Beirut Marathon (27.11.11)

"Take it to the Street"

von Oliver Lauff

Die Kommentare zum Plan am Beirut Marathon teilzunehmen sind geprägt von Unverständnis bis zu ungläubigem Staunen darüber, dass der Marathon bereits zum 9. Mal stattfindet. Bei Beirut erinnert man sich an Fernsehbilder des Bürgerkrieges zwischen verschiedensten religiösen Gruppen und zuletzt 2006 an den Beschuss Beiruts durch die Israelis. Die Präsidentin der Beirut Marathon Association May El Khalil organisierte, nachdem sie 2001 beim Training angefahren wurde und lange im Koma lag, den Lauf erstmals 2003. Im letzten Jahr wurde dem Beirut Marathon das "Bronze Label" der IAAF verliehen und er steht damit in einer Kategorie mit dem Düsseldorf- oder Florenzmarathon, der am selben Tag stattfand.

Die Spuren des Bürgerkriegs United Nations Interim Forces in Libanon und auch beim Beirut Marathon als Sportler dabei

Laufen im Libanon ist wegen der klimatischen Bedingungen im Sommer, dem mörderischen Verkehr und auch Jahren der politischen Instabilität keine Trendsportart. Medaillengewinner bei Olympia kamen eher aus dem Bereich Ringen und Gewichtheben. Aber seit dem Jahr 2003 mit damals 6000 Teilnehmern aus 46 Ländern hat sich die Zahl der Teilnehmer 2010 auf ca. 30.000 Teilnehmer aus zuletzt 78 Staaten gesteigert. Der Marathonlauf selbst ist mit knapp 500 Finishern eher überschaubar im Verhältnis zu den Rahmenläufen wie "1K Run with Mum", den 5 und 10 km Läufen, die bei der Masse der Teilnehmer eher einem Spaziergang gleichkommen. Aber wahrscheinlich ist es auch für die Libanesen selbst unfassbar, dass die Straßen ihnen als Fußgänger zu Füssen liegen.

Der normale Wahnsinn Taubenfelsen bei 7km

Alles ist optimal abgesperrt und an einer 8-spurigen Straßen, die beim Marathon zweimal gequert werden muss, steht halt ein Panzer, um die Strecke freizuhalten. Generell ist die Armee überall präsent und auch die internationalen Truppen der "United Nations Interim Forces in Lebanon" (UNIFIL) sind beim Marathon gut vertreten. Auch auf der Marathonmesse, die schon ab Mittwoch geöffnet hatte, war die UN mit einem Stand und Informationsmaterial vertreten. Neben vielen anderen karitativen Organisationen die sich mit Startern und Ständen an der Veranstaltung beteiligen. Und so werden bei dieser Veranstaltung auch in einer Vielzahl von Kategorien für Behinderte Preisgelder ausgeschüttet.

Kurz vor dem Start des Beirut Marathon: v.l. Fouad Yassine, Oliver Lauff, Ali Yassine

Der Libanon mit seiner Hauptstadt Beirut verpflichtet eigentlich zu einem mehrtägigen Kurzurlaub. Die Flucht aus dem nebligen, frostigen Deutschland dauert aus Frankfurt unter 4 Stunden. Die Temperaturen bei dem Lauf, der aufgrund sich verschiebender Feiertage meist im November stattfindet, lagen bei maximal 22°C. Es muss aber auch schon Veranstaltungen mit Regen oder auch über 30°C gegeben haben.

Der Libanon selbst ist für kulturell Interessierte (und nichtlaufende Mitreisende) auf jeden Fall höchstinteressant, da sehr viele UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten vorhanden sind und sich die meisten gut als Tagesausflüge von Beirut besuchen lassen, wie die Stadt Byblos oder die antiken Tempelanlagen von Baalbek. Einen Besuch wert sind auch die riesigen Tropfsteinhöhlen von Jeitta. Die Dichte der Hochkulturen im Verlauf von 6.000 Jahren von phönizischer Keilschrift über ägyptische Sarkophage, Griechen, Römer bis zu den Kreuzrittern und Osmanen ist an einer Stelle erlebbar. Wie auch die 19 verschiedenen christlichen und moslemischen Religionsgemeinschaften teilweise auf engstem Raum Tür an Tür angesiedelt sind.

