11.9.16 - 34. PKO Wroclaw (Breslau) Marathon

Stellah Barsosio (KEN) glänzt mit Streckenrekord

Europas Kulturhauptstadt zieht Touristen und Läufer gleichermaßen an

Besonderer Marathon in einer besonderen Metropole

von Michael Schardt

Wenn man die Bewohner fragt, ob die Ernennung Breslaus zur europäischen Kulturhauptstadt 2016 mehr Besucher in die Stadt gebracht hätte, als es in "normalen" Jahren der Fall sei, dann zucken sie die Achseln. Das könne man gar nicht sagen, denn Touristenströme, die durch die historische Altstadt zögen oder die zahlreichen Festivals besuchten, sei man hier - vor allem in den Sommermonaten - seit langer Zeit gewohnt, zumindest, seit das Stadtzentrum so liebevoll restauriert wurde. Der Innenstadtbereich, so ist zu hören, sei besonders in der Zeit von April bis September immer sehr belebt und mit Menschen überfüllt, da fiele ein Besucherplus im Jahr der Auszeichnung nicht merklich ins Gewicht.

Das prägende Bild des 34. Breslau Marathons: schwitzende Läufer und Massen von entsorgten Pappbechern Schwerstarbeit für die Hundertschaften von Helfer an den Versorgungsständen. Bei 35 Grad im Schatten war Wassernachschub das oberste Gebot
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Kein Aber an der Oder

Wroclaw, die einstige deutsche Stadt Breslau, war und ist ein Besuchermagnet erster Güte für ein internationales Publikum. Mit rund 650.000 Einwohnern ist die Kapitale an der Oder hinter Warschau, Krakau und Lodz die viertgrößte Stadt in Polen und wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Schlesiens.

Breslau kann auf eine mehr als eintausendjährige, wechselvolle Geschichte zurückblicken, ist aber alles andere als rückwärtsgewandt. Das geschichtliche und kulturelle Erbe, auch das deutsche, wird zwar sorgsam gepflegt, aber vor allem die jungen Einwohner sind für alles Neue und Interessante sehr schnell zu begeistern. So handelt es sich um eine moderne, quirlige Stadt, die im historischen Gewand einen jugendlichen Lifestyle praktiziert.

 

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Der Marathon von Breslau ist einer der ältesten und inzwischen auch größten des Landes. Als er 1983 erstmals durchgeführt wurde, damals noch auf einer Punkt-zu-Punkt-Strecke von Zobten am Berge nach Breslau, erreichten nur 131 Läufer das Ziel. In der Folge stiegen die Teilnehmerzahlen zunächst nur langsam an, seit 2007 aber, als erstmals die 1000er-Marke überschritten wurde, jedoch rasant. Höhepunkt dieser Entwicklung war 2015, als man es zum zweiten Mal in Folge auf über 5000 Finisher brachte. Zu verdanken ist dieser Trend einer Intensivierung der Öffentlichkeitsarbeit und der ständig verbesserten Organisation des Laufs, die seit jeher in städtischer Hand liegt. In puncto Qualität, das zeigte sich auch bei den erschwerten Bedingungen der 34. Austragung, gibt es an der Oder kein Aber.

Noch ist "Piotrek - the best" mit Startnummer 310 nicht zu sehen, aber die junge Zuschauerin mit dem Schild ist guter Hoffnung Von über 6200 Anmeldungen schafften es rund 1500 Läufer nicht an den Start beziehungsweise nicht ins Ziel. Mehrere auf die gesamte Strecke verteilte Besenwagen sammelten all jene ein, die wegen der extremen Hitze aufgeben mussten

Hitze pur

Wer im Vorfeld des Breslauer Marathons die Wetterberichte in Deutschland verfolgte, erfuhr von den Meteorologen, dass die hiesigen sommerlichen Temperaturen einem stabilen Hoch über Polen zu verdanken seien. Dieses Hoch allerdings sollte am Marathonwochenende bei unserem östlichen Nachbarn noch ganz andere, extremere Ausprägungen erreichen als hierzulande. Das zeigt ein kleiner Vergleich der Witterungsbedingungen, die während der beiden parallel ausgetragenen Marathonläufe in Münster und Breslau herrschten. Starteten die Münsteraner um neun Uhr bei etwa achtzehn Grad, lagen die Temperaturen zum gleichen Zeitpunkt in Breslau schon bei 23 Grad. Blieb in Münster das Quecksilber zur Mittagszeit bei zirka 25 Grad hängen, übertraf es in Breslau die 30-Grad-Marke deutlich. Da die Strecke in Breslau zudem nahezu keinen Schatten bietet, sondern zu 95 Prozent unter offener Sonne verläuft, kann man das Rennen nur als Hitzeschlacht bezeichnen.

