Anruf in der Laufprovinz

von Christian Werth

Als Veranstalter einer kleinen Laufveranstaltung im Rheinland hat man im Laufe der Jahre schon Vieles angeboten bekommen: Startnummern, Zeitmessdienste, Fotoservices und vor allem Eintragungen auf irgendwelchen Onlineplattformen. Doch die jüngste aller Offerten kam dann doch unerwartet und lockte zwei Tage vor dem Lauf mit Menpower aus Äthiopien und der Ukraine. Ein Mann hatte angerufen und pries in schlecht verständlichem Deutsch wie bei einem günstigen Restpostenverkauf "Ganze schnelle Läufer" an, nannte mir irgendwelche mir unbekannten Namen und ergänzte, dass sie 28er-Zeiten laufen könnten und irgendwelche Wettbewerbe in Prag, Warschau und Sofia gewonnen hätten.

Überrascht, aber höflich antworte ich, dass wir uns selbstverständlich über jeden Läufer, egal welcher Nationalität, freuen würden. Doch wie es kommen musste, folgte nun nicht unerwartet die Frage nach Preisgeldern. "Wie viel Geld für Sieg?", lautete der Wortlaut an der Stelle des Informationsanrufs, an der Teilnehmer im Normalfall nachfragen, ob die Strecke amtlich vermessen sei, wo man denn parken könne oder ob es Duschen gebe. "Die drei erstplatzierten Männer und Frauen des Hauptlaufs erhalten attraktive Sachpreise, wobei die beiden Sieger einen Einkaufsgutschein für den regionalen Handel bekommen", informierte ich. Doch diese Antwort schien dem ungewöhnlichen Anrufer gar nicht zu gefallen und ließ ihn - sich wohl auf die Information auf unserer Homepage beziehend - nun das Thema Streckenrekord ins Spiel bringen. Dort ist zu lesen, dass eine Verbesserung von 31:40 min bei den Männern und 36:23 min bei den Frauen mit einer Rekordprämie in Höhe von 100 Euro verbunden ist. "300 Euro für Zeit unter 30 Minuten?", folgte als unvermeidliche Nachfrage. "Wir haben die Prämie bewusst auf 100 Euro begrenzt, weil es lediglich um einen kleinen Ansporn für regionale Läufer handeln soll", begegnete ich dem immer ungeduldigeren Manager.

Doch auch damit nicht genug. "Was mit Startprämie?", fragte er nun, wobei ich mir nicht sicher war, ob er Startprämie oder Starprämie gesagt hatte, was jedoch so oder so mit dem gleichen Anliegen verbunden gewesen wäre. "Startprämien vergeben wir grundsätzlich nicht. Überhaupt spielen die gelaufenen Zeiten bei uns nur eine untergeordnete Rolle", erklärte ich und ergänzte, dass es sich um eine kleine, familiäre Veranstaltung mit Schwerpunkt Nachwuchsläufern handele und dass es Sonderpreise nur für die größte Teilnehmergruppe sowie die weiteste Anreise gebe. Am liebsten hätte ich diese Ausführungen noch damit ergänzt, dass es von unseren Zuschauern kaum jemanden interessieren dürfte, welche Zeiten gelaufen werden und dass wir Startprämien statt an Laufsöldner viel lieber an besondere Teilnehmer vergeben würden. So hätte dies beispielsweise ein Neuling, der seinen allerersten Lauf bestreitet, sicherlich mehr verdient. Ebenso ein 80-jähriger Laufveteran, der seinem Sport auch nach mehreren Jahrzehnten die Treue hält oder sicher auch ein behindertes Kind, das seinen Handikaps trotzt und für seine Teilnahme einen abgeschlagenen letzten Platz in Kauf nimmt.

Auch wenn ich mir letzteren Gedankenaustausch verkniff, gab der hartnäckige Athletenvermittler nun auf, raunte seine Enttäuschung in den Hörer und legte schließlich ohne sich zu verabschieden auf. Wenige Tage später las ich von einem der angepriesenen, ukrainischen Namen als Sieger und neuen Streckenrekordler eines ähnlich kleinen Laufs in der Nachbarstadt, wo der Gewinner traditionell eine halbe Goldunze und für einen neuen Streckenrekord weitere 200 Euro erhält. Der dortige Veranstalter berichtete mir später, dass auch er von erwähntem Manager angerufen worden sei. Verabschiedet worden sei er allerdings deutlich freundlicher, was zweifelsfrei an der monetäreren Willkommenskultur gelegen haben dürfte. "Ein guter Freund hat uns den Tipp gegeben, hier zu laufen. Es hat großen Spaß gemacht mitzumachen. Eine sehr schöne Stadt, in die wir im nächsten Jahr gerne wiederkommen", wurde der Manager des reich beschenkten Siegers in der Lokalzeitung sprachlich bereinigt zitiert und als kulturinteressierter Gast gefeiert. Während sich die Presse auf das scheinbar Außergewöhnliche stürzte und einen vermeintlich extra 1.900 km aus Kiew angereisten Sportler in ihren Fokus nahm, schaute der Zweitplatzierte in die Röhre. Der junge Student aus der Region musste sich als zweiter Sieger mit einem Handtuch und einer Packung Schweißbänder zufrieden geben. Auch er hatte übrigens zuvor angerufen: Es ging um die Nutzung der Umkleidekabinen.

Beitrag von Christian Werth

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