2. Bergen City Marathon
- Norwegen (27.4.13)

Sonniger Marathon im "Regenloch"

von Ralf Klink

"Wo regnet es denn in Europa am meisten?" Wer sich ein wenig für Skandinavien interessiert, hat die Antwort auf diese Frage ziemlich schnell parat. Denn keineswegs liegt der gesuchte Ort irgendwo auf den stets als so besonders feucht beschriebenen britischen Inseln. Es handelt sich vielmehr um die norwegischen Hafenstadt Bergen, die selbst die feuchtesten Orte Englands, Schottlands oder Irlands bezüglich der Regenmenge noch einmal um beinahe das Doppelte übertrifft.

Der Grund dafür ist die Tatsache, dass in dieser geographischen Breite - ziemlich genau sechzig Grad Nord - über dem Ozean oft arktische Kaltluft mit vom Golfstrom mitgebrachter feuchter Luft zusammen trifft und dabei mit schöner Regelmäßigkeit neue Tiefdruckgebiete entstehen. Und diese prallen dann mit voller Wucht auf Norwegen, das sich bekanntermaßen ziemlich schroff aus dem Wasser erhebt und schnell Höhen von mehr als tausend Metern erreicht.

Vom Hausberg "Fløyen", den man aus dem Zentrum mit einer Standseilbahn in wenigen Minuten erreichen kann, bietet sich ein herrlicher Blick über die zwischen Meer und Gebirge eingekeilte Stadt Bergen

Um diese Wand irgendwie überwinden zu können, müssen die Wolken "Gewicht machen" und so ergießt sich ein beträchtlicher Teil ihrer feuchten Fracht auf die skandinavische Küste. Und von den dortigen, nicht unbedingt zahlreichen größeren Städten ragt Bergen nicht nur am weitesten nach Westen, in keiner anderen ist auch der Übergang vom Meer zum Berg ähnlich abrupt. All dies sorgt dafür, dass man in der zweitgrößten Metropole Norwegens mit mehr als zweitausend Litern pro Quadratmeter tropische Werte registriert.

Und da es im Schnitt auch an zwei Dritteln aller Tage des Jahres zumindest einmal regnet, hat man hinsichtlich der Niederschläge durchaus ähnliche Wetterdaten wie zum Beispiel Singapur direkt am Äquator. Natürlich ist der Regen bei weitem nicht so warm. Aber verglichen mit dem im Windschatten des Gebirges gelegenen Oslo sind die Temperaturen andererseits doch recht gemäßigt und ausgeglichen.

Harter Frost im Winter ist genauso selten wie Hitze jenseits der fünfundzwanzig Grad im Sommer. Insgesamt hat das Wetter in Bergen jedenfalls eine eher geringe Schwankungsbreite. Spötter äußern auch schon einmal die Ansicht, der einzige Unterschied zwischen Winter und Sommer sei, dass sich der Regen nicht mehr "eisig kalt" sondern "mäßig temperiert" und damit "gerade noch erträglich" anfühle. Doch tut man der Stadt damit ein wenig unrecht.

Denn natürlich kommt auch im "Regenloch Europas" die Sonne immer wieder einmal durch die Wolken. Selbst wenn man auch diesbezüglich hinter dem Rest des Kontinents zurück liegt, schneiden einige irische und britische Orte im Hinblick auf die mittlere Sonnenscheindauer noch schlechter ab. Und viele Bergen-Touristen können darüber berichten, dass sie während ihres Besuches nichts anderes als blauen Himmel erlebt hätten. Der individuelle Eindruck bringt jedenfalls meist dann doch weniger Regen als aufgrund des schlechten Rufes befürchtet.

Die bunten Holzhäuser (rechts) von "Tyske Bryggen" - des "deutschen Kais" - sind das Wahrzeichen der Stadt und Teil des Weltkulturerbes, die Steinbauten in ihrer direkten Nachbarschaft sind zwar jünger und größer aber in genau dem gleichen Stil gehalten

Im langjährigen Durchschnitt sind allerdings eindeutig die Frühjahrsmonate am trockensten, während Herbst und Winter besonders nass ausfallen. Wer also eine Freiluftveranstaltung in Bergen plant, tut sicher nicht schlecht daran, sie irgendwo zwischen April und Juni zu positionieren. Dennoch erscheint jener Termin am letzten Aprilwochenende, den sich die Macher des "Bergen City Marathons" für ihr Rennen ausgesucht haben, erstaunlich früh gewählt.

Schließlich wird selbst im deutlich wärmeren Mitteleuropa die größte Laufdichte erst im Mai erreicht. Doch fällt die skandinavische Saison eben auch eher kurz aus, ist praktisch Ende September oder Anfang Oktober schon wieder weitgehend beendet, so dass sich innerhalb von nur fünf bis sechs Monaten nahezu alle Rennen ballen. Es kann also durchaus sinnvoll sein, dem größten Gedränge etwas aus dem Weg zu gehen. Und im - wohlgemerkt für nordische Verhältnisse - gemäßigten Klima Bergens hat man dazu noch die besten Möglichkeiten.

Viele andere Termine sind allerdings auch schon von weitaus traditionsreicherer Konkurrenz blockiert. Denn der Marathon durch das Zentrum der zweitgrößten - immerhin über eine Viertelmillion Einwohner zählenden - Metropole Norwegens ist noch ein ziemlicher Jungspund. Schließlich hat er erst 2012 überhaupt die Bühne betreten, geht nach der Premiere im Vorjahr also gerade einmal in die zweite Auflage.

Das mag im ersten Moment ziemlich überraschen. Immerhin gibt es seit fast einem Jahrzehnt im deutschsprachigen Raum kaum noch eine größere Stadt ohne ihren eigenen Lauf über zweiundvierzig Kilometer. Und von einem so bekannten Reiseziel hätte man intuitiv dann doch irgendwie einen schon wesentlich länger bestehenden Marathon erwartet. Doch hängt man dabei anderswo durchaus zurück. In vielen Ländern ist jedenfalls erst in letzter Zeit durch neue Veranstaltungen mehr Bewegung in die Szene gekommen.

Allerdings muss auch erwähnt werden, dass es sich dabei keineswegs um den Ersten auf dem Gebiet der Stadt Bergen ausgetragenen Marathon handelt. Seit Längerem gibt es nämlich sogar ein sogenanntes "Maratonkarusell" - eine Marathonserie - mit sechs übers ganze Jahr verteilten Läufen. Doch haben diese wenig mit dem zu tun, was man sich gemeinhin unter einem "Stadtmarathon" vorstellt.

Ausgetragen werden sie nämlich etwa fünfzehn Kilometer außerhalb des Zentrums im Vorort Fana. Bei fünf von ihnen geht es über eine doppelt zu durchlaufende Wendepunktstrecke durch ein nur lose bebautes Gebiet entlang mehrerer Seen. Der sechste ist über insgesamt fünf Waldrunden abgesteckt. Und meist bewegen sich die Teilnehmerzahlen irgendwo im Bereich zwischen dreißig und sechzig.

Jedoch ist dies für einen Marathon in Norwegen eine keineswegs unübliche Größe. Vielmehr landet man mit solchen Werten schon im Mittelfeld der Rangliste. Vierstellige Teilnehmerzahlen hat einzig und allein der Stadtmarathon in Oslo. Etwa fünfhundert Läufer werden beim Nordmarka Skogsmaraton in den Wäldern nördlich der Hauptstadt und beim Midnight Sun Marathon in Tromsø weit jenseits des Polarkreises gezählt. Und ansonsten hat man in den letzten Jahren nur noch beim Rennen in Stavanger regelmäßig die Einhunderter-Marke übertroffen.

Selbst wenn man meist nur die Vorderfront kennt, sind die dahinter erstreckenden langen und schmalen Gassen mit ihren ineinander verschachtelten alten Lagergebäuden das eigentlich besondere an Bryggen

Genau dazwischen ist man nun mit dem Bergenser City Marathon hinein gestoßen. Denn nach etwa hundertfünfzig Läufern bei der Premiere haben sich die Meldezahlen mehr als verdoppelt und sind auf dreihundertfünfzig angestiegen. Und der bei der Erstauflage noch mit gut siebenhundert Teilnehmern notierte Halbmarathon ist innerhalb eines Jahres auf weit über zweitausend Starter angewachsen.

Unter Berücksichtigung des ebenfalls angebotenen Rennen über fünf Kilometer und der Staffel, bei der sich zehn Läufer die Halbmarathondistanz teilen, können die Organisatoren - neben dem örtlichen Sportverein "Viking" ist auch "Bergens Tidende" die größte Zeitung der Region mit eingebunden - wenige Tage vor dem Rennen verkünden, dass man insgesamt die Fünftausendermarke übertroffen habe. Im Original heißt das durchaus verständlich "vi har passert 5000 deltakere".

Denn um auf der Einstiegseite des Marathons die regelmäßig aktualisierten Neuigkeiten lesen zu können, muss man schon ein wenig Norwegisch beherrschen. Doch alle anderen Angaben zum Rennen sind im Netz auch auf Englisch vorhanden. So wird nach dem Umschalten auf die zweite vorhandene Variante aus dem Unterpunkt "påmelding" ein "entries". Und das eigentlich sowieso leicht zu verstehende "distanser" verändert sich zu "distances".

Nur für "løype" findet sich kein eigener Ordner "course". Doch jedem, der irgendwie schon einmal mit Wintersport in Kontakt gekommen ist, sollte dennoch klar sein, was sich dahinter verbirgt. Schließlich handelt es sich um einen der wenigen Begriffe, die es aus Skandinavien auch in deutsche Wörterbücher geschafft haben. Und mit "Klikk for detaljer" und "Se løypekart her" landet man schließlich auch noch relativ problemlos bei der gesuchten Streckenkarte.

Dass unter den tatsächlich fast fünftausend Angetretenen nicht einmal fünfzig von jenseits der norwegischen Grenze angereist sind und nur die Dänen eine zweistellige Abordnung stellen, lässt sich jedenfalls kaum an völlig unzureichender Information festmachen. Denn ausgerechnet die Vertreter englischsprachiger Nationen fehlen nahezu völlig. Und neben den - auch nur im halben Dutzend erschienenen - Schweden taucht schon das Kürzel "GER" am häufigsten auf.

Eine Startgebühr von fünfhundert Kronen bei Meldungseingang bis Anfang Februar und siebenhundert Kronen danach - die entsprechenden Werte für den Halbmarathon lauten vierhundertfünfzig und sechshundert - kann man mit umgerechnet fünfundsechzig bis neunzig Euro zwar nicht unbedingt in die Kategorie "Sonderangebot" einordnen. Doch gar zu abschreckend sollten sie eigentlich auch nicht sein.

Nur wenige Schritte abseits des Stadtzentrums findet man sich in engen und steilen Gässchen wieder

Schließlich stoßen etliche Stadtmarathons hierzulande - zumindest bezogen auf den unteren der beiden Werte - in durchaus vergleichbare Größenordnungen vor. Und gerade im Hochpreisland Norwegen stellen solche Beträge für "startavgiften" noch keineswegs die Obergrenze dar, sondern sind maximal im vorderen Mittelfeld angesiedelt. Mit Medaille und Funktions-T-Shirt entsprechen die Gegenleistungen in Bergen zudem durchaus dem international längst üblichen Standard.

Selbst die tatsächlich etwas abgelegene Lage von Bergen am Rande des europäischen Kontinents lässt sich kaum als Argument für das praktisch nicht vorhandene Interesse aus dem Ausland heran ziehen. Für viele Norweger ist die Anreise schon aus mittlerer Entfernung aufgrund oft kurviger und profilierter Straßen durch das skandinavische Gebirge sowie oftmals nötiger Fährpassagen über die tief ins Land hinein schneidenden Fjorde nämlich kaum weniger zeitaufwendig.

Immerhin verfügt die Stadt über den zweitgrößten Flughafen des Landes, der nicht nur etliche Male am Tag von Oslo sowie aus Kopenhagen und Stockholm angeflogen wird, sondern auch über tägliche Direktverbindungen zu den großen Drehkreuzen Amsterdam, London oder Frankfurt verfügt. Viele weitere Ziele - darunter zum Beispiel Hamburg und Berlin - stehen immerhin mehrfach pro Woche auf dem Plan.

Für den Bergen City Marathon gibt es so wohl durchaus noch einiges nicht ausgeschöpfte Potential für weiteres Wachstum. Doch ist man mit dem gewaltigen Sprung, der die Veranstaltung bereits im zweiten Jahr ihres Bestehens hinter dem Halben des Oslo Marathons und dem Birkebeinerløpet auf den Spuren des bekannten Skilanglauf-Wettbewerbes zum drittgrößten Rennen über einundzwanzig Kilometer gemacht hat, natürlich vorerst hochzufrieden.

Noch reicht so auch die Halle von "Turn og Idrettsforeningen Viking" für die "utdeling" der Startnummern aus. "Vikinghallen", die von außen kaum als Sportstätte erkennbare Heimat der "Turn- und Sportvereinigung Bergen" hat innen tatsächlich den Charme einer alten Turnhalle. Schließlich wurde sie bereits in den Dreißigern erbaut. Allerdings verbirgt sich in den Nebenräumen auch ein modernes Trainings- und Fitnesszentrum.

Während auf dem zentralen Platz "Torgallmenningen" das Seefahrer-Monument an die weit ins Mittelalter zurück reichende maritime Geschichte Bergens erinnert … … steht am nahen Fischmarkt die Statue des in Bergen geborenen Schriftstellers Holberg

Angesichts von mehreren Tausend zu verteilenden Startnummern erscheinen gerade einmal vier zu diesem Zweck am Kopfende der Halle platzierte Tische eigentlich etwas wenig. Doch da man bereits am Donnerstagmittag damit anfängt, die Unterlagen unter die Leute zu bringen, verteilt sich der Andrang ganz gut. Einige wenige Verkaufs- und Informationsstände sind ebenfalls aufgebaut, nach einer Großveranstaltung sieht das Ganze keineswegs aus.

