20. Slow Mag Marathon Benoni - RSA (15.4.12)

Man trifft sich in Benoni

von Ralf Klink

Sonntag 15.04.2012, 6:30 Uhr - Hanekam Street, Benoni
Ein kleiner Knall hat genügt, um jene mehrtausendköpfige Läuferschar in Bewegung zu bringen, die sich in einer nicht allzu breiten Seitenstraße von Benoni im Speckgürtel der Metropole Johannesburg versammelt hat, um einundzwanzig, zweiundvierzig oder fünfzig Kilometer unter die Füße zu nehmen.

Bei dem Rennen, das da gerade gestartet wurde, handelt es sich um die zwanzigste Auflage des Slow Mag Marathon. Eine Veranstaltung, von der hierzulande praktisch noch niemand jemals gehört hat, die aber vielleicht gerade deshalb so typisch für die südafrikanische Laufszene ist.

September 2011 - Goddelau, Deutschland
Eine e-Mail aus Südafrika ist angekommen. Es ist die Reaktion auf eine von mehreren zuvor abgeschickten Anfragen an dortige Laufveranstalter, um die noch nicht im Netz zu findenden Termine für das folgende Jahr heraus zu bekommen. Unter den Vereinen, die 2011 ein Rennen Ende März oder Mitte April ausrichteten und deshalb auf der Liste landeten, war auch jener "Benoni Northerns Athletic Club", der gerade geantwortet hat.

Die Anordnung der einzelnen Zielkanäle für die verschiedenen Distanzen sorgt für eine mehrsprachige Diskussion unter der Aufbaumannschaft

Was da zu lesen ist, klingt durchaus interessant und macht zudem neugierig. Nicht nur dass das Datum 15. April nahezu perfekt in den bisher nur grob festgelegten Zeitplan des Trips ans Kap passen würde. Der Slow Mag Marathon des Laufklubs wird zudem auch seine zwanzigste Austragung begehen. Und Jubiläen haben ja durchaus einen besonderen Reiz.

Am bemerkenswertesten ist allerdings die Art, in der die Mail abgefasst ist. Denn auf die Fragestellung, wann denn das eigene Rennen stattfinden würde, weil man auf der Suche nach Läufen in einem bestimmten Zeitraum wäre, ist gleich die ganze Terminliste der Provinz Gauteng angekommen - wohlgemerkt mit allen Adressen und Daten der Mitbewerber.

"Ich hoffe, das konnte ein wenig helfen. Ruf einfach laut, wenn du weitere Unterstützung z.B. bei der Quartiersuche benötigst". Wer schon einmal in Südafrika unterwegs war und das Land und seine Bewohner ein bisschen kennt, dem ist klar, dass es sich dabei keineswegs um leere Floskeln handelt sondern absolut so gemeint ist, wie es da steht.

Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft am Kap überraschen immer wieder. Und irgendwie profitieren alle Seiten ein wenig davon. Denn spätestens angesichts dieser netten Worte ist die Entscheidung für den Benoni Northerns Athletic Club und seinen Slow Mag Marathon eigentlich schon gefallen.

Auf die um den Jahreswechsel abgeschickte Bestätigung, dass man tatsächlich plane, am Rennen teil zu nehmen, wird neben einem "fantastisch, ich freue mich darauf" eben auch ein "kontaktiere mich doch bitte Ende März noch mal, ob alles mit dem Südafrika-Trip in Ordnung geht" zurück kommen. Schon alleine dafür haben die Macher aus Benoni den Besuch verdient.

Samstag 31.03.2012, 10:00 Uhr - R37 zwischen Sabie und Lydenburg
Die Unterhaltung mit Colin White beim gemeinsamen Marschieren hinauf zum Scheitelpunkt des Long Tom Marathons dauert schon eine ganze Weile. Über die Absicht nach diesem Ultra eine Woche später auch den Two Oceans in Angriff zu nehmen hat man schon geredet. "Und am letzten Wochenende unserer Südafrika-Tour laufen wir dann noch beim Marathon in Benoni", wird er nun auch noch über den letzten Teil des geplanten Wettkampfprogrammes informiert.

Sowohl bei der Startnummernausgabe für Voranmelder (links) als auch im Nachmeldebüro (rechts) läuft am Vortag alles sehr geruhsam ab. Und beim Transport der Helfer (mitte) wird auch einmal improvisiert

"Which one?", hakt er nach. "The Slow Mag?" Ganz so unberechtigt ist die Frage nämlich gar nicht. Schließlich gibt es in der in ihren alten Grenzen ungefähr hunderttausend Einwohner zählenden Stadt gleich zwei Rennen über diese Distanz. Und beide haben alleine auf der namensgebenden Strecke vierstellige Teilnehmerzahlen.

Der andere, der Johnston Crane Marathon der Benoni Harriers wurde allerdings schon Ende Januar gelaufen, so dass die Antwort eigentlich klar ist. Dass die Unterscheidung der Läufe über den Sponsor - Slow Mag ist ein Magnesium-Präparat, bei Johnston Crane kann man Kranwagen mieten - gemacht wird, erscheint aus europäischen Blickwinkel ziemlich unkonventionell. Für südafrikanische Läufer ist es absolut normal.

Doch gibt es hierzulande ja auch nahezu keine Stadt, in der gleich mehrere größere Marathonrennen organisiert würden, die man unbedingt auseinander halten müsste. In Gauteng ist die Veranstaltungsdichte dagegen fast schon unglaublich hoch. Alleine von Ende Januar bis Anfang Mai - in der Qualifikations- und Vorbereitungszeit für den Two Oceans und insbesondere den Comrades - gibt es rund um Johannesburg und Pretoria ungefähr ein Dutzend Marathons.

Keine zwei Prozent der Landesfläche umfasst die Provinz, aber fast ein Viertel aller Südafrikaner - über zehn Millionen Menschen - lebt in ihr. Man könnte den aus vielen inzwischen längst miteinander verwachsenen Siedlungskernen bestehenden Großraum vielleicht am ehesten mit der Rhein-Ruhrregion vergleichen, wo man ja auch formal viele Städte hat, aber oft nur am Ortsschild erkennt, wo die eine endet und die nächste beginnt.

Dehnt man diese Parallele nun aufs Laufen aus, wären "Johnson Crane" und "Slow Mag" ungefähr so, als ob in Duisburg-Rheinhausen und gut zwei Monate später in Duisburg-Ruhrort ein Marathon stattfinden würde. Dazwischen gäbe es auch noch Rennen in Oberhausen, Mühlheim und Krefeld. Von Essen, Bochum oder Dortmund, Köln, Düsseldorf und Bonn ganz zu schweigen. Und alle hätten viele hundert oder gar mehrere tausend Teilnehmer. Unvorstellbar? Im Südafrika keineswegs.

Eine Viertelstunde kurz vor dem Start um 6:30 gibt es für Interessenten noch eine kleine Morgenandacht Recht einfach geht die Startnummernverteilung auch am Morgen des Rennens vonstatten. Ein paar Tische auf dem Parkplatz des Sportgeländes genügen Mehr als dreitausend Halb-, Voll- und Ultramarathonis versammeln sich zum Start in einer Nebenstraße

Samstag 14.04.2012, 15:00 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Auf einer Südafrika-Übersichtskarte ist Benoni erst einmal nicht unbedingt leicht zu entdecken. Doch liegt das weniger an seiner Größe. Während im meist ziemlich dünn besiedelten Rest des Landes aber schon eine Siedlung mit einigen hundert Einwohnern an einer Straßenkreuzung eine Erwähnung wert sein kann, weil eben im Umkreis von hundert Kilometern nichts größeres zu finden ist, sieht die Sache in der dicht bewohnten Provinz Gauteng eben ganz anders aus.

Dort drängt sich eine Vielzahl von Städten, die nach deutschem Standard Großstadtniveau haben, direkt aneinander. Nicht nur Benoni zählt nämlich mehr als hunderttausend Einwohner. Auch die benachbarten und eigentlich vollkommen zusammen gewachsenen Boksburg, Germiston und Kempton Park haben diesbezüglich sechsstellige Werte. Die nahegelegen Townships Katlehong und Tembisa zählen sogar jeweils über dreihunderttausend Menschen.

All diese früheren Gemeinden hat man in einer Gebietsreform, die noch deutlich umfangreicher ausfiel als die in einigen deutschen Bunderländern in den Siebzigern, zur Ekurhuleni Metropolitan Municipality mit fast drei Millionen Menschen verschmolzen. Diesen Namen sucht man auf Karten allerdings weitgehend vergeblich. Er hat bisher rein verwaltungstechnische Bedeutung. Wenn man den geeigneten Maßstab wählt, sind weiterhin "Benoni", "Boksburg" und "Germiston" in den Straßenplänen verzeichnet.

Benoni liegt jedenfalls ziemlich genau östlich von Johannesburg, in der Luftlinie keine dreißig Kilometer vom Zentrum der Metropole entfernt und praktisch in direkter Nachbarschaft zum internationalen Flughafen. Mitten durch das Stadtgebiet hindurch führt zudem die Autobahn M12, so dass die Anreise zur Stadt selbst eigentlich kein Problem ist.

Dann allerdings gilt es noch den Startort des Marathons zu finden, wo man schon am Vortag des Rennens seine Startnummern abholen kann. Doch ist dieser eben keineswegs ein zentraler Platz, eine Halle, ein Stadion, ein Messegelände oder ähnliches, wie man es in Europa bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung erwarten würde, sondern das mitten in einem Wohngebiet gelegene Sportgelände des Benoni Northerns Athletic Club.

Und dieses ist natürlich keineswegs ausgeschildert. Selbst hierzulande oft übliche, vom Veranstalter angebrachte Markierungen lassen sich nicht entdecken. Auch wenn die Anfahrt am Ende nicht wirklich schwer ist und es nach dem Verlassen der Autobahn fast nur geradeaus geht, muss man sich trotzdem schon im Vorfeld gut informieren, wo genau der für europäische Verhältnisse fast schon riesige Sportpark zu suchen ist.

Wie üblich ist Amos Rangata mit Fahne und Helm der Kaizer Chiefs unterwegs Eines der viele Streckenschilder glänzt im warmen Licht der morgendlichen Sonne Julian Karp (in rot) startet eine Woche nach dem Two Oceans schon wieder über fünfzig Kilometer

Samstag 14.04.2012, 15:05 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Die Frage nach der Anmeldung ist mit einem Deuten auf eine Tür im Vereinsheim beantwortet worden. Dort drinnen könne man sich nachmelden. Das kleine Räumchen, das sich hinter der Tür befindet, würde hierzulande allerdings wohl kaum für diesen Zweck ausgewählt. Und schon gar nicht bei einem Lauf, zu dem am nächsten Tag mehrere tausend Teilnehmer erwartet werden.

Nicht größer als ein Dutzend Quadratmeter ist es nämlich, von denen ein Teil auch noch mit Schränken zugestellt ist. Kaum mehr als eine Handvoll Meldewillige hat in diesem Hinterzimmer gleichzeitig Platz. Doch am Vortag des Rennens sind selten so viele gleichzeitig vor Ort. Von einem großen Ansturm ist nichts zu sehen. Hinter einem Tisch hat eine schon ziemlich angegraute Dame Platz genommen, die gemeinsam mit einem deutlich jüngeren Partner für die Ausgabe der Startnummern zuständig ist. Denn tatsächlich besteht die gesamte Meldeprozedur aus wenig mehr, als diese gegen die Zahlung der Startgebühr an die Interessenten zu verteilen.

