Startnummern am stillen Örtchen

von Christian Werth

Eine Ultraläuferin aus der Nähe von Kaiserslautern erzählte mir neulich von ihrer ganz besonderen Sammelstätte, die sich am stillen Örtchen ihres Hauses befinden würde. Neugierig geworden stattete ich ihr kurzerhand einen Besuch ab und entdeckte beim Betreten des Gäste-WCs schließlich die Ausmaße drei Jahrzehnte langer Laufleidenschaft. Der rund 3m² große Raum war komplett mit Startnummern tapeziert. Sogar an der Decke klebte Nummernzettel an Nummernzettel. Ja sogar der Toilettendeckel war unter einer ovalen Glasplatte mit Startberechtigungen dekoriert. Geflasht vom kleinen Startnummern-Museum begutachtete ich die unzähligen Lauferinnerungen und staunte nicht schlecht über die innovative Idee.

Von längst vergessenen Laufveranstaltungen über Laufklassiker, internationalen Wettkämpfen bis hin zu jüngeren Events war alles dabei, fixiert mit ganz normalem Tapetenkleister. So hing eine Nummer des einstigen Höchst-Marathons Seite an Seite neben den Startberechtigungen von Rennsteiglauf, Biel, New York, Comrades, Röntgenlauf und Frankfurter Silvesterlauf. Eine bestimmte Anordnung gebe es nicht, bestätigte mir die Lauffreundin. So sei weder nach Größe, Farbe und Papierart noch nach Datum, Ort oder Streckenlänge sortiert worden. Auch die Tatsache, dass eine Startberechtigung des einstigen Bielefeld-Marathons den Toilettendeckel ziert, sei reiner Zufall, versicherte mir die Pfälzerin. Bunt durcheinander gemixt ergibt sich ein erstaunlich harmonisches Gesamtbild, das das imposante Zahlen-Wirrwarr fast schon logisch daherkommen lässt und einem künstlerischen Meisterwerk gleichkommt. Während die ganz alten Startnummern eher klein und schlicht sind und in den meisten Fällen ohne Sponsoren-Logo auskommen, stechen vor allem die besonders großen Nummern neuerer Veranstaltungen, aber auch die prächtigen Farben besonders markanter Sponsoren hervor. Das knallige Rot-Gelb von Shell, das frische Grün von Fujifilm sowie der pralle Coca-Cola-Schriftzug fallen besonders auf. Während die alten Schwarz-Weiß-Nummern noch aus Papier sind, zeichnen sich die neueren durch ihre regenfeste Synthetik-Oberfläche aus. Dass die Tapete an manchen Stellen ein Stückchen uneben ist, liegt am Chip hinter der Nummer.

 

Da kaum Tageslicht in den Raum kommt, sind die Nummern immerhin auch vor der Sonne geschützt. Nicht aber vor Gestank, Feuchtigkeit und der Tatsache, dass sie irgendwann zwangsläufig auch wieder abgerissen und somit zerstört werden müssen, dachte ich. Schließlich gibt es viele Startnummern-Sammler, die ihre Startberechtigungen wie ihren Augapfel hüten und feinsäuberlich in Klarsichthüllen archivieren, einscannen oder sogar mit Veranstaltungsangaben wie Lauf, Datum, Strecke, Wetter und persönlichem Ergebnis versehen.

Neulich hatte ich bei einem kleinen Volkslauf einen Zwist zwischen einem Teilnehmer und dem Veranstalter miterlebt, bei dem es um die Rückforderung einer Nummer ging. Während der Läufer die je nach Ausfertigung zwischen 2 und 4 Euro teure Startnummer im Zielkanal von mehreren Helfern förmlich entrissen bekam, protestierte der verdutzte Teilnehmer, dass er die sammele und schließlich indirekt dafür bezahlt habe. Meine Lauffreundin habe jedoch nie um eine Startnummer kämpfen müssen. Dabei seien die "Toiletten-Nummern" gar nicht mal ihre einzigen, da sich auf dem Speicher sogar bestimmt noch doppelt so viele befänden, verriet die Ultrafrau. Für Vorrat ist also gesorgt, falls einmal ein Umzug anstehen sollte.

So kann man bei der Verrichtung seines Geschäfts stets in alten Erinnerungen schwelgen. Schließlich hat jede Startnummer seine eigene Geschichte, die je nach dem zwischen 3 und 100 km lang ist. Während man viele, zumeist ältere Veranstaltungen mit Top-Leistungen verbinde und in vielen Fällen sogar noch die dazugehörigen Zeiten im Kopf habe, verbinde man andere mit einer ganz besonderen Atmosphäre oder aber auch mit prägenden Begegnungen, erzählte die Sammlerin. Natürlich gebe es auch Nummern, die einem gar nichts sagen oder auch welche, die man ob der miserablen Leistung am liebsten vergessen oder sogar abreißen wolle. Ich verwies spontan auf die Idee, die doch auch als Toilettenpapier nutzen zu können.

 

Dann sollte man sich jedoch auf die alten beschränken, die wenigstens noch aus Papier und bestimmt deutlich angenehmer auf der Haut seien als die Kunststoffnummer, zeigte sich die stolze "Museums-Besitzerin" schlagfertig. Allerdings sei es sogar schon vorgekommen, dass Gäste während des Stuhlgangs zum Zeitvertreib Quersummen gebildet hätten oder stolz verkündeten, welche Nummern denn noch fehlen würden, berichtete sie schmunzelnd. In der Tat seien erstaunlich viele Zahlen vorhanden und würden die Idee einer eigenen Laufveranstaltung unter Verwendung des Sammelguts nahelegen.

Jetzt sprudelte auch meine Kreativität, indem ich der Hausherrin vorschlug, doch zukünftig jeden Gast mit einem Zeitmessdetektor auszustatten. Schließlich seien genügend Nummern mit integriertem Chip vorhanden und könnten dann mit entsprechender Zählvorrichtung bei jedem Toilettengang die Anzahl der Nutzung festhalten. Oder bei Aktivierung einer im Eingangsbereich gelegenen Nummer sogar die Dauer des Geschäfts, legte ich nach. Nach eher spärlicher Begeisterung offenbarte mir die Lauffreundin, dass sie bei einer kleineren Laufveranstaltung im Rheinland sogar schon mal Ähnliches erlebt habe. Dort hätte der Veranstalter eine Detektorenmatte übrig gehabt und kurzerhand an die Eingangspforte des Toilettenhäuschens gelegt, verblüffte mich die Pfälzerin. So hätte man hier aus Jux jeden registriert, der kurz vor dem Start mit bereits angehefteter Startnummer das stille Örtchen besucht habe. Mit nie für möglich gehaltenen Erkenntnissen, zu was eine Startnummer nicht alles taugen kann, trat ich den Heimweg an.

Beitrag von Christian Werth
Fotos: Christian Werth

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