6.3.11- Bath Halbmarathon (GB)

Englands drittgrößter Halbmarathon

Die Stadt wurde vollständig zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt

von Michael Schardt in Zusammenarbeit mit Judith und Frank Hilker

Deutsche Kurorte ringen um das Prädikat "Bad" in ihrem Namen. Bath heißt ganz einfach so. Hier gibt es die einzigen heißen Quellen in Großbritannien - ein Alleinstellungsmerkmal, das schon die Kelten und die Römer vor mehr als 2000 Jahren anzog. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich Bath zum Mittelpunkt der feinen englischen Gesellschaft und entfaltete seine volle Blüte. Heute zieht das architektonische Städtejuwel über vier Millionen Besucher pro Jahr an und zählt zweifellos zu den beliebtesten Touristenzielen Englands.

Englands drittgrößter Halbmarathon

Bath ist zudem Schauplatz eines einmaligen Straßenlaufs, der kurz und bündig nur Bath-Half genannt wird, und seit nunmehr dreißig Jahren immer Anfang März ausgetragen wird. Der Bath-Half ist der drittgrößte Halbmarathon des Landes mit in der Regel 11.000 bis 13.000 Finishern, der als ideale Vorbereitung für das größte Laufereignis Europas, den Virgin Marathon im April in London angesehen wird. Die Teilnehmerobergrenze liegt in Bath bei 15.000 und ist in der Regel schon fünf Monate vor dem Rennen ausgebucht. So war es auch 2011, beim dreißigsten Jubiläum. Aber nicht nur Masse ist regelmäßig in Bath zu registrieren, sondern alljährlich echte Klasse, genauer Weltklasse. Der Streckenrekord liegt bei den Männern bei 1:02:09 und wurde aufgestellt von Tewodros Shiferaw (Kenia); bei den Frauen hält die Engländerin Liz Yelling aus Bedford in 1:09:27 die Bestleistung, beide aufgestellt im Jahre 2007. Wie noch zu berichten sein wird, waren auch die Leistungen in diesem Jahr nicht von schlechten Eltern.

Immer ein entscheidendes Wörtchen um den Sieg mitreden wollen die Afrikaner, vornehmlich die Kenianer. Aber auch die Briten verfügen über glänzende Langstreckler. Im Gegensatz zu kontinentalen Rennen, wo der Frauenanteil beim Halbmarathon oft nur bei 20 bis 25 Prozent liegt, sind im Bath wie überall im Königreich oft über 40 Prozent der Teilnehmer weiblich, so auch diesmal. Ob die schnellsten Halbmarathonis aber viel vom geschichtsträchtigen Ambiente der Stadt, von seinen kulturellen und architektonischen Schätzen mitbekommen, ist fraglich, aber es lohnt sich allemal.

Bath ist umgeben von grünen Hügeln. Die Stadtväter sind erpicht darauf, auf keinen Fall die Aussicht zu verbauen
In der Innenstadt von Bath laden viele kleine Gassen zum Schlendern ein. Pro Jahr strömen über vier Millionen Touristen in die zum Weltkulturerbe erklärte Stadt Im Pump Room wurde früher das Heilwasser getrunken - und gesellschaftliche Kontakte geknüpft. Auch heute kann man noch ein Glas des warmen Mineralwassers zu sich nehmen - und sich mit einem Mahl in gediegenem Ambiente verwöhnen lassen

Ganz Bath wirkt wie eine einzige Historische Kulisse
Die Stadt wurde vollständig zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt

Bath ist eine historische Stadt, und man könnte es zweifellos für ein riesiges Freiluftmuseum halten. Nahezu jedes Gebäude ist denkmalgeschützt und entstammt der georgianischen Blütezeit. Die UNESCO hat daher die komplette Stadt zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt. Das neoklassizistische Gebäudeensemble zeugt noch heute davon, wie das Leben vor 300 Jahren gewesen sein muss. Wer etwas auf sich hielt (und das tun die Bathonians, so werden die Einwohner von Bath noch immer genannt), umrahmte das Portal seines Hauses mit Säulen. Die so angedeuteten Tempeleingänge reihen sich schier endlos aneinander und heißen Terraces.

