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Dieter Baumann und die Talentschmiede ASICS-Laufteam Tübingen HIER

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Dieter Baumann erklärt seinen Rücktritt vom aktiven Wettkampfsport HIER

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Exklusiv Interviews mit dem ASICS-Star

links: Baumanns letzter Titel in Ulm

Rhein-Ruhr-Foto: Gustav Schröder


Mittelfristig Talente in die Weltspitze bringen

Interview mit Dieter Baumann über das neue Projekt ASICS-Laufteam Tübingen

ASICS startet zusammen mit Olympiasieger Dieter Baumann ein ambitioniertes Laufprojekt und wird Namensgeber der LAV Tübingen, die seit Anfang des Jahres LAV ASICS Tübingen heißt. Das Interview mit Dieter Baumann über das ASICS-Laufteam Tübingen wurde uns von Nordpol Public Relations Division GmbH, Hamburg, zur Verfügung gestellt.

Gemeinsam mit Ihnen und Ihrer Frau Isabelle ist Anfang des Jahres ein neues Laufprojekt der LAV ASICS Tübingen gestartet worden. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Dieter Baumann: Die LAV ASICS Tübingen ist für uns, also meine Frau Isabelle und mich, eine gute Möglichkeit, Talente aus dem ganzen Bundesgebiet zusammenzuführen. Sie also an einen Stützpunkt zu binden und auf sehr hohem Niveau gemeinsam zu trainieren.

Also eine Art Trainingscamp?

Baumann: Nein, es ist kein Trainingscamp mit einem morgendlichen Appell, sondern eine ganzjährige Trainingsbetreuung. Es ist nicht so zu verstehen, dass wir uns zum Beispiel für zwei Wochen treffen und dann wieder auseinandergehen. Vielmehr wohnen und leben die Leute in Tübingen. Es gibt festgelegte Tage, an denen wir die Jungs treffen und an den anderen Tagen machen sie selbst Treffpunkte aus so, dass sie fast jeden Tag miteinander laufen. Das muss man nicht organisieren, das ist normal. Natürlich werden wir auch in sinnvolle Trainingslager ins Ausland gehen, wie zum Beispiel Höhentraining oder in kalten Wintermonaten nach Portugal, um unter vernünftigen Bedingungen trainieren zu können.

Welche Rolle besetzen Sie in diesem Projekt?

Baumann: Durch meine seit Jahren bestehende Zusammenarbeit mit ASICS habe ich den Kontakt hergestellt und mit ASICS den meiner Meinung nach besten Partner bekommen. Auf der anderen Seite bin ich für die Athleten Ansprechpartner für alles – ob organisatorisch, bei Problemen mit der Uni oder auch bei der Jobsuche. Dann hefte ich mich ans Telefon und nutze meine Kontakte.
Sportfachlich obliegt die komplette Planung Isabelle, denn ich sehe mich nicht als Trainer. Aber natürlich betreue ich die Leute auch mal beim Training.

Wer nimmt an diesem Projekt derzeit teil?

Baumann: Es läuft sehr gut an. Wir haben fünf Läufer im Team und in der LAV ASICS Tübingen noch drei Athleten aus anderen Disziplinen – einen Werfer und zwei Sprinter – die von ASICS gefördert werden. Die Idee ist, diese Gruppe noch weiter zu verstärken. Wir wollen die Spitzenleute zusammenbringen und das eben auch im täglichen Training, so wie es aus Afrika selbstverständlich ist.

Also ein System, das Sie aus Afrika importiert haben?

Baumann: Ich habe während meiner Karriere immer versucht, in Gruppen zu trainieren. Das Problem war dann allerdings, dass ich zu gut wurde und schließlich nicht immer den Benefit aus der Gruppendynamik in Deutschland schöpfen konnte. Deshalb habe ich mir später meine Trainingspartner auch in Kenia gesucht. Die Idee des Gruppentrainings war immer da, zieht sich immer wieder durch die Leichtathletik. Wir versuchen nun, mit dem ASICS-Laufteam Tübingen, dem Ganzen einen professionellen Rahmen zu geben.

Gruppentraining wird es auch vorher in Tübinger gegeben haben. Durch was unterscheidet sich das neue Laufteam?

