Porträt Laura Chacon Biebach

"Laura du Teufelsweib"

Über Nacht im Rampenlicht

erstellt von Reinhold Daab im Mai 2015

Noch vor ein paar Wochen kannte sie so gut wie niemand. Zwei Ereignisse innerhalb einer einzigen Woche haben Laura Chacon Biebach quasi über Nacht in die Schlagzeilen katapultiert und einen "Lauf Star" aus ihr gemacht. Laura kann es selbst noch nicht fassen, was in den letzten Wochen mit ihr passiert und über sie hereingebrochen ist. Plötzlich ist sie bekannt, wird beim Laufen angesprochen "Du bist doch so weit gelaufen!" und bekommt unzählige Mails mit Einladungen zu allen möglichen Veranstaltungen. Sogar der Sportartikelhersteller Gore hat angefragt, ob er sie ausrüsten darf. Das "darf" hat Laura besonders amüsiert kommentiert.

Alles fing damit an, dass sie sich von einer Freundin kurzfristig zu einem Start beim Frankensteinlauf am 25.4.2015 über 16 km überreden ließ. An Bergläufen hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nie teilgenommen, es war ihr erster überhaupt. Eine besondere Vorbereitung auf 362 Höhenmeter hinauf zur Burg Frankenstein gab es demnach auch nicht. Umso verblüffender war das Ergebnis: Gesamtsiegerin in neuer Streckenrekordzeit.

 

"Ich bin manchmal selbst erstaunt, wie schnell ich laufen kann", wunderte sich Laura anschließend mir gegenüber über ihr Leistungsvermögen. Sie bezeichnete sich selbst als Freizeitläuferin, die eigentlich nur aus Spaß ab und zu an Wettkämpfen teilgenommen hat.

Beim Frankensteinlauf ist mir Laura zum ersten Mal begegnet. Bis dahin hatte ich noch nie etwas von ihr gehört oder über sie gelesen. Dass hier ein verborgenes Talent schlummert, war mir sofort bewusst. Meine Verblüffung war umso größer, als Laura bei Fernsehübertragung vom "Wings for Life World Run" am 4.5.2015 in Darmstadt als erste Frau auf dem Bildschirm auftauchte und von dort partout auch nicht mehr verschwinden wollte. Die zweite Riesenüberraschung in dieser Wahnsinnswoche war ihr völlig unerwarteter Sieg mit zurückgelegten 51,78 km, was im weltweiten Ranking einen sagenhaften 4. Platz bedeutete, nur 40 m hinter der Dritten.

Beim Frankensteinlauf absolviert Laura ihren ersten Berglauf und siegt in neuer Streckenrekordzeit

Von Null in die Schlagzeilen. Das machte mich neugierig, ich wollte unbedingt mehr über dieses Phänomen erfahren und Laura war gerne bereit, mich daran teilhaben zu lassen.

Laura Chacon Biebach ist 1988 in Hattersheim geboren und dort aufgewachsen, sie hat zwei Geschwister, beide völlig unsportlich, genauso wie ihre Eltern. Ihr Vater stammt aus Venezuela, daher auch das interessante und markante Erscheinungsbild der 1,78 m großen Sportlerin und ihr außergewöhnlicher Name. In Mainz hat Laura Sportwissenschaften studiert und im Jahre 2013 mit Diplom abgeschlossen. Während ihres Studiums hat sie in Mainz gewohnt. Dann ist ihr während einer Klettertour in Frankreich ihr Freund Alex begegnet, mit dem sie unmittelbar nach ihrem Studium nach Südhessen gezogen ist. In Groß-Zimmern hat Alex sein Elternhaus umgebaut, das gemütliche Heim bewohnen die beiden jetzt gemeinsam mit Lauras persönlichem Personal Trainer, der einjährigen Hundedame "Sisa".