Bath ist eine kleine, aber überaus feine Stadt mit rund 90.000 Einwohnern im Südwesten Englands. Zwischen London und Cornwall gelegen, schmiegen sich die historischen Gebäude harmonisch in die umliegenden Hügelketten. Von wo aus man auch blickt, man sieht fast immer einen Prachtbau, eingebettet in natürliche landschaftliche Schönheit. Das Stadtbild vereinigt Alt und Neu; hier gibt es einige der besten Pubs des Landes, schrullige Boutiquen und Käsetheken mit Produkten aus der Region.

Keltische und römische Geschichte

Bath hat eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Der Sage nach begann alles mit dem legendären König Bladud, der seinerzeit wegen einer Lepraerkrankung aus seinem Reich flüchten musste und als Schweinehirt im heutigen Bath unterkam. Als sich seine Schweine wohlig im Matsch suhlten, erkannte er die heilende Wirkung des Quellwassers und konnte dank ihrer von seinem Ausschlag genesen. Es folgte der glorreiche Rückzug ins Königreich.

Ein seltenes Bild im milden Bath: Die Rasenfläche vor dem Royal Crescent ist mit Schnee bedeckt. Das im Halbrund geschwungene Gebäudeensemble umfasst 30 Häuser und misst 150 Meter
Bei der Planung der Pulteney Bridge ließ sich Architekt Robert Adams von der berühmten Brücke Ponte Vecchio in Florenz inspirieren. Kleine Geschäfte säumen die Brücke auf beiden Seiten der Straße

In Bath folgten nach den Kelten dann die Römer - und dies ist historisch bewiesen. Mit ihrer Vorliebe für Thermalbäder brachten die Römer antiken Luxus nach Bath. Wer könnte es ihnen verdenken? Bei dem nasskalten Klima der britischen Inseln muss es für die Besatzer ein Segen gewesen sein, sich im heißen Mineralwasser zu rekeln. In der Tat war dieser Ort für die Römer ein Heiligtum, dem sie einen Tempel für die Göttin Minerva bauten. Schon die Kelten hatten hier einen Schrein aufgestellt - für die entsprechende Göttin, die sie Sulis nannten. Daher stammt auch der römische Name für Bath: Aquae Sulis ("die Wasser der Göttin Sulis").

Der Bäderkomplex mit mehreren Tauchbecken, Saunen und Ruheräumen ist erstaunlich gut erhalten. Er ist heute ein bedeutendes Zeugnis antiker Baukunst. Schauspieler stellen in dem Museum heute nach, wie lebhaft bei den Römern die Erholung im Bad ablief. Es wurde nämlich nicht nur parliert, gewettet und gespielt, sondern auch handfeste Geschäfte gemacht. Und gelegentlich kann man in den mystischen Schwaden des Wasserdampfes auch Priester dabei beobachten, wie sie in einer nachgestellten Zeremonie die Göttin Minerva beschwören.

Im "Pump Room" kann man heutzutage vom Heilwasser kosten. Es sprudelt mit konstant 46 Grad aus der Quelle und soll 43 Mineralien enthalten. Ein Glas kostet 50 Cents. Dafür gibt es elegantes Ambiente sowie klassische Musik vom Klavier oder Streichquartett inklusive.

Bath ist Wellness pur

Wer selbst einmal im Thermalwasser baden möchte, hat dazu in einem hochmodernen Wellness-Komplex Gelegenheit. Dieser wurde 2006 für über 50 Millionen Euro fertig gestellt. Das Thermae Bath Spa bietet Massagen, Packungen, Dampfbäder und zwei Wasserbecken - eines als Hallenbad und das andere als Freibad hoch oben auf dem Dach. Von hier aus hat man einen phantastischen Panoramablick über die historische Stadtkulisse und die umliegenden grünen Waldhügel.