Baumann: Der Hauptunterschied ist der, dass ich mit ASICS einen kompetenten Partner gefunden habe. Das ist sehr wesentlich, denn bei so einem Projekt muss auch der finanzielle Rahmen abgedeckt sein. Es entstehen einfach Kosten, wenn man beispielsweise mit sechs Leuten zu einem Trainingslager nach Portugal fährt. Gleichzeitig ermöglicht die Partnerschaft zu ASICS zumindest eine gewisse Aufwandsentschädigung für die Sportler, denn das Team ist natürlich noch weit davon entfernt, das große Geld im Sport zu verdienen.

Welche Erwartungen haben Sie für die kommenden Jahre? Was wäre eine ideale Entwicklungskurve?

Baumann: Im Idealfall hätte ich noch gern ein paar Athleten mehr.

Baumanns öffentliche Stellenausschreibung?

Baumann: (lacht) ... könnte man so bezeichnen. Also ich würde mir junge Athleten zwischen 18 und 20 Jahren wünschen, die man formen kann. Aber auch erfahrene Athleten im Top-Leistungsbereich, zu denen die Jungen aufschauen können. Ich denke, dass diese Mischung aus erfahrenen Sportlern und dem Nachwuchs sehr wichtig ist. Die Jüngeren brauchen solche Leitfiguren. Eine Rolle, die ich 18 Jahre eingenommen habe. Aber das müssen nun andere tun.

Neben diesen Strukturwünschen werden die sportlichen Ziele sicherlich auch durch den sportlichen Erfolg auf internationalem Niveau definiert.

Baumann: Ja, das stimmt. Die Qualifikation für Großveranstaltungen ist eigentlich die Grundvoraussetzung, dass man solche Anstrengungen unternimmt. Und so ist die Zielsetzung ganz klar, dass sich Athleten aus diesem Projekt mittelfristig auch für die großen Meisterschaften qualifizieren, sich hier und da auch in einem Endlauf festbeißen und eine gute Platzierung erzielen.

Was bedeutet in Ihrem Verständnis der Begriff "mittelfristig"?

Baumann: Mittelfristig bedeutet für mich innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre.

Sehen Sie bereits junge Athleten, die das Zeug dafür haben, sich innerhalb dieser Zeitspanne für internationale Wettkämpfe zu qualifizieren?

Baumann: Ich glaube, dass wir in Deutschland genügend Talente haben. Warum sollen es denn weniger sein als früher? Ich sehe in vielen Sportlern das Potenzial. Aber es kommt natürlich immer darauf an, dass die Leute das auch für sich selbst erkennen. Man kann von außen noch so oft einwirken und motivieren: wenn die Motivation bei den Talenten nicht von ihnen selbst kommt, wenn die Leute nicht verrückt genug sind, diesen Weg zu gehen, dann kann man als Trainer oder Betreuer eigentlich nur rudimentär Einfluss ausüben.

Ist das Projekt der LAV ASICS Tübingen womöglich ein Beleg einer nicht ausreichend entwickelten Sportförderstruktur in der deutschen Leichtathletik? Also ein Projekt als Hilfe zur Selbsthilfe?

Baumann: Nein, ist es nicht. Ich verstehe Verbände nicht als alleinige Verantwortliche der Sportförderung und Nachwuchsarbeit. Im Gegenteil, ich persönlich bin der Meinung, dass Nachwuchsarbeit ganz unten in den Vereinen beginnen muss und so mache ich Talentfindung und -sichtung bei den Vereinen fest. Diese Aufgabe übernehmen wir in dem ASICS-Laufteam nicht, denn eine Sichtung findet bei uns nicht mehr statt. Unsere Aufgabe wäre auch viel zu weit gefasst, wenn wir schon 14-15-Jährige mit dem Ziel aufnehmen würden, sie an die Weltspitze heranzuführen. Wir konzentrieren uns darauf, mit Talenten zu arbeiten und die sind in der Regel 18 oder 19 Jahre alt.

Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit Sie und Isabelle jemanden in das ASICS-Laufteam Tübingen aufnehmen?