Ihre berufliche Heimat hat Laura im benachbarten Dieburg beim dortigen TV Dieburg gefunden, wo sie als Sportlehrerin u.a. die Schul-AG, des Eltern-Kind-Turnen und eine Purzelgruppe betreut sowie für den Reha-Sport und das Aquajogging verantwortlich ist. Diese Tätigkeiten übt sie überwiegend an den Nachmittagen aus, so dass sie den Vormittag ihrem Hobby, dem Laufen, widmen kann. Laura läuft seit sie 14 Jahre alt ist, inzwischen nahezu täglich. Begleitet wird sie dabei stets von ihrer Personal Trainerin "Sisa", der die etwa 6 km lange "Gassi-Runde" sichtlich Spaß bereitet. Während sich Sisa anschließend ausruht, geht Frauchen gut aufgewärmt auf ihre eigentliche Trainingsrunde, die etwa 15 km lang ist. An diesem Tagesablauf kann man ablesen, dass sich Laura's Leben hauptsächlich um Sport dreht, sowohl bei der Arbeit als auch im Privatleben. Trotzdem bleibt daneben noch genügend Zeit, sich mit Freunden zu treffen und den Sport auch mal Nebensache sein zu lassen.

 

Wettkämpfe haben Laura nie sonderlich interessiert, obwohl ihr schon während ihres Studiums klar war, dass sie nicht nur ausdauernd sondern auch ziemlich schnell laufen konnte. Laura's sportliche Karriere weist bislang nur 7 Wettkämpfe auf, darunter drei Marathons. Den ersten absolvierte sie 2012 in Mainz und hat sich anschließend sofort für Frankfurt angemeldet. Obwohl sie sich nicht besonders vorbereitet und kein spezielles Marathontraining absolviert hat, erzielte sie eine Zeit von 3:01 Stunden. Nachdem ihr Professor an der Uni Mainz davon erfuhr, hat er Laura beiseite genommen und sie einem Spezialtraining mit Atemmaske, Laktatmessung und allem, was dazu gehört, unterzogen.

Freund Alex unterstützt Laura in allen Belangen und trägt sie manchmal sogar auf Händen

Die Ergebnisse müssen so überwältigend gewesen sein, dass er ihr prophezeite: "Wenn Du richtig trainierst, kommst Du nach Olympia. Aber wenn Du so wie bisher weitermachst, wirst du nie unter 3 Stunden laufen".

Das hat ihren Ehrgeiz erst recht angestachelt. In Mainz ist sie 2013 dann tatsächlich 2:57 Stunden gelaufen und hat sich diebisch gefreut, als es ihr Professor erfuhr. Aber die Rache folgte auf den Fuß, die mangende Marathonvorbereitung rächte sich bitter. "Ich war nach dem Marathon körperlich und emotional völlig kaputt."

Das war meines Erachtens genau der richtige Zeitpunkt für meine Zwischenfrage, ob sie denn nie daran gedacht habe, es einmal mit einem guten Trainer zu versuchen, um das zweifellos vorhandene Leistungsvermögen in geordnete Bahnen zu lenken. "Ich bin Sportwissenschaftlerin, ich weiß das eigentlich alles", gab sie mir prompt zu verstehen. "Außerdem wollte ich nicht so sein, wie all die anderen ambitionierten Sportler, die vor dem Wettkampf immer so verbissen sind und Gels schlucken. Ich habe nichts davon gemacht, ich habe noch nicht einmal Nudeln gegessen".

Trotz der wahrhaftig hochinteressanten Prophezeiung ihres Professors in Richtung Olympia hat Laura bislang nie den richtigen Kick für ambitioniertes Training gefunden und auch Wettkämpfe haben sie weiterhin kaum interessiert. Für sie stand der Spaß am Laufen stets im Vordergrund.