Die heutige Abbey (Abtei) wurde Ende des 15. Jahrhunderts gegründet, hatte aber zwei Vorgängerinnen: eine angelsächsische Kirche aus dem 7. Jahrhundert und einen normannischen Bau aus dem 11. Jahrundert. Im Bild rechts ist der klassizistische Eingang zu den römischen Bädern zu sehen
Bath-Priest - hier planschten vor 2.000 Jahren die Römer. Das Thermalwasser sprudelt mit 46 Grad aus seiner Quelle und enthält 43 Mineralien

Doch zurück in die Geschichte. Nachdem die Römer aus England abzogen, ging es mit der Zivilisation zunächst einmal bergab, und die römischen Bäder gerieten in Vergessenheit (sie wurden erst im 18. Jahrhundert wiederentdeckt). Mit Bath ging es ebenfalls bergab - und dennoch wird hier im Jahre 973 der erste englische König, Edgar, inthronisiert. Grund ist vermutlich die Abbey, ihrerzeit eine der schönsten Kathedralbauten Europas. Die aktuelle Krönungszeremonie des englischen Königshauses basiert übrigens noch immer auf dem in Bath entwickelten Wortlaut.

Irgendwann im Laufe der Geschichte bemerken die Bathonians, dass sie mit ihrer Thermalquelle eine wahre Goldgrube besitzen. Als Queen Elizabeth die Stadt besucht, ist sie noch so über den Zustand der Stadt entsetzt, dass sie Extra-Abgaben zu ihrer Restauration erhebt. Der Durchbruch kommt jedoch offenbar im Jahre 1687, als die kinderlose Gemahlin Mary von King James II. während ihres Kuraufenthaltes plötzlich doch noch schwanger wird und schließlich den lang ersehnten Thronnachfolger gebärt. Die Heilwirkung des Thermalwassers wird immens populär (und erst später breiten sich Gerüchte aus, dass weder das Wasser noch der viel zu selten anwesende König etwas mit der Schwangerschaft zu tun gehabt hätten ...).

Das goldene Zeitalter - Stonehenge in der Nähe

Bath tritt nun in sein goldenes Zeitalter. Und das wird maßgeblich von vier umtriebigen Personen bestimmt - der "Gang of Four". Zum einen ist da der Arzt Dr. William Oliver, der die medizinische Erforschung des Mineralwassers vorantreibt. Auf ihn geht auch der "Bath Oliver" zurück - ein ursprünglich für Kuranwendungen entwickeltes Plätzchen. Die heutige Version ("Chocolate Olivers") waren angeblich das Lieblingsgebäck John Lennons von den Beatles. Er soll einmal eine Gage von der BBC abgelehnt und darauf bestanden haben, mit "Olivers" entlohnt zu werden.

Bath liegt am Fluss Avon
Der Campus der Universität liegt etwas außerhalb der Stadt. Die Uni zählt zu den besten im Lande und hat ungefähr 15.000 Studierende

Zum zweiten ist da der Architekt Jon Wood der Ältere. Er hatte die Vision, Bath in ein "zweites Rom" zu verwandeln. Auch wenn er nicht seinen ganzen Plan umsetzen konnte, so prägen seine klassizistisch inspirierten Bauten heute das Stadtbild von Bath. Da wäre zum Beispiel der quadratische Queen Square oder das kreisrunde Rondell des King's Circus. Hier lebt Wood seine lang gehegte Faszination sowohl mit der Klassik Roms als auch mit der lokalen Mystik des Druidentums aus. Der Circus sieht aus wie ein nach innen umgestülptes Kolosseum. Gleichzeitig hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem keltischen Steinkreis gleichen Durchmessers in Stonehenge - das sich nur einen Sprung weit von Bath entfernt befindet. Wood legt zwar noch den Grundstein für den Circus, kann seine Vollendung aber nicht mehr miterleben.

Die Führung der Bauarbeiten übernimmt sein Sohn, John Wood der Jüngere. Dass er ebenso ein Genie wie sein Vater ist, beweist er mit dem Royal Crescent, dem vermutlich beeindruckendsten Renommierbau im Halbrund. Freunde von Verschwörungstheorien und Geheimlogen werden ihre helle Freude an der Symbolik dieser drei Bauten haben (Queen Square - Quadrat, Roycal Crescent - Halbmond, Circus - sonnenförmig). Zieht man auf dem Stadtplan Linien von den drei Zufahrtsstraßen in die Mitte des Circus, ergibt sich ein Dreieck im Kreisrund. Das Auge der Vorsehung - bekannt aus der ägyptischen Mythologie sowie der Freimaurer- und Illuminatensymbolik - lässt grüßen (z.B. auch auf der 1$-Note).