Schön: Wasserspiele vor liebevoll restaurierten Patrizierhäusern. Breslau ist eine ausgesprochen reizende Metropole und zu Recht Kulturhauptstadt Europas 2016 Bombastisch: die Oper

Auf diese zu erwartenden Bedingungen reagierte das Organisationsteam vorbildlich. Man hatte mehr Wasser- und Versorgungsstände eingerichtet, hatte weitere Helfer rekrutiert, installierte mehrere Kaltwasserduschen an der Strecke, intensivierte die medizinische Abteilung und brachte mehrere Besenwagen im Läuferfeld unter, um diejenigen mitzunehmen, die das Rennen würden aufgeben müssen.

Soweit bisher bekannt, gab es keine ganz tragischen Vorfälle, jedoch hatte der Notdienst alle Hände voll zu tun und musste vor allem in der zweiten Hälfte ständig ausrücken. Man sah viele Läufer, die das Rennen vorzeitig beenden mussten, solche, die erschöpft am Straßenrand saßen oder sich nur noch gehend in Richtung Ziel fortbewegen konnten. Nüchterner drücken die Teilnehmerzahlen die schwierigen Bedingungen aus. Von 6207 gemeldeten Läufern traten nur 4687 tatsächlich an. Davon wiederum kamen nur 4128 Läufer ins Ziel. 559 Starter mussten aufgeben. Wie hoch dieser Wert ist, zeigt ein Blick auf Münster, wo von knapp 2100 Startern nur wenige Dutzend Läufer das Rennen vorzeitig beendeten.

Riesig: die Universität Historisch: das alte Rathaus mit astronomischer Uhr

Drumherum oder mittendurch

Und wenn der Vergleich mit Münster bereits bemüht wurde: In der westfälischen Domstadt führt die Marathonstrecke schon am Anfang mitten hinein in den historischen Stadtkern und läuft dort auf den ersten zehn Kilometern fast alle Sehenswürdigkeiten an. Man kann also mit einigem Recht von einer läuferischen Stadtbesichtigung sprechen. Ganz anders Breslau. Da meidet der Kurs ein Durchlaufen der kopfsteingepflasterten Stare Miasto, der Altstadt, vollständig und führt stattdessen zu Beginn in einem weiten Bogen um das Zentrum herum. Wer also darauf hofft, die Schönheiten der Stadt während des Marathons zu Gesicht zu bekommen, wird nur partiell Befriedigung erfahren und sich ihnen auf andere Weise nähern müssen.

Am besten eignet sich ein Rundgang durch die Altstadt, der am berühmten Ring (Rynek) seinen Ausgangs- und Endpunkt haben könnte. Hier, wo Breslau am ältesten ist und sein Herz schlägt, ist es auch am schönsten. Die Attraktionen auf dem Markt sind zahllos. Liebevoll restaurierte Giebelhäuser, in denen sich unten gemütliche Kneipen, Cafés und Esslokale befinden, säumen den äußeren Ring. In seiner Mitte stehen das neue und alte Rathaus mit der astronomischen Uhr und dem bekannten Glockenspiel sowie die ehemaligen Tuchhallen. Der Ring ist der Salon der Stadt, ein Ort öffentlicher und privater Repräsentation, der zu jeder Tag- und Nachtzeit bestes frequentiert ist. Seine Weitläufigkeit lässt kein Gefühl von Enge aufkommen und steht im Kontrast zu den vielen engen Gassen, die von ihm ausgehen.