Kurz nach dem Start des Beirut Marathon

Die Startaufstellung am Sonntagmorgen wird nach den Startnummern vorgenommen, ein Einsortieren nach gelaufenen Zeiten scheint hier unüblich, aber bei den sehr breiten Straßen hat sich das Feld bereits nach einem Kilometer sortiert. Es gibt zwar auch ein Zeiterfassung über Chip, aber die Ergebnisliste macht keine Unterschiede zwischen Brutto und Netto.

Ohnehin ist bei dem Profil mit Steigungen vom Meeresniveau auf knapp 45 Metern ü. NN nicht unbedingt mit Bestzeiten zu rechnen. Zunächst geht es entlang der Corniche, dem Meeresboulevard in Beirut, vorbei an der American University of Beirut in den moslemischen Westteil der Stadt. Durch dicht bebaute Stadtviertel mit klingenden Namen wie Ain el Mreisseh, Ras Beirut und Al Mazra geht es bis zur Pferderennbahn, die im fast 20-jährigen libanesischen Bürgerkrieg auf der "Grünen Linie" zwischen den verfeindeten Parteien lag.

UN-Truppen laufend unterwegs beim Beirut Marathon Zunächst verläuft die Laufstrecke entlang der Corniche, dem Meeresboulevard in Beirut

Die Verpflegung mit Wasser, Gatorade, Gel, Schwämmen und Bananen auf der Strecke klappt sehr gut. Kurze mit Bäumen gesäumte Abschnitte gibt es vereinzelt. Einsam kann es aber schon werden auf den teilweise langen Geraden ohne Sichtkontakt zu anderen Läufern. Auf applaudierendes Publikum kann man als Unterstützung nicht hoffen, einige Bands am Rande oder auch Pfadfindergruppen sorgen punktuell für Stimmung.

Die führende Frau und spätere Siegerin Seada Kedir aus Äthiopien verbessert den Streckenrekord auf 2:31:38 h Bei den Frauen dringt nur die Französin Syltan Pretot mit 2:33:07 als Dritte in die Phalanx der Kenianer und Äthiopier ein

Ab Kilometer 27 geht es auf einer Wendepunktstrecke nach Nordosten bis St. Antelias bei km 32,7. Die Frauenspitze, die mir noch entgegenkommt, hat sich schon sortiert. Die spätere Siegerin Seada Kedir aus Äthiopien verbessert den Streckenrekord aus dem Jahr 2004 um über 5 Minuten auf 2:31:38. Ähnliches passiert auch bei den Männern durch den Äthiopier Tariku Jufar der mit 2:11:14 um 4:58 Minuten den Streckenrekord unterbietet. Bei den Frauen dringt nur die Französin Syltan Pretot mit 2:33:07 als Dritte in die Phalanx der Kenianer und Äthiopier ein. Ab Kilometer 41 kann man die blaue Moschee, die größte Moschee in der Stadt, sehen und den Zieleinlauf auf dem Platz der Märtyrer genießen.

Go for Peace Ab Kilometer 41 kann man die blaue Moschee, die größte Moschee in der Stadt, sehen ohne Worte

Bei den Handbikern gewinnt der libanesische Bronzemedaillengewinner aus Peking Edward Maalouf in 1:25:05. Bei den Frauen hat die Deutsche Kerstin Abel in 2:04.50 die Nase vorn. Im 10km Feld der Rollstuhlfahrer fällt in der Ergebnisliste der Vereinsname "Land Mine Survivors" auf. Auch eine spezielle Art des Humors, aber der Krieg und seine Auswirkungen sind ein ständig präsentes Thema in der Stadt.

Bericht und Fotos von Oliver Lauff

Ergebnisse und Infos www.beirutmarathon.org

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