 
Beim Wings for Life World Run mit Sabrina Mockenhaupt. Später war Laura Chacon-Biebach allein auf weiter Flur

Das galt auch für ihre Teilnahme am "Wings for Life World Run", der Lauf, der ihr in sportlicher Hinsicht bislang beschauliches Leben verändern sollte. Den Startplatz im Team von Anna Hahner, die sie bis dahin nicht kannte, hatte sie bei einer Verlosung von Gerolsteiner gewonnen. Überhaupt waren ihr die Stars der Laufszene völlig unbekannt. Das galt auch für Sabrina Mockenhaupt, mit der sie die ersten Kilometer zusammen lief, bis es "Mocki" zu schnell wurde. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. "Mocki hat mich an die bis dahin führende Frau herangeführt. Eigentlich wollte ich nicht so weit laufen, etwa 33 km hatte ich mir vorgenommen", schilderte mir Laura ihre Planung, die aber schnell über den Haufen geworfen wurde. "Ich war plötzlich alleine und dachte: Du bist Erste, du kannst jetzt nicht aufhören". Also lief sie weiter und weiter. "Ich fand es krass, dass ich von 2 Radfahrern, einem Quad und einem Krankenwagen begleitet wurde und dass über uns ein Hubschrauber kreiste. Das war ein tolles Erlebnis und ich habe es genossen im Mittelpunkt zu stehen, was man mir bestimmt an meinem Dauerlächeln ansah, das gar nicht mehr aus meinem Gesicht weichen wollte".

 

"Als mich das Catcher Car einholte, war mir überhaupt nicht bewusst, dass ich gerade als deutsche Siegerin weltweit im Fernsehen übertragen wurde", schilderte mir Laura den Moment, der sie in der Laufszene auf einen Schlag bekannt und berühmt gemacht hat.

Dass sich Laura auf den "Wings for Life World Run", der sie mit zurückgelegten 51,78 km auch noch zu einer Ultraläuferin kürte, nicht besonders vorbereitet hat, vergaß ich zu erwähnen, dürfte aber nach alldem, was jetzt über sie bekannt ist, kaum noch jemanden überraschen.

Foto: Wings for Life World Run © Lars Schneider.

Ob Laura nach dem absoluten Höhepunkt in ihrer noch recht kurzen Laufkarriere etwas an ihrer bisherigen Einstellung zu Training und Wettkämpfen ändern wird, konnte sie nicht beantworten. Jetzt genießt sie erst einmal den Moment und freut sich, dass ihre über viele Kontinente verstreute Familie stolz auf sie ist, was in dem Ausspruch der Mutter ihres Freundes mündete: "Laura, du Teufelsweib".

 

Geplant hat Laura bisher lediglich die Teilnahme an der "Urbanian Run" Lauf-Serie mit Veranstaltungen in Frankfurt, Nürnberg Trier und Berlin, wo sie im vergangenen Jahr in Frankfurt ihren ersten Sieg überhaupt verbuchen konnte. Ach ja, beim Frankfurt Marathon will sie unter 2:50 Std. laufen, diesmal jedoch ganz bestimmt mit Marathonvorbereitung, mit ein wenig zumindest. Jedenfalls hat sie schon mal Intervalltraining in ihren Trainingsalltag eingebaut.

An dieser Stelle folgt normalerweise eine Auflistung der Bestzeitung. Bei Laura muss dieser Platz freibleiben. Es gibt sie einfach nicht - bis auf die bereits erwähnten 2:57 Std. im Marathon.

Laura mit ihrem Personal Trainer, der einjährigen Hundedame "Sisa"

Ganz am Ende unseres interessanten Interviews, das mich sowohl fassungs- als auch etwas ratlos zurückgelassen hat, folgte noch eine bemerkenswerte Äußerung, die das Phänomen Laura Chacon Biebach vielleicht erklären kann: "Meine Uroma war Indianerin, sie musste viel laufen um zu überleben". Es liegt wohl doch an den Genen dieser Ausnahmesportlerin, von der wir noch viel hören werden, wenn sie es denn überhaupt will.

Das Porträt von Laura Chacon-Biebach erstellte: Reinhold Daab
Fotos © Reinhold Daab, Lars Schneider, LaufReport und privat

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