Bath, the golden City

Zum dritten ist da Ralph Allen. Nachdem er das englische Postwesen reformiert hatte, verwandte er seinen Unternehmergeist auf die lokalen Steinbrüche des "Bath Stone". Dies ist ein weicher und leicht zu verarbeitender Kalkstein, der seinerzeit aber bei den Londoner Architekten nicht besonders beliebt war. In Bath betätigte sich Allen als Finanzier der Bauvorhaben von John Wood, der auf diese Weise seine architektonischen Ideen austoben konnte. Natürlich benutzte Wood dafür den Bath Stone, der mit seiner hellen, warmen Farbe dem Stadtbild einen fast mediterranen Anstrich verleiht. Bath wird daher auch gerne "The Golden City" genannt.

Der King's Circus ist ein Rondell von 97 Metern Durchmesser. Hollywood-Star Nicholas Cage besaß bis vor Kurzem eines der 33 Häuser, das er für vier Millionen Pfund erworben hatte
Wer in die Turmspitze vom Beckford Tower möchte, muss erst einige Stufen erklimmen. Bei den Bauarbeiten soll Beckford "höher, höher" gerufen haben

Zum vierten ist da Richard "Beau" Nash, der zum gesellschaftlichen Zeremonienmeister Bath' aufsteigt. Er entwickelt Bath zum "Valley of Pleasure" - zum Tal des Vergnügens. Eigentlich ein Spieler und Frauenheld, verleihen seine geschliffene Manieren den gesellschaftlichen Ereignissen den nötigen Glanz. Bath wird zum Heiratsmarkt, und die englische Oberschicht reißt sich darum, auf den Bällen der Stadt zu tanzen. Wer etwas auf sich hält, kommt zum Kuren nach Bath. Je länger, desto besser.

Es ist auch in dieser Zeit, dass Jane Austen nach Bath kommt. Die englische Literaturikone wird später unzweifelhaft mit Bath verbunden bleiben, wenngleich sie wohl nicht vorhatte, mit ihren in Bath spielenden "Northanger Abbey" und "Perusion" (Überredung) ein allzu positives Denkmal zu setzen. Austen selbst war das gesellschaftliche Leben in Bath eher zu oberflächlich. Dennoch lässt sie ihre Romanheldin in Northanger Abbey ausrufen: "Oh, wer könnte Bath' jemals überdrüssig werden!"

Nur London vor Bath

Bath wird im 19. Jahrhundert nach London zur angesagtesten Stadt Englands. Künstler, Adelige und Exzentriker kommen. Spuren davon findet man zum Beispiel im Beckford Tower, dem Privatrefugium des gleichnamigen Milliardärs und Schriftstellers. In der New King Street hat der deutschstämmige William Herschel mit seinem Teleskop den Saturn entdeckt - eine Sensation, weil man zu jener Zeit meinte, bereits alle Himmelskörper zu kennen.

Die Milsom Street ist eine der Haupteinkaufsstraßen und wurde kürzlich auf Google Street View zur schönsten Shopping-Meile Englands gewählt
Geschichte pur in alle Richtungen Das Weltkulturerbe bei Nacht

Zu entdecken gibt es auch den leicht alternativ angehauchten Stadtteil Walcot. Einmal im Jahr feiert er ein Unabhängigkeitsfest. Dies geht zurück auf einen Kartierungsfehler, als der Stadtteil plötzlich von den Landkarten des Königs verschwunden war. Und in der näheren Umgebung von Bath gibt es noch vieles mehr zu entdecken: zahlreiche Monumente aus der Jungsteinzeit wie Stonehenge, die Höhlen in der Schlucht von Cheddar Gorge, in denen der berühmte Käse reift, das mystische Glastonbury, in dem King Arthur begraben sein soll und in dem das größte Open-Air-Festival der Welt stattfindet. Und gleich nebenan von Bath befindet sich Bristol, die pulsierende Hafen- und Studentenstadt mit einer kreativen Kunst- und Musikszene.