Viel zentraler könnte sich das Marathonzentrum allerdings kaum liegen. Denn bis zum natürlichen Hafenbecken Vågen, das die Keimzelle der Stadt darstellt und um das herum sich neben nahezu allen Sehenswürdigkeiten auch die meisten Hotels gruppieren, sind es im wahrsten Sinne des Wortes nur wenige Schritte. Doch der eigentliche Stadtkern ist für eine Viertelmillionenmetropole sowieso eher klein. Selbst mit viel Wohlwollen betrachtet, hat man ihn ganz egal in welcher Richtung nach drei Kilometern durchquert.

Dafür sorgt schon die Topologie. Denn zwischen Meer und Gebirge bleibt Bergen nur ziemlich wenig Raum, um sich auszudehnen. Nahezu überall um den Stadtkern herum steigt das Gelände schnell deutlich an. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass es vermutlich nur wenige Großstädte gibt, die sich ähnlich spektakulär in die Landschaft einfügen. Nur durch seine Lage allein ist Bergen eigentlich schon sehenswert.

Vor der Halle ist die Straße noch ziemlich nass. Denn noch am Freitag herrscht "typisches" Bergen-Wetter. Immer wieder fällt Regen aus tief hängenden Wolken. Und als wirklich angenehm lassen sich mittlere einstellige Temperaturen auch nicht bezeichnen. Es scheint kaum glaubhaft, dass die Meteorologen für den folgenden Tag strahlenden Sonnenschein vorhersagen. In der Abenddämmerung, die im Süden Norwegens bereits Ende April erst weit nach neun Uhr einsetzt, zeigen sich jedoch tatsächlich Lücken in der zuvor so undurchdringlich erscheinenden Decke.

Und am Samstagmorgen ist es dann wie angekündigt vollkommen trocken. Der blaue Himmel lässt allerdings noch ein wenig auf sich warten, denn an den umliegenden Kuppen habe sich eine ganze Reihe Hochnebel gefangen, die vom - nach mehreren Regentagen in Folge weiterhin ziemlich nassen - Boden aufgestiegen sind. Trotzdem wirkt das Licht auch zu ziemlich früher Stunde bereits deutlich freundlicher als am trüben Vortag.

Nicht allzu lange kann man schließlich schlafen, wenn man beim Bergen City Marathon zweiundvierzig Kilometer laufen möchte. Denn schon um acht Uhr werden die Teilnehmer über die längste der ausgeschriebenen Distanzen auf die Strecke geschickt. Dass es um diese Jahreszeit in Bergen schon lange vor sechs Uhr hell wird, macht das frühe Aufstehen allerdings noch einigermaßen erträglich.

An den Frühjahrswochenenden marschieren traditionell die "Buekorps" genannte Gruppen mit ihren Trommeln durch Bergen Unweit des ursprünglich von ihm ins Leben gerufenen Nationaltheaters hat man dem aus Bergen stammenden Geiger Ole Bull ein Denkmal gesetzt

Langschläfern bietet sich natürlich dennoch ein zusätzliches Argument, es nur beim Halbmarathon zu belassen. Denn dieser wird erst zwei Stunden nach dem Rennen der Langstreckler gestartet. Die Staffeln gehen für ihre einundzwanzig Kilometer sogar eine weitere Viertelstunde später über die Linie. Und für den um halb zwölf beginnenden Fünfer kann man sich bei den Vorbereitungen noch wesentlich mehr Zeit lassen.

Das hierzulande - wo man bei Marathon-Halbmarathon-Kombinationen auf Doppelrunden meist alle Teilnehmer zusammen los schickt - ziemlich ungewohnte Konzept, ist eigentlich recht sinnvoll. Denn während bei einem gemeinsamen Start zwar das Feld anfangs ziemlich beeindruckend wirkt, sind die Marathonis nach dem Abbiegen der Kurzdistanzler urplötzlich vollkommen alleine auf weiter Flur.

Bei einem Ansatz wie in Bergen stoßen dagegen die Halbmarathonläufer erst genau in dieser Phase hinzu und sorgen für neue Belebung. Der Abstand von zwei Stunden sorgt zudem dafür, dass der Marathonsieger ziemlich sicher als Erster im Ziel ankommen wird und den verdienten Jubel in Empfang nehmen kann, ohne irgendwo in der Masse unterzugehen. Selbst die schnellsten Frauen über die lange Strecke dürften nur von wenigen Halbmarathonläufern eingeholt werden.

Die leitungsorientierten Sportler sind beim Marathon längst durch, bevor der Start des weitaus größeren Feldes erfolgt. Also bleiben sie keineswegs irgendwo zwischen in dichten Reihen nebeneinander trabenden Freizeitläufern stecken. Und da beide Strecken zudem noch ungefähr drei Kilometer getrennt voneinander über parallele Straßen geführt werden, bevor sie sich endgültig treffen, knallen auch die Vier-Stunden-Marathonis keineswegs voll in einen noch geschlossenen Pulk hinein.

Die Staffeln haben ihre ersten Wechsel ebenfalls schon längst hinter sich, bevor sie die fünfzehn Minuten Rückstand auf die letzten Halbmarathonläufer aufgeholt haben. Das ganz große Getümmel bleibt also auch in diesem Falle aus, selbst wenn sich die allerschnellsten Teams in der Folge noch fast am gesamten Feld vorbei arbeiten werden. Und bevor der Fünfer überhaupt gestartet wird, sind alle anderen Sieger bereits im Ziel. Vielleicht sollte der eine oder andere notleidende hiesige Marathon doch einmal darüber nachdenken, ähnlich zu verfahren.

Gestartet werden fast alle Rennen auf "Torgallmenningen", der irgendwo zwischen lang gestrecktem Platz und besonders breiter Straße einzuordnenden Haupteinkaufszone der Stadt. Und auch das gemeinsame Ziel findet sich in dieser "guten Stube" Bergens. Nur der Wettbewerb über fünf Kilometer, der auf dem Schlussabschnitt der anderen Läufe ausgetragen wird, hat seinen Ausgangspunkt einen guten Kilometer entfernt.

Rund um die Hafenbucht "Vågen" - die Keimzelle der Stadt - gruppieren sich fast alle Sehenswürdigkeiten. Und bei jedem Stadtbummel durch Bergen wird man ganz unwillkürlich immer und immer wieder an dieser Stelle landen

Im beengten Zentrum ist die "Markt-Allmende", wie man den Namen des Platzes ungefähr übersetzten könnte, eine der größten Freiflächen und bietet sich deshalb als Arena für den Marathon geradezu an. Dass am Kopfende eine große Leuchtreklame für den Mitveranstalter Bergens Tidende wirbt und auch das Verlagshaus der ältesten Zeitung Norwegens - gleichzeitig auch die größte außerhalb von Oslo - um die Ecke liegt, ist eher eine willkommene Zugabe.

Allerdings hat man keineswegs die komplette Logistik auf diesem absolut zentralen Platz zusammen gezogen. Umkleide und Taschenaufbewahrung befinden sich nämlich in der schon von der Startnummernausgabe bekannten Vikinghalle, bis zu der fast einen Kilometer zu Fuß zurück zu legen ist. Wer im Innenstadtbereich übernachtet hat, kann sich diesen Weg aber sparen. Denn praktisch alle Hotels liegen näher zum Start. Und so lässt sich der Aufbruch noch eine beträchtliche Zeit hinaus zögern.

Bei noch ziemlich frischen Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt füllt sich die Fläche dann auch eher langsam. Immerhin kann man sich noch ein wenig im später als Verpflegungsstelle genutzten Pavillonzelt aufhalten. Doch wesentlich wärmer als auf dem Platz ist es dort auch nicht. Ansonsten deutet nur eine Bühne, auf der sich eine Fitnesstrainerin bemüht, dem Läufervolk einige Aufwärmübungen näher zu bringen, und die allseits bekannten blauen Häuschen mit den ebenso bekannten Warteschlangen auf die Veranstaltung hin.

Den Start- und Zielbogen hat man zusammen mit den Matten für die in der Nummer integrierten Zeitmessungschips dagegen am Eingang zu einer Querstraße aufgebaut. Eigentlich eher überraschend ist er im rechten Winkel zum Verlauf des Platzes positioniert. Dieser ist zwar aufgrund einiger Treppenstufen und eines in seiner Mitte stehenden Denkmals nicht in voller Breite nutzbar. Nur neben den gläsernen Galerien, die sich auf beiden Seiten entlang ziehen, könnte man laufen. Doch wäre ein Start dort durchaus denkbar.

Wohl um eine geschlossene Runde mit einer echten Zielgerade zu bekommen, haben sich die Organisatoren anders entschieden. Und so muss das Marathonfeld schon wenige Meter, nachdem es sich in Bewegung gesetzt hat, gleich wieder nach links schwenken. Was für die nicht einmal vierhundert Langstreckler kein echtes Problem darstellt, wird bei weit über zweitausend Halbmarathonläufer dann doch weitaus enger. Aber nach drei Minuten werden selbst dort die letzten Nachzügler die Zeitnahme ausgelöst haben.

Am hinteren Ende von "Vågen" befindet sich der bekannte Fischmarkt, auf dem auch noch immer der getrocknete "Stockfisch" gehandelt wird, dem Bergen indirekt seinen Aufstieg verdankt

Ganz leicht bergab geht es danach an "Sjøfartsmonumentet" vorbei, jenem wuchtigen Würfel in der Mitte der Freifläche, auf dem in mehreren Reliefs an die maritime Geschichte der Stadt erinnert wird. Vor jeder der vier Seiten stehen zudem drei lebensgroße Figuren, die verschiedenste Seefahrertypen zwischen dem Zeitalter der Wikinger und dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts darstellen.

Dier Fußgängerzone endet kurz hinter dem als Treffpunkt ziemlich beliebten Denkmal. Doch auch die anschließende Straße fällt nicht wirklich enger aus als der eigentliche Platz. Und nur einen Häuserblock später öffnet sich sowieso schon wieder der Fischmarkt, der sich am Ende der langen, schmalen Hafenbucht - die Bezeichnung "Vågen" bedeutete übersetzt wirklich nichts anderes als "die Bucht" - ausdehnt und zu den auf jedem Besuchsprogramm stehenden Attraktionen Bergens gehört.

Noch bis vor Kurzem wurden dort Fische, Krebse und anderes Meeresgetier einfach unter Sonnenschirmen gehandelt. Inzwischen ist jedoch eine neue Halle gebaut, die dem Ganzen zwar ein wenig die urige Atmosphäre genommen hat, aber das reichhaltige Angebot fast noch besser zur Geltung bringt. Neben Markständen, die Beeren und Obst, Rentier- und Elchfleisch oder auch Norwegerpullover und andere Souvenirs verkaufen, findet man aber immer auch noch den einen oder anderen Fischhändler unter freiem Himmel.

Selbst wenn Torgallmenningen rein geographisch viel eher die Mitte der Bergenser Innenstadt darstellt, sind "Fisketorget" und "Vågen" die wirklich zentralen Anlaufpunkte. Beim Stadtbummel wird man jedenfalls ganz unwillkürlich immer und immer wieder an dieser Ecke landen. Irgendwie scheinen alle Straßen, durch die man von Hafen weg schlendert, zu guter Letzt doch wieder dorthin zu führen.

Am Fischmarkt beginnen die Stadtrundfahren, die aufgrund der geringen Größe und den vielen engen Gassen Bergens eigentlich ziemlich wenig bieten können. An den Kais des Hafenbeckens liegt eine ganze Reihe von Ausflugsschiffen, mit denen man verschiedene Touren in den Hardanger- und den Sognefjord unternehmen kann. Genau zwischen diesen beiden größten und bedeutendsten Fjorden des Landes befindet sich nämlich die Stadt. Und im Obergeschoss der Fischhalle ist zudem die Touristeninformation untergebracht, bei der man all dies buchen kann.

Nach diesem ersten ziemlich kurzen Besuch zieht sich die Strecke jenseits von Torget und Hafenbecken sofort wieder einen kleinen Hügel hinauf und scheint dabei genau auf den Höhenzug zuzulaufen, der bereits direkt hinter dem Bergenser Stadtkern rund vierhundert Meter nach oben ragt. Bevor die inzwischen kopfsteingepflasterte Straße allerdings richtig steil werden kann und in eine Treppe übergeht, dürfen die Marathonis an der Fløibanen-Talstation gerade noch rechtzeitig nach links schwenken.

Während Startnummernausgabe und Kleideraufbewahrung in der "Vikinghalle" zu finden sind … …hat man Start und Ziel des Marathons am rund einen Kilometer entfernten Hauptplatz "Torgallmenningen" aufgebaut Über einhundert norwegische Marathons hat Helge Hafsås schon für sich entschieden und auch in Bergen wird er wieder mit 2:47:14 gewinnen

Bereits die technischen Daten dieser einzigen norwegischen Standseilbahn hinauf zum "Fløyen" heißenden Gipfel zeigen, wie schroff die sich rund um die Stadt gruppierenden Berge in die Höhe schwingen. Denn obwohl die Strecke nicht einmal einen Kilometer lang ist und zudem keineswegs den direkten Weg nimmt, sondern sich beim Aufstieg sichtbar an den Hang lehnt, werden auf der kurzen, nur etwa fünf Minuten dauernden Fahrt in ihren Wagen mehr als dreihundert Meter überwunden.

Fløyen hat aufgrund dieser Nähe zum Zentrum und seiner guten Erreichbarkeit durch die pro Jahr ungefähr eine Million Passagiere transportierenden Bahn eindeutig die Rolle des Hausberges der Stadt übernommen. Längst nicht nur Touristen sondern auch die Einheimischen zieht es hinauf. Der Blick von der Bergstation der Seilbahn hinunter aufs Hafenbecken Vågen zählt jedenfalls eindeutig zu den bekanntesten und unverwechselbarsten Postkartenmotiven von Bergen.