Baumann: Die persönliche Entscheidung, wohin er will, muss dem jungen Sportler klar sein. Wenn jemand weiterkommen will, muss er sich irgendwann die Frage stellen: "Komme ich da, wo ich jetzt bin, weiter oder muss ich etwas verändern?" Wir werden sicherlich nicht durch Deutschland tingeln und Athleten ansprechen. Die Leute kommen von allein und die, die kommen, wissen, welchen Weg sie gehen wollen. In die LAV ASICS Tübingen kann eintreten wer will. Aber Isabelle und ich werden entscheiden, ob der Athlet dann auch geeignet ist, von uns im Team so intensiv betreut zu werden. Wir sind keine Sozialstation, das ist der Leistungssport sowieso nicht.

Aktuelles ASICS Laufteam Tübingen
Wolfram Müller, 1500m
Filmon Ghirmai, 3000m Hindernis
Kerstin Werner, 800m/1500m
Christian Atz, 800m
Thorsten Gombert, 5000m

Weitere Perspektiv-Athleten innerhalb der LAV ASICS Tübingen
Stefan Wenk Speerwurf
Peter Rapp, Weitsprung/110m Hürden
Marius Broening, 100m/200m

Die Zeit ist reif

Wie ist es zu der Entscheidung gekommen, sich aus vom aktiven Wettkampfsport zu verabschieden und die erfolgreiche Karriere gerade in dieser Phase zu beenden?

Baumann: So eine Entscheidung trifft man nicht aus dem Bauch heraus und hat im Prinzip mit dem Abschneiden bei einem Wettbewerb nichts zu tun. Es ist eine Entscheidung, die man nicht in einem Augenblick fällt, sondern eine, die reift. Und ich weiß, dass diese Entscheidung bereits während des Trainingslagers in Kenia im Januar zu reifen begann. Dort ist eine alte Verletzung wieder ausgebrochen, die mich während der gesamten Saison begleitet hat. Ich musste feststellen, dass ich mich in einem Stadium befinde, in dem ich die Verletzungen nicht mehr so wegstecke wie ich das vielleicht vor ein paar Jahren getan habe. Ich habe gemerkt, hoppla, diese Verletzung ist anders und ich muss auch anders damit umgehen. Es kommt die Alterskomponente dazu, denn als junger Athlet ist es doch eigentlich kein Problem, weil man die Zeit hat, das auszukurieren und dann wieder einzusteigen. Und mir war schon klar, dass ich in meinem Alter diese Zeit nicht mehr habe, einfach ein halbes Jahr auszusetzen.

18 Jahre Hochleistungssport, viele Höhen, einige Tiefen. Haben Sie sich Ihren Rücktritt von der sportlichen Bühne so vorgestellt?

Baumann: Im Grunde genommen habe ich mir das immer folgender Maßen vorgestellt: Als junger Athlet hat man begonnen, hat den ersten Schülerwettkampf gewonnen, hat weitere Erfolge gefeiert, es lief ganz gut und wurde besser und besser. Irgendwann war man dann Mitglied der Leichtathletik-Familie und hat seine Karriere weiterentwickelt. Ich habe immer gedacht, dass es auch schön wäre, so auszusteigen: Man macht ein paar Rennen, startet bei weiteren Rennen und irgendwann merkt der Zuschauer gar nicht mehr, ob es den Baumann nun gibt oder nicht. Man löst sich wieder in Luft auf, so wie man auch gekommen ist. In meinem Fall ist das natürlich sehr schwierig, weil ich bekannt bin und der Fokus auf mich gerichtet ist. Daher wähle ich jetzt diesen Weg zu sagen: Mein Abschied ist beim Lauf in Tübingen, weil es meine Heimatstadt ist.

Trotzdem wird der Rücktritt für viele überraschend sein.

Baumann: Ich habe nach Paris noch mal versucht, für meinen Start beim Marathon in New York ins Training zu kommen. Aber ich merke, dass ich keinen Schwung mehr habe. Ich finde einfach keinen Tritt mehr und merke, dass ich die Vorbereitung, wie ich sie für New York geplant hatte, nicht mehr machen kann. Deshalb habe ich mich auch entschieden, New York nicht zu laufen, mit der Konsequenz, gar nicht erst in die Vorbereitung für nächstes Jahr zu gehen.

Für Sie scheint diese Entscheidung gar nicht mal so überraschend zu klingen wie es sicherlich für das Gros der Fans sein dürfte.