Nur wenige Deutsche beim Halbmarathon

Eine sportlich geprägte, wenn auch etwas eilige Möglichkeit, sich in kompaktem Zeitfenster die Stadt Bath anzusehen, ist, am berühmten Halbmarathon teilzunehmen. Nicht viele Deutsche haben sich das in diesem Jahr vorgenommen. Eine davon ist Judith Hilker aus Berlin, die für LaufReport ihre Eindrücke festgehalten hat. Sie besuchte ihren Bruder, der in Bath lebt, und geht mit ihm gemeinsam an den Start. Sie schreibt:

Schon im Vorfeld des Laufes wird uns klar, dass dieser hervorragend organisiert sein wird. Zwei Wochen vor dem großen Tag sind allen Läufern die Startnummern mit einer DIN A5 Broschüre zugesandt worden, in dem die Veranstalter ausführlich darauf hinweisen, was es zu beachten gilt.

Tag und Nacht lebendig: Der Kingsmead Square
Winteransicht von Bath' Terraces

Die größte Sorge der Veranstalter scheint die Menge der Läufer zu sein. Die Teilnehmerzahl wurde auf 15.000 Läufer begrenzt - für die Kleinstadt Bath aber immer noch eine ganz beachtliche Zahl. Und obwohl das Stargeld mit 36 Pfund (ca. 42 €) relativ hoch ist, war der Lauf schon fünf Monate im Voraus ausgebucht. Zuschauer werden 20.000 bis 30.000 erwartet. Der Bath-Half ist eine der größten und beliebtesten Laufveranstaltungen in Großbritannien.

Musik im Ohr - nicht erlaubt

Am Starttag heißt es, rechtzeitig zum sogenannten " Runners Village" zu gehen, da der Weg von dort bis zum Start - laut Broschüre - bis zu dreißig Minuten dauern kann. Zudem bedenken die Veranstalter auch den Fall, dass es regnen könnte und raten den Läufern, Plastiktüten um ihre Schuhe zu binden, da der Weg matschig sein könnte. In der Broschüre werden zudem zwei "Verbote" aufgestellt und erläutert, die wir bislang bei Laufveranstaltungen in Deutschland so noch nicht kennengelernt haben: Es herrscht ein absolutes I-Pod-Verbot, um zu verhindern, dass die Läufer die Warnrufe der überrundenden Läufer nicht hören. Wer trotzdem mit Ohrstöpseln läuft, wird disqualifiziert. Disqualifiziert wird auch, wer ein dringendes Bedürfnis hat und nicht die dafür in genau erklärten Abständen aufgestellten Dixie-Toiletten benutzt, sondern sich ein Gebüsch sucht. Ob diese angedrohte Sanktion auch vollstreckt wird - wir sind gespannt. Am Lauftag wird deutlich, dass sich das hohe Maß an Organisation gut ausgezahlt hat. Leider hat es allerdings nicht auf uns abgefärbt. Bereits in Laufdress mit Chip am Schuh und hochmotiviert, stellen wir noch zu Hause fest, dass wir keine Sicherheitsnadeln für unsere Startnummer haben. Wir machen uns in der Hoffnung auf den Weg, dass es diese - trotz des zuvor natürlich ausdrücklich erteilten Hinweises, dass man diese selbst mitnehmen müsse - im Runners Village gebe.

Anderenfalls müssen wir halt unseren Charme spielen lassen und hilfsbereiten Läufern eine Sicherheitsnadel abschwatzen. Doch die Lösung kommt früher als gedacht - wir kommen an einem Kinderbekleidungsgeschäft vorbei, dass bereits geöffnet hat und in dem eine sehr nette Verkäuferin mit einer Dose Sicherheitsnadeln verschiedenen Läufern in der Not aushilft. Wir lernen noch, dass Sicherheitsnadel "safety pin" heißt. Geld möchte sie nicht, stattdessen sollen wir etwas in die Charity Box werfen.

