Wer ist hier der Profi?

von Christian Werth

So manch einem Laufprofi würde man sich eine ganze Portion mehr Perfektionismus wünschen. Schließlich tritt grade die professionelle Läuferzunft immer wieder durch schlampige Vorbereitungen oder durch taktische Fehler innerhalb des Wettkampfs in Erscheinung. Dass perfektionistisches Denken bei Läufern häufig auf der Strecke bleibt, haben auch die vergangenen zwölf Monate einmal mehr unter Beweis gestellt. Als Mutter aller Fauxpas ist hier sicherlich Eliud Kipchoges "Flügellauf" von Berlin zu nennen, der es vor seinem Saisonhöhepunkt offensichtlich nicht für nötig hielt, seine Einlegesohlen einzulaufen oder sie einfach nur auszuprobieren. Dass die Sohlen dann zu seiner eigenen Überraschung rausrutschten, während des gesamten Laufs flügelartig zur Seite abstanden und womöglich einen neuen Weltrekord verhinderten, quittierte er im Ziel nicht etwa mit schüchterner Demut, sondern indem er sie breit grinsend in die Kamera hielt. Die Schattenseiten des "unbekümmerten Laufens" erlebt man bei großen Marathons grade von afrikanischen Läufern immer wieder, sei es in Form von unzureichender Streckenbesichtigung und seinen schwerwiegenden Folgen - zuletzt beim Wien-Marathon zu beobachten - durch Verweigerung der Ideallinie in Kurven oder sogar Zickzack-Einlagen, durch Verzicht auf das Üben der Trinkflaschen-Aufnahme sowie auch durch unzulängliche Taktikentscheidungen wie ein viel zu schnelles "Angehen" oder sich selbst kaputt laufende Zwischensprints. So waren selbst die letzten drei Weltrekordrennen allesamt unrhythmisch und hätten die kenianischen Profis bei gleichmäßigerem Tempo wohl zu noch mehr befähigt. Auch die jüngste Marathon-Panne, als im chinesischen Qingyuan an einem Verpflegungsstand mehrere Eliteläufer in ein Stück Seife anstatt in einen Energieriegel bissen und anschließend über Übelkeit und Kopfschmerzen klagten, ist letztlich einer unzureichenden Vorbereitung geschuldet. Solche Unzulänglichkeiten erlebt man im Profibereich immer wieder, könnte sich dies bei perfektionistisch veranlagten Altersklassenläufern wie Winfried Schmidt, Klemens Wittig oder Werner Beecker jedoch kaum vorstellen. Ein nicht eingelaufener Schuh wäre für diese stets verbissen, aber wohlgemerkt im Hobbybereich aktiven Athleten undenkbar. Der geringere, weil nicht existentielle Leistungsdruck der Senioren ist hierbei allerdings nicht zu unterschätzen. Hält man sich jedoch auch die Ausführungen zu Training und Rennvorbereitung - ersichtlich auf seiner Homepage - eines Arne Gabius vor Augen, wird deutlich, dass sich auch Laufprofi und Perfektionist gewiss nicht ausschließen müssen und erscheint einer der genannten Fauxpas bei Deutschlands Vorzeigeläufer wohl kaum im Bereich des Möglichen.

Allerdings darf man den Fehlerteufel längst nicht nur mit afrikanischen Läufern in Verbindung bringen. Dass Anna Hahner bei ihrer letztjährigen Normjagd durch eine wie ein Fallschirm wirkende Startnummer - übrigens ein grade am schmalen Frauenkörper nicht selten zu beobachtendes Phänomen - regelrecht ausgebremst worden war und dies in der letzten Rennhälfte wohl zu ihrem Tempoverlust beigetragen hatte, hätte durch eine perfekte Befestigung mit enganliegender Nummer sicherlich verhindert werden können. Auch auf der Bahn scheint der freie Läufergeist keinen Halt zu machen. Immer wieder bringen sich Läufer durch völlig falsche Renneinteilung - auch bei der vergangenen Hallen-WM mehrfach zu beobachten - oder durch zur Disqualifikation führende Rempler - man erinnere sich vor allem an die WM 2009 in Berlin - selbst um bessere Platzierungen. Auch geistige Aussetzer wie gegen die olympische Charta verstoßende Ziel-Liegestütze oder ein verfrühter Trikot-Striptease hat es schon gegeben. Im letzten Jahr diente die US-Amerikanerin Molly Huddle bei der WM über 10.000 m als Paradebeispiel, wie man sich selbst besiegen kann, indem sie kurz vor dem Ziel in Jubelpose austrudeln ließ und ihre Landsfrau Emily Infeld zur Überraschung aller doch noch vorbeisprinten ließ. Ähnliche Fälle hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben, obwohl man - zumindest hierzulande - doch eigentlich schon im Grundschulalter vom zuständigen Trainer "eingeimpft" bekommt, immer bis zum Zielstrich durchzulaufen und erst dann auszutrudeln - nicht nur bei Weltmeisterschaften, sondern schon bei Bundesjugendspielen.

