Portrait Nikki Johnstone

Der Lord der kleinen Läufe kriegt nicht genug

von Christian Werth im September 2017 

Im Anmeldezentrum des Zonser Nachtlaufs steht Nikki Johnstone nicht lange allein. Schon nach kurzer Zeit erkundigt sich einer nach dem nächsten nach Form und Wohlbefinden des gebürtigen Schottens, darunter längst nicht nur konkurrierende Mitstreiter, sondern auch Laufveteranen und Altersklassenläuferinnen. Der Vielstarter ist eben allseits beliebt und in Läuferkreisen bekannt wie ein bunter Hund, was nicht nur an seiner Startfreudigkeit, sondern zugleich an imposanten Spitzenleistungen liegt. So gibt es im Rheinland kaum einen Volkslauf über 10 km, den er noch nicht gewonnen hat.

Wenn der aufgeschlossene Brite an einem Wochenende ausnahmsweise mal nicht irgendwo gestartet ist, schlägt das zuweilen sofort in schlechte Laune um. "Ich hab schon öfters von meiner Freundin zu hören bekommen, dass ich kaum zu ertragen bin, wenn ich nicht gelaufen bin", schmunzelt Nikki Johnstone und gibt zu, dass das Ganze "schon irgendwo eine Sucht" sei. Sogar zwei oder drei Starts pro Wochenende sind keine Seltenheit bei dem 33-Jährigen. "Nicht Du schon wieder!", hieße es da öfters mal, wenn Johnstone in der Provinz auftaucht und so manche Siegambitionen zunichte macht.

Dabei ist es grade das Gesellige und das bunte Drumherum, dass dem Neusser so sehr an der Volkslaufszene reizt. "Ich mag das, immer wieder die gleichen Leute zu treffen. Schließlich ist die Szene wie eine große Familie", findet er und ergänzt, dass ihm auch die Aussicht auf Preisgelder oder Sachpreise völlig egal sei. So tritt Johnstone auch nicht bei Meisterschaften an und macht einen großen Bogen um Eliteläufe oder Bahnwettkämpfe. "Ich sehe mich nicht als Eliteläufer. Ich habe aus dem Spaß heraus als Volksläufer angefangen und will das auch so bleiben", stellt er klar.

 

Als er sich vor einigen Jahren ausnahmsweise doch einmal zu einem Start bei der Bahnlaufserie in Düsseldorf-Lierenfeld hinreißen ließ, war es ihm trotz neuer 5.000-m-Bestzeit von 15:34,55 min dort so langweilig, dass er sich kurzerhand dazu entschloss, sowohl den 15 km langen Hinweg als auch den Rückweg laufend zurückzulegen. Dabei hat sich der Lauffanatismus des Lehrers einer internationalen Schule erst über die Jahre entwickelt.

Der gebürtige Highlander, der im Anschluss an sein Studium in Liverpool vor elf Jahren wegen Beruf und Liebe nach Deutschland kam, hatte noch bis 2007 nun gar nichts mit dem Laufsport am Hut und sich bis dahin stets dem Fußball verschrieben. So hatte er sich, um im fremden Land Anschluss zu finden, in Neuss zunächst einer Thekenmannschaft angeschlossen und kickte dort Woche für Woche in der Stadtliga.

Seinen ersten Lauf bestritt er dann 2007 bei einem Düsseldorfer Staffellauf, bei dem er zusammen mit seinen Schülern angetreten war. "Danach haben mir erstmal total die Knie wehgetan. Schließlich hatte ich mich überhaupt nicht darauf vorbereitet", berichtet Johnstone und ergänzt, dass er auch bei seinem zweiten Lauf - dem Düsseldorf-Marathon 2008 - mit ähnlich wenig Training an den Start gegangen war. "Das war eine Wette in unserer Fußball-Mannschaft. Ich dachte, dass ich als Sportlehrer eigentlich fit bin und wollte das einfach mal probieren", erinnert er sich, dass seine "Einstellung damals nicht die Beste gewesen" sei. Doch der Fußballer überraschte alle und finishte in bemerkenswerten 3:21 h.