Man sagt welche Distanz man gerne laufen möchte, bezahlt den entsprechenden Betrag - hundert Rand für den Ultra, neunzig für den vollen und siebzig für den halben Marathon, über Sechzigjährige sind sogar vollkommen vom Startgeld befreit - und nimmt danach seine Nummer in Empfang. In weniger als einer Minute ist die Sache erledigt und man steht schon wieder im Freien.

Einen Meldebogen hat man dabei nicht ausgefüllt und entsprechende Daten sind deswegen natürlich im Vorfeld des Rennens auch nicht vom Veranstalter erfasst. Wer namentlich in der Ergebnisliste auftauchen will, muss vielmehr einen Abriss an der Startnummer ausfüllen, der nach dem Zieleinlauf eingesammelt und ausgewertet wird. Ein in Südafrika übliches Verfahren, dass man manchmal erst dadurch versteht, dass man seinen Namen später nicht in den "results" findet.

Auch Voranmeldern bleibt das Beschriften nicht erspart. Und niedriger sind die Startgebühren für sie ebenfalls nicht. Allerdings werden nur sie dank einer speziellen Kennzeichnung der Startnummer im Ziel ein T-Shirt bekommen. Eine Jubiläumsmedaille hat man dagegen für alle Teilnehmer vorgesehen.

Hauptsächlich durch Wohnstraßen schlängelt sich das noch dichte Feld am Anfang des Rennens
Selbst wenn die Strecke weitgehend eben ist, ganz ohne leichte Steigungen kommt sie nicht aus

Samstag 14.04.2012, 16:00 Uhr - Benoni
Die junge Frau an der Hotelrezeption ist ziemlich erstaunt. "Was in Benoni gibt es morgen einen Marathon?" Dabei liegt ihr Arbeitsplatz nur wenige Kilometer vom Startort entfernt. Doch selbst wenn Comrades und Two Oceans in Südafrika landesweite Beachtung genießen, bei anderen Veranstaltungen ist das Interesse meist auch nicht größer als hierzulande. Und gerade weil es im weiten Siedlungsbrei um Johannesburg so viele Marathons gibt und diese keineswegs zu überall beworbenen "Events" aufgebauscht werden, nimmt man sie kaum zur Kenntnis.

"Ich würde nie laufen", bekennt sie ehrlich. Allerdings lauscht sie dann doch ziemlich interessiert den Ausführungen ihres Gegenübers, der über die faszinierende Möglichkeit berichtet, bei den vielen existierenden Rennen weltweit nicht nur unterschiedlich Länder kennen zu lernen sondern dabei auch in einen ganz anderen Kontakt zu den Menschen als ein "normaler" Tourist zu kommen.

Samstag 14.04.2012, 15:10 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Paul M'Crystal legt die Stirn ein wenig in Falten."Das ist jetzt eine wirklich interessante Frage, so etwas hatten wir bisher nämlich eigentlich noch nicht." Es geht um die Entscheidung, ob sich der in der Ausschreibung zugesagte kostenlose Start für Grandmaster - also alle Läufer über sechzig Jahre - auch auf die " temporary licence" bezieht, die für alle fällig wird, die nicht Mitglied in einem südafrikanischen Laufclub sind und die entsprechende Startberechtigung besitzen.

Die Tageslizenz gibt es im Gegensatz zu den Startnummern im Freien vor dem Vereinsheim. Unter mehreren fest montierten, mit Stroh gedeckten Sonnenschirmen stehen ein paar Tische. Dahinter warten einige Helfer der Benoni Northerns auf die an Samstag noch recht spärlich eintreffende Kundschaft. So bleibt durchaus ein wenig Zeit für einen Plausch.

Im Normalfall hätten alle für die Sonderregelung in Frage kommenden Senioren einen Lizenz, erklärt M'Crystal. Deswegen habe sich das Problem eigentlich bisher noch nicht gestellt. Allerdings gibt er zu bedenken, dass die Startgebührenbefreiung "a club thing" sei, die temporary licence aber "a provincial affair".

Während die Schnelleren das Gelände des Ebotse Golf Estate bereits wieder verlassen … … läuft das Hauptfeld erst in diese Wohnanlage mit eigenem Golfplatz hinein

Gemeint ist dabei jedoch nicht die politische Provinz Gauteng, in der Benoni liegt, sondern der Leichtathletik-Landesverband von "Central Gauteng", dem die Benoni Northerns angehören. Denn obwohl die Region um Johannesburg und Pretoria flächenmäßig die mit Abstand kleinste der neun südafrikanischen Verwaltungseinheiten ist, gibt es trotzdem in ihr gleich drei "athletic provinces".

M'Crystal entscheidet schließlich die dreißig Rand für die Tageslizenz, die der Verein höchstwahrscheinlich dann ja wieder an den Verband abgeben muss, auch vom Senior zu kassieren, selbst wenn dieser nicht nur Grandmaster sondern sogar Grandgrandmaster - also bereits jenseits der siebzig - ist.

Sonntag 15.04.2012, 6:15 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Eine Viertelstunde ist es noch bis zum Start und der Platz vor dem kleinen Sportheim der Benoni Northerns ist ziemlich gefüllt. Rundherum herrscht ein buntes Sprachengewirr. In einem Land mit elf verschiedenen Amtssprachen, die aufgrund verschiedenster Wanderungsbewegungen in den letzten beiden Jahrhunderten zudem keineswegs auf bestimmte Regionen beschränkt sind, gehört das zur Normalität.

Außer Englisch und Afrikaans sind sie für den Besucher aus Europa allerdings nicht eindeutig zu identifizieren. Doch gerade rund um die Metropole Johannesburg, wo tatsächlich wohl so ziemlich alle südafrikanischen Sprachen vertreten sind, dürften es noch einige weitere sein. Auch unterwegs wird man immer wieder ganz unterschiedliche Klänge zu Ohren bekommen.

Genau diese Vielfalt von in Herkunft, Muttersprache und Hautfarbe so völlig unterschiedlichen Menschen, die sich dennoch zu einem gemeinsamen Lauf treffen, trägt zur enormen Faszination südafrikanischer Rennen bei.

Samstag 14.04.2012, 15:25 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Auf dem Sportgelände liegen fünf große Schilder mit den Zahlen "5", "10", "21", "42" und "50". Vor ihnen stehen noch mehr Männer und diskutieren darüber, in welcher Reihenfolge man sie am besten nebeneinander aufstellen sollte. Das hat durchaus eine Bedeutung, denn sie sollen die Zuordnung der verschiedenen, längst mit viel Flatterband abgesteckten Zielkanäle markieren. Um beim Einlauf von so vielen Rennen kein allzu großes Durcheinander zu erzeugen, ist es natürlich interessant, in welcher zeitlichen Reihenfolge und Stärke die Felder erwartet werden.

Das faszinierendste an der Debatte ist allerdings, wie sie abläuft. Denn sie wird gleichzeitig auf Afrikaans und Englisch geführt. Jeder benutzt anscheinend immer die Sprache, die er besser beherrscht. Manche springen aber durchaus auch einmal zwischen den beiden hin und her. Die Konversation geht wild durcheinander. Ein Argument in der einen Sprache wird mit einem in der anderen beantwortet. Und doch ist jedem klar, was der andere will.

Der Abschnitt auf dem Golfplatz ist der abwechslungsreichste aber auch mit Abstand welligste des Rennens

Diese für die meisten Südafrikaner völlig selbstverständliche Mehrsprachigkeit im täglichen Umgang ist für den Beobachter irgendwie ziemlich bewundernswert. In Europa jedenfalls erlebt man ähnliche Situationen sogar in formal mehrsprachigen Ländern wie Belgien oder der Schweiz doch eher selten. Das hat allerdings wohl auch mit den dort deutlich stärker abgegrenzten Siedlungsräumen zu tun. In Südafrika sind die unterschiedlichen Sprachgruppen dagegen bunt gemischt über das ganze Land verstreut.

Samstag 14.04.2012, 19:30 Uhr - Benoni
Im Fernsehen läuft wieder einmal Rugby. Fast ständig werden auf den verschiedenen Kanälen des Sportsenders "SuperSport" Spiele entweder live übertragen oder in einer Zusammenfassung wiederholt. Meist handelt es sich um Begegnungen aus der internationalen Liga "Super 15", in der jeweils fünf Teams aus Neuseeland, Australien und Südafrika gegeneinander antreten.

Diese Sendungen haben durchaus gute Zuschauerzahlen. Denn im Gegensatz zu Deutschland, wo zumindest auf Clubebene der Fußball alle anderen Sportarten praktisch an die Wand drückt und deshalb fast schon eine mediale Monokultur herrscht, genießt am Kap neben Soccer eben auch Rugby eine ziemlich hohe Aufmerksamkeit.

Doch an diesem Abend ist das Interesse in Benoni ganz besonders hoch. Denn die Bulls treten gegen die Lions an. Und das ist zumindest in Südafrika die wohl brisanteste Begegnung. Die in der Regel blau gekleideten Bulls sind nämlich in Pretoria beheimatet, während die roten Lions aus dem nur etwa fünfzig Kilometer entfernten Johannesburg stammen.

Eine beträchtliche Rivalität zwischen den beiden Teams ist da die logische Folge. Dass die Bullen zuletzt meist um Spitzenplätze kämpften, während die Löwen sich eher in den hinteren Tabellenrängen fanden, hat diese eher noch verstärkt. So schaut praktisch jeder aus der Provinz Gauteng, der auch nur ein bisschen an Rugby interessiert ist, an diesem Samstag das Derby.

Vorbei an Villen, denen man ansieht, dass sie nicht den ärmsten Einwohnern gehören, führt die Strecke auf einen schmalen Fußweg … … auf dem plötzlich ein Stau entsteht, weil ihn eine große Wasserlache komplett bedeckt

Auch Benoni liegt ja im Dunstkreis der beiden Metropolen - die eine das ökonomische, die andere das politische Zentrum des Landes. Doch vielleicht könnte die Begeisterung noch ein bisschen größer sein, wenn auch der vielleicht bekannteste Sohn der Stadt bei diesem Match dabei wäre. Denn einer der größten südafrikanischen Rugby-Stars, Bryan Habana ist in Benoni geboren. Inzwischen ist der allerdings am anderen Ende des Landes bei den Stormers in Kapstadt aktiv.

Übrigens wird die Überraschung ausbleiben und das Ergebnis schließlich 32:18 für die favorisierten Bulls lauten.

Samstag 14.04.2012, 15:30 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Catherine Taxer, die vorhin bei der Ausgabe der "temporary licences" geholfen und sich auch ein wenig an der Diskussion wegen der Startgeldbefreiung beteiligt hatte, kommt hinter den beiden deutschen Gästen her, die sich, nachdem sie sich ein bisschen auf dem Sportgelände umgesehen haben, gerade auf dem Weg zu ihrem Mietwagen befinden.

Ob sie denn noch einmal den Verlauf der Strecke erklären solle, fragt sie freundlich nach. Im Sportheim wäre nämlich ein Plan ausgehängt. Diesen hatte man zwar zuvor schon selbst entdeckt und kurz begutachtet. Doch mit fachkundiger Unterstützung kann man ihn ja sich durchaus noch einmal gründlicher ansehen.