Aber auch das Wegenetz ist für skandinavische Verhältnisse, wo Wanderrouten meist kaum mehr als Trampelpfade sind und oft sogar nur aus einigen Markierungen irgendwo in den Hochmooren und Felsen des Fjells bestehen, geradezu sensationell ausgebaut. Rund ein Dutzend verschiedene Möglichkeiten hat man, um von der Stadt zum auch "Fløyfjellet" genannten Plateau zu gelangen. Oben schließen sich weitere Tourenvarianten an. Und praktisch alle werden an diesem sonnigen Samstag später auch ziemlich belebt sein.

Dennoch handelt es sich bei Fløyen - der ungewöhnliche Name, der übersetzt etwa "der Flügel, das Fliegende" bedeutet, kommt ursprünglich von einer auf Norwegisch mit "vindfløy" bezeichneten Wetterfahne, die auf seinem Gipfel in den Hafen einlaufenden Schiffen die Windrichtung anzeigte - keineswegs um den höchsten der "syv fjell", der "sieben Berge", von denen der Stadtkern angeblich umgeben sein soll.

Die Zahl ist jedoch ziemlich willkürlich gewählt und hängt wohl hauptsächlich mit der ihr zugeschriebenen Symbolik zusammen. Neben dem bekanntesten Beispiel Rom behauptet ja auch eine ganze Reihe weiterer Städte - unter anderem Jerusalem, Istanbul, Moskau, Lissabon und San Francisco - von sich, auf sieben Hügeln erbaut zu sein. Ließe man jedenfalls einige beliebige Bergenser, die einzelnen Gipfel aufzählen, kämen dabei mindestens zehn verschiedene Namen heraus.

Nach dem Start am Torgallmenning führt die Strecke …
… direkt auf die Talstation der Fløybahn zu

Immer genannt werden dürfte neben "Fløyen" dabei allerdings auch "Ulriken", der als einzelner Berg klar erkennbar ist und ziemlich genau im Osten des Stadtzentrums eine markante Position besetzt. Auch auf ihn führt eine Seilbahn - diese jedoch durch die Luft - und auch vom ihm bietet sich eine herrliche Aussicht auf die Stadt zu seinen Füßen. Mit 645 Metern stellt er zudem die höchste Erhebung des Gebirgsringes um die eigentliche Innenstadt dar.

Allerdings geht es in der Kommune Bergen noch deutlich weiter hinauf. Denn im Osten des Gemeindegebietes ragt jenseits eines Längstales, in dem sich der Stadtteil Arna ausdehnt, das Gullfjell sogar bis knapp unter die Marke von eintausend Metern empor. Nur wenige Kilometer vom Meer entfernt wären solche Höhen ohnehin beeindruckend genug. Doch durch die im Westen der skandinavischen Halbinsel auf gerade einmal sechs- bis achthundert Meter liegende Baumgrenze haben einige Regionen der Hafenstadt Bergen durchaus alpinen Charakter.

Gerade eben bewegte man sich noch praktisch auf Meereshöhe. Nun, nur wenige hundert Meter später ist man schon wieder fünfzehn bis zwanzig Meter oberhalb des Hafens unterwegs. Dass die Straße, auf die man an der Fløyenbahn eingebogen ist, "Øvregaten" - also "obere Straße" - heißt, erscheint da durchaus passend. Doch in der alles andere als flachen Stadt Bergen haben die Streckenplaner eigentlich gar keine andere Wahl, als immer wieder auch einmal Anstiege einzubauen.

Bis zur unweit der Vikinghalle gelegenen, knapp neunhundert Jahre alten Marienkirche, von der man nur einen der beiden Türme bewundern kann, weil der andere gerade restauriert und von einem Gerüst verdeckt wird, verläuft die Strecke weitgehend eben, ja tendenziell sogar leicht bergab. Dann folgt allerdings schon die nächste Welle, die erneut für einige Meter Höhengewinn sorgt.

Wie hoch man dabei nach oben geklettert ist, lässt sich einen halben Kilometer später erkennen, als die Straße aus der Wohnbebauung heraus tritt und auf halber Höhe eine nahezu senkrechte Felsnase umrundet. Denn während rechts das dunkle Gestein fast schon bedrohlich nahe heran zu rücken scheint, reicht der Blick links bereits über die Dächer der eine Ebene tiefer stehenden Häuser hinweg bis aufs Meer.

Der vierte Kilometer führt die Marathonis unter anderem durch das Freilichtmuseum Gamle Bergen

Dieses sollte man sich jedoch auf keinen Fall als weite, offene See vorstellen. Vielmehr stößt man ganz egal in welche Richtung man sieht, am Horizont ziemlich schnell wieder auf Land. In wenigen Kilometern Abstand sind Bergen nämlich zahlreiche Inseln vorgelagert, die ihrerseits dann gleich wieder von den nächsten noch etwas weiter draußen liegenden Inselgruppen abgeschirmt werden.

Fast alle haben eine wild zerfurchten Umriss, werden von engen Fjorden und Sunden geteilt. Man muss schon wirklich ganz genau hinsehen, um zu erkennen, was da wie zusammen gehört, was noch Festland und was bereits Insel ist. Dazwischen verteilen sich noch unzählige kleinere Eilande und Schären, die erst zwanzig Kilometer von der Stadt entfernt endgültig in den Ozean hinaus tröpfeln. Ohne moderne Instrumente die richtigen Schlupflöcher in diesem Irrgarten zu finden, muss für frühere Seefahrer wirklich die hohe Schule der Navigation gewesen sein.

Mit der Umrundung des Felsens ist man von der eigentlichen Kernstadt in den 1876 eingemeindeten Stadtteil Sandviken hinüber gewechselt. Es folgten noch einige weitere großräumige Fusionen mit Umlandgemeinden insbesondere in den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Und nur dadurch kommt Bergen überhaupt zu seiner Viertelmillion Einwohner. Der Innenstadtbezirk, zu dem auch Sandviken verwaltungstechnisch noch gehört, bringt alleine nicht einmal vierzigtausend Menschen zusammen.

Durch den direkt hinter der Stadt beginnenden Wald arbeitet man sich immer weiter nach oben … …bis Bergen weit unterhalb den Läufern regelrecht zu Füßen liegt

Zwar sind einige dieser Vororte inzwischen tatsächlich mit dem Zentrum zusammengewachsen. Doch eine so kompakte Stadt, wie man es angesichts seiner Bedeutung und Bevölkerungszahlen erwarten würde, ist Bergen deswegen noch lange nicht. Nur einige wenige schmale Siedlungsbänder ziehen sich entlang der niedriger gelegenen Teile des Gemeindegebietes. Dort wo das Gelände dazwischen etwas steiler wird, dehnen sich dagegen weitgehend unberührte Waldgebiete und die kahlen Hochflächen des Fjells aus.

Obwohl zum Beispiel München und Köln rund viermal so viele Einwohner haben, erstrecken sich beide über eine deutlich kleinere Grundfläche. Allerdings ist Bergen trotz seiner fast fünfhundert Quadratkilometern diesbezüglich nur eine ziemlich durchschnittliche Kommune. Schließlich werden in Skandinavien Gemeindegrenzen traditionell ziemlich weit abgesteckt. Und gerade in den wenig bevölkerten Gebieten im Norden und Westen übertreffen sie in ihrer Ausdehnung gelegentlich durchaus österreichische Bundesländer oder Kantone der Schweiz.

Fast das erste, was die Marathonis von Sandviken zu Gesicht bekommen, ist die Kirche. Kurz darauf sitzt auf der anderen Seite die "Sandviken brannstasjon" unübersehbar auf einer keilförmigen Straßenecke. Ohne die Beschriftung am kleinen Turm würde man dem rot und grün gestrichenen Holzgebäude seine Funktion aber vielleicht dann doch nicht auf den ersten Blick ansehen. Ungewöhnlich ist die Bauart der auch mehr als hundert Jahre nach ihrer Errichtung noch immer in Betrieb befindlichen Feuerwache jedoch keineswegs.

Den in Skandinavien weit verbreiteten, oft recht farbenfroh gestrichenen Holzhäusern begegnet man selbst im Zentrum von Bergen ziemlich häufig. Manchmal wähnt man sich nur wenige Schritte abseits der Hauptachsen bereits in einem kleinen Städtchen des neunzehnten Jahrhunderts. Und je weiter man aus der Innenstadt nach draußen kommt, umso dominierender wird diese Form der Architektur, die sich auch bei Neubauten weiterhin größter Beliebtheit erfreut.

Die Bebauung lockert ebenfalls langsam auf. Zwar läuft man noch immer an dem einen oder anderen mittelgroßen Wohnblock vorbei, doch immer häufiger tauchen am Straßenrand nun auch von Gärten umgebene Einfamilienhäuser auf. Nur gute zwei Kilometer nach dem Start mitten im Zentrum der zweitwichtigsten norwegischen Metropole erinnert kaum etwas am - weiterhin leicht welligen - Streckenverlauf noch an eine Großstadt.

Bei der ersten Umrundung des Store Lungegårdsvann halten sich noch hartnäckig Nebelschwaden in den umliegenden Hängen, doch immer öfter bricht die Sonne durch

Auf dem Bürgersteig versuchen zwei Radfahrer fieberhaft einen platten Reifen auszuwechseln. Ihre neongelben Westen belegen, dass sie eigentlich als Begleitung der führenden Marathonis eingeplant waren. Doch nun müssen sie jedoch ganz im Gegensatz zu ihrer ursprünglich zugedachten Aufgabe das komplette Feld an sich vorbei ziehen lassen. Verlaufen kann sich selbst an der Spitze allerdings kaum jemand. Die Strecke ist mit unzähligen Pfeilen am Boden markiert. Und an jeder Verzweigung steht zudem einer der in großer Zahl vorhandenen Helfer.

Weit weniger Probleme ihre zugedachte Position einzunehmen, haben zu diesem Zeitpunkt dagegen die ebenfalls in neongelb gekleidete "Fartsholder". Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass einem Tempomacher so früh die Luft ausgeht wie dem Fahrradreifen eher gering. Zumindest für die Zielzeiten 3:45 und 4:00 hat man Zugläufer dabei. Angesichts des keineswegs einfachen Streckenprofils wäre - wie später auch ein Blick in die Ergebnisliste zeigen wird - ansonsten wohl höchsten noch eine Dreieinhalb-Stunden-Gruppe sinnvoll.

Der schroffe Berghang, der für Sandviken bis zum Wasser ohnehin nur einen wenige hundert Meter breiten Streifen zu Besiedlung gelassen hatte, rückt stetig näher heran. Und auch die relativ steile Rampe, mit der sich das von den Marathonis belaufene Sträßchen ein wenig höher an ihm hinauf arbeitet, sieht nicht gerade erfreulich aus. Zumindest muss man sie nicht in voller Länge hinauf klettern. Denn zwischendurch zweigt der Kurs nach links in einen Radweg ab, der praktisch sofort danach auf einer Brücke die Hauptstraße nach "Bergen Sentrum" überquert.

Auch jenseits der Überführung fällt die Strecke noch weiter ab und steuert dabei auf einige kleinere Werkshallen zu, hinter denen sich ein auch nicht wirklich größerer Hafen versteckt. Dabei überläuft man auch eine "3" auf dem Asphalt, die das Erreichen des nächsten Kilometers verkündet. Doch schon weil einige Streckenteile über Kopfsteinpflaster oder Schotterwege führen, konnte man längst nicht alle Zwischenmarken auf diese Art kennzeichnen.

Die Täfelchen, die man deswegen an jedem Kilometer aufgehängt oder -gestellt hat, sind allerdings dann doch ein wenig zu klein geraten, um sie auch aus größerer Entfernung zu erkennen. Man muss sich schon konzentrieren, damit man keines von ihnen verpasst. Und gerade im Innenstadtbereich, in dem man auch auf viele andere Dinge achtet, rutscht trotzdem immer wieder einmal eines unbemerkt durch.

Kaum hat man Meereshöhe erreicht, führt ein schmaler Weg erneut bergauf und vom Wasser weg. Aus dem schon leicht gewellten Asphalt wird wieder grobes, noch deutlich unebeneres Pflaster, als man auf eine Gruppe von Holzhäusern zusteuert, die sich rund um eine Grünanlage verteilen. Spätestens als man Schilder mit Eintrittspreisen am Streckenrand entdeckt, ist klar, dass es sich dabei keineswegs um eine ganz normale Wohnstraße handelt.

Vielmehr passiert man das Freilichtmuseum "Gamle Bergen" - ein Name, der sich mit viel Phantasie oder ein wenig Kenntnis skandinavischer Sprachen als "Alt-Bergen" entschlüsseln lässt. Nach einem inzwischen weit verbreiteten Konzept, hat man dabei einige Dutzend historische Gebäude zu einem Ensemble zusammen gefügt, in dem das frühere Leben in der Stadt anschaulich gezeigt werden soll.

Auf dem sechzehnten Kilometern wird eine Schleife durch das neue Büro- und Forschungszentrum im Stadtteil Møhlenpris gelaufen

Interessant ist ein Besuch allerdings wohl hauptsächlich durch das Innere der Häuser mit ihrem ebenfalls aus der Vergangenheit stammenden Inventar. Denn vieles von dem, was man beim Schlendern durch die Seitenstraßen der Stadt an Bauten zu Gesicht bekommt, sieht äußerlich auch nicht wesentlich anders aus als das, was man zur Ausstellung in Gamle Bergen zusammen getragen hat.