Groß und Klein auf dem Weg zum Family-Run Das Führungsfahrrad bringt die beiden schnellsten im Familiy-Run, James Williams (r) und Will Peppercorn ins Ziel Während links die Uhr für den Hauptlauf zu sehen ist, läuft rechts der für den Family-Run

Flache Strecke mit leichten Wellen

Charity ist - wie bei vielen Rennen in Endland - ein großes Thema beim Bath-Half: Der Lauf ist das größte Fundraising-Event im Südwesten Englands. Im Startblock - der übrigens recht zügig und glücklicherweise auch trockenen Fußes zu erreichen war - erkennen wir an den T-Shirts zahlreicher Läufer, dass diese für einen guten Zweck laufen. Bereits im Vorfeld hatten die Veranstalter verschiedene wohltätige Organisationen vorgeschlagen, die man durch seinen Lauf unterstützen könne. Der Start ist direkt auf der Great Pulteney Street, der größten Prachtstraße in Bath. Auf beiden Seiten wird sie von Häuserreihen in der typisch georgianischen Architektur eingerahmt - eine wunderbare Kulisse.

Und dann geht es los - nur zwei Minuten nach dem offiziellen Startschuss passieren wir die Startlinie. Erstaunlicherweise gibt es kein Gedränge. Hier zahlt sich aus, dass es je nach Tempo verschiedene Startblöcke gibt - und dass auch wirklich niemand mit der falschen Startnummer in den falschen Startblock gelangte. Dies wurde von jungen Männern im Armee-Dress streng kontrolliert, mit denen anscheinend nicht zu spaßen ist. Auf den ersten Kilometern sehen wir Läufer gegen Krebs, Parkinson, Multiple Sklerose und Alzheimer laufen - und alle sind erstaunlich flott und engagiert.

Es geht zunächst kurz Richtung Innenstadt, kurz vor dem Queen Square, einem beeindruckenden Platz, der seinen Charakter ebenfalls durch die georgianische Architektur der ihn umgebenden Gebäude gewinnt. Da gibt es eine erste Steigung. Dafür werden wir mit den Motivationsrufen einer Samba-Band entlohnt, die oben wartet. Danach geht es langsam stadtauswärts Richtung Bristol. Die Dichte der Wohnhäuser an der Straße nimmt zu, einige haben die Fenster weit geöffnet und die Musikanlage voll aufgedreht, um uns zu motivieren. Die Leute stehen an der Straße, auf den Balkonen oder sitzen in den Fenstern und feuern uns wirklich gut an. Ganze Familien sind versammelt, und die ein oder andere Studenten-WG scheint zur Bath-Half-Party geladen zu haben.

Charity spielt wie so oft in England bei Straßenläufen eine große Rolle. Vor den Läufern gingen die Rollstuhlfahrer an den Start
Viele Köstume waren auf der Strecke zu bewundern

Zwei-Runden-Kurs

Langsam nimmt die Besiedelung ab, und vor uns erstreckt sich die typisch britische Hügellandschaft - sehr schön. Und dann, kurz vor dem Wendepunkt der ersten Runde, ist es so weit: Während die Läufer zuvor noch brav an den auf der Strecke aufgestellten Dixie-Toiletten Schlange standen, sind plötzlich zahlreiche Herren der Schöpfung zu sehen, die hinter einer Hecke austreten. An diesem Punkt, der am weitesten vom Stadtzentrum Baths entfernt ist, scheint "rechtsfreier Raum" zu herrschen. Nach diesem Wendepunkt geht es bergab zurück in Richtung Stadt. Eine Saxophon Band sorgt für Stimmung, und langsam nimmt auch die Zahl der Zuschauer wieder zu. Schon ist die 10 km Matte erreicht, und wir sind wieder am Zentrum.

Erneut geht es zum Queen Square - sicherlich ein Highlight der Strecke - und in die zweite Runde. Kurz vorher werden wir noch vom etwas früher wie wir ins Rennen gegangenen Gewinner des Bath Half überrundet und es ist eine Freude, seinen ästhetischen Laufstil zu beobachten. Schön ist, dass die Zuschauer Ausdauer haben und auch in der zweiten Runde noch ausgiebig jubeln und uns nach besten Kräften unterstützen. Da soll noch einmal jemand sagen, die Briten seien ein zurückhaltendes Volk. "Keep going" ist die Devise, die Höflichkeit der Engländer zeigt sich an dem Zuruf "I am impressed!"

