Portrait Carsten Schlangen

Mit unkonventionellem Training zur Silbermedaille

von Wolfram Marx im Juli/August 2010

20 Jahre gingen deutsche 1.500-Meter-Läufer bei Europameisterschaften in Bezug auf Medaillen leer aus. Jens-Peter Herold wurde im damals noch jugoslawischen Split Europameister. Ein Jahr später war es Hauke Fuhlbrügge, der für das letzte internationale Edelmetall für den DLV auf dieser Strecke sorgte, er gewann Bronze bei der Weltmeisterschaft in Tokio, Herold wurde Vierter. Die letzte Mittelstreckenmedaille für deutsche Leichtathleten durfte sich 1998 Nils Schumann umhängen lassen. Er siegte über 800 Meter.

 

Nun ist die medaillenlose Zeit vorbei. Beendet hat sie Carsten Schlangen, der bei der Europameisterschaft in der letzten Juliwoche überraschend Silber über 1.500 Meter gewann. Der Berliner gehörte nicht zum eigentlichen Kreis der Favoriten, wenn er sich auch selbst einen Platz unter den besten Sechs zugetraut hatte. Bereits im Halbfinale war er taktisch sehr geschickt gelaufen, war im Feld an guter Position mitgelaufen, konnte bei jedem Vorstoß reagieren, verlor aber keine Kräfte durch Führungsarbeit.

Carsten Schlangen jubelt mit der Deutschland-Fahne - Foto © Jens Priedemuth

So qualifizierte er sich letztendlich souverän fürs Finale. Dort war die Konstellation ähnlich. Er konnte die Konkurrenz aus dem Feld heraus beobachten und beim entscheidenden Vorstoß des Spaniers Reyes Estevez mitgehen. Seine im vergangenen Jahr verbesserten Spurtqualitäten kamen dann voll zum Tragen, denn auf dem Zielstrich rang er den Spanier Manuel Olmedo nieder und gewann so die Silbermedaille.

Seine besseren Spurtfähigkeiten und die schnellere letzte Runde gegenüber den früheren Jahren führt er selbst auf ein verstärktes Barfußtraining zurück. "Ich habe in dieser Saison extrem viel Sprints barfuß auf dem Rasen durchgeführt. Ich glaube, das ist mir besonders auf dem sehr harten Mondo-Belag in Barcelona zugute gekommen. Ich hatte dadurch einen wesentlich besseren Abdruck." Dabei war er zu diesem Training auch ein wenig gezwungen. Im vergangenen Jahr hatte der Architekturstudent einen Ermüdungsbruch im Schienbein erlitten. Daraufhin hat er sein Training umgestellt, um sein Bein nicht mit harten Untergründen zu sehr zu belasten. So läuft er mittlerweile nicht mehr zu seinen Trainingsrunden im Volkspark Berlin-Friedrichshain, sondern fährt mit dem Fahrrad, um sich das Laufen auf dem Asphalt zu ersparen.

Auch sonst verfolgt der aus Meppen im Emsland stammende Läufer mit seinem Trainer Professor Roland Wolff eher unkonventionelle Trainingsmethoden. Wolff ist ein Verfechter des intensiven Trainings und setzt nicht auf hohe Kilometer-Wochenumfänge, wie sie sonst von vielen Lauftrainern verordnet werden. "Manchmal habe ich im Winter nur 40 Kilometer pro Woche", so Schlangen. Auch bekommen die Schützlinge von Wolff keinen Trainingsplan. Der Professor für Sportmedizin hat zwar selbstverständlich einen solchen entwickelt, doch erfährt die Trainingsgruppe immer erst zu Beginn der jeweiligen Einheit, was an diesem Tag konkret auf dem Plan steht. "Das hat den Vorteil, dass man sich nicht den ganzen Tag Gedanken macht und mit der am Abend anstehenden harten Einheit beschäftigt. Mir gefällt das sehr gut und ich komme damit gut zurecht."

Zu den rund 40 Laufkilometern kommen im Winter aber noch diverse, die der 29-Jährige auf Langlaufbrettern zurücklegt. Schlangen ist ein großer Freund des Skilanglaufs und nutzt den Sport, um sich dort die Basis für die Sommersaison zu holen. "Im vergangenen Winter war ich für zwei Wochen zum Langlauf in Finnland. Als ich nach Berlin zurückkam, war es dort noch so kalt und so viel Schnee, dass ich die nächsten zwei Monate Langlauf machen konnte." Dabei holt sich Schlangen auf den Skiern aber nicht nur die Grundlagenausdauer, auch hier stehen durchaus intensive Einheiten auf dem Programm. "Man kann hier sehr gut Fahrtspiele machen und immer wieder Belastungsspitzen einbauen. Es hat mir sehr viel gebracht." Auch weiteres Alternativtraining wie Radausfahrten, die von der Belastung her lockeren Dauerlaufeinheiten entsprechen, sind ein fester Bestandteil seines Trainings. "Diese semispezifische Vorbereitung haben wir bis in den Juni durchgezogen, es funktioniert sehr gut", ist er von der Trainingsgestaltung überzeugt.