Auf dem flacheren Abschnitt hinter dem Torbogen am Ausgang des Geländes lässt sich an Schildern, am Rande schon bereit stehenden Absperrungen und einem am Boden liegenden Schriftband erkennen, dass dort später ein "vekslingspunkt" der "stafetten" sein wird. Diese sind keineswegs gleichmäßig verteilt, sondern je nach Profil und logistischen Möglichkeiten gewählt. Obwohl fast schon vier Kilometer zurück gelegt sind, wird am Museum zum ersten Mal gewechselt werden. Die kürzeste der Etappen beträgt dagegen nur etwa tausend Meter.

Die kleine Erholungsphase endet nach nur wenigen Metern mit einer Spitzkehre, hinter der es augenblicklich wieder deutlich spürbar den Berg hinauf geht. Anschließend an den dabei beschriebenen Halbkreis wird erneut die - nun noch wesentlich breitere, weil um eine im Tunnel um Bergen herum führende Umgehungstrecke erweiterte - Hauptstraße gekreuzt. Diesmal geht es allerdings nicht über sie hinweg sondern unter ihr hindurch.

Erstmals kommt man dabei wirklich mit Verkehr in Kontakt. Nach dem gut gesicherten Start des noch dichten Pulks im Stadtzentrum war man schließlich nur auf kaum befahrenen Wohnstraßen unterwegs. Doch nun befindet sich an der von den Läufern unterquerten Brücke auch eine für Sandviken nicht unwichtige Auffahrt zur Schnellstraße, an der allerdings Streckenposten das Aufeinandertreffen von Autos und Marathonis weitgehend zu beiderseitiger Zufriedenheit koordinieren.

Wie in Skandinavien durchaus nicht unüblich ist die Runde nämlich keineswegs vollständig gesperrt, sondern so gewählt, dass man möglichst abseits der Hauptverkehrsachsen auf Seitenstraßen oder Fußwegen geführt wird. Die wenigen Fahrzeuge, die dort unterwegs sind, werden durch Schilder und Helfer an den Zufahrten gewarnt und verhalten sich entsprechend rücksichtvoll. Und wo es wirklich unvermeidbar ist, einmal entlang einer etwas stärker frequentierten Strecke zu laufen, werden die Marathonis einfach auf den Bürgersteig gebeten.

Kurz vor dem Ende der Runde muss der sich über die Halbinsel Nordnes ziehende Höhenrücken erklettert werden… …doch dafür kann man von oben dann auch wieder den Blick schweifen lassen

Das alles funktioniert dank der diesbezüglich ziemlich gelassenen nordischen Mentalität absolut reibungslos. Niemand regt sich auf, wenn er wegen irgendwelcher Sportler das Auto einmal kurz stoppen muss. In einem von unzähligen Meeresarmen ziemlich zerfetzten Land ist man aufgrund der zu ihrer Überquerung immer wieder nötigen Fährüberfahrten schließlich ganz andere Wartezeiten gewohnt.

Hinter der Unterführung wartet gleich die nächste, erneut ziemlich ruppig bergan führende Spitzkehre. Dahinter ist auf einem dann wieder etwas ebeneren Stück der Straße, die erste "Drikkestasjon" aufgebaut. Doch entgegen seiner Bezeichnung hat der Verpflegungsposten mehr als nur Getränke im Angebot. Denn neben Wasser und Elektrolytgetränken finden die Marathonis auch Bananen, Riegel und Schokolade auf den Tischen.

Nicht nur das Angebot ist ausreichend, über die Versorgungsdichte kann man sich ebenfalls kaum beschweren. Denn bis zum Abschluss der ersten Runde werden die Marathonis - und nach ihnen auch die Läufer beim Halbmarathon - fünf Getränkestellen passiert haben. Durch die zwischendurch einmal getrennte Streckenführung beider Rennen werden es auf den zweiundvierzig Kilometern dann sogar insgesamt elf von ihnen sein.

Hinter dem weiten Bogen, den die Straße um das "Sandviken sykehus" - also das Krankenhaus von Sandviken - beschreibt, bringt eine erneute scharfe Wende hinein in einen schmalen Fußweg den Streckenverlauf noch ein weiteres Mal zurück in südöstliche Richtung und damit auf die Innenstadt zu. Doch nach dem Passieren einiger weniger Häuser verschwindet der Kurs erst einmal in den direkt hinter der Stadt beginnenden Wald. Und das kurzzeitige Gefälle wandelt sich zudem wieder in einen Anstieg.

Immer entlang an der relativ steilen Bergflanke geht es für die Läufer ab jetzt ständig weiter nach oben. War die Strecke bis zu diesem Zeitpunkt zwar durchaus nicht als "eben" zu bezeichnen, aber halt trotzdem eher von kürzeren Steigungen und kleinen Wellen geprägt, verläuft sie nun nämlich stetig bergauf. "Fjellveien" heißt dieser schmale Weg, auf dem man nun für längere Zeit unterwegs sein wird, was einerseits ziemlich passend ist, bedeutet "Fjell" übersetzt zumindest im weiteren Sinne doch nichts anderes als "Berg" oder "Gebirge".

In der Nähe der von den Marathonis zu umrundenden Halbinsel-Spitze ist noch einmal eine Verpflegungsstelle aufgebaut Ingrid Louise Titlestad und Sonja Holst sind gemeinsam mit ihren schneller laufenden Männern aus Dänemark angereist, Titlestad (links) stammt aber ursprünglich aus Bergen

Allerdings bezeichnen selbst Skandinavier ganz streng genommen damit eigentlich nur Erhebungen oberhalb der Baumgrenze. Und aus wissenschaftlicher Sicht ist dieser von Geographen auch in andere Sprachen übernommene Begriff sogar noch enger gefasst. Nur jene von den Gletschern der Eiszeit zu runden Kuppen abgehobelten nordischen Hochflächen mit den typischen Seen und Mooren in den Senken dazwischen fallen darunter.

Aber auch jenes "vei" im zweiten Teil des Namens, das durch den in skandinavischen Sprachen immer hinten angehängten bestimmten Artikel zu "veien" wird, hat trotz seiner unübersehbaren Ähnlichkeit mit dem englischen "way" keineswegs die deutsche Übersetzung "Weg" - der Variante "veg" kann man in Norwegen übrigens ebenfalls begegnen - sondern meint in der Regel vielmehr "Straße". Und als solche kann man die nur wenige Meter breite Piste maximal noch wegen ihres befestigten - allerdings nicht asphaltierten - Untergrundes bezeichnen.

Nach über einem Kilometer, auf dem man Häuser eigentlich nur durch die Bäume und von oben gesehen hat, tauchen vor den Marathonis wieder Gebäude auf. Fast ohne Höhenunterschiede würde es zwischen ihnen hindurch geradeaus gehen. Doch genau an dieser Stelle schickt ein Streckenposten das Läuferfeld zurück in den Wald und über zwei kurz aufeinander folgende Serpentinen noch weiter den Berg hinauf.

Erneut ist man dadurch auf jenen "Grus" genannten Schotterbelag gelandet, den man schon größten Teil des bisherigen Anstieges unter den Sohlen hatte. Und breiter ist der Weg hinter der S-Kurve auch nicht geworden. Gleich mehrfach kommen an der Seite zudem kleine Wasserfälle den Berg herunter. Für einen "City Marathon" hat die Strecke in Bergen ganz eindeutig ziemlich viele Versatzstücke eines Landschaftslaufes mitbekommen.

Doch ist dies keineswegs ein Kritikpunkt, selbst wenn Bestzeitenjäger angesichts von in der Summe mehr als sechshundert zu erkletternden Höhenmetern in der norwegischen Metropole natürlich vollkommen fehl am Platze wären. Vielmehr zeigt die Strecke von Bergen wirklich eindrucksvoll, was die Stadt besonders auszeichnet - nämlich ihre spektakuläre, fast schon unvergleichliche Lage.

Dort wo die noch nicht allzu grünen Bäume den Blick freigeben, reicht dieser längst mit jedem im Anstieg gewonnenen Meter weiter über die Stadt tief unten zu Füßen der Läufer. An Höhe hat man schließlich seit dem Passieren von Gamle Bergen tatsächlich eine ganze Menge gewonnen. Denn noch bevor man bei Kilometer sechs wieder einen asphaltierten Abschnitt erreicht, wird die Hunderter-Marke überschritten.

Kurz darauf wandelt sich die konstante Steigung aber schließlich doch zu einer nur noch in leichten Wellen am Hang entlang laufenden Promenade. Auch als die Strecke nach einigen hundert Metern durch bebautes Gebiet ein weiteres Mal im Wald verschwindet, ändert sich daran nichts Grundlegendes mehr, selbst wenn der höchste Punkt noch nicht erreicht ist und es in der Folge durchaus noch gelegentlich ein paar Meter bergauf gehen wird.

Ziemlich genau bei Halbzeit wird "Vågen" umrundet und der Fischmarkt von Bergen passiert

Inzwischen ist man wieder im Bereich der Innenstadt angekommen, die von oben fast noch kleiner wirkt, als sie ohnehin schon ist. So ganz will man irgendwie nicht glauben, dass man da eine der bedeutendsten skandinavischen Wirtschafts- und Kulturmetropolen sieht. Doch ist "Größe" im eher dünn besiedelten Norden Europas eben ziemlich relativ, wie der Blick auf die schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Ringpartnerschaft der jeweils "zweiten Städte" zeigt.

Denn eigentlich nur Göteborg kann dabei mit mehr als einer halben Million Einwohnern Bergen wirklich klar übertreffen, während das dänische Aarhus und das finnische Turku - inzwischen bezüglich der Bevölkerungszahlen nicht nur von Tampere sondern auch von den mit Helsinki verwachsenen Vorstädten Espoo und Vantaa überholt, also je nach Betrachtung eigentlich nur noch die Nummer fünf oder drei im Land - eine ganz ähnliche Größenordnung wie ihr norwegisches Gegenstück besitzen.

Doch nicht einmal in der schwedischen Metropole gibt es einen wirklichen Stadtmarathon. Mit dem "Göteborgsvarvet" hat man zwar einen Halbmarathon aus, der inzwischen bei nun über vierzigtausend Teilnehmern regelmäßig mit dem britischen Great North Run um den Titel des weltweit größten Rennens über diese Distanz streitet. Der "Göteborg Marathon" wird allerdings mit zwei- bis dreihundert Läufern auf einem Pendelkurs am Stadtrand ausgetragen.

Nicht anders verhält es sich auch in Aarhus. Nur fällt der Halbmarathon in seinen Dimensionen um fast eine Zehnerpotenz kleiner aus und der - für dieses Jahr bisher noch gar nicht angekündigte - Nachtmarathon kam in der Vergangenheit nicht einmal an die Marke von zweihundert Läufern heran. Und so ist die nach Paavo Nurmi benannte Veranstaltung in Turku mit etwa fünfhundert Marathonis tatsächlich weiterhin die größte in den Partnerstädten.

Auf dem Weg durch das Waldstück oberhalb des Stadtzentrums wird die Strecke des nur eine Woche nach dem Marathon stattfindenden Berglaufes "Fløyen opp" gekreuzt, bei dem auf nur etwas mehr als drei Kilometern die dreihundertzwanzig Höhenmeter bis zur Bergstation überwunden werden müssen. Eine kurze, aber durchaus heftige Herausforderung, die diesmal Thorbjørn Ludvigsen und die auch hierzulande als Marathonläuferin ein wenig bekannte Kirsten Melkevik als schnellste bewältigen werden.

Im Vergleich zum Rennen auf den anderen Hausberg Ende Mai sind die durchschnittlich zehn Prozent, die man dabei zu bewältigen muss, beinahe noch harmlos. Denn bei "Ulriken opp" - das "hinauf" bedeutende und eigentlich durchaus verständliche "opp" ist die in Norwegen übliche Benennung von Bergläufen - geht es die sechshundert Höhenmeter bis zum Gipfel in nicht einmal vier Kilometern hinauf.

Nur die Marathonis dürfen an der von vielen Sehenswürdigkeiten umgebenen Hafenbucht entlang laufen

Und auch zum höchsten Punkt des Stadtgebietes gibt es einen Wettbewerb. Neben mehr als siebenhundert Höhenmeter auf acht Kilometern kommt beim Anfang Juni ausgetragenen "Gullfjellet opp" auch noch ein mindestens zweieinhalb Kilogramm schwerer Rucksack der mit nach oben geschleppt werden muss. Abgesehen davon, dass man aufgrund fehlender Bergbahnen seine Wechselkleidung tatsächlich selbst nach oben befördern muss, ist diese Rucksackpflicht den Norwegern auch von großen Skilangläufen wie dem "Birkebeinerrennet" gut bekannt.

Genau dort wo der Fjellvei die Trasse von "Fløibanen" überquert, verlassen die Marathonis ein weiteres Mal den Wald und laufen durch ein Wohngebiet, das schon aufgrund der grandiosen Aussicht sicher nicht zu den schlechtesten der Stadt zählen dürfte. Direkt neben der Laufstrecke ist einer der insgesamt drei Zwischenhalte der Standseilbahn, bei der ein roter Waggon namens "Rødhette" - auf Deutsch "Rotkäppchen" - und ein blauer Wagen mit Namen "Blåmann" auf und ab pendeln.

Im Gegensatz zu den Luxusvillen, die man anderswo in einer solch hervorragenden Lage wohl in die Landschaft klotzen würde, fallen die Häuser, an denen man im Anschluss vorbei kommt, keineswegs übermäßig protzig aus. Auch sie sind fast ausschließlich aus Holz errichtet und haben verglichen mit ihren Geschwistern weiter unten im Tal höchstens einmal einige zusätzliche Erker oder Balkone. Alles andere würde aber irgendwie auch gar nicht zum eher auf Ausgleich und Zurückhaltung als auf übertriebene Prahlerei bedachten Charakter der Skandinavier passen.