Der Kurs wäre eigentlich recht einfach zu laufen, große Hügel gäbe es darin nicht, berichtet die Mittvierzigerin - nur um kurz darauf dann doch einige Stellen aufzuzählen, an denen es ein wenig bergan ginge. Allerdings sei das alles halb so wild. Nun im Verhältnis zum Comrades - in einem Nebensatz hat sie erwähnt, dass sie diesen schon zehnmal bewältigt hat - ist das, was man von Benoni bei der Anfahrt bisher gesehen hat, sogar tatsächlich weitgehend flach.

Wer den Long Tom - den sie auch schon einmal unter die Füße genommen hatte - in sieben oder acht Stunden bewältige, könne bei diesem Marathon locker mit vier bis maximal viereinhalb Stunden rechnen. Dass Benoni allerdings auf gut sechszehnhundert Meter liegt und die Luft insbesondere für Flachländer deshalb dort schon ziemlich dünn ist, bedenkt die an diese Höhenlage gewöhnte Catherine Taxer bei ihrer Kalkulation jedoch nicht.

Sonntag 15.04.2012, 5:45 Uhr - O'Reilly Merry Street, Benoni
Ein wenig staut sich der Verkehr auf der zum Sportpark führenden O'Reilly Merry Street schon. Doch angesichts von angeblich mehreren tausend anreisenden Läufern geht es trotzdem ganz gut voran. Erst als man auf den grasbewachsenen Parkplatz gegenüber des Clubheimes einbiegt, der mit solchen Ausmaßen wohl eigentlich ein Kricketfeld ist, lässt ein Blick auf die enorme Zahl dort bereits abgestellter Fahrzeuge, die Größe der Veranstaltung erstmals glaubhaft erscheinen.

Erst nachdem die Pfütze vorsichtig überwunden ist ... … kann das Rennen wieder im Laufschritt weiter gehen

In der eher knapp ausgefallenen Ausschreibung wird ausdrücklich erwähnt, dass es sich um "secure parking" handelt, der Platz also sicher ist. In Südafrika sind - manchmal bestellte, zum Teil aber einfach nur selbsternannte - Parkwächter, die gegen einige Münzen auf die Autos aufpassen, keineswegs eine Seltenheit. Schnell ist hat man sich an sie gewöhnt. Und bei einer offiziellen Arbeitslosenquote von fünfundzwanzig Prozent - in Wahrheit dürfte sie sogar noch höher liegen - kann man diese Art, sich ein wenig Geld zu verdienen, sogar recht gut verstehen.

Auch in Benoni laufen einige mit Leuchtwesten bekleidete Aufsichtspersonen herum und bitten dann bei Ausfahrt um ein bisschen Kleingeld. Mit einem Umrechnungskurs von etwa eins zu zehn tun einige Rand - insbesondere, wenn man sie damit vergleicht, was man in hiesigen Parkhäusern bezahlt - dabei im Tauschgeschäft gegen einen unbeschädigten und nicht aufgebrochenen Wagen am Ende nicht wirklich weh.

Mittwoch 11.04.2012, 8:00 Uhr - Storms River
Die Wirtin des Guest House im kleinen Örtchen Storms River erzählt fast schon begeistert von ihren Besuchen in Europa, das mit seiner ganzen Geschichte und den aus dieser übrig gebliebenen Bauwerken so ganz anders wäre als ihre südafrikanische Heimat. Und auch das Transportwesen mit dichten Metro-Systemen und den Hochgeschwindigkeitszügen habe sie fasziniert.

Am Kap sei das Bahnsystem doch eher unterentwickelt, das Netz ziemlich weitmaschig und zudem noch schlecht ausgelastet. Zwischen den größten Städten Johannesburg, Kapstadt, Durban, Port Elizabeth und Bloemfontein gibt es pro Tag nur ganz wenige Verbindungen. Den meisten Südafrikanern bleibe gar nichts anderes übrig, als das Auto zu benutzen oder auf größeren Distanzen eben zu fliegen.

Allerdings berichtet sie, habe der zuständige Minister gerade erst angekündigt, in den nächsten Jahren verstärkt in die Eisenbahnen zu investieren. Und man habe außerdem seit kurzem zwischen Johannesburg, Pretoria und dem für beide Städte zuständigen O.R. Tambo Airport ja auch den "Gautrain".

Das "the high speed train" lässt sie zwar nicht gelten. "It's not like your high speed trains". Doch immerhin wird auf dieser eigentlich zur Fußball-WM geplanten, aber bis zu diesem Zeitpunkt nur zum Teil fertig gewordenen Neubaustrecke, die sich irgendwo zwischen S-Bahn und Intercity bewegt, bis zu hundertsechzig Kilometer pro Stunde - und damit wesentlich schneller als auf anderen Linien - gefahren.

Kreuz und quer über den Golfplatz zieht sich die Läuferschlange

Im Gegensatz zu sonstigen Netz, bei dem die Gleise in der etwas über einen Meter breiten sogenannten "Cape-Gauge" verlegt sind, hat man dabei auch erstmals die international weit verbreitete Normalspur verwendet. So können auch anderswo verwendete moderne Triebwagen eingesetzt und bei Bedarf schneller ersetzt werden.

Mit den Nahverkehrssystemen vergleichbarer europäischen Metropolen lässt es sich angesichts von gerade einmal zehn angefahrenen Stationen jedoch trotzdem nicht vergleichen. Selbst die Linie zum Hauptbahnhof von Johannesburg ist noch nicht fertig. Und für einen weiteren Ausbau zu einer Netzdichte, die den Gautrain zu einer echten Alternative zum Automobilverkehr machen könnte, fehlt wohl das Geld.

Für Benoni ist jedenfalls erst einmal keine Anbindung geplant. Immerhin gibt es in der Stadt gleich mehrere Stationen der Metrorail Gauteng, die sich von Johannesburg aus spinnenähnlich in die Vororte hinein zieht. Als Anreisemöglichkeit zum Slow Mag Marathon scheidet diese jedoch nicht nur wegen der frühen Uhrzeit aus. Der nächste Bahnhof ist nämlich rund vier Kilometer vom Sportgelände entfernt.

Sonntag 15.04.2012, 6:00 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Diesmal ist das Getümmel rund um die Meldetische deutlich größer als am Vortag. Auf dem kleinen Parkplatz vor dem Vereinsheim sind ungefähr ein Dutzend von ihnen aufgestellt. Und mindestens doppelt so viele Helfer sind im Einsatz, um die Startnummern unter die Leute zu bringen. Auch Catherine Taxer sitzt wieder dabei. Und trotz des großen Andranges bleibt ihr Zeit für einen Gruß.

Zwar hat man gerade noch ein halbe Stunde bis zum Start der drei längeren Distanzen, wo insgesamt immerhin mehr als dreitausend Sportler auf die Strecke gehen werden. Und auch bis zu den kürzeren Läufen über fünf und zehn Kilometer sind es nur vierzig Minuten. Aber eigentlich wird es jetzt auf den Benoni Northerns Sports Grounds erst richtig voll.

Anderswo wären die Schalter längst wieder geschlossen. Aus vielen Ausschreibungen hierzulande kennt man schließlich Sätze wie "Nachmeldungen sind bis eine Stunde vor dem Start möglich" zur Genüge. In der diesbezüglich deutlich entspannteren südafrikanischen Laufszene fängt man dagegen um diese Zeit häufig erst mit den "late entries" an. Beim Slow Mag von Benoni nimmt man sie immerhin schon ab halb fünf entgegen.

Das ständige Auf und Ab des Golfplatzes …
… wird mit dem heftigsten Anstieg des Rennens beendet

Doch insbesondere verglichen mit dem riesigen Brimborium, dass man hierzulande bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung vermutlich machen würde, erinnert das Ganze in der Aufmachung eher an einen kleinen Dorfvolkslauf mit einhundert Teilnehmern.

Sonntag 15.04.2012, 6:10 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Der hochgewachsene, noch recht jung wirkende Läufer im Trikot der "Randburg Harriers" dreht sich langsam um. In der beginnenden Dämmerung lässt sich ein recht bekanntes Gesicht erkennen. Zwei Wochen zuvor war man um fast die gleiche Uhrzeit schließlich in Sabie gemeinsam auf der Suche nach der Gepäckabgabe beim Long Tom Marathon. Willem Potgieter ist sichtlich überrascht, dass man sich so schnell wieder trifft.

Und dann fragt er sogleich nach dem Two Oceans. Ob es denn mit dem Regen wirklich so schlimm gewesen wäre, wie das Ganze im Fernseher gewirkt habe. Und wie man damit klar gekommen wäre. Denn die Übertragung hätte er sich natürlich - im an diesem Tag ziemlich sonnigen Johannesburg - angesehen. Und ein wenig bedauert habe er die ziemlich durchnässten Läufer auf dem Bildschirm dabei schon.

Nicht weniger verwundert Willem allerdings, dass es anscheinend Leute gibt, die nach zweimal sechsundfünfzig Kilometern noch immer nicht genug haben. Er wäre diesmal nur für den Halbmarathon gemeldet, erklärt er jedenfalls fast entschuldigend. Sein allererster Ultra würde ihm noch ganz schön in den Beinen stecken. "I have still to recover", fasst er es in wenigen Worten zusammen.

Sonntag 15.04.2012, 6:40 Uhr - Yellowood Street, Benoni
Diesmal erinnert er sich tatsächlich. Doch liegt die letzte Begegnung ja auch gerade erst eine Woche zurück. Der wehende, schon leicht angegraute Haarschopf von Julian Karp ist auch in Benoni auf der Strecke. Ein wenig erstaunt ist er schon, dem deutschen Lauftouristen schon wieder über den Weg zu laufen. Doch das freudige Händeschütteln zeigt, dass er darüber nicht unbedingt böse ist.

Etwas neugierig ist er aber dann doch, weshalb man sich denn nun ausgerechnet in Benoni beim außerhalb Südafrikas absolut unbekannten Slow Mag Marathon erneut trifft. Das Argument, dass man am Folgetag vom nur wenige Kilometer entfernten Flughafen von Johannesburg wieder zurück nach Europa aufbrechen müsse und die Veranstaltung somit noch einmal einen läuferischen Abschluss des Aufenthaltes darstellen würde, leuchtet Karp allerdings ziemlich schnell ein.

Das ganze Trikot voll mit "permanent numbers" - "ewige Startnummern", die man für zehnmalige Teilnahme an einem Rennen erhält - hat dieser Läufer Die Steigung auf dem Golfplatz bietet sich für einen "taktischen Fotostopp" geradezu an, die Läuferin rechts hat sich diesen Trick schon erklären lassen "Half Marathon to the left, Marathon straight ahead". Beim Überqueren des Sportgeländes werden die Felder auseinander sortiert

Die lange, mittendrin aber zweimal leicht zur Seite abknickende Startgerade hat man inzwischen übrigens verlassen. Doch wirklich verändert hat sich das Umfeld nicht. Auch weiterhin läuft man durch ziemlich unspektakuläre, baumbestandene Wohnstraßen, die nicht nur den Anfang sondern den größten Teil der Strecke prägen werden.

Sonntag 15.04.2012, 11:30 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Während im Ziel noch etliche Läufer herein kommen, findet Paul M'Crystal Zeit, mit den beiden Gäste aus dem fernen Europa, die er gerade entdeckt hat, einen kleinen Plausch zu beginnen. Wie es denn gewesen wäre, interessiert ihn. Und natürlich vor allem, was man von dem Lauf halten würde. Das "ziemlich schwer" als Antwort auf die erste Frage überrascht ihn irgendwie. Schließlich gilt die Strecke eigentlich doch als recht schnell.

