisationsteam, findet aber trotzdem Zeit den Marathon mitzulaufen Roger Goulet war schon bei allen zwanzig Austragungen des Vorläufers dabei und ist natürlich auch beim neuen Rennen am Start

Und auch von Dominic Carrier, der sich als Erster wieder auf den Rückweg begibt, ließe sich eine Besonderheit berichten. Denn seit 2010 stand kein anderer mehr an der Baie des Chaleurs ganz oben auf dem Marathontreppchen. Er wird tatsächlich nach 3:11:24seinen vierten Sieg in Folge und seinen fünften insgesamt erzielen. Doch wird es am Ende wesentlich knapper, als es in diesem Moment aussieht. Denn Philippe Litalien rückt ihm mit 3:12:07 ziemlich dicht auf die Pelle. Der dritte Platz von Michel Laviolette in 3:17:41 ist dagegen völlig ungefährdet.

Bei den Damen hat Lisa Arsenault nach einem guten Drittel des Gesamtdistanz Magalie Bellefeuille dagegen noch mehr oder weniger direkt vor sich. Die beiden waren lange sogar direkt nebeneinander gelaufen. Doch im Ziel werden fast acht Minuten zwischen ihnen liegen. Denn Bellefeuille erzielt eine 3:54:51, während Arsenault nach einem heftigen Einbruch auf den letzten Kilometern mit 4:02:41 gestoppt wird. Shawna Grant - mit fünfundzwanzig Jahren jüngste Starterin auf der ganz langen Strecke - kommt in 4:07:52 auf Rang drei ein.

Seifenblasen steigen vor dem Versorgungsposten auf, der neben der Tankstelle aufgebaut ist. Die in diesem Falle eher ältere Betreuungsmannschaft hat sich mit der sie erzeugenden Maschine etwas ganz Besonderes einfallen lassen. "Vous êtes d'où?" fragt eine der Frauen nach der Herkunft. Und als die Antwort wie erwartet "d'Allemagne" lautet, hat eine andere auch sofort den Namen ihres Gegenübers parat. Sogar dieser hat sich also herum gesprochen, selbst wenn sie ihn sich wohl nur wegen einer Witzfigur aus einer alten amerikanischen Sitcom gemerkt hat.

Nur noch kurz ist der leicht kurvige Weg zum Wendepunkt, der sich wenige Meter vor der Brücke über den Rivière Nouvelle - eigentlich müsste es zwar "die" heißen, denn "rivière" ist im Französische weiblich, doch würde sich das wohl eher seltsam anhören - befindet. Eine Baustellentonne ist dort zu umrunden, einige ebenfalls von Bau stammende orangefarbene Barrieren sorgen dafür, dass dabei auch ganz sicher kein Auto in die Quere kommt. Und schon ist man ziemlich unspektakulär in die andere Richtung unterwegs.

Paul Mcintyre ist einer von ganz wenigen Teilnehmern der Veranstaltung, dessen Name nicht französisch klingt Kurz vor dem Ziel ist Mark Georges klar, dass seine Platzierung seiner Startnummer entsprechen wird Auch Marco Laverdiere hat auf der Uferstraße den größten Teil der Distanz hinter sich und nur noch einen Kilometer zu laufen

Bei der zweiten Passage der Seifenblasen-Verpflegungsstelle hat die Helferin mit dem guten Namensgedächtnis der Fotoapparat schon griffbereit. Sie möchte unbedingt noch ein Bild vom Besucher aus Europa machen.

Den Weg zurück zum Park kennt man bereits. Doch dank einer ganzen Reihe von markanten Zwischenpunkten und der vielen Verpflegungsstellen fühlt er sich, obwohl man aufgrund der geringen Teilnehmerzahlen längst die berühmte Einsamkeit des Langstreckenläufers erfährt, weit weniger lang an als befürchtet. Dennoch ist man natürlich durchaus froh, wenn sich irgendwo einmal für einige Kilometer ein Zweiergrüppchen zusammen findet.

Alphonse Boudreau hat von vorne herein seine ganz eigene Begleitung. Denn auf der zweiten Hälfte spielt sein Sohn für ihn den Schrittmacher. Regelfetischisten werden nun laut aufheulen, insbesondere weil der Sportartikelhändler in seinem Jubiläumsmarathon mit 4:18:35 auch noch die M60 gewinnen wird. Bei einer familiären Veranstaltung wie in Carleton-sur-Mer stört es eigentlich niemanden.