Klar gibt es auch Fauxpas, für die man nichts kann - ein Ausrutschen auf der rutschigen Zielmatte, von hinten durch den Tritt eines Kontrahenten zu Fall zu kommen oder Opfer eines auf die Strecke stürmenden Fanatikers zu werden. Und natürlich passiert alles, was passieren kann, irgendwann und irgendwo auch nun mal und bleibt in Zeiten einer globalen Medialisierung auch immer seltener verborgen. Doch fällt hier die Häufigkeit bei Laufwettbewerben besonders auf und scheint sich von vielen anderen Sportarten zu unterscheiden. So liegt der Verdacht nahe, dass die besondere Anstrengung des Ausdauersportlers die Hauptursache für eine verminderte Denk- und Konzentrationsfähigkeit sein könnte und womöglich so manche Fehlentscheidung während eines Wettkampfs erklärt. Doch spricht dagegen, dass die läuferischen Fauxpas nicht bei Mittel- und Langstrecklern haltmachen, sondern den Sprint gleichermaßen betreffen. Obwohl man spontan gefragt sagen würde, dass man hierbei eigentlich gar nicht viel falsch machen kann, sei hier nur Szenenprimus Usain Bolt zu nennen: Von einem kapitalen Fehlstart, über einen Stolperer am Start, bis hin zum Lauf mit offenen Schnürsenkeln und einer Verletzung, weil er vergessen hatte sich ausreichend warm zu machen, ist schon alles dabei gewesen - und das etwa nicht bei den Stadtmeisterschaften von Kingston, sondern auf der Weltbühne des Sports.

Also ist es etwa ein allgemeines Läuferproblem? Liegt es vielleicht daran, dass es sich beim Laufen um eine urfreiheitliche Sportart handelt, bei der man auch ohne Training, ohne Vorerfahrung und ohne besonderes Material einfach drauflos laufen kann. Im Gegensatz dazu erscheinen viele andere Sportarten als Perfektionisten-Betätigung. Allen voran die Triathleten, die penibelst ihre Strecken besichtigen, fast schon zeremoniell ihre Wechselzonen vorbereiten und bei der noch so sehr ins Detail gehenden Materialwahl nichts dem Zufall überlassen. Auch von anderen Ausdauersportlern wie Schwimmern, Radfahrern oder Eisschnellläufern, die keinen Zentimeter Bewegung dem Zufall überlassen und für gewöhnlich kein Haar an der falschen Stelle lassen, kennt man die perfektionistische Haltung zu ihrem Sport und lassen beispielsweise Fehlstarts trotz der enormen Anspannung Seltenheitswert haben. Allen voran auch die Tennisspieler, die in ihrem fanatischen Perfektionismus schon ins Abergläubische abrutschen, ihre Handtücher an der immer exakt gleichen Stelle positionieren, ihre Trinklaschen immer im gleichen Abstand zueinander aufstellen, keine Linien berühren oder den Balljungen darauf hinweisen, dass er zehn Zentimeter zu weit rechts steht. Bleibt die Frage, ob dem Laufsport wohl der Perfektionismus eines Triathleten oder Tennisspieler gut täte? Oder ist etwa grade die vogelfreie, konventionsferne Unbekümmertheit der Schlüssel zum Läufererfolg? Und führt eine zu perfektionistische Haltung womöglich sogar zu leistungshemmender Verbissenheit?

Beitrag von Christian Werth

Zu weiteren Beiträgen der Rubrik UNTERHALTUNG

Zu aktuellen Inhalten im LaufReport HIER

© copyright Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de Redaktion (Adresse im IMPRESSUM) unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.