Hatte man bisher nur an wenigen Stellen wirklich freie Sicht, bietet sich nun zum Teil ein Hundertachtzig-Grad-Panorama über die komplette Stadt. Noch sorgen allerdings zähe Hochnebel dafür, dass die dahinter aufragenden Berge nur zu erahnen sind. Wenn man sich ein wenig umdreht, sieht man das Meer allerdings bereits in einem hellen Blau schimmern, das unzweifelhaft zeigt, dass es die Sonne dort schon längst durch die Wolkendecke geschafft hat.

Und trotz des durchaus nicht einfachen Aufstieges, den man gerade hinter sich gebracht hat, entsteht schon jetzt ein wenig Vorfreude auf die zweite Runde, bei der man dann wohl noch ein wenig mehr zu sehen bekommen wird. Der nicht allzu lange, aber gerade nach der relativ eben Passage zuvor recht giftige Anstieg, den es nach etwa acht Kilometern noch einmal zu bewältigen gilt, um den höchsten Punkt der Strecke zu erreichen, dämpft sie allerdings gleich wieder ein bisschen.

Direkt vorbei am alten Hanseviertel Tyske Bryggen führt die Strecke der Langstreckler

Ziemlich logisch beginnt die "Bergstraße" danach zu fallen. Doch nachdem man sich zuvor fast drei Kilometer lang weitgehend auf dem gleichen Niveau nur leicht auf und ab bewegte, verliert sie nun schnell an Höhe. Am markant auf der Außenseite einer Kurve sitzenden Restaurant "Bellevue" befindet man sich kaum einen Kilometer danach bereits rund vierzig Meter weiter unten. Und mit einem langestreckten Bogen entlang einer beinahe senkrecht aufragenden Felswand wird man auf den folgenden fünfhundert Metern noch einmal fast genauso viele los.

Dann beruhigt sich das Ganze aber erst einmal wieder. Und auf dem Weg hinüber zum Stausee "Svartediket" gibt es sogar eine kleine Gegenwelle. Entlang der weder allzu hohen noch allzu langen Staumauer, die dem "schwarzen Deich" wohl den Namen gab, wird das hinterste Ende des Tales ausgelaufen. Hauptsächlich dient dieser etwa einen halben Quadratkilometer Fläche einnehmende Speicher der Versorgung der Stadt mit Trinkwasser. Nicht ganz überraschend ist allerdings, dass in den Damm auch ein kleines Kraftwerk integriert ist.

Schließlich wird nahezu der gesamte norwegische Strombedarf mit Wasserenergie gedeckt. Ausreichende Niederschläge hat man definitiv. Und auch das nötige Gefälle ist in einem Land, von dem mehr als die Hälfte über fünfhundert Meter hoch liegt, natürlich vorhanden. Wer einmal in Norwegen unterwegs war, wird unweigerlich von den zahllosen - insbesondere im Frühjahr und frühen Sommer wirklich von allen Seiten über die Felsen herunter kommenden - Wasserfällen und rauschenden Wildbächen berichten können.

Eine Art Wasserfall haben die Marathonis auch im Rücken, als sie sich vom Staudamm wieder entfernen und kurz darauf die Markierung mit der "10" passieren. Denn aufgrund auch in Skandinavien langsam beginnenden Schneeschmelze und der heftigen Niederschläge der letzten Tage ist der See bis zur Oberkannte gefüllt und gibt deswegen nun Wasser über den Überlauf ab.

"Bjørndalen" steht auf dem Straßenschild des Nebensträßchens, in dem die Läufer nun zwischen Einfamilienhäusern eine weitere kleine Gegenwelle nach oben stiefeln müssen. Doch bezieht man sich dabei keineswegs auf einen bekannten und ziemlich erfolgreichen norwegischen Biathleten. Vielmehr lautet die Übersetzung des Namens einfach nur "das Bärental". Die scharfe Kurve, die das Sträßchen ein ganzes Stück nach unten bringt, macht die Marathostrecke nicht mit und taucht über eine schmale Fußgängerbrücke in einen kleinen Park ein.

Mitten in der den Hafen bewachenden Festung Bergenhus ist ein weiterer Versorgungsposten aufgebaut

Die hinter der Grünanlage aufragenden acht- bis zehnstöckigen Gebäude wollen irgendwie so gar nicht zu den Holzhäuschen passen, die man gerade noch vor Augen hatte. Direkt am "Haraldsplass Sykehus" führt der Kurs nämlich vorbei. Und dieses ist nicht nur für Bergen sondern auch für viele andere Gemeinden in der Provinz Hordaland zuständig. Denn selbst die nächstkleineren Ortschaften dieses "fylke", das etwa so groß wie Schleswig-Holstein ist, haben um den Faktor zwanzig kleinere Einwohnerzahlen und sind nur noch mit Mühe "Stadt" zu nennen.

Man könnte diese Passage durch das Viertel Årstad fast schon als den "Krankenhausabschnitt" der Strecke bezeichnen. Denn einen halben Kilometer und jeweils ein Dutzend Höhenmeter in Auf- und Abstieg später steht man am "Haukeland Universitetssjukehus" vor dem nächsten Klinikkomplex, der diesmal sogar noch um mindestens eine Kategorie größer als der Nachbar ausgefallen ist.

Noch immer ist man dabei fünfzig bis sechzig Meter über dem Meer unterwegs. Doch hinter dem Krankenhaus und der wenig später passierten "Årstad kirke" beginnt der Abstieg und innerhalb eines einzigen Kilometers hat man die komplette, noch verbliebene Höhe verloren. Unten angekommen wird das Umfeld erst einmal deutlich industrieller. Nach einer scharfen Wende am Ende des Gefällestückes bestimmen Werks- und Lagerhallen sowie eine kleine Bootswerft für einen Moment das Bild.

Wäre die Sicht dabei nicht von Gebäuden und Zäunen verdeckt, ließe sich bemerken, dass man bereits "Store Lungegårdsvannet" folgt, das nahezu komplett umrundet wird. Zu dieser fast kreisrunden Wasserfläche von einem knappen Kilometer Durchmesser weitet sich der an seiner schmalsten Stelle nicht einmal mehr zweihundert Meter breite Puddefjord ganz am Ende noch einmal. Gemeinsam mit Vågen sorgen sie dafür, dass die Innenstadt von Bergen auf drei Seiten von Wasser umgeben und eigentlich nur im Nordosten mit dem Land verbunden ist.

Einen halben Kilometer später stößt die Marathonstrecke am Hubschrauberlandeplatz der "Norsk Luftambulanse" dann aber doch noch zum "Großen Lungegårdswasser" vor und folgt anschließend erst einmal dem geschotterten Uferweg, schlägt dann aber doch noch einmal einen Haken zurück zu Straße, um dem nicht öffentlich zugänglichen Gelände eines Motorbootklubs auszuweichen.

Nachdem man die Festung durch einen ihrer massiven Wälle wieder verlassen hat… …trifft man kurz vor Gamle Bergen wieder auf die bereits bekannte Strecke, auf der nun auch Staffeln unterwegs sind

Zurück auf der Uferpromenade orientiert sich die Strecke für den nächsten Kilometer nicht nur an Store Lungegårdsvannet sondern auch an der Bahnlinie, die auf der anderen Seite ebenfalls parallel zum Wasser verläuft. Es handelt sich um den allerletzten Abschnitt der berühmten Bergenbahn, durch die Bergen seit nunmehr gut einhundert Jahren mit der Hauptstadt Oslo verbunden ist und die als eine der technisch und landschaftlich faszinierendsten Strecken Europas gilt.

Der Tunnel unter dem Ulriken, aus dem die Gleise heraus gekommen sind, ist schließlich nur einer von fast zweihundert auf der sich über gut fünfhundert Kilometer erstreckenden Route. Und trotz einer Länge von über sieben Kilometer ist er nicht einmal die längste dieser Bergunterquerungen. Der Finse-Tunnel am Scheitelpunkt kann nämlich noch drei Kilometer mehr für die Statistik beisteuern.

Rechnet man alles zusammen, fahren die Züge zwischen den beiden größten Städten Norwegens sogar knapp ein Sechstel der Distanz unter der Erde. Selbst wenn die beiden gerade genannten jüngeren Datums sind und mit modernen Maschinen gebohrt wurden, mussten die meisten dieser Tunnel während des Bahnbaus Anfang des vergangenen Jahrhunderts mühsam mit der Hand durch das harte Gestein geschlagen werden.

Dazu kommen außerdem noch über dreihundert Brücken über die unzähligen Wasserläufe des norwegischen Hochlandes sowie etliche Lawinengalerien, so dass kaum ein Kilometer der Strecke ohne Kunstbauten auskommt. Auch mehr als hundert Jahre nach ihrer Eröffnung kann man "Bergensbanen" deshalb mit Fug und Recht weiterhin als Meisterwerk der Ingenieurskunst bezeichnen.

Alleine das Erkunden und Vermessen der genauen Trasse, die zum Teil fernab jeglicher Besiedelung durch bisher eher schlecht kartographiertes Gelände verlaufen musste und außerdem so konzipiert werden sollte, dass man das aus den Tunneln heraus gebrochene Gestein ohne lange Transportwege sofort wieder für die benötigten Brücken und Wälle benutzten konnte, dauerte mehrere Jahre.

Und bevor die eigentlichen Arbeiten beginnen konnten, musste außerdem erst einmal eine Behelfsstraße errichtet werden, um das für den Bau nötige Material überhaupt heran zu schaffen. Diese Schotterpiste parallel zur Bahn ist unter dem Namen "Rallarvegen" bei Norwegenfreunden ebenfalls ziemlich bekannt und wird heute während der kurzen schneefreien Zeit im Sommer als Rad- und Wanderroute benutzt.

Erneut muss man weit über einhundert Höhenmeter klettern, um die Stadt anschließend von oben zu betrachten

Vor der Eröffnung der Bahnlinie war eine mehrtägige Schiffsreise nötig, um von einer der beiden norwegischen Städte in die andere zu kommen. Auf dem Landweg über die wenigen, über eintausend Meter hohen Pässe des Hinterlandes musste man - wenn sie überhaupt einmal passierbar waren - sogar noch deutlich mehr Zeit investieren. Die ersten Züge legten die Strecke dann in etwa zwanzig Stunden zurück.

Inzwischen ist man mit der Bergenbahn zwar nur noch sieben Stunden unterwegs. Doch für den an Hochgeschwindigkeitstrassen gewöhnten Mitteleuropäer erscheint dies angesichts einer Luftlinien-Distanz von kaum mehr als dreihundert Kilometern noch immer unglaublich langsam. Allerdings dauert aufgrund der für Verkehrswege alles andere als optimalen Topographie auch eine Autofahrt von Oslo nach Bergen mindestens genauso lange.

Kurz nachdem man sich wieder von der Bahnlinie getrennt hat, führt der Marathonkurs auf einem längeren Metallsteg über eine winzige Bucht hinweg. Sie ist das letzte Überbleibsel der einst bestehenden, nun aber zugeschütteten Verbindung zum "Lille Lungegårdsvannet". Inzwischen in einen achteckigen Teich im Stadtpark eingezwängt war das nur wenige hundert Meter von Vågen entfernte "kleine Lungegårdswasser" früher das hinterste Ende des Puddefjords, der sich dadurch als fast geschlossener Ring um das Zentrum Bergens legte.

Vorbei an der neuen Hauptfeuerwache führt der Schotterweg auf die Brücke - eigentlich ist es sogar eine Kombination aus mehreren in verschiedenen Ebene verlaufenden Brücken - zu, an deren gegenüberliegenden Seite die Umrundung der Bucht begonnen hatte. Mit den in einem verwirrenden Labyrinth verlaufenden Zufahrtsrampen bildet sie den wichtigsten Verkehrsknoten Bergens, an dem das Zentrum an die beiden durchs Stadtgebiet führenden Fernstraßen E16 und E39 angebunden wird.

Unter der Hauptbrücke und anschließend noch in einem kleinen Tunnel unter einen ihrer Zubringer hindurch taucht die Strecke und entfernt sich dabei auch für einen Moment ein Stück vom Wasser. Einige unverkennbar noch nicht sehr lange an diesem Ort stehenden Gebäude versperren nämlich die Sicht, als die Zwischenzeitmatte bei Kilometer fünfzehn überquert wird. Ein Helfer winkt die Läufer aber gleich wieder in dieses neuerbaute Büro- und Forschungszentrum hinein, wo man noch einmal einige Meter direkt am Ufer absolvieren darf.

Nachdem man wieder einmal Getränke und Verpflegung fassen konnte, endet die Schleife praktisch genau an der Stelle, an der man sie auch begonnen hatte. Im gegenüber liegenden Park folgt dann die zweite Hälfte des sechzehnten Kilometers. Nygårdsparken, der gleich mit einer ziemlich stark gewölbten Holzbrücke einen Rhythmusbrecher parat hält, ist Startplatz des Fünfers, für den alle Aufbauten bereits fertig vorbereitet sind. Und aus den Boxen hämmert auch schon Musik.

Bei nur noch von wenigen Schönwetterwölkchen getrübten blauem Himmel sind die Ausblicke diesmal noch beeindruckender

Abgesehen von der zweiten Verpflegungsstelle, an denen die Helfer ebenfalls eine Anlage postiert hatten, ist dies aber mehr oder weniger die einzige musikalische Untermalung entlang des gesamten Kurses. Wer einen Marathon mit ununterbrochener Partystimmung auf den kompletten zweiundvierzig Kilometern sucht, ist in Bergen eindeutig fehl am Platz. Von einigen neugierigen Anwohnern abgesehen sieht man nämlich eigentlich nur die vielen Freiwilligen in ihren neongelben Westen an die Strecke.

Nachdem sie den Park am anderen Ende - übrigens nicht ohne dabei ein weiteres Dutzend Höhenmeter bewältigen zu müssen - wieder verlassen haben, sind die Marathonis bald darauf eindeutig im Hafen von Bergen angekommen. Über einen Kilometer lang läuft man nämlich ununterbrochen entlang von Kaianlagen, Lagerhallen und Containerplätzen.