"In dem Haus dort drüben bin ich geboren" erzählt Boudreau beiläufig, als es zum zweiten Mal den Hügel hinauf geht. Er entstammt wohl einer wirklich alteingesessenen Familie. Seit rund zweieinhalb Jahrhunderten ist der Name nämlich schon in Carleton zu belegen. Ähnliches gilt auch für den Namen Comeau, dessen Träger David den Marathon in seiner Heimat nach 4:23:15 beenden wird.

Je näher man dem Ortskern von Carleton wieder kommt, umso zahlreicher werden die Zuschauer. Selbst wenn man unterwegs bereits in einigen entgegen kommenden Fahrzeugen Insassen entdecken konnte, die ziemlich stark nach Läufern aussahen, die sich nach der Beendigung ihres Rennens wieder auf den Nachhauseweg gemacht hatten, sind natürlich längst noch nicht alle aufgebrochen.

Hinaus auf die Sandbank, die vor Carleton-sur-Mer die Lagune vom offenen Meer abgrenzt, führt das letzte Streckenviertel, der Leuchtturm an ihrer Spitze markiert den zweiten Wendepunkt

Ein Blick in die Ergebnisliste lässt zudem vermuten, dass sich ganze Familienclans über die verschiedenen Distanzen verteilt haben. Natürlich gibt es in jeder Gegend gewisse Häufungen bei Familiennamen. Doch wenn in der Startliste der Name "Arsenault" zum Beispiel mehr als vierzig Mal - alleine dreimal beim Marathon - auftaucht, lässt sich durchaus die einen oder andere verwandtschaftliche Beziehung vermuten. "Bujold", "Landry" oder eben auch "Boudreau" findet man kaum seltener.

So werden die Marathonis dann auch schon in Empfang genommen, als sie nach zweiunddreißig Kilometern wieder auf die Promenade des Acadiens einbiegen. Unweit von dieser Stelle war im Gegensatz zu allen anderen bei Start und Ziel beginnenden Wettbewerben der Zehner gestartet. Man wollte damit vermeiden, ein dreihundertköpfiges Feld bereits nach fünfhundert Metern um einen sonst benötigten Wendepunkt herum führen zu müssen.

Ziemlich überlegen gewinnt der siebzehnjährige Anthony Audet nach 35:32 dieses Rennen. Dem nur zwei Jahre älteren Louis-Patric St-Pierre auf Rang zwei nimmt er exakt dreieinhalb Minuten und damit fast einen ganzen Kilometer ab. In 39:24 zeitgleich kommen David Sylvestre und Antoine Richard auf den nächsten Plätzen ins Ziel.

Noch jünger als der Herrensieger ist die schnellste Läuferin. Denn für die mit 44:56 gestoppte Mahëva Chamberland wird in der Ergebnisliste als Alter - dieser und nicht der Jahrgang wird in Kanada zur Klasseneinteilung verwendet - eine "15" angegeben. Genevieve Jobin, die nach 45:20 Zweite wird, und die in 47:22 auf Platz drei landende Patricia Leclerc sind mit achtundvierzig und achtunddreißig Jahren diesbezüglich schon viel eher im hierzulande üblichen Rahmen.

Doch auch über fünf Kilometer sind durch Jean-David Leblanc (21, 18:17) und Frederique Audet (16, 22:28) relativ junge Sportler am Schnellsten. Auf der ganz kurzen Distanz sind übrigens drei Viertel aller Teilnehmer Frauen und Mädchen. Und auch über zehn Kilometer stellen sie noch fast zwei Drittel des Feldes. Selbst wenn bei Halbmarathon und Marathon noch die Männer in der Überzahl sind, kommt so insgesamt eine deutliche weibliche Mehrheit unter den Aktiven zustande.

In zweiten Teil des Rennens Alphonse Boudreau - Besitzer des örtlichen Sportgeschäfts der - von seinem Sohn begleitet, für den Hauptsponsor springt dabei gleichzeitig der Sieg in der M60 heraus

Eine Zielpassage mit bereits dreiunddreißig Kilometern in den Beinen klingt irgendwie wenig verlockend. Doch statt wie befürchtet den Gedanken ans Aufhören aus den Tiefen des Hirns nach oben zu spülen, gibt sie einen weiteren Motivationsschub. Schließlich findet sich an dieser Stelle die größte Zusammenballung von Zuschauern entlang der gesamten Strecke. Der der von ihnen verursachte Lärmpegel lässt sie noch viel zahlreicher erscheinen.

Natürlich bleibt genügend Zeit, jeden über Mikrofon ganz persönlich zu begrüßen und mit ein paar aufmunternden Worten auf der anderen Seite aus dem Zielbereich wieder hinaus zu geleiten. Und - selbst wenn es natürlich ein ziemlich subjektiver und alleine schon wegen ziemlich vereinzelt herein tröpfelnden Marthonis nur schwer zu belegenden Eindruck ist - bei manchen Läufern wird es dabei besonders laut.