 

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Beliebt: Boleslaw, der Tapfere, erster König von Polen (ab 1025) Attraktiv: der Altstadtring "Rynek" Schmal: ein Schnabelgiebelhaus mit integrierter Kneipe

Von Ring aus ist es nur ein Katzensprung zur Elisabethkirche und zum barocken Hauptgebäude der altehrwürdigen Universität, die bis heute acht Nobelpreisträger hervorgebracht hat und an der mehr als vierzigtausend Studenten eingeschrieben sind. Im Inneren lohnt ein Besuch des Auditoriums Maximum, der schmucken "Aula Liopoldina", die als schönster Hörsaal Polens apostrophiert wird. Von hier, der Südseite der Oder, sind die modernen Gebäude des Polytechnikums auf der anderen Seite des Flusses zu sehen, das eine große Anzahl naturwissenschaftlicher Studenten beherbergt. Insgesamt ist Breslau Heimat für rund 130.000 Studenten, was rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmacht.

Zwölf Inseln

In Sichtweite der Uni liegen mehrere Oder-Inseln, die allesamt durch kleine und einige größere Brücken untereinander verbunden und gut zu erreichen sind. Ein unbedingtes Muss für alle Breslau-Touristen ist der Besuch der Sandinsel und der Dominsel. Über eine bunte Eisenbrücke gelangt man auf die Sandinsel, die zwar sehr klein ist, auf der aber auch einige schöne Häuser und ein paar Kirchen stehen sowie die Universitätsbibliothek. Von hier eröffnet sich ein romantischer Blick auf die Flusslandschaft und die Kathedrale auf der benachbarten Dominsel, welche sich als Ort der klösterlichen Stille entpuppt, nur zehn Gehminuten von der geschäftigen Betriebsamkeit der City entfernt.

Restauriert: die im Krieg zerstörten Bürgerhäuser in der Altstadt Traditionell: einige der Gaslampen werden nach altem Brauch von Männern in historischer Kleidung angezündet - ein bei Touristen gerngesehenes Ritual

Insgesamt liegt Breslau auf zwölf Inseln und wird deshalb gerne auch als Venedig des Nordens bezeichnet. Zu verdanken ist dies dem verzweigten Verlauf der Oder und einigen, die Stadt durchlaufenden Kanälen. Für denjenigen, der Breslau vom Fluss aus besichtigen möchte, eröffnen sich gute Möglichkeiten, denn viele Ausflugsboote befahren die Gewässer der Stadt. Ruhe und Erholung bieten die zahlreichen städtischen Parks und Grünanlagen, der Zoo oder der Promenadenweg. Breslau gilt daher als grünste Stadt des Landes, die in den letzten Jahren auch durch den Bau zahlreicher Fahrrad- und Wanderwege sowie neuer Sportstätten die Lebensqualität deutlich anheben konnte.

Hervorzuheben ist der Rang Breslaus als Kultur- und Kunstmetropole. Mit Kosten von mehr als 100 Millionen Euro ist das "Musikforum" Polens teuerster Kulturbau, mit dem Breslau in die erste Liga der europäischen Musikstädte aufgestiegen ist. Auch die Oper und das Theater sind Häuser mit internationalem Ruf. Traditionell herausragend ist sowohl die Ballett- als auch die Jazzszene. Und wer es rockig mag, wird gleichfalls nicht enttäuscht. Die Anzahl guten Rock- und Popbands soll hoch sein.

Belebt: die historische Innenstadt Modern: Die Ufer der Oder sind nach der Überschwemmungskatastrophe neu und nachhaltig befestigt worden. Rechts ein Gebäude des Polytechnikums

Zwei Sporttempel

Breslau verfügt über zwei große Sportanlagen und Sportstadien, mit denen der Marathoni in Berührung kommt: das Olympiastadion im Stadtteil Sepolno und das Wroclawstadion im Stadtteil Pilzyce. Im Olympiasportpark, der so heißt, obwohl es hier nie Olympische Spiele gab, liegt das logistische Zentrum des Marathons sowie Start und Ziel, das imposante Wroclawstadion, das zur Fußball-Europameisterschaft 2012 neu errichtet wurde, markiert bei km 25 den äußersten nordwestlichen Streckenpunkt.