Obwohl es sich nach Oslo um den zweitwichtigsten Hafen des Landes handelt, fällt seine Größenordnung eher bescheiden aus. Die riesigen Kräne, die moderne Hafenanlagen prägen, sieht man genauso wenig wie die in solchen Fällen dann daneben aufgetürmten endlosen Containeransammlungen. In Hamburg werden zum Beispiel in nur einer Woche wesentlich mehr Waren umgeschlagen als in Bergen im ganzen Jahr.

Größere Bedeutung hat er allerdings wohl als Fährhafen. Denn nicht nur nach Dänemark und Großbritannien verkehren Schiffe im Regelverkehr auch nach Island und auf die Färöer kann man von Bergen aus gelangen. Und zudem ist die Stadt Start- und Endpunkt der legendären Hurtigrute, die seit mehr als hundert Jahren die Orte entlang der norwegischen Küste miteinander verbindet.

Das Hurtigruten-Terminal bildet praktisch den Abschluss- und Höhepunkt dieses Abschnittes. Eines der Schiffe dieser inzwischen nicht nur für den Post- und Warenverkehr noch immer ziemlich wichtigen sondern auch bei Kreuzfahrt-Passagieren ziemlich beliebten Linie bekommt man allerdings nicht zu Gesicht. Denn der das ganze Jahr über Tag für Tag eingehaltene Fahrplan sieht die Ankunft in Bergen am Nachmittag und das erneute Auslaufen am Abend vor.

Eine deutsche Aufschrift auf dem Trikot hat für Ingrid Louise Titlestad ausgereicht, um das Gespräch ohne große Nachfrage gleich auf Deutsch zu beginnen. Und sie beherrscht diese für sie eigentlich fremde Sprache durchaus gut. Sie stamme ursprünglich aus Bergen erzählt sie wenig später, habe sogar unweit des gerade durchlaufenen Streckenabschnittes gewohnt. Inzwischen lebe sie aber im dänischen Odense und wird deshalb in Start- und Ergebnisliste auch unter dem Kürzel "DEN" geführt.

Eivind Birkeland hat nach fast dreißig Kilometern seiner Marathonpremiere kaum noch einen Blick für Stadt und Landschaft… …andere lassen die Augen dagegen schon einmal über das später zu umrundende Store Lungegårdsvann zu den Gipfeln gegenüber wandern

Allzu kompliziert ist so ein Umzug von Norwegen nach Dänemark oder auch in umgekehrte Richtung eigentlich nicht. Denn Dänen und Norweger verstehen einander auch dann ziemlich gut, wenn sie jeweils ihre Muttersprache benutzen. Wortschatz und Grammatik sind weitgehend gleich. Das Dänische unterscheidet sich hauptsächlich durch seinen charakteristischen Singsang und die von den Nachbarn oft beklagte "knödelnde" Artikulation von den übrigens skandinavischen Sprachen.

In geschriebener Form ähnelt es dem Bokmål, der weiter verbreiteten von zwei Schriftvarianten des Norwegischen sogar ziemlich stark. Schließlich hat diese sich erst aus dem nach vielen Jahrhunderten in einem gemeinsamen Königreich auch in Norwegen in der Verwaltung üblichen Dänisch entwickelt. Die andere in Norwegen benutzte Schriftform namens "Nynorsk" ist dagegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Versuch der Vereinheitlichung aus westnorwegischen Dialekten entwickelt worden und deswegen auch hauptsächlich im Fjordland verbreitet.

Doch selbst wenn es für den an eine einheitliche und genormte "Hochsprache" gewöhnten Deutschen seltsam erscheinen mag, ist Norwegen damit keineswegs in zwei klar voneinander getrennte Sprachen aufgeteilt. Denn es handelt sich bei Bokmål und Nynorsk wirklich nur um unterschiedliche Schriftformen. für die nicht einmal eine eindeutige Regelung der jeweiligen Aussprache existiert. In der den Marathon mit ausrichtenden "Bergens Tidende" gibt es zum Beispiel je nach Vorliebe der Autoren Artikel in allen beiden Varianten.

Mündlich wird dagegen überall - also auch in Radio, und Fernsehen, in Politik und Wirtschaft - weiterhin der eigene Dialekt benutzt, dem ein weit weniger negatives Image anhaftet als hierzulande. So sind Norweger grundsätzlich an eine deutlich größere sprachliche Bandbreite gewöhnt und tun sich nicht allzu schwer damit, selbst weniger geglückte Versuche beim Benutzen ihrer Sprache zu verstehen. Schon deswegen kann man als Besucher also kaum etwas falsch machen und nur gewinnen, wenn man gelegentlich ein norwegisches Wort mit einfließen lässt.

Zusammen mit ihrer weniger gut Deutsch sprechenden Sportfreundin Sonja Holst - weshalb die Unterhaltung ins Englische hinüber wechselt, in dem sich nahezu alle Skandinavier einigermaßen fließend verständigen können - absolviert Titlestad jedenfalls nun den Marathon in ihrer alten Heimat. Doch seien auch ihre Männer im Rennen dabei. Die wären allerdings nicht nur schneller, sondern hätten nicht auf ihre Gattinnen warten wollen und lägen deswegen ein ganzes Stück weiter vorne, berichtet sie mit einem leichten Augenzwinkern.

In Bergen würden sie zum ersten Mal laufen, die Premiere hätten sie verpasst. Aber einige Dutzend Marathons hätten sie alle schon in den Beinen. Natürlich den nach Hans Christian Andersen benannten Lauf im heimatlichen Odense. Und genauso wenig überraschend ist, dass die Veranstaltungen von Hamburg und Berlin aufgezählt werden. Schließlich sind bei beiden vierstellige Teilnehmerkontingente aus Dänemark am Start. Das von Titlestad getragene T-Shirt des New York Marathons zeigt aber, dass sie zum Laufen auch schon etwas weiter gereist ist.

Hinter dem Hurtigruten-Terminal überquert man gleich den nächsten Parkplatz und beginnt damit das Hafenbecken, in denen die Schiffe der "Reichsstraße Nr. 1" anlegen, zu umrunden. Auch am gegenüberliegenden Ufer wird dessen Wasserfront von modernen Gebäuden dominiert. Doch auf der Landseite tauchen am Straßenrand nun wieder etliche jener schon bekannten Holzhäuser auf, die abseits des Stadtzentrums das Bild in Bergen oft bestimmen.

Während die Strecke sich noch an der ebenen Uferstraße orientiert, zweigen rechter Hand mehrere schmale und ziemlich steile Gässchen von ihr ab. Sie führen hinauf zu jenem Höhenrücken, der sich über die breite Halbinsel mit dem Namen "Nordnes" zieht, die beide Hafenteile voneinander trennt. Dass die Distanz zwischen beiden einerseits nur wenige hundert Meter beträgt, der Hügel allerdings andererseits bis zu vierzig Meter hoch aufragt, führt dabei fast unweigerlich zu zweistelligen Steigungsprozenten.

An der schönen Allee im Årstad-Viertel hat der Abstieg schon wieder begonnen… …der die Läufer vorbei an der Årstad Kirke ein zweites Mal … …zur Hauptfeuerwache an der Bucht des Store Lungegårdsvann hinunter bringt

"Smau" - oder in der bestimmten Form "smauet" nennt man im Bergenser Dialekt, dem "Bergensk" diese engen kopfsteingepflasterten Gassen. Und so tragen einige der Quersträßchen dann auch in deutsche Ohren drollig klingende Namen wie "Knøsesmauet" oder "Trangesmauet". Eine andere Variante bei der Benennung kann man da schon eher einordnen. Denn wenn eine Gasse "Strangebakken" heißt, ist irgendwie zu vermuten, dass sie nicht gerade durch eine Niederung führt.

Wenig später beginnt allerdings auch für die Marathonläufer der Aufstieg. Erst einmal verläuft dieser eher moderat auf der an dieser Stelle eine Kuppe überwindenden Straße. Und nachdem man mit einer scharfen Wende in einen genau in die entgegengesetzte Richtung führenden Hangweg eingeschwenkt ist, wird es sogar noch einmal für einige Schritte ziemlich flach. Doch als sich der schmale "Verftsbakken" dann noch einmal teilt, bleibt die Strecke nicht im fast ebenen unteren Teil sondern dreht wirklich voll in den Berg hinein.

In fast direkter Linie überwindet das Gässchen rund zwei Hände voll Höhenmeter und zwingt den einen oder anderen schon auf der ersten Runde in den Gehschritt. Bei der zweiten Passage des Abschnittes nach etwa vierzig absolvierten Kilometern werden dann natürlich noch wesentlich mehr Marathonis diese Rampe hinauf wandern. Einziger Trost ist vielleicht, dass sich die Streckenplaner eigentlich noch die moderateste Variante ausgesucht haben. Denn in den Parallelgassen wäre der Anstieg mindestens genauso steil und dazu länger ausgefallen.

Die Querstraße, in die man am Ende des ziemlich heftigen Stiches eingebogen ist, führt zwar noch etwas weiter bergauf. Doch tut sie das mit eher moderaten Steigungsgraden, so dass man erst einmal durchatmen kann. Während die Talseite mit den üblichen Holzhäusern bebaut ist, erlaubt der grasbewachsene Abhang auf der gegenüber liegenden Seite einen Blick nach oben, wo Läufer schon wieder in umgekehrter Richtung, aber immer noch weiter bergan unterwegs sind.

Dort wo beide gegenläufigen Straßen auf einem Niveau angekommen sind und sich an einem - zumindest angesichts all der winzigen Gassen rundherum - etwas größeren Platz treffen, steht nämlich wieder einmal eine scharfe Wende um fast hundertachtzig Grad an. Statt einer schmalen Gasse, bei der schon aufgrund ihrer Maße kaum mit viel Verkehr zu rechnen war, ist man nun aber auf die immerhin zweispurige Straße eingeschwenkt, die sich genau auf der Kuppe des Hügels entlang zieht.

Über das "Große Lungegårdswasser" hinweg reicht der Blick bis zum noch mit Schnee bedeckten Gipfel des zweiten Bergenser Hausberges Ulriken

Und so weicht die Strecke auf den Fußweg aus, der direkt daneben als Allee angelegt ist. Die Bäume sind allerdings nicht nur noch kahl sondern zudem auch drastisch zurück geschnitten. Und so kann man die Blicke problemlos über die Berge rund um die Stadt schweifen lassen, die im Gegensatz zum frühen Morgen inzwischen kaum noch von tiefhängenden Wolken und Nebelschwaden verdeckt werden.

Bis zur "Fredriksberg festning", die den höchsten Punkt der Halbinsel besetzt und damit früher aus strategisch optimaler Position den Hafen überwachen konnte, geht es hinauf. Militärisch wird sie seit mehr als hundert Jahren nicht mehr genutzt, obwohl man es durchaus glauben könnt, wenn man liest, dass dort das "Nordnæs Bataillon" sein "hovedkvarter" - also "Hauptquartier" - hat. Doch handelt es sich dabei keineswegs um eine Einheit der norwegischen Armee sondern um eines der sogenanntes "buekorps", von denen es in der Stadt mehr als ein Dutzend gibt.

Einzig und allein in Bergen kann man die Tradition der "Bogenkorps" finden, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entstand, als Jungen den militärischen Drill und die Paraden der städtischen Miliz nachspielten. Nach und nach entstand in jedem Viertel ein "Bataljon" oder eine "Kompani" mit fester Organisationstruktur, das regelmäßig mit eigener Fahne und Uniform durch die Stadt marschierte.

Die Gruppen werden zwar von erwachsenen ehemaligen Mitgliedern unterstützt, bestehen aber ausschließlich aus Jugendlichen in Alter von ungefähr sieben bis zwanzig Jahren. Und noch immer paradieren sie an den Frühjahrswochenenden zum Rhythmus ihrer Trommler mit geschulterten Holzgewehren oder -armbrüsten kreuz und quer durch die Straßen Bergens. Auch am Tag des Marathons werden später immer wieder die schnarrenden "tromme" der "buekorps" zu hören sein.

Man mag zwar durchaus ein wenig den Kopf schütteln über dieses stark militärisch angehauchte Gehabe. Doch ziehen bei Karnevalsumzügen eben auch hierzulande Uniformierte mit Holzgewehren durch die Städte. Obwohl dies offiziell als "Parodie" gilt, stehen dahinter oft ebenso hierarchische Strukturen mit Diensträngen, Beförderungen und Kommandos. Die Gebirgsschützen im Alpenraum haben sogar echte Gewehre. Und auch die Schützenfeste und -umzüge in Nord- und Westdeutschland stehen in dieser Linie.

Wenn man noch etwas weiter geht, müsste man zudem alle Fanfaren- oder Spielmannszüge kritisieren, die ja ebenfalls Uniformen tragen, in Formation marschieren und irgendwie die Traditionen der Armeemusik weiterführen. Jedenfalls füllen sich die Straßenränder in Bergen ziemlich schnell, wenn irgendwo die Trommeln der Gruppen zu hören sind, und bald darauf klicken die Fotoapparate.

Mehrere Kilometer verläuft die Strecke fast ununterbrochen am Wasser entlang und ermöglicht so immer neue Aussichten

Selbst wenn inzwischen natürlich auch die "buekorps" das eine oder andere Nachwuchsproblem haben, scheint die Tradition im Gegensatz zu anderen norwegischen Städten, wo sich vergleichbare Gemeinschaften bald wieder auflösten, in Bergen noch immer fest verwurzelt. Seit etwa zwei Jahrzehnten gibt es mit dem "Lungegaardens Buekorps" nun auch ein nur aus Mädchen bestehendes Korps. In einem anderen sind inzwischen beide Geschlechter vertreten.