Allerdings muss man dabei die südafrikanischen Maßstäbe kennen. Und nach ihnen ist sie vermutlich sogar tatsächlich extrem flach. Verglichen mit den topfebenen Kursen, die man hierzulande meist zusammen bastelt, um die "große Herausforderung" Marathon so einfach wie möglich zu gestalten - über den darin enthaltenen Widerspruch sollte man vielleicht doch manchmal ein wenig nachdenken - besitzt die Strecke in Benoni aber eben doch die eine oder andere Welle.

Das Argument "Wärme" - immerhin liegen die Temperaturen zu diesem Zeitpunkt bereits bei gut zwanzig Grad und der Himmel ist weitgehend wolkenlos - ist einem Südafrikaner am Ende des Südhalbkugel-Sommers ebenfalls nicht unbedingt leicht zu vermitteln. Da ist man aus den Monaten zuvor durchaus anderes gewohnt.

Die beste, auch Paul vollkommen einleuchtende Begründung heißt deshalb "altitude". Das gesamte Rennen spielt sich schließlich auch noch oberhalb von sechzehnhundert Metern ab. Selbst wenn das Gelände ringsherum absolut nicht danach aussieht, als wäre man im Gebirge, hätte man in den Alpen also beinahe schon die Baumgrenze erreicht.

Auf der zweiten Runde hat sich das Läuferfeld schon deutlich gelichtet Wer den Ultra absolvieren möchte muss einen Teil der Schleife noch ein drittes Mal in Angriff nehmen

Sonntag 15.04.2012, 6:55 Uhr - President Steyn Road, Benoni
Die Bebauung ist ein wenig offener geworden. Nun ist man nicht mehr mitten in einem Wohngebiet sondern für ein kurzes Stück eher am Stadtrand unterwegs. In einer leicht abfallenden Passage zieht ein Läufer in hellblauem Dress vorbei. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn er nicht einen gelben Helm auf dem Kopf tragen und eine große gelbe Fahne in der Hand halten würde. Wie immer ist Amos Rangata von den Carnival City Road Runners mit den Fan-Utensilien der Kaizer Chief auf die Strecke gegangen.

Auf dem Bauch trägt er eine grüne Nummer. Er hat also zwei Wochen nach dem Long Tom Marathon erneut für den Ultra gemeldet. Gleich aus zwei Gründen ist das nicht wirklich ungewöhnlich. Zum einen ist Rangata schließlich ein insbesondere rund um Johannesburg durchaus bekannten Vielläufer. Und zudem hat er wie jedes Jahr auch 2012 wieder für den Comrades gemeldet. Da können ein paar zusätzliche Kilometer nicht schaden.

Sonntag 15.04.2012, 7:00 Uhr - President Boshoff Road, Benoni
Dem Gefälle folgt wenig später ein leichter Anstieg. Da hat man gerade eine größere Grünanlage passiert, die sich bei genauerem Hinsehen als weiteres Sportgelände entpuppt. Auf ihm endet der Johnston Crane Marathon, der zweite große Lauf in Benoni. Die Kurse der beiden Veranstaltungen berühren sich nicht nur an diesem Punkt, sie überlappen sich zum Teil sogar. Ende Januar waren dort bei den Benoni Harriers beinahe zweitausend Teilnehmer auf der Königsdistanz angetreten.

Nimmt man das Starterfeld von Marathon und Ultra zusammen sind es bei den Northerns ungefähr genauso viele. Und gerade drei Wochen zuvor konnten beim in der Luftlinie nicht einmal zweiundvierzig Kilometer entfernten Jackie Gibson Marathon in den Außenbezirken von Johannesburg ebenfalls über zwölfhundert Zieleinläufe registriert werden.

Wohlgemerkt bei Läufen, die nur wenig mit den längst von speziellen Agenturen ausgerichteten "Events" hierzulande gemeinsam haben, sondern von Vereinen ehrenamtlich und nebenbei organisiert werden. Es sind Zahlen, die sich eigentlich nur damit erklären lassen, dass ein Marathon in Südafrika eben nicht den Endpunkt der läuferischen Entwicklung darstellt, sondern dieser meist einzig und allein zum am Kap alles überstrahlenden Comrades führen soll.

An vielen schönen und großen Wohnhäusern führt die Strecke vorbei, doch fast alle verbergen sich aus Angst vor Einbrüchen und Überfällen hinter hohen Zäunen und Mauern Beim zweiten Mal macht die Wasserlache auf dem Golfplatz nicht mehr die geringsten Probleme

Sonntag 15.04.2012, 11:33 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Er sei der "Chairman" - also der Vorsitzende - des Clubs antwortet Paul auf die Erkundigung nach seiner Rolle bei der Organisation des Rennens. Doch von hektischer Betriebsamkeit, die andere in dieser Position an den Tag legen würden, ist bei ihm in diesem Moment keine Spur. Die Mannschaft ist allerdings auch ziemlich eingespielt und die Abwicklung des Rennens verläuft weitgehend reibungslos.

Angesichts der Vielzahl der Helfer an der Strecke und auf dem Sportgelände lässt sich die Frage, wie groß denn die Laufabteilung der Benoni Northerns sei, kaum vermeiden. Nun sie hätten etwa vierhundert Mitglieder, erklärt M'Crystal und ist recht erstaunt über das Erstaunen, dass diese für europäische Verhältnisse doch ziemlich hohe Zahl auslöst.

Nein, sie seien doch kein großer Verein. Die dort drüben - er zeigt auf einen Läufer in türkisen Dress, der gerade herein kommt - seien viel mehr. Dieser Irene Road Running Club aus Pretoria habe schließlich über zweitausend Mitglieder. Und auch einige andere könnten problemlos vierstellige Werte nennen. Da verwundert es kaum noch, dass man manchen Trikots immer und immer wieder begegnet.

Der Mund der deutschen Besucher steht noch viel weiter offen, als Paul ganz nebenbei nachschiebt, von den vierhundert seien hundertachtzig für den Comrades gemeldet. Er selbst könne diesmal allerdings wegen einer Verletzung nicht starten. Doch immerhin hat auch er schon acht Medaillen vom größten Lauf des Landes im Schrank.

Selbst wenn der Club weitgehend breitensportlich aufgestellt ist, kann man immerhin auch schon auf eine Siegerin beim wichtigsten Ultralauf des Landes stolz sein. Ende der Achtziger erlief sich nämlich Frith van der Merwe zwischen Durban und Pietermaritzburg gleich zwei Erfolge im gelb-roten Benoni-Dress. Und ihren 1989 ebenfalls im Trikot der Northerns erzielten Streckenrekord beim Two Oceans Marathon von 3:30:46 hat bisher noch niemand knacken können.

Sonntag 15.04.2012, 7:15 Uhr - Simon Street, Benoni
Der Kurs ist auf eine lange Gerade eingeschwenkt, der er nun für fast einen Kilometer folgen wird. Während rechts die schon bekannten, an dieser Stelle allerdings relativ groß ausgefallenen Wohnhäuser zu sehen sind, begleitet auf der linken Seite eine nahezu durchgehende Mauer das immer noch recht dichte Läuferfeld. Was sich dahinter verbirgt, lässt sich aufgrund ihrer Höhe nicht erkennen. Der oben zusätzlich angebrachte, recht gefährlich aussehende Sicherheitsdraht lässt eine Militär- oder Industrieanlage oder eventuell auch ein Gefängnis vermuten.

Eine lange Holzbrücke überquert das durchs Golfgelände führende Flüsschen

Das Nachdenken über den Sinn des massiven Bauwerks und der Versuch eine Blick durch die Gitter, die gelegentlich die Wand ganz kurz unterbrechen, zu erhaschen, lenkt ein bisschen von der Steigung ab, die man mit dem Einbiegen auf die Simon Street ebenfalls vor sich hat. Diese ist zwar eher lang gezogen als steil, aber trotzdem auch ohne Messinstrumente ziemlich gut sicht- und spürbar.

Sonntag 15.04.2012, 7:20 Uhr - Ebotse Golf Estate, Benoni
Das Rätsel, was man hinter der Mauer finden kann, wird in dem Moment gelöst, als sie auf einmal durch eine Einfahrt unterbrochen wird und ein Ordner gleichzeitig mit seiner rote Fahne signalisiert, dass man unter dem dort errichteten Torhaus hindurch laufen solle. Die Schranke, die im Normalfall den Zugang kontrolliert, ist für die Läufer an diesem Tag jedenfalls auch ohne gründliche Prüfung geöffnet.

Ansonsten allerdings dürfte das sich dahinter erstreckende weitläufige Gelände für die Allgemeinheit nicht zugänglich sein. Es handelt sich um eine ziemlich ungewöhnliche Mischung aus einem Golfplatz und einem Wohngebiet, das in mehreren losen Gruppen rund um die einzelnen Spielbahnen errichtet worden ist.

Was dabei sofort auffällt, dass im Gegensatz zu sonstigen südafrikanischen Gepflogenheiten keines der - alles andere als armselig aussehenden - Häuser von einem Zaun umgeben ist. Alles ist innen völlig offen angelegt, dafür jedoch ziemlich hermetisch nach außen abgeriegelt. Einfach einmal dort spazieren gehen, wie man es aus Europa gewöhnt ist, kann man sicher nicht. Nur Anwohner und von ihnen eingeladene Gäste kommen wohl an den Sicherheitsleuten an den Portalen vorbei.

Während der größte Teil des Feldes noch in das Gelände hinein strömt, eilen ihm auf der Gegenspur deutlich schnellere Läufer schon entgegen, die ihre dort zu absolvierende Runde bereits abgeschlossen haben und den Golfplatz durch die zweite Durchfahrt nun wieder verlassen dürfen. Da sie dabei eindeutig bergauf laufen, lässt sich die Schleife bereits in diesem Moment als ziemlich wellig erahnen.

Sonntag 15.04.2012, 7:25 Uhr - Ebotse Golf Estate, Benoni
Gleich hinter dem Eingang ist nach etwa neun Kilometern die dritte Verpflegungsstelle aufgebaut. Diese tauchen auch in Benoni - wie in Südafrika meist üblich - im Rhythmus von ungefähr drei Kilometern auf und haben Wasser und Cola im Angebot. Der Posten auf dem Golfplatz bietet zudem eine weitere Spezialität der Läufe am Kap, nämlich gekochte Kartoffeln.

Kaum hat sie den Halbmarathon absolviert, hilft diese Läuferin schon wieder an einer Verpflegungsstelle Während sich Häuser sonst meist hinter Mauern verstecken, kommt man auf dem als Ganzes umzäunten Golfgelände ohne aus "Warum seht ihr denn alle so gequält aus?" frotzelt die Ordnerin bei Kilometer dreiunddreißig

Der Kurs verläuft jetzt auf der anderen Seite der Mauer in genau entgegen gesetzter Richtung wieder zurück. Was im Streckenplan auf den ersten Blick wie ein ganz profaner Wendepunkt aussieht, eröffnet durch den dazwischen liegenden Wall zwei völlig unterschiedliche Perspektiven. Nun kann der Blick über den in der Mitte des Geländes liegenden See und die rundherum liegenden Grünflächen schweifen.