Diesen Hügel mussten die Läufer zweimal nehmen ... ... oben dann heizte eine Sambaband ein

Zuschauerbegeisterung

Den britischen Humor dürfen wir kurz vor dem Ziel bei km 19 kennenlernen: "Come on, you are nearly there, it is just up that hill". Dieser letzte Hügel hatte es dann tatsächlich noch mal in sich. Oben angekommen, mussten wir nur noch links abbiegen und waren wieder in der Great Pulteney Street. Gerade Strecke, schöne Kulisse, umrahmt von den georgianischen Stadt-Villen, noch ca. 200 Meter. Ideal für einen Endspurt. Aber: Wir erinnern uns an die zuvor gelesene Veranstalter-Broschüre. Dort hieß es, man solle von einem Endspurt absehen, da dieser die größten gesundheitlichen Risiken in sich berge. Und erstaunlicherweise laufen die Leute um uns herum zwar zügig, aber nicht mit verzerrten Gesichtern sprintend ins Ziel. So machen wir das dann auch, was aber auch an dem kräftezehrenden Hügel kurz zuvor gelegen haben kann.

Und dann, nach knapp zwei Stunden: Endlich im Ziel! Es bedarf wohl keiner Erwähnung mehr, dass im Zielbereich alles hervorragend organisiert ist: Wir werden freundlich aufgefordert, schnell weiterzugehen, um den nachfolgenden Läufern Platz zu machen, auf dem Weg gibt es ein Getränk, dann können wir den Laufchip abgeben, es gibt die Medaille, Warmhaltefolien und die Verpflegungstasche, in der sich zu unserer Freude auch noch ein Bath-Half T-Shirt findet. Und das Schöne: Wir hören immer wieder "Well done! Congratulations!", und die ganzen Helfer und Organisatoren sind so freundlich, dass man den Eindruck gewinnt, dass Sie sich wirklich mit uns freuen. Ein schönes Lauferlebnis!" - So weit Judith Hilker

10.500 Finisher

Der Bath-Half ist ein Klassiker, der auf ein großes Streckenangebot, wie es in Deutschland zu finden ist, verzichtet. Neben dem Marathon wird nur noch der sogenannte Familienlauf veranstaltet, der über 1,5 Meilen, also 2,4 km geht. Auch für diesen Lauf gibt es im Vorfeld eine Teilnehmerbegrenzung, die auf 1000 Läufer beziffert ist und ebenfalls schon im Vorfeld erreicht wurde. Ins Ziel davon kamen exakt 802.

Die Gelegenheitslaufreporter Frank Hilker (winkend) ...
... und Schwester Judith (rechts) gutgelaunt im Rennen

Eine Zeitnahme ist für den Familienlauf durchaus vorgesehen. Als schnellster erwies sich auf der flachen, teils auf der Hauptroute verlaufenden Strecke bei den Männern Will Pepercorn in 5:12. Dahinter kamen James Williams 5:13 und eine Sekunden später Alex Williams 5:23 ins Ziel. Dass entweder die Streckenlänge oder die veröffentlichten Zeiten nicht stimmen können, wird evident, wenn man die Werte in Beziehung setzt. Wie auch immer, bei den Frauen gab es die Reihenfolge Maddie Awan (5:35) vor Roseanna Dixon (6:14) und Anna Sharp (6:18).

Zusammen mit den 800 Fun-Runnern kamen 10.515 Läufer ins Ziel, im Halbmarathon also 9713. Das ist im Verhältnis zu sonstigen Jahren eher wenig, denn da sah man 11.000 bis 12.500 Läufer im Ziel. Immerhin kamen über ein Drittel der Läufer nicht an den Start oder nicht ins Ziel - eine hohe Ausfallquote ohne Zweifel. Bedingt mag das am sehr frühen Meldedatum gelegen haben, am sonnigen Wetter mit acht Grad Celsius wohl eher nicht. Bemerkenswert ist aber wieder einmal, dass unter den Erfolgreichen 3942 Frauen zu finden waren, was einem Prozentsatz von 40,6 entspricht, einer Quote, von der deutsche Veranstalter nur träumen können.