Die Breslauer Marathonstrecke, die vollkommen flach und sehr schnell ist, besteht aus einer großen Runde, die sich in nordöstlicher, südwestlicher und nordwestlicher Richtung sternförmig ausbreitet. Nur der Südosten wird gemieden. Nach dem Start führt der Weg auf den ersten fünf Kilometern gleich über zwei Oderarme, bevor die Innenstadt erreicht und umlaufen wird. Nach acht Kilometern werden in der Nähe des Hauptbahnhofs die Geleise unterlaufen und kurz später der Stadtteil Krzyki erreicht.

Idyllisch: Der Kirchplatz vor dem Dom Hoch: die Kathedrale

Erneut führt der Weg zurück zur Innenstadt, die bei km 17 tangiert wird. Von hier sind es noch acht Kilometer, bis die Fußballarena erreicht und umlaufen ist. Abermals nimmt die Strecke Kurs auf die Innenstadt, um dann nach Norden abzubiegen und verschiedene Oderarme zu überlaufen. Kurz nach km 40 biegt die Strecke schließlich auf die Straße ein, die zum Olympiapark führt, womit die ersten und letzten zwei Kilometer des Marathons (fast) identisch sind. Der Zieleinlauf liegt wie auch der Start neben und nicht im Olympiastadion.

Alles durchdacht

Organisatorisch lässt die Veranstaltung keine Wünsche offen und ist mit den Standards absolut vergleichbar, die man von westlichen Großmarathons her kennt.

Verzweigt: Mehrere Arme der Oder und einige Kanäle unterteilen Breslau in zwölf Inseln, die untereinander durch Brücken verbunden sind Imposant: der Bahnhof, errichtet im tudorgotischen Stil, war das erste große Bahnhofsgebäude im Deutschen Reich

Weitläufig zeigt sich schon der Startbereich, wo keinerlei Enge aufzukommen droht. Die Marathonis werden in einigen Schüben ins Rennen geschickt, obwohl die Laufstrecke von Anfang an breit genug ist und auch ein Massenstart funktionieren würde. Freies Laufen ist von Anfang an möglich; Engpässe gibt es nirgendwo. Der Kurs führt immer über große Straßen und ist von zweihundert Polizisten und vielen Helfern vorbildlich abgesperrt. Alle zweieinhalb Kilometer gibt es Versorgungsstände mit Wasser, Isotonik, Bananen, Gebäck und Zuckerwürfeln.

Das Startgeld ist mit umgerechnet dreißig bis vierzig Euro für Läufer aus dem Westen äußerst moderat und beinhaltet ein kostenloses Funktionsshirt und eine große Finishermedaille. Mit inkludiert ist ein gut gefüllter Startbeutel sowie eine doppelte Pastaparty mit frei wählbaren Getränken. Einmal kann der Athlet zu den Nudeln greifen, wenn er am Vortag seine Startunterlagen abholt, dann erneut, nachdem er gefinsiht hat. In den Genuss dieser Nettigkeiten kommen auch Seniorenläufer ab dem sechzigsten Lebensjahr, die als symbolisches Startgeld nur einen Zloty (25 Cent) zahlen.

Mutige Männer in (fast) fliegenden Kisten gehen wenige Minuten vor den Marathonis auf die Strecke Rund 4700 Läufer kamen ins Ziel, davon "nur" gut 600 Frauen. Die Deutschen stellten das größte ausländische Kontingent. Der Kurs von Breslau ist flach und schnell und besteht aus einer großen, sternförmigen angelegten Runde

Mit zum gut durchdachten Konzept gehört auch, dass man am Marathonwochenende die öffentlichen Nahverkehrsmittel kostenlos benutzen kann und nicht auf Taxis oder einen Leihwagen angewiesen ist. Das Olympiastadion liegt etwa sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und ist mit den Straßenbahnlinien 9 oder 17 nach 25 Minuten Fahrtzeit bestens zu erreichen. Als Ticketnachweis gilt die Anmeldebestätigung oder die Startnummer.