Sonntag 15.04.2012, 7:30 Uhr - Ebotse Golf Estate, Benoni
Die Zufahrtsstraße zu einigen der Villen hat geendet und die Marathonstrecke ist auf einen schmalen Weg eingeschwenkt, der gewisse Schwierigkeiten damit hat, das gesamte Feld aufzunehmen. Kaum mehr als zwei bis drei Läufer können ihn jedenfalls nebeneinander benutzen. Freies Laufen ist damit sowieso nicht mehr möglich. Es gilt irgendwo einzufädeln und sich dann dem Rhythmus der anderen anzupassen.

Doch bald darauf geht plötzlich gar nichts mehr. Ein richtiger Stau, der auf einer Autobahn auch nicht klassischer ausfallen könnte, verhindert das zügige Weiterkommen. Und wie oft auf der Straße ist der Anlass eigentlich nur eine Kleinigkeit. In einer Senke hat sich nämlich quer über den Pfad eine breite und tiefe Pfütze gebildet.

Mit ein wenig Schwung wäre sie vermutlich problemlos zu überwinden. Nur kann man diesen aufgrund des dichten und zudem praktisch stehenden Pulks gar nicht nehmen. Also versuchen fast alle um nasse Füße zu vermeiden, irgendwie seitlich an diesem Hindernis vorbei zu kommen. Da dies im Gegensatz zum Überspringen deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt, schaukelt sich das Ganze immer weiter auf.

Was anderswo vielleicht zu einem empörten Aufschrei über die schlechte Organisation führen würde, wird in Benoni nur mit Lachen und Witzchen über den "traffic jam" zur Kenntnis genommen. Die Bestzeitenjäger weiter vorne hatten keine Probleme. Und für den großen Rest sind die verlorenen Sekunden ziemlich unwichtig. Hat man die eigentlich vollkommen harmlose Wasserlache dann überwunden, kann das Rennen - nun sogar ein wenig entzerrt - ohnehin wieder ganz normal im Laufschritt weiter gehen.

Sonntag 15.04.2012, 8:40 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Immer wieder ruft der Ordner auf dem Sportgelände, das man nach gut zwanzig Kilometern durch einen Seiteneingang betreten hat, die gleichen Sätze. "Half Marathon to the left, Marathon straight ahead". Die Kurzstreckler können zum links aufgebauten Ziel abzweigen. Wer über zweiundvierzig oder gar fünfzig Kilometer unterwegs ist, darf nach einigen hundert Metern über das Gras des Sportgeländes auf die nächste Schleife gehen.

Beim zweiten Mal erscheint der Anstieg noch deutlich länger und steiler… … doch als einige Golfspieler die Strecke kreuzen, traben gleich mehrere Marathonis dennoch fast trotzig wieder an. Schließlich ist man ja Läufer und kein Wanderer

Erst nachdem man jenseits des Platzes schon wieder auf Asphalt unterwegs ist, taucht das Schild mit der "21" auf. Und bis man den Startpunkt wieder passiert hat, ist noch ein ganzes Stück Meter zurück gelegt. Eine vollständige Runde dürfte also ein wenig länger als ein halber Marathon sein, was auch die Markierungen der jeweils entsprechenden Kilometer irgendwie nahe legen.

Nur durch die Verschiebung zwischen Start und Ziel bekommt man die gewünschte Streckenlänge einigermaßen hin. Umgekehrt bedeutet dies allerdings, dass der Lauf über die Halbdistanz dann wohl doch etwas zu kurz ausfällt. Das allerdings ist in Südafrika aber vielleicht auch nicht ganz so wichtig. Nur der Marathon, der ja als Qualifikationsrennen für den Comrades gilt, sollte gefälligst einigermaßen die richtige Länge haben.

Sonntag 15.04.2012, 7:37 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Masilo Lebogang hat die etwa einundzwanzig Kilometer in beachtlichen 1:06:43 hinter sich gebracht. Denn selbst wenn der Strecke tatsächlich einige Meter fehlen sollten, wirklich viele sind es dann doch nicht. Und sowohl die Höhenlage wie auch einige Hügel machen den Lauf keineswegs zu einer absoluten Rekordpiste.

Auch die 1:07:40, mit denen Lucky Miya Rang zwei belegt, können sich also durchaus sehen lassen. Mit Tumelo Mahlangu in 1:08:08 und den mit einem wahrlich interessanten Vornamen ausgestatteten Africa Mailola in 1:08:40 kommen innerhalb von genau einer Minute sogar noch zwei weitere Läufer ins Ziel.

Und insgesamt dreiunddreißig von 1607 Einträgen in der Ergebnisliste sind mit einer Zeit unter achtzig Minuten versehen. Auf der anderen Seite bleiben aber auch mehr als zwei Drittel des Feldes über der Marke von zwei Stunden. Die südafrikanische Laufszene schöpft durchaus die gesamte denkbare Bandbreite von Leistungen aus.

Sonntag 15.04.2012, 11:35 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Paul M'Crystal wirkt ziemlich zufrieden, als die Rede auf die Beteiligung kommt. Der zum Jubiläum erstmals angesetzte Fünfziger habe gut eingeschlagen und vermutlich schon etliche zusätzliche Teilnehmer gebracht. Der Termin ihrer Veranstaltung habe sich diesmal aber auch nicht mit dem Loskop Ultra in der Nachbarprovinz Mpumalanga überschnitten, dem man sonst gelegentlich in die Quere käme.

Noch einmal kann man den Blick über die weite Anlage schweifen lassen … … dann verlässt man am Torhaus das Golfgelände endgültig

Das sei nicht nur einer der größten - alleine auf der fünfzig Kilometer langen Hauptdistanz gehen mehr als dreitausend Läufer an den Start - sondern zudem einer der schönsten Läufe im Land. Nahezu ausschließlich ginge es durch weites, offenes Farmland und hauptsächlich bergab dem Loskop Dam - mit "Dam" werden in Südafrika nicht nur Staudämme sondern auch die durch sie entstandenen Seen bezeichnet - entgegen.

Den solle man unbedingt einmal mitmachen, rät M'Crystal und verlängert mit diesem Tipp die Wunschliste wieder um einen Eintrag. Ob es allerdings hierzulande viele Veranstalter gäbe, die Läufer auf einen direkten Konkurrenten aufmerksam machen würden, kann man allerdings wohl doch eher in Frage stellen.

Sein absoluter Lieblingslauf sei jedoch nur - in Südafrika eigentlich fast "lächerliche" - einundzwanzig Kilometer lang. Doch wären diese eben im Krüger Nationalpark abgesteckt. Mitten zwischen unzähligen Wildtieren würde man hindurchlaufen, berichtet Paul begeistert von dieser Veranstaltung, die jedoch eine lange Warteliste hat.

Anschließend amüsiert sich M'Crystal über die Blicke der Touristen, die - wie wegen der angeblichen Gefahr empfohlen - in ihren Autos mit geschlossenen Fenstern unterwegs seien und plötzlich feststellen müssten, dass ihnen da etliche "Verrückte" zu Fuß und in knallbunten Trikots durch den Park entgegen kämen.

Und dann hat er noch die Anekdote parat, dass bei einem der Rennen plötzlich ein Löwenrudel mitten auf der Laufstrecke gelegen habe, als das Leitfahrzeug um die Ecke gebogen sei. Der Führende habe augenblicklich einen Satz auf die Pritsche des Geländewagens gemacht und der Wettkampf sei genau an dieser Stelle abgebrochen und gewertet worden. Die Läuferwelt hält eben immer wieder einmal Überraschungen parat.

Es macht Spaß Paul zuzuhören. Und er selbst würde auch gerne noch etwas weiter plaudern, um ein wenig mehr über die europäische Laufszene zu erfahren. Doch die Siegerehrung steht an. Und jetzt wird der Chairman wirklich gebraucht.

"Werden wir jetzt berühmt?" fragt Trevor Heymann (mit türkisfarbener Kappe) den Fotografen, dabei ist es sein Begleiter Barry Swartzberg (linkes Foto ganz links) längst, er ist nämlich Vorstandsmitglied und Mitbegründer der Krankenversicherung Discovery Health und deshalb Multimillionär

Sonntag 15.04.2012, 7:50 Uhr - Ebotse Golf Estate, Benoni
Die wellige Runde um den Golfplatz hat zum kleinen Damm hinunter geführt, durch den der See in der Mitte des Geländes erst erzeugt wird. Drei Kilometer zuvor hatte man die Wasserfläche an ihrem anderen Ende auf einer Brücke überquert. Nun verlässt man auch für einen kurzen Moment den mit Mauern, Schranken und Wächtern gesicherten Bereich durch eines der Portale, nur um ihn bald darauf an einem dritten Tor auch schon wieder zu betreten.

Der kaum als solcher zu identifizierende Stauwall leitet langsam das Ende der gut fünf Kilometer langen Schleife ein. Die Naturgesetze wollen es so, dass Seen in der Regel an der tiefsten Stelle der Topographie zu finden sind. Und beim Hineinlaufen in den Golfplatz konnte man das Wasser ja auch schon von weit oben begutachten. So kommt es nicht unbedingt überraschend, dass es diesmal einige Höhenmeter mehr zu bewältigen gilt, um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen.

Diese Steigung hatte Catherine Taxer als die mit Abstand schwerste bezeichnet. Und tatsächlich handelt es sich im Gegensatz zu den übrigen zwar gelegentlich etwas längeren, aber doch eher sanften Anstiegen um eine echte Wand, bei der es auf wenigen hundert Metern Strecke zwanzig bis dreißig Höhenmeter zu bewältigen gilt. Diesen an eine Sanddüne erinnernden Hügel kann man nicht mehr einfach im normalen Schritt durchdrücken. Der Wechsel in die Bergübersetzung wird eindeutig nötig.

Sonntag 15.04.2012, 7:51 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Wie der Halbmarathon-Sieger bei den Herren trägt auch Michelle Williams, die als erste Frau auf das Ziel zuläuft, das grüne Trikot der Nedbank. Die Zweiunddreißigjährige lässt in 1:21:29 die Konkurrenz weit hinter sich. Doch die für den Verein Jeppe startende Tony Snoxell und Jodi Moss vom Discovery Team unterbieten mit 1:28:03 und 1:28:34 ebenfalls noch klar die eineinhalb Stunden.

Sonntag 15.04.2012, 8:10 Uhr - Sarel Cilliers Street, Benoni
Wer ab und zu im englischen Sprachraum bei einer Laufveranstaltung dabei war, hat den Spruch sicher schon öfter gehört. Ein "looking good" schallt nämlich durch die Straße, auf der man nun außen am Gelände des Golfplatzes vorbei läuft. Doch kommt dieses "du siehst gut aus" keineswegs zur Anfeuerung vom Straßenrand. Es ertönt vielmehr aus dem Läuferfeld und gilt einem Ordner, der die Marathonis nach sechszehn absolvierten Kilometern in eine Seitenstraße winkt.

An der Kreuzung vor dem Sportgelände haben die Helfer alle Hände voll zu tun, um die ankommenden Läufer über die vielbefahrene Straße zu lotsen, doch locker nehmen es fast alle

Natürlich ist jedem klar, was es mit diesem Späßchen auf sich hat und dass es noch weniger ernst gemeint ist, als wenn der Zuruf in der anderen Richtung erfolgt wäre. Doch ist dieses Herumflachsen eben durchaus typisch für die lockere Atmosphäre die zwischen Teilnehmern und Helfern - nicht nur in Benoni sondern praktisch überall in Südafrika - herrscht. Und selbst auf die Gefahr zu langweilen, muss einfach erwähnt werden, dass auch beim Slow Mag das "thank you marshall" beinahe selbstverständlich ist.