Noch eine andere "Uniform" sieht man im Frühjahr im Stadtbild von Bergen. Denn mit roten Latzhosen oder Overalls feiern überall im Land die Abiturienten mehrere Wochen lang das Ende ihrer Schulzeit. "Russ" heißen diese Abgänger in Norwegen. Und so steht ähnlich dem "Abi xxxx", das man hierzulande von unzähligen Autoheckscheiben kennt, auf vielen der Hosen dann auch unübersehbar "Russ 2013".

Traditioneller Höhepunkt der "Russefeiring" ist der norwegische Nationalfeiertag am 17. Mai - übrigens auch der wichtigste Tag in der Buekorps-Saison. Weil die Partys unter starkem Genuss des in Skandinavien alles andere als billigen Alkohols oft ziemlich ausarteten und auch so manches zu Bruch ging, wurde das Examen inzwischen auf die Zeit nach dem Nationalfeiertag gelegt. Doch geholfen hat es wenig. Auch auf die Gefahr hin, eine schlechtere Note zu bekommen oder gar durchzufallen, lässt sich kaum jemand vom Feiern abhalten.

Hinter der Fredriksberg-Festung verlässt die Laufstrecke wieder die Straße und wechselt erneut auf einen Fuß- und Radweg hinüber. Kurz darauf senkt dieser sich dem Meer entgegen. Innerhalb kürzester Zeit und deutlich schneller, als man sie erklettert hat, gehen fast alle gerade erst gewonnenen Höhenmeter wieder verloren. "Nordnesparken", der die Spitze der gleichnamigen Halbinsel besetzt, nimmt die Läufer auf. Und am Ende des kurzen Abstieges ist zudem noch einmal eine Verpflegungsstelle aufgebaut.

Danach taucht man in den Schatten hoher Bäume ein und umrundet dabei neben der Landzunge auch ohne es eigentlich zu merken das "Akvariet i Bergen" - das Aquarium der Stadt - sowie das benachbarte Meeresforschungsinstitut. Um den Park zu verlassen, muss man noch einmal eine kleine Kuppe hinauf und auf der anderen Seite auch wieder hinunter. Doch nachdem man diese überwunden hat und der Parkweg in eine Straße eingemündet ist, verläuft der Marathonkurs erst einmal vollkommen eben weiter.

Damit hat man auch jenen Streckenteil betreten, den man nur einmal unter die Füße bekommen wird, um den Läufern der halb so langen Distanz aus dem Weg zu gehen. Die Marathonis orientieren sich dabei so nahe wie möglich am Südufer von Vågen, auf die sie zwischen der aus Lagerhallen, Kaianlagen und Bürogebäuden bestehenden Bebauung hindurch nun bereits immer wieder einmal einen Blick erhaschen können.

Auf dem Weg zu Kilometer vierzig wartet in Nordnes die bereits bekannte giftige Steigung

Sie seien nicht nur wegen des Marathons in Bergen, erklärt die auskunftsfreudige Ingrid Louise Titlestad inzwischen. Ihr Mann Kjell Einar, dem sie vor etlichen Jahren nach Dänemark gefolgt war, würde genau an diesem Tag nämlich fünfzig Jahre alt. Deswegen hätten sie am Abend noch eine Feier gemeinsam mit der norwegischen Verwandtschaft angesetzt. Ihre Tochter sei aus diesem Grund in einer Art Familienausflug ebenfalls nach Bergen mitgekommen und später über fünf Kilometer am Start.

Irgendwo müsse jetzt gleich das Hotel und Restaurant am Streckenrand stehen, in dem man später zusammen kommen wolle. Wirklich überraschend ist eine solche Aussage eigentlich nicht. Denn in der gerade durchlaufenen Zone auf der Südseite von Vågen reiht sich gleich ein halbes Dutzend von solchen Beherbergungsbetrieben aneinander. Sie würde jetzt ein bisschen die Augen offen halten, um sich später die Suche zu sparen. Und kaum hat sie es ausgesprochen, wird Titlestad tatsächlich fündig.

Ein letzter kleiner Schlenker bringt die - seit dem Verlassen der Parks wieder hauptsächlich auf den Bürgersteigen entlang laufenden - Marathonis dann zu jener mit "Strandkaien" bezeichneten Uferpromenade, die viele der typischen Bergen-Bilder mit der Altstadt im Vorder- und Fløyen-Massiv im Hintergrund liefert. Man ist wieder im touristischen Zentrum angekommen und nur noch wenige Schritte von "Fisketorget", dem sich an der Kopfseite der Bucht befindenden Fischmarkt entfernt.

Während man diesen direkt nach dem Start auf der Straße passierte und auch die Halbmarathonläufer diesen Weg nehmen, führt der Weg in die zweite Runde die Marathonis auf der Seeseite direkt um das neue Verkaufsgebäude und die noch verbliebenen Stände herum. Der um acht Uhr noch weitgehend leere Platz füllt sich langsam. Und so müssen sich die Läufer ihre nicht abgesperrte Strecke mit den ersten herum spazierenden Touristen teilen. Da beide nicht unbedingt in großen Gruppen aufeinander prallen, gibt es aber auch dabei keine Probleme.

Genau dort, wo sich beide Streckenäste an der nordöstlichen Ecke von Vågen wieder weiter voneinander entfernen, piepen die Matten der Halbzeitmarke. Während sich die Startgerade rechts von der mit ihren verzierten Giebeln ziemlich auffälligen Halle von "Kjøttbasaren" - dem früheren Fleischmarkt, in den nun unter anderem mehrere Restaurants eingezogen sind - noch ein wenig weiter der Talstation der Standseilbahn entgegen zieht, dreht die "Umleitung" für die Marathonis nach links weg und betritt damit "Tyske Bryggen".

Zweistellig sind die Steigungsprozente, mit denen es das kleine Kopfsteinpflastergässchen hinauf geht

"Der deutsche Kai" ist das unumstrittene Wahrzeichen der Stadt Bergen. Kein Besucher kommt an "den bunten Häusern" vorbei. Doch obwohl die zum Teil ziemlich windschiefen Holzbauten natürlich auch schon von außen einen gewissen Charme besitzen, ist diese von vielen Bildern bekannte Vorderfront keineswegs das wirklich Besondere an dieser Gebäudegruppe. Ganz ähnlich präsentieren sich schließlich auch etliche andere Häfen in Norwegen, wo sowohl Holz als Baustoff wie farbige Anstriche vollkommen üblich sind.

Erst wenn man die niedrigen Durchgänge zwischen und unter den Häusern passiert, bekommt man das wirklich Einzigartige der Tyske Brygge zu Gesicht. Denn in langen, schmalen Gassen mit hölzernen Böden stehen dort vollkommen ineinander verschachtelt mehrere Dutzend weitere alte Lagergebäude mit ihren typischen Giebelkränen. Ein eng bebautes Viertel von der Größe eines Fußballfeldes erinnert so an die Zeit, in der Bergen eine der wichtigsten Handelsniederlassungen der Hanse war.

Mitte des vierzehnten Jahrhunderts hatte der Städtebund in Bergen, das zum wichtigsten Umschlagsplatz für Stockfisch aus dem Norden geworden war, einen sogenannten "Kontor" eröffnet. Weiter nördlich durfte aufgrund einer königlichen Verordnung nämlich nicht mit Fisch gehandelt werden. Und so trafen sich die Kaufleute aus den Hansestädten mit den Lofoten-Fischern, deren Anfahrt keineswegs kürzer war als die der Mitteleuropäer, am Naturhafen Vågen.

Während ihrer Glanzzeit verteilten sich die Mitglieder der Hanse auf den kompletten Bereich zwischen den Niederlanden im Westen und dem Baltikum im Osten. Und ihr Handelsnetz erstreckte sich sogar von Lissabon und Porto am Rand der iberischen Halbinsel bis nach Smolensk und Nowgorod in Russland. Der Bund umfasste dabei auch längst nicht nur Häfen an Nord- und Ostsee sondern reichte weit ins Binnenland hinein. So war neben Lübeck, Hamburg und Bremen zum Beispiel Köln eine der wichtigsten und einflussreichsten Städte der Hanse.

Das sich aus einer anfänglichen Zweckgemeinschaft von Händlern langsam entwickelnde Städtebündnis wurde schließlich so mächtig, dass es nicht nur Einfluss auf die Politik etlicher Könige und Fürsten im Norden Europas hatte, sondern zur Durchsetzung der eigenen Interessen im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert sogar mehrfach - und meist erfolgreich - Krieg führte.

Noch ist die kleine Allee, die sich die Kuppe des Hügels hinauf zieht, ziemlich kahl

Für die Entwicklung Bergens war diese Niederlassung von großer Bedeutung. In der Blütezeit wohnten und arbeiteten bis zu eintausend Menschen in diesem weitgehend abgeschlossenen Stadtviertel und stellten damit rund ein Viertel der gesamten Bevölkerung. Selbst wenn damals die Fläche der Brygge - das "Tyske" wurde nach der deutsche Besatzung im zweiten Weltkrieg aus dem offiziellen Namen gestrichen - noch weitaus größer war, lebten diese natürlich in ziemlich beengten Verhältnissen.

Wegen der vielen eng beieinander stehenden Holzbauten war sogar das Entfachen von Feuer untersagt und so blieben die Häuser trotz der oft recht ungemütlichen äußeren Bedingungen in Bergen vollkommen ungeheizt. Dennoch gab es natürlich immer wieder Brände. Im Jahr 1702 wurde sogar praktisch das Gebiet des - nach dem langsamen aber beständigen Niedergang der Hanse weit weniger bedeutenden - Handelsplatzes ein Raub der Flammen. Allerdings wurde das Viertel anschließend weitgehend im alten Stil wiederaufgebaut.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden dann allerdings doch zwei komplette Häuserblocks durch Steinbauten, die man gleich hinter dem Fischmarkt passiert, ersetzt. Und als in den Fünfzigern erneut ein Feuer ausbrach und viele weitere Häuser beschädigte, war sogar ein vollständiger Abriss aller Gebäude - selbst der noch erhaltenen - im Gespräch. Was aus heutiger Sicht völlig undenkbar erscheint, lag damals im Zeitgeist, der Modernisierung und autogerechte Städte verlangte.

Erst nach langen Diskussionen einigte man sich dann doch auf eine Rekonstruktion zumindest eines Teils des alten Hanseviertels. Und die geplanten Neubauten in der Nachbarschaft - unter anderem ein Hotelkomplex - wurden zudem in Dimensionen und äußerem Aussehen den alten Holzhäusern angepasst. Heute dürfte kaum noch jemand in Bergen diese Entscheidung bedauern. Schließlich ist Bryggen eine der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt und ein echter Touristenmagnet.

Während in die Gebäude des eigentlichen alten Bryggenkernes inzwischen Geschäfte, Cafés und Restaurants eingezogen sind, kann man in zwei ebenfalls alten, durch die Neubauten aber räumlich vom Rest getrennten Häusern gleich am Anfang des Kais noch etwas besser nachvollziehen, wie sich das Leben der Hansekaufleute abgespielt hat. "Det Hanseatiske Museum" zeigt dort nämlich nicht nur Ausstellungsstücke sondern hat ganze Räume im möglichst originalen Zustand rekonstruiert.

Vielleicht auch weil "Hanse" als ein absolut positiv besetzter Begriff gilt - die Zahl der deutschen Städte, die ganz offiziell auf Ortsschildern und Briefköpfen unter "Hansestadt" firmieren, ist zum Beispiel in den letzten Jahren auf fast zwei Dutzend gestiegen - ist man in Bergen längst wieder ziemlich stolz auf die eigene hanseatische Tradition und arbeitet eifrig in der "neuen Hanse" mit, einem Städtebund, der nun wieder nahezu alle früheren Hansestädte und -kontore umfasst. An die frühere Macht kann diese lose Gemeinschaft aber natürlich nicht mehr heran reichen.

Zur Westspitze der Nordnes-Halbinsel senkt sich die Strecke noch einmal fast auf Meeresniveau ab

Noch etwas anderes ist in Bergen aus der Zeit der Hanse übrigens hängen geblieben. Kaum ein anderer norwegischer Dialekt sei nämlich für Deutschsprachige leichter zu verstehen, hatte Ingrid Louise Titlestad - die es als eine des Deutschen mächtige Einheimische eigentlich ganz gut beurteilen können sollte - nämlich kurz zuvor während der Unterhaltung angemerkt. Nicht nur eine Reihe von Wörtern hätte man von den Kaufleuten ins "Bergensk" übernommen, auch ganz allgemein seien Aussprache und Betonung oft ganz ähnlich.

Nur die Marathonis haben die Möglichkeit die "bunten Häuser" während des Laufes zu bewundern. Allerdings können auch sie das nur aus gewisser Distanz. Denn die Strecke verläuft weiter kreuzungs- und verkehrsfrei direkt am Vågen-Ufer entlang. Erst ein Stück hinter der Tyske Brygge wechselt sie an einem von einem Ordner gut bewachten Fußgängerüberweg hinüber auf die andere Straßenseite und steuert fast augenblicklich auf den Eingang der Festung Bergenhus zu.

Seit vielen Jahrhunderten bewacht diese die Hafeneinfahrt. Und die ältesten Teile der Befestigung stammen deswegen tatsächlich noch aus dem Mittelalter. Doch immer wieder wurden Erweiterungen und Umbauten vorgenommen, um sie an den aktuellen Stand der Militärtechnik anzupassen. Zuletzt ergänzte man während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg eine Bunkeranlage.

Die beiden wirklich prägenden Gebäude des Geländes "Håkonshallen" und "Rosenkrantztårnet" lassen sich allerdings schon aufgrund der Feldsteine, aus denen sie errichtet sind, auf den ersten Blick deutlich früheren Perioden zuordnen. Nach dem Durchlaufen des kleinen Portals stehen die Marathonis erst einmal vor dem Turm, der nach dem einstigen dänischen Statthalter - der König von Dänemark war jahrhundertelang auch König von Norwegen - Rosenkrantz benannt ist, der ihm während der Renaissancezeit sein jetziges Aussehen verpasste.