Eine ganz kurze oder aber eine ziemlich weite Anreise ist dafür sicher nicht die schlechteste Voraussetzung. Das von Maryse Tremblay im richtigen Augenblick wieder hervor geholte und in die Höhe gereckte Pappschild mit dem Geheimtipp auf Deutsch kommt dabei allerdings ganz sicher nicht allzu oft zum Einsatz.

Maurice Arsenault wird am Ende Zweiter der M60 Roger Levesque kommt kurz darauf in der gleichen Altersklasse auf Rang drei

Auch die zusätzliche Schleife stellt sich als psychologisch weit weniger unangenehm heraus als anhand der Karte befürchtet. Sie lässt sich nämlich ausgezeichnet in einzelne Teile zerlegen, die man auf Hin- und Rückweg jeweils nacheinander abarbeiten kann. Ob man das "mental" tut oder "dans la tête" ist dabei eigentlich egal. Diesen französischsprachigen Ratschlag ebenfalls zu berücksichtigen, kann definitiv nicht schaden.

Eineinhalb Kilometer führt die Strecke hinter dem Park entlang der Lagune weiter, bevor sie noch einmal kurz auf die Route 132 einbiegen, weil die Akadier-Promenade endet. Doch schon nach wenigen hundert Metern dürfen die Läufer wieder nach rechts schwenken und auf der "Avenue du Phare" dem namensgebenden Leuchtturm entgegen streben, den man fast während der gesamten Runde und den Barachois als Fernziel anvisieren kann.

Sie tun dies genauer gesagt auf dem daneben verlaufenden Radweg. Denn während die beiden kürzeren Distanzen tatsächlich über die Straße geleitet wurden, schlagen die Halb- und Vollmarathonis vielleicht aus vermessungstechnischen Gründen auf dem schmäleren Asphaltband nebenan einen marginal größeren Bogen.

Der erste Teil der Leuchtturmstraße führt noch nicht über die schmale Sandbank selbst sondern über eine Landspitze, an der sie andockt. Genau an diesem Punkt wartet eine weitere Verpflegungsstelle, die - da sie ja auch die zahlenmäßig stärkeren Läufe über die kürzeren Diatanzen zu versorgen hatte - sogar noch etwas stärker besetzt ist. Wer wollte könnte nun gleich zehn Becher greifen. Denn die Cheerleaderinnen, die dort den größten Teil der "bénévoles" stellen, nehmen ihre Aufgabe auch nach Stunden im Einsatz noch ziemlich ernst.

Laurent Thibodeau absolviert an der Baie des Chaleurs seinen ersten Marathon Auch Lynne Bourdages (rechts) Ehefrau von OK-Chef Mario Moses, feiert auf heimischen Straßen ihre Premiere Eine Woche nach einem zweiten Platz beim Ottawa Marathon gewinnt Roger Goulet in 4:26:49 die Klasse M70

Bis man sie erreicht hat, ist bereits mehr als die Hälfte des Weges bewältigt. Die beiden Kilometer bis zur Wende geht es dann aber wirklich über die schmale Nehrung nach Westen. Kaum mehr als Sträßchen und Radweg passen anfangs auf die Sandbank. Links schlägt das Wasser der Baie des Chaleurs an den Strand, jenseits des Asphaltes beginnt die Lagune. Über diese hinweg erkennt man die Kirche von Carleton.

Doch die Berge, die sonst von dieser Position aus wohl für ein wirklich herrliches Panorama sorgen dürften, verstecken sich auch weiterhin in den Wolken. Der Mont St. Joseph gibt nur seinen untersten Teil zur Begutachtung frei. Trotzdem ist dieser Abschnitt der wohl schönste des gesamten Kurses. Und die Organisatoren haben gut daran getan, ihn bis zum Schluss zurück zu halten.

Nach einigen hundert Metern schiebt sich dann jedoch ein Campingplatz zwischen Meer und Straße. Nur noch der Barachois bleibt als natürlicher Begleiter übrig. Doch dieser bietet noch genug optische Reize, bis man die "Pointe Tracadigash", wie das Ende der Landzunge mit dem Phare heißt, erreicht.

In seiner viereckigen Form zeigt er einen im Osten Nordamerikas ziemlich typischen Stil für solche Bauwerke. Der die ganze Zeit verwendete Begriff "Leuchtturm" täuscht allerdings ein wenig über die tatsächliche Größe des Bauwerkes hinweg. Denn mit zehn Metern Höhe ist er wohl schon großzügig geschätzt. Auf dem Parkplatz davor gilt es eine Runde zu drehen. Dabei kann man sich am einzigen Verpflegungspunkt, der aus naheliegenden Gründen tatsächlich nur einmal angesteuert wird, erneut bedienen, vor die letzten viereinhalb Kilometer beginnen.