Sonntag 15.04.2012, 8:20 Uhr - Korsman Street, Benoni
Das sei wohl doch ein etwas anderes Wetter als eine Woche zuvor in Kapstadt beim völlig verregneten Two Oceans, kann Julian Karp unwidersprochen feststellen, während es im leichten Zickzack an einem weiteren Park entlang geht. Doch schon im nächsten Satz gibt er zu bedenken, dass es vielleicht ein bisschen zu warm werden könne. Er persönlich wäre sowieso lieber schon um sechs Uhr gestartet, dann hätte man der Mittagssonne noch ein wenig aus dem Weg gehen können.

Karp läuft schließlich nicht den Marathon sondern den Fünfziger und wird ziemlich genau dann ins Ziel kommen, wenn das Zentralgestirn am höchsten steht. Mit 5:28:22 wird der Vielstarter später in der Ergebnisliste stehen. Angesichts der angekündigten Temperaturen, die auf über zwanzig Grad steigen sollen, hätte seine Taktik dann auch von Anfang an "nice and easy" gelautet, gibt Karp zu Protokoll und schlurft im flachen Schritt eines erfahrenen Ultraläufers weiter.

Sonntag 15.04.2012, 8:57 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Noch nicht einmal zweieinhalb Stunden sind vergangen, als mit Aaron Gabonewe der erste Marathonläufer dem Ziel entgegen stürmt. Ganze 2:27:11 benötigt er und bekommt dafür "stolze" fünfhundert Rand - umgerechnet also etwa fünfzig Euro - Siegprämie. War beim Halbmarathon zweimal das "grüne" Nedbank-Team vorne, geht der Erfolg auf der doppelt so langen Distanz nun an die "rote" Konkurrenz von Mr Price.

Immerhin springt für die vom Finanzkonzern gesponserte Mannschaft durch Paul Nyamachere in 2:36:15 ein zweiter Platz heraus. Über Gesamtrang drei, der immerhin noch mit zweihundertfünfzig Rand bedacht wird, kann sich nach 2:39:12 Siphamandla Cebekhulu von den Gauteng Striders freuen. Auch Best Ngwenya (2:43:14), Liam Meekin (2:45:39) und Charles Segalo (2:47:24) absolvieren im Schnitt noch jeden Kilometer der Distanz schneller als vier Minuten. Und dreißig von 1022 im Ziel registrierten Läufern kommen unter drei Stunden an.

Zwei Wochen nach dem Long Tom Marathon läuft Marco Mckenzie in Benoni den nächsten Fünfziger Ganz egal über welche Distanz und ob gehend oder laufend, irgendwie kommt man in Benoni ans Ziel

Sonntag 15.04.2012, 9:00 Uhr - Leeubekkie Street, Benoni
Wirklich entscheiden lässt es sich nicht, ob der Läufer es ernst oder stark ironisch meint, als er einer der Helferinnen an der Verpflegungsstelle nach vierundzwanzig Kilometern ein "nice boots" zuruft. Ihre rosa-geblümten Gummistiefel fallen auf jeden Fall ziemlich ins Auge. "Do you expect rain", geht ein anderer Marathoni ebenfalls darauf ein.

Doch sind die Stiefel natürlich nur ein modisches Accessoire, das man auch bei so schönem Wetter wie an diesem Tag immer wieder einmal an den Füßen jüngerer Südafrikanerinnen entdecken kann. Nötig sind sie - selbst wenn man an einem Versorgungsposten schon einmal mit etwas Spritzwasser konfrontiert werden kann - bei etwa zwanzig Grad und strahlender Sonne auf keinen Fall. Wer schön sein will, muss eben leiden.

Sonntag 15.04.2012, 9:20 Uhr - Craggs Street, Benoni
Einige Worte eines Läufers mit einem der durchaus gelegentlich auf Klappstühlen an der Strecke sitzenden Zuschauer haben gereicht. Dann verschwinden die beiden auf dem Grundstück dahinter und eilen auf das dort stehende Haus zu. Die Vermutung liegt irgendwie nahe, dass es dabei um die Erledigung eines wirklich dringenden menschlichen Bedürfnisses geht.

Ob die beiden sich kennen, lässt sich anhand der gemachten Beobachtungen nicht unbedingt belegen. Doch selbst wenn dem nicht so wäre, würde angesichts der großen Hilfsbereitschaft, die man bei den meisten Südafrikanern immer wieder feststellen kann, eine solche Bitte wohl in der Regel kaum auf Ablehnung stoßen.

Einige Kilometer später ist der kurz verschwundene Marathoni wieder da und setzt das Rennen fort, als ob nichts gewesen wäre.

Sonntag 15.04.2012, 9:25 Uhr - Hartshorne Street, Benoni
Ein kurzer, lauter Knall lässt alle Umgebenden aufschrecken. Passiert ist eigentlich nichts. Nur ein herunter gefallenes Sachet, in denen an den Verpflegungsstelle Wasser ausgegeben wird, ist geplatzt, als ein Läufer darauf getreten hat. Aber so ganz damit belassen möchte es ein anderer dann doch nicht. "This is Johannesburg", spottet er und spielt damit auf den Ruf der Provinz Gauteng als Zentrum des Verbrechens an.

Nun, in Johannesburg ist man zwar nicht, sondern in der Ekurhuleni Metropolitan Municipality. Und ganz so hoch wie in der Vergangenheit, als es zum Beispiel Jahre gab, in denen alleine im Stadtgebiet der Metropole mehr Menschen ermordet wurden als in ganz Deutschland zusammen, ist die Kriminalitätsrate inzwischen auch nicht mehr.

Statistiken zeigen zudem, dass viele der Gewaltverbrechen keineswegs nur in den - unbestreitbar riesigen und überall deutlich sichtbaren - sozialen Gegensätzen begründet sind, sondern es sich extrem häufig auch um Beziehungs- und Affekttaten handelt. Einige der großen Firmen, die deshalb mit ihren Büros aus dem als besonders riskant geltenden Zentrum geflüchtet waren, sind sogar wieder zurück gekehrt.

Yurie Pullenbach (rechts) läuft den letzten Kilometer weitgehend im Zickzack, er habe Krämpfe und so ginge es besser… ... andere sind da wesentlich lockerer und haben auch viel Spaß an der Sache

Dennoch gilt Johannesburg noch immer als die diesbezüglich mit Abstand "führende" Stadt des Landes und eine der gefährlichsten Metropolen weltweit. Und viele kleine Details, in den durchlaufenen Wohngebieten zeigen, dass - zumindest im subjektiven Empfinden der Bevölkerung - Einbrüche und Überfälle auch in Benoni durchaus noch eine ständige Bedrohung darstellen.

Denn nicht nur Villen und Paläste der besonders Wohlhabenden verstecken sich hinter hohen Steinwällen. Ganz normale Einfamilienhäuser sind ebenfalls zum Teil mit drastischen Maßnahmen wie oben angespitzten Zäunen oder einer Stachel- bzw. Elektrodrahtverstärkung auf der Mauer gegen ungebetene Eindringlinge abgesichert.

Und nicht nur das Ebotse Golf Estate ist durch eine bewachte Schranke für die Allgemeinheit nicht zugänglich. Auch in andere Straßenzüge kommt man nur hinein, wenn man einen Kontrollposten passiert. Überwachungskameras zeichnen die Kennzeichen vorbei kommender Autos auf. Und wer zu Fuß geht, erregt in manchen Vierteln automatisch Verdacht.

Zwar steht Südafrika mit solchen Methoden definitiv nicht alleine. In Nordamerika lässt sich ähnliches zum Beispiel durchaus ebenfalls entdecken. Und nicht nur in Gauteng sondern auch in anderen Teilen des Landes legt man auf solche Dinge einen gewissen Wert. Doch vielleicht nirgendwo sonst erinnern ganz normale Häuser so sehr und häufig an Festungen, an selbstgewählte goldene Gefängnisse. Für den an völlig freie Bewegung gewöhnten Europäer hat das manchmal etwas ziemlich bedrückendes.

Sonntag 15.04.2012, 9:31 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Kaum langsamer als beim Gewinner des Marathons ist das Tempo, in dem Lukas Nonyana die fünfzig Kilometer herunter gespult hat. Nur 3:01:56 benötigt der für das Team der Bank Absa laufende Sieger für den Jubiläums-Ultra und verdient sich damit die auch auf dieser Distanz ausgelobte Prämie von fünfhundert Rand.

Doch hat er dabei gerade einmal ein knappe halbe Minute Vorsprung vor Reginald Ngobese, der in 3:02:20 für die Gauteng Striders nicht nur Gesamtrang zwei erreicht sondern mit seinen fünfundvierzig Jahren auch die Altersklasse der "veterans" gewinnt. Dritter wird in immer noch ziemlich flotten 3:13:46 - also unter einem Vier-Minuten-Schnitt - Linda Sibila von der Toyota-Mannschaft.

Sonntag 15.04.2012, 9:33 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Fast zeitgleich mit den ersten Herren auf der ganz langen Distanz kommen die schnellsten Frauen über den Marathon wieder zurück zum Sportgelände. Es ist Julanie Basson, die in 3:03:23 zwei Minuten vor ihrer Toyota-Mannschaftskameradin Salome Cooper (3:05:48) im Ziel als Erste registriert werden kann.

Dritte wird nach 3:21:07 Kashmira Parbhoo aus Lenasia, einem zu Groß-Johannesburg gehörenden Wohngebiet mit weitgehend indisch stämmigen Bewohnern. Das auf der Strecke durchaus häufiger zu sehende Trikot wird jedenfalls ausschließlich von Angehörigen dieser südafrikanischen Bevölkerungsgruppe getragen. Selbst wenn die Rassenschranken des Apartheidstaates offiziell gefallen sind, brechen die durch sie entstandenen getrennten Wohnstrukturen nur sehr langsam auf.

Sonntag 15.04.2012, 9:50 Uhr - Ebotse Golf Estate, Benoni
Das zweite Überqueren der Wasserlache auf dem Golfplatz verläuft völlig ohne Probleme. Aufgrund des durch die fehlenden Halbmarathonläufer deutlich ausgedünnten und zudem weit auseinander gezogenen Feldes kann man sie lange im Vorfeld anvisieren und mit einem kurzen Sprung überwinden.

Dafür werden die kleinen Wellen, die man in der ersten Runde noch mit Schwung und Elan bewältigt hatte, nun jenseits der Dreißig-Kilometer-Marke fast schon zu echten Bergen. Den Laufrhythmus brechen sie nun aber auf jeden Fall. "See you again" ruft eine Helferin einer Läufergruppe als etwas missverständlichen Gruß zu. Und meint damit sicher nur "irgendwann in den nächsten Wochen bei einer anderen Veranstaltung".

Doch das "hopefully not", das einer der Vorbeikommenden entgegnet, zeigt, dass so mancher inzwischen einfach nur noch so schnell wie möglich ins Ziel möchte und nicht mehr die geringste Lust auf eine weitere - ohnehin gar nicht mehr anstehende - Schleife verspürt. Immerhin kommt die Antwort mit einem fröhlichen Lachen, um nicht gleich das nächste Missverständnis aufgrund des nicht ausgesprochenen "here and today" zu produzieren.

Einige hundert Meter zum Abschluss der Runde werden auf dem grasigen Boden des Sportgeländes absolviert

Sonntag 15.04.2012, 9:55 Uhr - Ebotse Golf Estate, Benoni
Das Trikot von Neels Vermeulen müsste eigentlich gelb sein, wie es bei seinem Club "Coaldust Road Runners" üblich ist. Doch auf der Rückseite seines Oberteils ist wenig davon zu sehen. Diese erinnert vielmehr an einen Flickenteppich und scheint aus nichts anderem als bunten Stoffstücken zu bestehen.