Doch die Tatsache, dass er im vergangenen Winter so gut trainieren und nun im Olympiastadion auf dem Montjuic in Barcelona Silber gewinnen konnte, war im Herbst 2009 nicht abzusehen. Im vergangenen Jahr stand Schlangen am Scheidepunkt seiner sportlichen Karriere. Nachdem er im Vorlauf der Weltmeisterschaft im heimischen Berliner Olympiastadion relativ chancenlos gewesen und nach einer für ihn schwachen Leistung ausgeschieden war, kam er ins Grübeln. Als sich dann später der Ermüdungsbruch herausstellte, stellte er sich mit seinem Trainer die Frage, ob und wie es weiter gehen könnte. Dazu kam, dass seine Trainingsgruppe kurz vor der Auflösung stand und sein Ausrüster ihm den Vertrag gekündigt hatte. "Der Frust über das WM-Ausscheiden war groß. Ich habe durchaus über mein Karriereende nachgedacht. Klar war auf jeden Fall, dass es so nicht bleiben konnte. Mein Trainer und ich haben dann aber entschieden weiter zu machen, mit der Perspektive bis London 2012, denn mit diesem WM-Rennen wollte ich nicht aufhören."

Er hat aus den Rückschlägen des Vorjahres gelernt. In diesem Jahr hatte das Jahrestraining dann einen anderen Charakter. Die Saison wurde ruhiger aufgebaut und langsam angefangen. "Anstatt vieler Trainingslager habe ich 2010 aber extrem viele Rennen gemacht. Ich bin auch 800 Meter gelaufen und habe dabei unter anderem den Deutschen Meister Sören Ludolph geschlagen." Doch trotz der vielen Wettkämpfe seien sie bei der Planung immer extrem vorsichtig gewesen. "Ich bin zwar eigentlich kein verletzungsanfälliger Athlet, doch ich passe nach den Problemen mit dem Schienbein nun immer auf." Nun sind die Olympischen Spiele in London sein nächstes großes Ziel. "Eine Finalteilnahme dort ist auf jeden Fall möglich. Man sollte nicht immer nur auf Medaillen schielen. Ich bin immer besser drauf, auch taktisch. Das kann gegen die Afrikaner, die oft taktisch weniger geschult sind, bei einem Meisterschaftsrennen durchaus eine Rolle spielen." Möglicherweise könnte der zweite Platz bei der Europameisterschaft der Höhepunkt seiner Karriere sein, wer wisse das schon. "Das sehe ich aber nicht so dramatisch. Aber bei Olympia will ich es noch einmal wissen", lautet seine klare Ansage. Er sieht auch keine Laufkrise in Deutschland. "Beim DLV muss man sich mehr Sorgen um den Wurf machen. Da ist in den vergangenen zwei Jahren nicht viel passiert." Dass der DLV oft als Werferverband dargestellt werde, nerve zeitweise. "Wir Läufer haben auch ziemlich gute Ergebnisse erzielt." Ihn habe der DLV seit der WM aber weiterhin sehr gut unterstützt. "Man hat es mir zugetraut und es ist nicht am letzten Euro gescheitert. Es sind aber noch ein paar Kosten offen."

Für die weitere Saison hofft der Architekturstudent nun auf die Startmöglichkeit bei dem ein oder anderen großen Meeting. "Es ist mein Kindheitstraum so eine Meeting-Serie zu laufen." Es sollte aber auf jeden Fall ein 1.500-Meter-Rennen sein, denn der fünfmalige Deutsche Meister über 1.500 Meter, einmal davon in der Halle, möchte gerne eine neue Bestleistung über diese Distanz. Sein persönlicher Rekord steht momentan bei 3:34,60 Minuten, aufgestellt im Vorjahr im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2009. Deshalb wird das ISTAF in Berlin für ihn wohl in diesem Jahr keine Station werden. "Dort ist in diesem Jahr eine Meile geplant. Ich weiß nicht, warum sie sie einplanen. Mir bringt es nichts, aber vielleicht wird ja noch einmal umgestellt. Ich würde auf jeden Fall gerne in Berlin laufen." Zwar war das WM-Rennen dort kein gutes von ihm, aber er habe schon schnelle Läufe dort gemacht. "Wenn es ein perfektes Rennen ist, sind durchaus 3:32 Minuten möglich. Stefan Eberhardt hat 2009 eine 3:33 geschafft." Auch Zürich wäre für ihn interessant, doch muss er am 1. September seine Diplomarbeit in Architektur abgeben. "Das Studium ist eine klasse Abwechslung vom Sport und vom Training." In seiner Diplomarbeit entwirft er ein Haus für Software-Entwickler der Open Source Technologie. "Es soll ein Zentrum werden, in dem sie sich treffen können, zusammen entwickeln und auch Tagungen und Kongresse abhalten. Architektur wirkt auch stimulierend auf Menschen, dies möchte ich in diesem Haus umsetzen."

"Carsten Schlangen" von Wolfram Marx
Fotos © Jens Priedmuth

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