Atmosphäre

Von einem kleinen Manko ist aber auch zu berichten. Denn mit ihrem Marathon kann sich die Breslauer Bevölkerung offenbar nur bedingt identifizieren. Großes Zuschaueraufkommen gibt es nirgendwo, aber vereinzelt finden sich immer kleine Gruppen von Menschen, die um so begeisterter und ausdauernder Klatschen. Für punktuell aufkommende Stimmungshochs sorgen einige vom Organisatorenteam "engagierte" Schülergruppen, die mit unterschiedlichem Gerät kräftig Rabatz machen. Der Ausrichter hatte sogar einen Preis ausgeschrieben für diejenigen, die am besten und lautesten Jubeln. Ein paar Musikgruppen und Moderatoren gibt es zudem, sodass sich die Läufer nicht zu lange alleine fühlen müssen.

Sieger Cosmas Kyeva (vorne) aus Kenia gewann in 2:14:38h und hat nur noch seinen Landsmann Francis Nzyoki im Schlepptau, der sich am Ende mit Rang 5 zufrieden geben muss Dem Polen Pawel Ochal fehlten als viertem knapp zwei Minuten, um sich unter das kenianische Führungstrio zu mischen Aus dieser kleinen Verfolgergruppe werden nur der Ukrainer Volodimir Yurchuk (mitte) als 7. und der Pole Przemyslaw Dabrowski (rechts) als 6. das Ziel erreichen

Kurz vor dem Start war die Stimmung im Läuferfeld noch erstaunlich gelassen, obwohl die Sonne den 4700 Akteuren schon mächtig im Nacken saß und man für die Mittagszeit 32 Grad im Schatten angekündigt hatte. Schatten, das sollte sich schon auf den ersten fünf Kilometern herausstellen, würde Mangelware werden, wenn nicht sogar überhaupt weitgehend fehlen. Die Läufer hatten zunächst in westlicher Richtung auf der breiten Adama-Mickiewicza-Straße zu laufen, die Sonne schien von Osten und heizte die Körper binnen kurzer Frist auf. Selbst sehr schlanke Ladies, bei denen sich unter normalen Umständen vielleicht erst nach 15 Kilometern erste Schweißtröpfchen auf der Stirn zeigen, "zerflossen" förmlich schon nach nur zwei Kilometern. Diese Warnzeichen wurden nicht von allen zum Anlass für vorsichtiges Agieren interpretiert, sondern schlichtweg ignoriert.

Einer von ihnen war der Engländer Andrew Glen von den Knowsky Harries AC, der mit dem Billigflieger Ryanair von Liverpool angereist war, um seinen 150. Marathon zu absolvieren. Ein erfahrener Mann also, der Mittfünfziger, der im günstigen Fall nahe an die Drei-Stunden-Marke heranlaufen kann. Für die ersten fünf Kilometer hatte er rund 23 Minuten gebraucht und sich auf Position 300 wiedergefunden. Doch, so räumte er später ein, habe er die hohen Temperaturen unterschätzt und sei immer langsamer geworden. Knapp hundert Plätze verlor er bereits bis km 10, weitere hundert bis km 15. Bei Halbzeit war der tapfere Brite bereits auf Position 800 abgerutscht, am Ende sogar auf 1342. Und das in einer Zeit von 4:06h, was jenseits von Gut und Böse sei.

Die Kenianerin Stellah Barsosio verbesserte ihren im letzten Jahr aufgestellten Streckenrekord auf 2:34:09h und siegte klar vor ihren Landsfrauen Gladys Biwott und Hellen Kimutai Nach zehn Kilometern lagen die Ukrainerin Tetiana Rybalchenko (links) und die Kroatin Marija Vrajic als beste Europäerinnen noch auf Rang 4 und 5. Am Ende reichte es aber nicht mehr für einen der ersten sechs Podestplätze

Kenianer belegen alle Podestplätze

Liest man diese Rennbiographie gegen den Strich, dann wird evident, dass zahlreiche Läufer dabei gewesen sind, die zunächst vorsichtig agiert und sich im Laufe des Marathons nach vorne gearbeitet haben müssen, vor Andrew Glen und viele andere Hasardeure.