Mehr als ein Dutzend "permanent numbers" hat der Läufer aus der Nachbarprovinz Mpumalanga dort nämlich aufgenäht. Denn nach zehnmaliger Teilnahme an einem Rennen erhält man in Südafrika in der Regel eine "ewige Startnummer" und als Beleg dafür einen Aufnäher mit dieser Zahlenkombination und dem Namen der Veranstaltung, den man dann meist auf der Rückseite des Laufhemdes anbringt.

Vermeulen, der wie die am Kap ebenfalls übliche Altersklassen-Markierung zeigt schon der Grandmaster-Kategorie der über Sechzigjährigen angehört, scheint bei vielen Wettkämpfen ein besonders treuer Gast zu sein. Während die "permanants" von Comrades und Two Ocenas in solchen Fällen beinah zu erwarten sind, fallen zwei andere Aufnäher mit der "1" besonders auf. Niemand vor Neels Vermeulen hat diese beiden Rennen also zehnmal beendet.

Sonntag 15.04.2012, 10:04 Uhr - Ebotse Golf Estate, Benoni
Während der ersten Runde hatte die junge Läuferin fast an der gleichen Stelle noch nachgefragt, was es denn mit dem ständigen stehen bleiben zum Fotografieren auf sich hätte und darüber geschmunzelt, als sie daraufhin erklärt bekam, dass es sich hauptsächlich um "tactical stops" handeln würde, die immer dann fällig seien, wenn es wieder einmal bergauf ginge oder die Kraft nicht mehr reiche. Zücke man dann die Kamera, sähe es nicht ganz so peinlich aus.

Nun steht sie an der Strecke und hält den vorbei kommenden Marathonis an der vierten der insgesamt sieben Verpflegungsstellen mehrere Sachets mit Wasser entgegen. Sie hat sich nur auf den Halbmarathon beschränkt. Und nach ihrem Zieleinlauf scheint sie sofort wieder durchgestartet zu sein, um eine Aufgabe als Helferin zu übernehmen. Da ist natürlich gleich ein weiterer taktischer Halt fällig, um diesen Eifer auf dem Silikonchip fest zu halten.

Sonntag 15.04.2012, 10:05 Uhr - Ebotse Golf Estate, Benoni
Wieder einmal gibt es einen der manchmal so amüsanten Dialoge zwischen Streckenposten und Läuferfeld. Denn eine der Helferinnen auf dem Golfplatz fragt mit unschuldigem Augenaufschlag "warum seht ihr denn alle so gequält aus?". Dass man nach inzwischen mehr als dreiunddreißig absolvierten Kilometern vielleicht nicht mehr so ganz frisch ist, möchte man ihr zurufen.

Doch natürlich ist ihr das selbst klar. Schließlich schnürt sie ansonsten ebenfalls die Laufschuhe. "Wart nur ab, nächste Woche bist du auch wieder auf die Strecke und dann geht es dir genauso", erhält sie deshalb prompt zur Antwort. Man kennt sich eben in der Laufszene von Gauteng. Und entsprechend locker ist der Umgangston. Diesmal hat man sich in Benoni getroffen, demnächst wird es irgendwo anders sein.

Sonntag 15.04.2012, 10:15 Uhr - Ebotse Golf Estate, Benoni
Beim zweiten Mal erscheint der Aufstieg vom Seeniveau zur Ausfahrt aus dem Golfgelände noch einmal deutlich länger und steiler als bei seiner ersten Passage. Aufgrund der nun fehlenden Halbmarathonläufer und des deutlich weiter auseinander gerissenen Feldes kann man ihn ja auch deutlich besser in Augenschein nehmen. Und natürlich verfällt so mancher deshalb bereits an der Kilometermarke fünfunddreißig, die sich fast genau am Fuß der Steigung befindet, in den Gehschritt.

Als allerdings weiter oben einige Golfspieler mit ihren Wägelchen die Strecke kreuzen, lässt der Stolz es dann irgendwie doch nicht zu, weiter zu marschieren. Schließlich ist man Läufer und kein Wanderer. Und das sollen diese "Sportler", die nach ihrer Runde vielleicht nicht einmal duschen müssen, weil sie kaum geschwitzt haben, ruhig sehen. Auch ohne Absprache traben gleich mehrere Marathonis fast zeitgleich wieder an.

Sonntag 15.04.2012, 10:25 Uhr - Ausfahrt Ebotse Golf Estate, Benoni
Der Läufer mit leuchtendem Gelb und Rot im Trikot, der gerade die letzten Steigungsmeter zum Eingangsportal des Golfplatzes hinter sich gebracht hat, setzt ein irgendwie ziemlich bekanntes breites Grinsen auf. "Hey man, what are you doing here?" Marco Mckenzie hat dieses erneute Zusammentreffen anscheinend nicht unbedingt erwartet.

Über den noch anstehenden Two Oceans hatte man zwei Wochen zuvor beim gemeinsamen Marschieren durch Lydenburg am Ende des Long Tom Marathons schließlich geredet, nicht aber über den ebenfalls geplanten Slow Mag. Der Zufall will es trotzdem, dass man nun wieder ein bisschen Zeit für einen kleinen Plausch findet. Gemeinsam nimmt man nämlich nun den zweiten Teil der auch jenseits des Golfplatzeinganges schnurgeraden Simon Stree in Angriff.

Nach vielen Asphaltkilometern ist der weiche Untergrund ziemlich ungewohnt und fordert den bereits müden Muskeln noch einmal einen ganz anderen Laufstil ab

Natürlich interessiert sich Mckenzie, dem man den schottischen Großvater, von dem er den Namen hat, nicht unbedingt ansieht, dafür, wie es denn in Kapstadt gewesen sei. Diesmal sei es wohl eher der "Three Oceans" gewesen, spielt er schmunzelnd auf den Dauerregen an. Denn auch er hat das Rennen am Fernseher verfolgt.

Sonntag 15.04.2012, 10:26 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Mit Carmen Voget steht nun auch die letzte Gesamtsiegerin des Tages fest. Denn nach 3:56:38 hat sie die fünfzig Kilometer hinter sich gebracht. Wirklich klar fällt der Erfolg dabei allerdings nicht aus. Denn nur eine gute Minute später folgt als Zweite bereits die 3:57:51 laufende Lesley Train. Unter den insgesamt im Zeitlimit registrierten 584 Zieleinläufen beiderlei Geschlechts wird Martine Baker in 4:11:51 später Platz drei belegen.

Sonntag 15.04.2012, 10:35 Uhr - Sarel Cilliers Street, Benoni
Auch Marco Mckenzies Startnummer ist nicht mit roter sondern mit grüner Farbe beschriftet. Denn wie viele hundert andere ist er für den Fünfziger gemeldet. Genau wie der Long Tom Marathon zwei Wochen zuvor gehört der Slow Mag Ultra zu seinem Vorbereitungsprogramm auf den Anfang Juni stattfinden Comrades.

Noch zwei bis drei weitere Läufe auf der Marathondistanz oder darüber hinaus habe er bis dahin geplant, erzählt Mckenzie in einem Ton, als wäre das eine absolute Selbstverständlichkeit. Einem südafrikanischen Läufer verständlich zu machen, dass in Europa so mancher schon die Bewältigung eines Halbmarathons für eine herausragende Leistung hält, ist wahrscheinlich nahezu unmöglich.

Weit fahren muss Marco für diese Rennen übrigens nicht unbedingt. Alleine in der kleinen Provinz Gauteng stehen in den folgenden Wochen schließlich mehrere weitere Veranstaltungen dieser Art auf den Terminkalendern.

Sonntag 15.04.2012, 10:40 Uhr - Malherbe Road, Benoni
Es ist wie ein Déjà-vu, denn wie zwei Wochen zuvor in Lydenburg weicht Marco Mckenzie dem deutschen Besucher nicht von der Seite, obwohl er unverkennbar die größeren Reserven hat. Er müsse schließlich noch die acht Kilometer lange Zusatzschleife absolvieren und könne nicht schon in fünf Kilometern aufhören, da gelte es mit den Kräften ein bisschen zu haushalten, gibt er diesmal als Begründung für den "Begleitschutz" an.

Türkis ist die Farbe des Irene Road Running Clubs, ein Laufverein mit mehr als zweitausend Mitgliedern Für jede Distanz gibt es Zielkanäle

Und anschließend stellt er seinen ihm so überraschend erneut über den Weg gelaufenen Kumpel aus Deutschland außerdem gleich einmal den anderen Marathonis rundherum vor. "He is from Germany, say hello". Der Aufforderung wird von fast allen gerne Folge geleistet. Während eines Laufes Kontakte zu knüpfen, ist wohl wirklich beinahe nirgends so leicht wie am Kap.

Sonntag 15.04.2012, 10:45 Uhr - Malherbe Road, Benoni
Marco Mckenzie hat sich endlich überzeugen lassen und läuft alleine weiter. Während sein sich auf den Marathon beschränkender Bekannter aus Europa ja nur noch etwa drei Kilometer vor sich hat, steht für ihn schließlich der erste und letzte Teil der Runde noch ein weiteres Mal an. Am Ende wird er in 5:28:10 das Rennen relativ locker hinter sich bringen. Der Comrades kann da wohl kommen.

Sonntag 15.04.2012, 10:50 Uhr - Malherbe Road, Benoni
Nicht zum ersten Mal genügt es, einfach ein Foto zu machen, um einen neuen Gesprächspartner zu bekommen. "Werden wie jetzt berühmt", fragt Trevor Heymann nämlich, als er bei einem weiteren taktischen Stopp aufgenommen wird. Es könne schon sein, dass er in ein paar Wochen in Deutschland ein großer Star sei, bekommt er daraufhin bescheinigt. Unbedingt ernst gemeint ist das natürlich nicht.

Dennoch ist Trevor selbstverständlich interessiert, als er erfährt, dass ein Bericht über den Slow Mag Marathon auf einer deutschen Internetseite veröffentlich werden soll. Die Anmerkung, dieser sei aber nicht in Englisch, versucht er damit zu entkräften, dass es doch unter anderem bei Google ein Übersetzungsprogramm gäbe. Allerdings gibt er dann selbst zu, bei dessen Anwendung käme manchmal ziemlicher Nonsens heraus.

Er sei auch schon in Deutschland gewesen, berichtet Heymann anschließend. Aber nicht im "Frankfurt area", das immer als einfache und auch Südafrikanern meist verständliche Antwort für die längst bekannte Frage nach dem "von wo genau" herhalten muss. In München hätte er einmal geschäftlich zu tun gehabt.

Ziemlich schnell landet die Unterhaltung beim Fußball. Da sei Deutschland vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft doch ziemlich weit gekommen, erinnert sich Trevor. Und nach ein bisschen Kramen im Gedächtnis, holt der Läufer des Clubs "Discovery" auch den "header" im "semifinal" gegen "Spain" hervor, der das Ende der deutschen Ambitionen bedeutet hatte.

Ob der Gast aus Übersee denn früher auch Fußballer gewesen sei, lautet die nächste Frage. Nein, nein, aber von dem Ballsport, den man in jungen Jahren betrieben habe, habe in Südafrika höchstwahrscheinlich ohnehin noch niemand gehört. Er würde "Handball" heißen und eigentlich nur in Europa gespielt.