Noch einmal kann man dabei mit einem Gruß zu den weiter hinten im Rennen liegenden Marathonis Kontakt aufnehmen, so wie es die Schnelleren getan haben, als man selbst noch auf dem Hinweg war. Das kleine Feld erzeugt unter den Teilnehmern ein wesentlich engeres Verhältnis, selbst wenn man sich zum Teil erst kurz vor dem Start das erste Mal begegnet ist und sich unterwegs gerade zweimal sieht.

Nicht nur Ehemann und Sohn Antoine helfen Lynne Bourdages auf der Zielgeraden
Im Ziel wird jeder der nicht unbedingt zahlreichen Marathonis einzeln begrüßt und entsprechend gefeiert

So vergeht auch der Schlussabschnitt eher schnell. Und man kann sich langsam aber sicher auf den Empfang im Ziel einstellen. Zwar haben angesichts des nicht wirklich angenehmen Wetters inzwischen doch einige den Weg in Richtung warme Badewanne oder heiße Dusche angetreten. Aber die Dagebliebenen feiern die nun Ankommenden ziemlich begeistert. Da sich zwischendurch immer wieder mehrere Minuten Pause ergeben, kann man die Jubel-Akkus ja auch ständig neu aufladen.

Insbesondere die Lokalmatadore bekommen dabei auf den letzten Metern ihre eigene Eskorte. Alain Caron nimmt für seinen einundzwanzigsten Marathoneinlauf an der Bucht der Wärme das Enkelkind an die Hand. Alphonse Boudreau begleitet zum Schluss nicht nur sein Sohn sondern die komplette Familie ins Ziel. Und bei Lynne Bourdages ist neben Ehemann Mario und Sohn Antoine gleich noch die halbe Ortschaft dabei.

Doch auch der einzige Teilnehmer aus Übersee muss beim Einlauf gleich mehrere Hände abklatschen. Die vor Freude strahlenden Gesichter hinter den Armen, die sie entgegen strecken, sind dabei allerdings noch viel eindrucksvoller. Und natürlich erfolgt die Gratulation beim Umhängen der Medaille mit einigen - vielleicht im Vorfeld mühsam auswendig gelernten - deutschen Worten. Es ist genau jene menschliche Wärme, die der Bucht auch bei fast winterlichen Temperaturen ihren Namen noch zu Recht verleiht.

Die nach dem Lauf gestellte Frage, ob er denn "content" - also zufrieden - mit der Premiere des neuen Marathons sei, beantwortet Mario Moses, der "organisateur", der mit dreihundert Läufern gerechnet und dann tausend am Start hatte, in einer zu all dem irgendwie ziemlich passenden zurückhaltenden Art. "Morgen früh, nach einer großen Tasse Kaffee".

Irgendwann muss man sich wirklich verabschieden, so gerne man den Moment auch noch etwas hinaus schieben möchte. Es ist ein weiter Weg, bis zum nächsten Flughafen, von dem man wieder zurück nach Europa kommen kann. Eine ziemlich "kurze Freundschaft" sei es wohl gewesen, findet Mario Moses auch dazu die geeigneten Worte. Kurz war sie vielleicht, aber es wird eine ganze Menge von ihr hängen bleiben.

Auf den letzten Metern hat auch David Comeau (links) Gesellschaft, Alphonse Boudreau bringt sogar gleich die komplette Familie zur Linie
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Obwohl er ziemlich weit weg und eigentlich auch nicht unbedingt spektakulär ist, steht dieser winzige Marathon in einer abgelegen Ecke Québecs dank der Herzlichkeit der Menschen an der Bucht der Wärme nun auf der Liste mit der Überschrift "irgendwann noch einmal". Egal ob Mario, Maryse, Alphonse, David, Antoine oder all die anderen, es wäre schön, wenn man sich irgendwo wieder einmal über den Weg laufen würde - in Carleton-sur-Mer oder auf einem anderen Lauf.

Vielleicht taucht aber - motiviert durch diese Worte - in den nächsten Jahren auch ein weiterer "Allemand" oder eine "Allemande" an der Baie des Chaleurs auf. Es wäre dann zwar nicht mehr der erste deutsche Besuch. Doch steht zu vermuten, dass man trotzdem darüber nicht weniger erfreut wäre.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Info & Ergebnisse marathonbdc.com

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