In den darauffolgenden Jahren folgten weitere Marathonläufe in Düsseldorf in Köln, stets mit wenig Training und nicht über 3:08 h hinauskommend. 2012 dann der Wendepunkt in Johnstones sportlicher Laufbahn. "Ab da fing ich an, ganz viele Wettkämpfe mitzumachen und hab´ da richtig Spaß dran gefunden", blickt er zurück und nennt den Kölner Nachtlauf über 10 km mit Platz 22 in einer 38er Zeit als Initialzündung für seine "Volkslauf-Sucht". Die Fußballschuhe hing er an den Nagel und begann nun ambitioniert zu trainieren und auf seine Ernährung zu achten. "Das Laufen war mir von da an wichtiger als der Fußball. Schließlich fahre ich in meiner Freizeit lieber in Ruhe zu Laufveranstaltungen als in der dritten Halbzeit rumzuhängen", spricht der Lauffanatiker von einem gewissen Lebenswandel.

Die Erfolge sollten sich schnell einstellen. Innerhalb weniger Monate verbesserte er sich über 10 km um drei Minuten und steigerte sich auf der Marathon-Distanz innerhalb eines Jahres von 3:08 auf 2:36 h. Die Anzahl an Läufen ist noch immer beeindruckend hoch, wobei der Lehrer für Sport und Englisch doch immer wieder neue Wirkungsstätten findet, um sich in Start- und Siegerlisten einzutragen. Seine Wohnung kann er inzwischen als Pokal- und Medaillenmuseum anpreisen und ist dennoch noch längst nicht satt an Lauferfolgen.

Mit dem Ultralauf hat der inzwischen für den ART Düsseldorf laufende Athlet seit diesem Jahr ein ganz neues Terrain betreten und auf Anhieb lieben gelernt. "Das war eine ganz neue Grenze für mich, die mich auch weiterhin reizt", berichtet Johnstone im Hinblick auf seinen zweiten Platz beim 56 km langen Monschau-Ultra und verrät schmunzelnd, dass er nun auch für seine Eltern als "echter Läufer" gilt. "Die sind beide Ultraläufer gewesen und hatten sich bislang immer gefragt, was für ein Kinderspiel ich da eigentlich mache", lacht der Neu-Ultra.

Doch neben den Ultra-Ambitionen ist Johnstone fest davon überzeugt, sich auch auf den kürzeren Strecken weiter verbessern zu können. Mit 31:40 min über 10 km, 1:08:52 h im Halbmarathon und 2:31:21 h auf der Marathon-Distanz datieren auch seine aktuellen Bestzeiten allesamt aus den letzten zwölf Monaten. Grade auf der Königsdistanz scheint noch viel drin zu sein, zumal er bei seinem schnellsten Lauf in Düsseldorf im vergangenen Frühjahr noch bis km 30 auf 2:26er Kurs gewesen war.

Von der Idee, sich mit noch schnelleren Leuten zu messen und in schnellen Eliteläufen mitziehen zu lassen, hält der ARTD-Läufer jedoch wenig. "In der Gruppe laufe ich nicht so gern. Da bin ich eher Einzelgänger", begründet der Volkslauf-Dominator und setzt weiterhin darauf, auch bei kleineren Läufen ganz schnell sein zu können. "Ich gebe immer das Maximum. Auch dann, wenn ich alleine vorne bin", erklärt er.

Seit kurzem macht sich der 33-Jährige jedoch nicht nur durch sportliche Erfolge, sondern auch mit seiner sozialen Ader einen Namen und tritt inzwischen auch als Spendenläufer in Erscheinung. So arbeitete Johnstone ab 2015 für eineinhalb Jahre als Sportlehrer in Addis Abeba und sammelt seitdem Laufschuhe für äthiopische Kinder. "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, was Armut bedeutet. Was bei uns total abgelaufene Schuhe sind, ist für die nagelneu", gibt Johnstone zu Bedenken.

Da sich beim schnellen Highlander inzwischen alles rund ums Laufen dreht, hat er - wie könnte es anders sein - auch seine Freundin Dioni Gorla bei einem Volkslauf im Düsseldorfer Volksgarten kennengelernt. Da auch sie ambitioniert startet und ähnlich wettkampffreudig ist, kommt es nicht selten vor, dass man nun sogar gemeinsam auf den Volkslauf-Podiums der Region steht.

 

Das Porträt "Nikki Johnstone" erstellte Christian Werth
Fotos © Christian Werth, Siggi Liehs und André Scheidt

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