Baumann: Man muss das doch mal relativieren. Es wurde immer sehr viel in den Medien darüber spekuliert, wann Dieter Baumann seinen Rücktritt bekannt geben wird. Bei jedem Wettkampf, der einigermaßen gut lief, hat man geglaubt, jetzt würde ich die Gunst der Stunde nutzen und mich verabschieden. Und als es ganz schlecht lief, wie in Paris hat auch jeder gesagt, "jetzt reicht es aber, und er tritt zurück".

War denn Paris nicht doch der entscheidende Tropfen, der das Faß zum Überlaufen gebracht hat?

Baumann: Nein. Ich will das nicht an einem Wettkampf festmachen, denn so einen Entschluss trifft man nicht über Nacht. Aber an Ihrer Frage ist etwas Wahres dran, denn wenn man sagt "der Tropfen zum Überlaufen", sieht man doch schon, dass es nicht mehr viel gebraucht hat. Die Form in Paris stand in keinem Verhältnis zu meiner Vorbereitung und den guten Ergebnissen von Berlin und Zürich.

Ich habe in diesem Jahr für meine Verhältnisse sehr viel trainiert und sehr viel gearbeitet. Nur wenn ich dann sehe, dass der Ertrag nicht meine eigenen Erwartungen erfüllt, bin ich mittlerweile bedingt durch mein Alter und meine Erfahrungen in der Position, wo ich sagen kann: "Leute, die Zeit ist da!". Diese Erkenntnis ist weit wichtiger als das Ergebnis eines einzelnen Rennens.

Trotzdem haben Sie im Vorfeld einige Erwartungen geschürt. Glauben Sie nicht, dass Sie mit Ihrem Rücktritt heute auch viele enttäuschen werden?

Baumann: Also zunächst enttäusche ich mich doch selbst. Aber ich habe selbstverständlich auch mit den Organisatoren in New York telefoniert, die mich gebeten haben, meine Entscheidung zu überdenken, schließlich seien noch zwei Monate Zeit. Für mich ist aber der eigene Anspruch das Entscheidende. Noch vor einiger Zeit hätte ich gesagt, es ist alles auf dem richtigen Weg. Aber bei mir ist inzwischen der Faden in der Vorbereitung gerissen. Ich bräuchte nun sehr lang, diesen Faden wieder aufzunehmen. Diese Zeit habe ich nicht. Was New York angeht, es geht mir nicht allein darum, Marathon zu laufen, sondern darum, vorne mitzulaufen. Dieses Ziel hatte ich mir gesetzt. Ich bin nicht bereit, mich mit einer Zeit von 2:20 h zufrieden zu geben. Es gibt für mich da keine Zwischentöne.

Ein großer Sportsmann tritt ab. Die Leichtathletik verliert eines ihrer Aushängeschilder. Wie möchten Sie in Erinnerung bleiben?

Baumann: (lacht) Also ich sterbe ja nicht, ich lebe ja noch. Nein, im Ernst, ich habe die Hoffnung, dass man mich respektiert, wie ich bin. Ich denke, dass ich niemandem etwas Böses getan habe. Ich hoffe, dass der ein oder andere durch meine Wettkämpfe schöne Momente hatte. Ich hatte sie in jedem Fall und ich möchte nichts von dem missen, was ich in den 18 Jahren Hochleistungssport erlebt habe.

Wenn es um Laufsport in Deutschland geht, kommt man an Dieter Baumann nicht vorbei. Wird das auch nach Ihrem Karriereende so bleiben?

Baumann: Ich höre ja nicht mit dem Laufen auf, sondern nur mit den Wettkämpfen. Natürlich werde ich weiter laufen. Ich werde es mir doch nicht nehmen lassen, bei dem ein oder anderen kleineren Lauf vorne in der ersten Reihe zu stehen. Wenn ich Lust habe, einen Halbmarathon oder einen Zehner zu laufen, dann mache ich das. Der Unterschied zu vorher ist, dass ich ihn natürlich anders laufen werde, als man das bislang von mir gewohnt ist. Das werden für mich Erlebnisläufe sein. Darüber hinaus bin ich seit 12 Jahren bei ASICS, die ja nun genauso für das Laufen stehen. Zusammen mit meinem langjährigen Ausrüstungspartner möchte ich das Thema Laufen weiterentwickeln.

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