Seine ältesten Teile sind allerdings noch von einem bereits im dreizehnten Jahrhundert errichteten Wachturm übrig geblieben, der zur königlichen Schloss in der damaligen Residenz- und Krönungsstadt Bergen gehörte. Bald darauf verlagerte sich das Machtzentrum allerdings nach Oslo. Und die norwegischen Könige wurden seit dieser Zeit traditionell im - dem Nationalheiligen Olav gewidmeten - Nidarosdom von Trondheim gekrönt.

Direkt vor Rosenkrantztårnet ist jene zusätzliche Verpflegungsstelle aufgebaut, die dafür sorgt, die Zahl der Versorgungsposten trotz eines zweimal zu durchlaufenden Rundkurses ungerade werden zu lassen. Da sie nur von den wenigen hundert Marathonis und nicht von mehr als zweitausend Halbmarathonläufern angesteuert wird, ist sie allerdings ein wenig kleiner und gemütlicher ausgefallen. Dafür muss man ihre Lage jedoch selbst im internationalen Vergleich als ziemlich einzigartig bezeichnen.

Nicht ganz so nahe kommt man kurz darauf Håkonshallen. Der Weg führt nämlich im Abstand dreißig bis vierzig Metern an diesem noch älteren Gebäude vorbei. Schon in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts wurde die Halle im Auftrag von König Håkon Håkonsson als repräsentatives Zentrum seines Schlosses errichtet. Doch mit der dänisch-norwegischen Personalunion, bei der sich das Machtzentrum immer stärker nach Kopenhagen verlagerte, verlor sie ihre Bedeutung.

Bunt und eng sind die Altstadtgassen, durch die man den letzten Kilometer absolviert

Im Laufe der Zeit wurde die einstige Residenz Bergenhus deshalb immer mehr zu einer rein militärische Anlage umgestaltet, in der man den einstigen Prunkbau am Ende sogar nur noch als Lagerraum und Kornspeicher nutzte. Selbst seine ursprüngliche Funktion geriet weitgehend in Vergessenheit. Von vielen wurde das längst ziemlich altersschwache und marode Gebäude sogar für eine frühere Kirche gehalten.

Erst im neunzehnten Jahrhundert kam mit dem aufkommenden norwegischen Nationalbewusstsein - statt mit Dänemark war man nun nicht ganz freiwillig mit Schweden verbunden - die eigene Geschichte und damit die Bedeutung der Håkonshalle wieder in den Blickpunkt. Und nach mehr als zwanzig Jahre dauernden Restaurierungs- und Rekonstruktionsarbeiten erstrahlte sie kurz vor der Jahrhundertwende dann wieder in alter Pracht.

Noch einmal fast genauso lange musste allerdings am Wiederaufbau gearbeitet werden, nachdem 1944 ein Munitionsfrachter im Hafen von Bergen explodiert war. Nicht nur Håkonshallen sondern auch Rosenkrantztårnet wurden dabei schwer beschädigt und brannten aus. Etliche weitere Gebäude rund um Vågen gingen ebenfalls in Flammen auf. Die besonders gefährdeten Holzhäuser von Tyske Bryggen wurden durch die Druckwelle zwar auch ziemlich ramponiert, entgingen allerdings zum Glück diesem Schicksal.

Nachdem man die Festung durch einen Tunnel unter einem ihrer massiven Wälle wieder verlassen hat, stößt die Strecke wieder auf die Uferstraße. Allerdings bleibt sie nun auf der Landseite. Während links die Autos rollen, läuft man praktisch genau eine Etage weiter unten als bei der ersten Runde den Gehweg entlang. Für kurze Zeit verschwindet man dabei sogar einmal in einem Tunnel, den man für Radfahrer und Fußgänger durch die schon erwähnte Felsnase vor Sandviken geschlagen hat.

Tunnel sind eine absolute Spezialität der Norweger. Vermutlich ist kein anderes Land ähnlich durchlöchert. Die engen Fjorde und Täler, die steilen Wände, die unzähligen Meeresarme lassen Straßenbauern oft eigentlich nur die Wahl entweder in vielen Serpentinen mühsam über den Berg zu gehen oder aber unter ihm hindurch. Und so bohren sich die norwegischen Experten immer weiter durch den Fels. Insgesamt soll es inzwischen rund tausend Straßentunnel geben. Alleine im Stadtgebiet von Bergen sind es mehr als ein halbes Dutzend.

Direkt vor der Fußgängerbrücke, auf der man die nun belaufene Straße vorhin schon einmal gequert hat, zweigt ein schmaler Weg ab und bringt die Marathonis die noch fehlenden Höhenmeter zurück auf die schon bekannte Strecke, die man sich von nun an mit Halbmarathon- und Staffelläufern teilen muss. Kurz darauf ist man auf dem Überweg schon wieder zur gegenüberliegenden Straßenseite gelangt und steuert auf Gamle Bergen zu.

Der Aufstieg entlang von Fjellveien ist bei der zweiten Passage nicht wirklich einfacher geworden. Doch wird man dafür auch mit phantastischen Ausblicken auf Stadt sowie das ihn höheren Lagen noch gezuckerte Gebirge belohnt, die noch viel beeindruckender sind als beim ersten Mal. Die Hoffnung hat nämlich nicht getrogen, auch die letzten Wolken haben sich längst verzogen, die Sonne steht am strahlend blauen Himmel und nun kann man ein wirklich einzigartiges Panorama bestaunen.

Wie viel Glück die Marathonis mit diesem Wetter haben, wird nicht einmal vierundzwanzig Stunden später klar. Obwohl man noch bei klarem Himmel schlafen gegangen war, schüttet es nämlich am Sonntagmorgen wie aus Kübeln. Bei fünf Grad und unangenehmen Windböen würde wohl kaum der sprichwörtliche Hund vor die Tür gejagt.

Und zur Teilnahme an einer Laufveranstaltung hätte man unter diesen ungemütlichen Voraussetzungen wohl kaum größere Lust gehabt. Der Tag nach dem Marathon zeigt anschaulich, warum die meisten Bergenser nicht nur Regenjacken sondern auch Regenhosen in ihrem Kleiderschrank haben und diese bei Bedarf auch heraus holen.

Eivind Birkeland hat seine in der ersten Runde noch getragene Jacke dagegen nun abgegeben. Der nördlich von Bergen lebende Läufer hat sich für seine Premiere wahrlich keinen leichten Marathon heraus gesucht. Und entsprechend wenig interessiert ist er in diesem Moment noch an der Aussicht. Da er oft auf Baustellen arbeite und ständig Treppen steigen müsse, würden ihm Höhenmeter eigentlich nichts ausmachen, wird er später erzählen. Doch in Kombination mit der Streckenlänge lassen sie ihn nun doch gelegentlich schon etwas gequälter drein schauen.

Gerade der erst nach über drei Vierteln der Distanz beginnende Abstieg zum Store Lungegårdsvann tut mit müden Beinen durchaus weh. Dafür präsentiert sich während der zweiten Umrundung nun auch Ulriken von seiner schönsten Seite. Der oben noch ziemlich mit Schnee bedeckte, zweite Hausberg von Bergen, dem man auf der "Bergstraße" zwischenzeitlich einmal genau entgegen lief, scheint direkt hinter der Wasserfläche aufzuragen. Und tatsächlich sind es in der Luftlinie nicht einmal drei Kilometer bis dorthin.

Rund das Doppelte haben die Marathonis auf ihrer allerdings auch deutlich gewundeneren Strecke noch zurück zu legen. Und neben der Welle im Nygårdspark und dem von weiteren Höhenmetern gefolgten, giftigen Stich in Nordnes haben die Streckenplaner auf dem Weg zum Ziel noch eine weitere Steigung eingebaut. Denn diesmal geht es nach der Umrundung der Halbinsel eben nicht mehr entlang von Vågen weiter. Vielmehr muss noch einmal der Hügel in ihrer Mitte erklettert werden.

Nur wenige hundert Meter vom Zentrum entfernt hat man nicht den Eindruck in einer Großstadt unterwegs zu sein

Es geht aber nicht mehr ganz hinauf bis zu höchsten Punkt. Und einige weitere von Holzhäusern gesäumte und mit Kopfsteinen gepflasterte enge Gassen, durch die man den letzten Kilometer absolviert, sind diese zusätzlichen Mühen eindeutig wert. Dass man dabei allerdings zwischendurch einmal einige Meter in einem weit mehr als zehn Prozent betragenden Gefälle verliert, ist dann mit vom ständigen Auf und Ab recht ermüdeten Beinen doch ziemlich schmerzhaft.

Eivind Birkeland wird diese kurzen steilen Abstieg jedenfalls als den schlimmsten Moment seiner - am Ende erfolgreichen - Premiere bezeichnen. So schnell werde er ganz sicher keinen Marathon mehr laufen, behauptet er nach dem Rennen - gleich im doppelten Sinne - steif und fest. Doch wäre er nicht der Erste, der seine Meinung ändert und ein "nie wieder" später revidiert. Die eher übersichtliche norwegische Marathonszene lässt weitere Begegnung durchaus möglich erscheinen.

Auch die letzten Meter führen dann wieder bergab zum Torgallmenningen, auf dem man sich seine wohlverdiente Medaille abholen darf. Die ist gleich in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Denn zum einen ist das Band nicht wie sonst zumeist in Norwegen in den Nationalfarben gehalten sondern einfarbig orange. Und zum andern hat man das Motiv auch schon einmal gesehen, wenn man beim Stadtbummel die Augen aufgehalten hat. Denn die stilisierte Brygge findet man nahezu identisch auch auf vielen Kanaldeckeln im Stadtzentrum.

Über einen neuen Streckenrekord können sich die Organisatoren freuen - und zwar nicht nur insgesamt sondern auch bei den Männern. Was jetzt erst einmal ziemlich seltsam klingt, lässt sich durch einen Rückblick ins Vorjahr erklären. Denn als Einzige lief damals Frauensiegerin Åslaug Kaardal mit 2:59:57 hauchdünn unterhalb der Drei-Stunden-Grenze ein. Der schnellste Mann Frode Johansen wurde dagegen mit 3:01:09 gestoppt.

Nun steht die aktuelle Bestmarke bei 2:47:16. Und den neuen Rekordhalter Helge Hafsås kann man nicht im Geringsten als "Überraschung" bezeichnen. Weit mehr als hundert norwegische Marathons hat er in den letzten beiden Jahrzehnten für sich entschieden, manche Rennen schon mehr als ein Dutzend Mal gewonnen und dabei Zeiten unter 2:40 fast in Serie gelaufen. Auch in Bergen setzt sich der nun schon in der M45 startende Hafsås gegen Erlend Brunborg (2:50:42) und Henning Pedersen (2:51:53) schließlich mit all seiner Routine sicher durch.

Bei den Frauen kann Margunn Bye Tøsdal zwar nicht ganz an die Leistung ihrer Vorgängerin anknüpfen, doch mit 3:08:22 fällt ihre Siegerzeit trotzdem recht ansprechend aus. Ziemlich exakt zwanzig Minuten braucht die 3:28:09 laufende Helen Martinsen mehr, um sich Platz zwei vor Silje Fjærestad Tollefsen (3:31:04) zu sichern. Viel enger machen es die Damen dafür im "Halvmaraton". Eli Anne Dvergsdal hat nämlich nach 1:27:56 nur fünfzehn Sekunden Vorsprung vor Jeanette Harder-Falck. Dahinter erläuft sich Emilie Nesse Blomdal in 1:31:55 Rang drei.

Den markanten Ulriken direkt vor sich geht es die letzten Meter dem Ziel auf dem Torgallmenning entgegen

Das im Vergleich der Siegerzeiten mit Abstand herausragende Ergebnis liefert allerdings der aus Äthiopien stammende Hunenjaw Mulugeta über die Halbmarathondistanz bei den Männern ab. Denn eine 1:06:59 wäre selbst auf einer deutlich leichteren Strecke mit einem Ausrufezeichen zu versehen. Die wahrlich nicht schlechten Leistungen des Zweiten Bjarte Eikanger mit 1:13:30 und des auf Rang drei einlaufenden Vorjahressiegers Miguel Blanco - ein in Bergen lebender Spanier - in 1:15:09 bleiben dagegen scheinbar deutlich zurück.

Obwohl an der Spitze also durchaus beachtliche Resultate erzielt werden, fallen dahinter auch in Norwegen die Zeiten recht schnell ab. So bleibt nur wenig mehr als die Hälfte des Halbmarathonfeldes unter zwei Stunden. Doch wäre es vielleicht auch viel zu schade einen Lauf wie in Bergen auf der Jagd nach einer guten Zeit wie im Tunnel und ohne einen Blick zur Seite zu absolvieren. Dass die Strecke eines "City Marathon" dabei ausgerechnet landschaftlich heraus ragend sein soll, ist dabei keineswegs ein Widerspruch.

Man muss allerdings dabei wohl auch etwas Glück haben und einen Sonnentag im "Regenloch Europas" erwischen. In diesem Fall gibt es sicher wenige Großstadtmarathons mit einem ähnlich abwechslungs- und aussichtsreichen Kurs wie den von Bergen. Darüber, dass man eventuell das angeblich so typische Regenwetter vorfinden könnte, sollte man besser nicht nachdenken.

Da Norwegern und insbesondere die Bergenser daran jedoch eher gewöhnt sind, scheint einer weiteren positiven Entwicklung der Veranstaltung kaum etwas im Wege zu stehen. Vielleicht ist ja bald nicht nur Bergen sondern auch der Bergen City Marathon in nicht allzu ferner Zukunft einmal die Nummer zwei im Land.

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Info & Ergebnisse www.visitbergen.com/en/BergenCityMarathon

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