Weltrekord nicht anerkannt

Zu bemerken ist noch, dass es in England - wie in vielen anderen europäischen Ländern - eine andere Altersklassenregelung gibt wie hierzulande. Die weibliche Hauptklasse subsumiert alle Läuferinnen bis 35 Jahre, die männliche Hauptklasse bis 40 Jahre. Danach geht es dann im bekannten Fünfjahres-Rhythmus weiter. All jene, die nicht der Hauptklasse angehören, werden Veteranen genannt.

Edith Chelimo gewinnt die Frauenkonkurrenz in neuer persönlicher Bestzeit Viele Zuschauer säumen den Zieleinlauf

Ein solcher Veteran, Mick Hurd aus Bridlington, stellte im Jahre 1987, bei der siebten Auflage des Rennens, einen Altersklassenweltrekord auf in 1:03:39. (Für welche AK, war nicht mehr zu ermitteln.) Doch dann stellte sich heraus, dass die Strecke 297 Yard zu kurz war, weshalb der Rekord keine Anerkennung finden konnte. Daraufhin wurde die Strecke dann neu vermessen, verlief aber weitgehend auf der alten Route. Das ist auch jetzt noch der Fall, nachdem 2006 noch einmal kleine Änderungen notwendig geworden waren.

Kipkorir siegt bei den Männern

Das Hauptrennen über 13,1 Meilen oder 21,0975 Kilometer war auch in diesem Jahr fest in kenianischer Hand. Zwar bestand diesmal für die beiden Streckenrekorde aus dem Jahr 2007 keine Gefahr, doch sind die erreichten Zeiten auch international beachtlich. Sieger in exakt 64:00 Minuten wurde der 22jährige Edwin Kipkorir, der schon zur Hälfte vorne gelegen hatte. Er verbesserte seine persönliche Bestzeit von 65:28 um 1:25 Minuten. Über 10 km stehen ihm 28:28 zu Buche. In sicherem Abstand von zwanzig Sekunden lief Zachary Kihara in 64:20 ein, einem in Kenia geborenen Läufer, der seit einigen Jahren für Birmingham startet. Auch der dritte auf dem Siegertreppchen stammt aus Kenia. Gordon Mugi erreichte die Zielmatte nach 64:37 Minuten.

Ganz so kenianisch ging es vorne bei den Frauen nicht zu. Immerhin belegten Platz zwei und drei zwei Britinnen. Erste allerdings mit über einer Minute Vorsprung wurde dann doch eine Läuferin aus Kenia: Edith Chelimo durchquerte das Zielbanner nach 71:25 Minuten. Damit konnte auch sie ihre persönliche Bestzeit von 72:42 um deutlich über eine Minute verbessern. Über 10 km hat sie eine Bestzeit von 32:52 aus dem Jahre 2010 stehen. Es folgte in Bath auf Platz zwei Louise Damen 72:43 vor Lucy Macalister 73:41.

Das männliche Führungstrio am Queensquare in Runde eins noch zusammen. Sieger Edwin Kipkorir (mitte), Zweiter Zachary Kihara (links) und Gordon Mugi Mahugu (weißes Trikot) In Runde zwei hatte sich die Führenden, Edwin Kipkorir (oranges Trikot) und der zweite Zachary Kihara von Gordon Mugi Mahugu bereits gelöst

Bath, das schon für zahlreiche filmische Historienschinken als Schauplatz diente, ohne dass man groß die Kulissen hätte umbauen müssen, das darf als Resümee wohl gezogen werden, ist aus touristischer wie läuferischer Sicht in jedem Fall eine Reise wert. Das drückt sich auch im zusammenfassenden Statement der Siegerin Edith Chelimo aus, das hier auch als bestmögliches Schlusswort dient: "Today was a really good race, I achieved my PB so I'm really happy. I would like to thank the race organisers for putting on a truly wonderful event, and the spectators who played a big part in helping me win today, cheering me along right around the course. Bath is a beautiful city and I'd love to come back again next year."

Bericht von Michael Schardt
in Zusammenarbeit mit Judith und Frank Hilker
Fotos Frank Hilker, Evangelos Evangelou und Jack Blake

Ergebnisse und Infos www.bathhalf.co.uk

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