Heymanns Entgegnung kommt ziemlich unerwartet. Doch, doch, das sei ein "fast game" und "in the olympics", bei dem man hochspringen und aufs Tor werfen müsse. Hoppla, da kennt tatsächlich jemand mehr als Soccer und Rugby. Jedes neue Gespräch ist eben am Kap für eine weitere Überraschung gut.

Zusammen mit einem recht zurückhaltenden Mannschaftskameraden ist auch Heymann auf der Fünfzig-Kilometer-Strecke unterwegs, die alle zwei später in 5:42:11 bewältigen werden. Denn auch sie haben den Comrades als Ziel. Die spätere Suche nach den vollständigen Namen der beiden fördert ziemlich Erstaunliches zu Tage. Denn zumindest der eher schweigsame Begleiter muss keineswegs mehr durch ein Foto bekannt werden. Er ist es längst.

Helfer sortieren die Ankommenden je nach Distanz in die richtigen Zielkanäle

Es handelt sich nämlich bei ihm um Barry Swartzberg, der nicht nur Vorstandsmitglied sondern sogar Mitbegründer der Krankenversicherung Discovery Health, dem Sponsor und Namensgeber des Vereins ist. Ein Multimillionär, der regelmäßig in der Rangliste der hundert reichsten Südafrikaner auftaucht, im Läuferfeld aber einfach nur einer unter vielen ist.

Sonntag 15.04.2012, 11:00 Uhr - Malcolm Street, Benoni
Der Streckenposten, der bei Kilometer einundvierzig eine Straßenkreuzung überwacht, versucht jeden vorbeikommenden Läufer einzeln anzufeuern. Von etlichen kennt er die Namen. Ansonsten behilft er sich mit dem - am in Südafrika verbindlich vorgeschriebenen Vereinstrikot leicht zu erkennenden - Club. "Come on, Boksburg" heißt es dann. Oder "you've got it, Diepkloof". Oder auch "almost there, Germiston".

Er stutzt ziemlich, als ihm ein Oberteil mit dem Aufdruck "LaufReport" entgegen kommt. Dennoch gelingt es ihm, auch diese in dieser Region so fremde Bezeichnung einigermaßen sauber auszusprechen. Sein noch immer etwas fragender Blick wird mit einem simplen "from Germany" beantwortet. Ein "wunderbar" seinerseits - wohlgemerkt auf Deutsch - beendet die kurze Konversation beim Passieren. Er wendet sich dem nächsten Ankommenden zu. "Looking good, Fourways."

Sonntag 15.04.2012, 11:05 Uhr - O'Reilly Merry Street, Benoni
Leicht ist der Job wahrlich nicht, den jene Ordner des Vereins haben, die das Queren der vielbefahrenen Straße direkt vor dem Sportgelände absichern sollen. Zwischen den ankommenden Läufern müssen sie immer wieder Lücken erspähen, durch die man einige der gestoppten Autos hindurch lassen kann.

Und sollte der Rückstau gar zu groß werden, bremsen sie auch einmal einen Marathoni aus und lassen ihn kurz warten, um die Durchfahrt für einen Moment zu öffnen. Fast fünf Stunden lang ist dieser Punkt zudem zwischen dem Passieren des ersten Halbmarathonläufers und der Ankunft der letzten Ultraläufer zu überwachen. Da kann man auch ohne selbst zu laufen einmal ins Schwitzen kommen.

Keine einzige der während des Rennens belaufenen Straßen ist wirklich gesperrt. Selbst auf den Wegen des Golfplatzes muss man ständig mit einem der dort eingesetzten, elektrisch betriebenen Wägelchen rechnen. Und Polizei sieht man nur an ganz wenigen Stellen wie dieser, an denen Hauptstraßen gekreuzt werden müssen. Schon aus versicherungstechnischen Gründen wäre eine solche Veranstaltung hierzulande wohl kaum genehmigungsfähig.

Die Hauptlast der Verkehrsregelung tragen jedenfalls die an wirklich jeder Ecke postierten Helfer, die sich einzig und allein auf ihre guten Argumente sowie die anschließende Kooperation der Fahrzeuglenker verlassen müssen. Dass alles auf der Strecke so reibungslos funktioniert, ist insbesondere auch ihrem Einsatz zu verdanken. Deswegen noch einmal: "Thank you, marshall".

Sonntag 15.04.2012, 11:30 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Fünf Stunden sind seit dem Start vergangen und damit ist eine erste entscheidende Marke erreicht. Sonst wird in Benoni zu diesem Zeitpunkt nach dem harten südafrikanischen Cut-Off-Verfahren das Marathonziel sekundengenau geschlossen. Diesmal gibt man sich zum Jubiläum ein wenig gnädiger und lässt alle noch auf der Strecke befindlichen Marathonis ihr Rennen beenden.

Die "Club Gazebos" der Benoni Northerns, unter denen man sich sonst nach den Rennen zum Grillen trifft, dienen diesmal als Zielaufbauten Nicht nur auf den Trikots der Läufer entdeckt man Aufnäher, einige Trainingsanzüge sind ebenfalls reich verziert Wer keinen eigenen Vereinspavillon mitgebracht hat, kann es sich auch unter den originellen Sonnenschirmen des Sportgeländes bequem machen

Doch wer von den Ultras die acht Kilometer lange Zusatzrunde noch nicht begonnen hat, wird von diesem Zeitpunkt an direkt ins Ziel geleitet und nur für den Marathon gewertet. Der Wechsel ist - wie man es von ähnlich konzipierten Veranstaltungen hierzulande ebenfalls kennt - durch den gemeinsamen Start der drei Hauptläufe problemlos möglich. Und mancher schwenkt dann auch freiwillig bereits auf eine kürzere Distanz um.

Sonntag 15.04.2012, 11:55 - Curtis Street, Benoni
Im ständigen Zickzack und zur Seite geneigt läuft Yurie Pullenbach über die Straße, auf der es dem Sportgelände entgegen geht. Er habe Krämpfe gibt der Läufer vom Soul City Sports Club als Begründung für diese seltsame Art der Fortbewegung an. Und so würden die Muskeln schließlich immer wieder anders belastet, das ginge deutlich besser. Doch vielleicht hilft ihm ja auch nur der Glaube an die Wirkung.

Eigentlich hätte er schon längst im Ziel sein müssen. Denn er ist keineswegs beim Ultra unterwegs sondern trägt eine rote Marathonnummer. Nur die Tatsache, dass die Strecke zum Jubiläum eine Stunde länger offen ist ermöglich ihm, der wirklich alles andere als eine Läuferfigur besitzt, seinen Lauf in 5:35:58 auch offiziell zu Ende zu bringen.

Dennoch ist er schon mehrfach beim Comrades gestartet, für den er sich wohl jedes Mal nur knapp qualifizieren konnte. Angekommen ist er noch nie. Die "runner history" des weltgrößten Ultralaufes führt hinter seinem Namen bereits zwei "DNF". Doch auch für 2012 ist er wieder gemeldet und sogar bereits irgendwie qualifiziert, wenn auch nur für die allerletzte Startgruppe.

Die Chance, dass er sich diesmal eine Medaille sichern kann, erscheinen angesichts seiner Zeit auf der nicht unbedingt schweren Strecke in Benoni ziemlich gering. Es dürfte vermutlich viel eher ein drittes "DNF" hinzu kommen. Aber für Pullenbach zählt beim Comrades wohl wirklich nur das olympische Motto vom "dabei sein".

Sonntag 15.04.2012, 12:30 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Nun hat es endgültig geknallt. Denn nach sechs Stunden ist der Zielschluss, der Cut-Off für den Ultra angesetzt. Und wie üblich ist das Rennen mit einem Schuss beendet worden. "From gun to gun" nennt man diese Methode in Südafrika. Ganz egal ob Marathon oder Ultra, wer jetzt noch kommt, ist definitiv zu spät. Die Medaillen sind bereits weg gepackt, den Startnummernabriss für die Ergebnisauswertung nimmt niemand mehr entgegen.

Da sowohl der Sponsor wie auch der ausrichtende Benoni Northerns Athletic Club Rot in ihren Logos führen, dominiert diese Farbe die letzten Meter

Doch beendet ist die Veranstaltung deshalb noch lange nicht. Unter den auf den Sportplatz direkt neben den Einlaufkanälen aufgebauten Pavillons - praktisch jeder Verein besitzt mindestens einen und bringt ihn dann jeweils zu Rennen mit, bei denen man mit einer größeren Läuferzahl antritt - ist man längst zum gemütlichen Teil übergegangen. Bis die letzten zum Aufbruch blasen, wird noch einige Zeit vergehen.

Montag 16.04.2012, 9:00 Uhr - Benoni
Beim Auschecken sitzt wieder die schon bekannte junge Frau an der Hotelrezeption. Und diesmal fragt sie freundlich und interessiert nach, wie es denn beim Marathon gewesen sei. Wieder ergibt sich daraus eine längere Unterhaltung. Nicht nur was man von den Läufen am Kap hielte, wird durchgesprochen, auch wie man Südafrika überhaupt finden würde und was man alles vom Land gesehen hätte.

Sie selbst sei noch nie in Kapstadt gewesen, gibt sie zu, als die Sprache auf die "mother city" im Südwesten kommt. Dort sei ihr das Wetter zu schlecht und vor allem zu nass. Da sei es in Johannesburg doch viel angenehmer. Nach einem völlig verregneten Two Oceans Marathon und dem bei angenehmen Temperaturen absolvierten Slow Mag ist man sogar fast geneigt, ihr recht zu geben. Doch muss man es eben nehmen, wie es kommt. Und natürlich hätte es genauso gut umgedreht aussehen können.

Sonntag 15.04.2012, 13:00 Uhr - Benoni Northerns Sports Grounds
Das kurze Winken zur Verabschiedung hat Chairman Paul M'Crystal nicht genügt. Noch einmal kommt er zu seinen beiden Gästen mit der vermutlich weitesten Anreise, um mit ihnen ein paar Worte zu wechseln. "Meldet euch mal" ist seine keineswegs nur unverbindlich gemeinte Aufforderung. "Und sagt Bescheid, wenn ihr wieder nach Südafrika kommt." In Benoni sei man auf jeden Fall willkommen. Und beim Slow Mag Marathon sowieso.

Versprochen, Paul. Wer die doch etwas andere und ziemlich faszinierende Laufwelt am Kap einmal erlebt hat, kann ja eigentlich auch gar nicht anders, als über immer weitere Besuche nachzudenken. Vielleicht trifft man sich beim nächsten Mal zwar nicht in Benoni sondern irgendwo anders. Zu viele Veranstaltungen stehen da noch in den Kalendern.

Aber ganz egal, ob Paul oder Marco oder Julian oder Catherine oder Willem oder Colin oder all die anderen interessanten Gesprächspartner, denen man im Umfeld dreier Läufe in Südafrika begegnet ist, es war toll eure Bekanntschaft gemacht zu haben. Und bei irgendeinem Rennen läuft man sich eventuell tatsächlich wieder einmal über den Weg. Schön wär's auf jeden Fall.

Teil 1: Laufen in Südafrika 2012 - Long Tom Marathon Sabie - Lydenburg HIER

Teil 2: Laufen in Südafrika 2012 - Two Oceans Marathon Kapstadt HIER

Bericht und Fotos von Ralf Klink

Infos www.bnac.co.za - Ergebnisse www.raceresults.co.za

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