Im Elitebereich war einer von jenen der Pole Ochal Pawel aus Bydgoszcz. Er war verhalten angegangen, lag lange Zeit jenseits der top five, kam aber immer besser auf und konnte am Ende sogar Rang vier belegen in 2:20:36h. Noch im Zielkanal hatte er sich vor den zeitweise recht weit vor ihm liegenden Kenianer Francis Nzyoki (5. in 2:20:40h) geschoben und damit die ostafrikanische Phalanx durchbrochen. Einen dreifachen kenianischen Erfolg konnte der starke Pole allerdings nicht vereiteln, denn dafür hätte er knapp zwei Minuten schneller laufen müssen.

Sieht man von einem kurzen Familienlauf ab, werden keine Unterdistanzen angeboten. Läufe über 10 km und HM organisiert der gleiche Veranstalter getrennt im Frühjahr Mal lief der Hund selbst, mal nahm er im Wagen neben dem Kind Platz und ließ sich fahren. Von einer möglichen Disqualifikation des "Babyjoggerführers" sahen die Veranstalter ab

Die Zwischenzeitentabelle des Männerrennens zeigt, dass sich nur bis km zehn ein kenianisches Trio an der Spitze festsetzen konnte, darunter aber nicht der spätere Vizemeister Silas Too, der sich erst später nach vorne arbeitete. Das Rennen wurde von Anfang an dominiert vom Kenianer Kosmas Kyeva, der sich nach 15 Kilometern allein an der Spitze sah und in einer unter diesen Umständen achtbaren Zeit von 2:14:38h sicher siegte. Den Streckenrekord des Bulgaren Uladsimir Zjamtschyk aus 2002 (2:13:28h) verpasste er um siebzig Sekunden. Zweiter wurde Too in 2:18:34h, knapp vor Moses Kibire in 2:18:55h.

Streckenrekord

Auch bei den Frauen dominierten Läuferinnen aus dem kenianischen Eldoret. Die Favoritin, Vorjahressiegerin und Streckenrekordinhaberin (2:36:15h, 2015) Stellah Barsosio macht mit ihrem Pacemaker gleich von Anfang an Dampf, ganz unbeeindruckt von der Hitze. Schon nach fünf Kilometern hatte sie eine knappe Minute Vorsprung, am Ende sollten es derer acht sein. Sie siegte in 2:34:09h und unterbot ihre Breslauer Bestzeit um mehr als zwei Minuten. Auf den Folgeplätzen landeten ihre Landsfrauen Gladys Biwott (2:42:21h), Hellen Kimutai (2:46:17h) sowie die Ungarin Tunde Szabo (2:48:49h) und die Polin Antonia Mlek (2:50:48h). Der Frauenanteil war mit knapp 15 Prozent (613 Finisherinnen) im europäischen Vergleich eher gering.

Die beliebteste Kopfbedeckung des Tages war die weiße Baseballkappe Schatten wie hier war Mangelware. 90 Prozent der Strecke verlief unter praller Sonne
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Von den Deutschen war der Berliner Maciej Piosik (Vegan Runners) auf Rang 46 der schnellste. Er brauchte 3:00:58h und verpasste die "2" vorne nur knapp. Einen Achtungserfolg erreichte die flotteste deutsche Frau. Anke Meinberg (MTV Wolfenbüttel) wurde in der AK W60 Vizemeisterin in 4:39:09h. In der separaten Journalistenwertung war der LaufReporter bester (und einziger) ausländischer Vertreter. Er musste sich "nur" 18 von zusammen 22 polnischen Kollegen geschlagen geben ...

Sechs Stunden nach dem Rennen war auch Andrew Glen, der Mann aus Liverpool, wieder bei guter Laune und einem guten polnischen Bier anzutreffen. Zumindest bis das Gespräch auf Fußball kam und Trainer Klopp. Von ihm scheint er nicht wirklich überzeugt. Ein crazy man sei das, von dem man allgemein keine Großtaten erwarte. Aber auf einen besseren Platz als in der letzten Saison sollte er "The Reds" vielleicht doch bringen können, nicht aber zum Titel. Das sei aber auch nicht schlimm, sinniert der gewitzte Brite mit einem vieldeutigen Lächeln. Man könne schließlich nicht jederzeit sportliche Meisterleistungen abliefern ...

Michael Schardt

Bericht Michael Schardt - Fotos Reinhard Jacobs

Ergebnisse wroclawmaraton.pl

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Reinhard Jacobs

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