226 km zu meinen Gefühlen

von Christian Werth

Das Trauerbändchen trieft. Der Puls rast - die Gedanken ebenso. Dehnen, Wassergewöhnung und Einschwimmen sind erledigt. Der Körper fühlt sich gut an - die Psyche nicht. Wie in Trance blicke ich an meinem Körper herunter. Angespannt starre ich auf meine tropfende Gedenkschleife, die ich zuvor an meinen Oberarm gebunden habe. Ich bin komplett bei mir und vergesse für kurze Zeit den ganzen Trubel um mich herum. Ich bin voller Unruhe. Unzählige Gedanken schießen mir durch den Kopf. Meine Lieben gucken gespannt zu mir herüber, winken mir zu, um mir Mut zu machen. Vor allem Cornelia ist trotz der fröhlichen Fassade anzumerken, dass sie sich um mich sorgt. Ich versuche meine Anspannung zu überspielen und lächele den Dreien gezwungen zu.

Mutter will mir nicht aus dem Kopf gehen. Wieder mal stelle ich mir die Frage, ob es richtig ist, zu starten. Schließlich ist Mutter erst gestern von uns gegangen. Doch sofort beruhige ich mein aufgewühltes Gewissen mit der Einschätzung, dass sie es bestimmt gewollt hätte, dass ich starte. Schließlich hatte sie mein Training und meine Vorbereitungen stets mit großer Freude verfolgt und war immer stolz auf meine sportlichen Ambitionen. Ich weiß, dass meine Familie hinter der Entscheidung steht. Nach der plötzlichen Todesnachricht hatten wir sofort einen Familienrat einberufen. Cornelia, Felix und Lisa hatten mich von vornherein in meinen Startabsichten bestärkt. Wie es der Zufall so wollte, hatte ich noch vor einem Monat die Biographie von Chris McCormack gelesen. Er hatte das Gleiche erlebt, musste nur wenige Tage vor einem wichtigen Rennen den Tod seiner Mutter verkraften. Auch er war gestartet, hatte sich genauso entschieden wie ich.

 

Der Fühlinger See wirkt ruhig und idyllisch. Ich nehme erneut wahr, wie schnell mein Puls schlägt - eigentlich zu schnell. Hoffentlich schaffe ich es. Ich weiß, dass es vor allem mental eine Herausforderung werden wird. Hinzu kommen die körperlichen Unwägbarkeiten - diese Kombination macht es so schwer. Eigentlich denkbar schlechte Voraussetzungen für den ersten Ironman meines Lebens, überlege ich. Hoffentlich packe ich es. Nicht dass die Ereignisse ein Wink des Schicksals waren, eine Art Vorwarnung, nicht an den Start zu gehen, schießt es mir durch den Kopf.

Mir ist bewusst, dass es ein Risiko ist - besonders unter diesen Voraussetzungen. Ich versuche die negativen Gedanken wegzuwischen und mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren. Schließlich bin ich gut vorbereitet, habe acht Monate lang hart trainiert.

Doch wieder kommen negative Gedanken in mir hoch. Nicht dass sie nach ihrer Oma auch noch den Ehemann und Vater verlieren, kommt es mir in den Sinn. Schließlich kann viel passieren, vor allem beim Schwimmen. Ich ermahne mich ruhig zu bleiben. Hoffentlich kein Krampf wie neulich im Training. Hoffentlich ist mit meinem Herz-Kreislauf-System alles in Ordnung - völlige Gewissheit gibt es leider nicht. Nicht umsonst sterben bei einem Ironman 90 Prozent der Todesopfer beim Schwimmen. Meine Güte - beruhige dich. Es ist schließlich nur ein Triathlon und keine Weltraum-Expedition, besänftige ich mich. Ich besinne mich auf meine gewissenhafte Vorbereitung, lasse mir, wie viele Male mit meinem Trainer besprochen, durch den Kopf gehen, worauf es ankommt. Ruhig bleiben, ruhig atmen, auf die Technik achten, aus allem Gedränge raushalten, außen bleiben und einen längeren Weg in Kauf nehmen. Hoffentlich erwischt mich keiner mit Schlägen oder Tritten. Schließlich ist die Situation neu. Einen solchen Massenstart konnte ich nun mal im Vorfeld nicht üben.

Der Starter zählt herunter. Ein letzter Blick zur Familie. Ein Lächeln meiner drei Liebsten. Alle Drei heben den Daumen, eine Kusshand von Cornelia. Hoffentlich geht alles gut. Peng - es geht los. Startsprung gemeinsam mit 500 anderen Ironman. Fast alle erfahren, ich als einer der wenigen ein Rookie. Ein riesiges Gedränge und Gewühl um die Positionen, hinten geht es ruhiger zu. Es läuft gut. Ich bin im Tunnel, bin hochkonzentriert. Ich nehme einen längeren Weg in Kauf, zwinge mich, nicht zu schnell zu schwimmen, obwohl ich mich im hinteren Teil des Feldes befinde. Die Traumvorstellung, vielleicht ja doch im vorderen Drittel mithalten zu können, früh geplatzt - aber egal, Hauptsache ankommen, schließlich bin ich Neuling. 3,8 km sind lang. Erst zweimal bin ich eine solche Distanz geschwommen, allerdings im ruhigen, wohl temperierten Hallenbad. Ich konzentriere mich auf die Atmung, versuche im Rhythmus zu bleiben und den Puls nicht zu hoch zu treiben. Ich denke nicht viel. Einfach nur weiter, immer weiter.

Das Ufer nähert sich, wenn auch langsam. Jetzt weiß ich, dass ich es schaffe. Ich beschleunige noch mal und mache viele Positionen gut. Schließlich besteht die Gefahr, es nicht zu schaffen, nicht mehr. Ich bin wieder an Land, bin erleichtert. Die erste von drei Prüfungen ist bestanden. Ich steige vorsichtig aus dem Wasser, laufe schnellen Schrittes an den dichten Zuschauerreihen vorbei. Suchenden Blickes halte ich nach meinen Lieben Ausschau. Wo sind sie bloß, habe ich sie schon verpasst? Plötzlich höre ich "Ralf, du schaffst das", und erspähe sie am Rand. Ein kurzes Lächeln, Daumen nach oben, und es geht weiter. Als guter Läufer mache ich auf dem Weg zur Wechselzone unzählige Positionen gut. Ich fühle mich frisch, das Schwimmen habe ich offensichtlich gut verkraftet. Eigentlich geht es ja nur ums Ankommen, sage ich mir. Aber insgeheim ist mir das zu wenig. Ich will schließlich doch schon so schnell wie möglich sein. Ich finde mein Rad sofort. Beim Wechsel lasse ich mir, wie mit meinem Trainer besprochen, reichlich Zeit. Bloß nichts vergessen. Ich bin hochkonzentriert, tue alles mit Bedacht. Alles läuft reibungslos. Der zweite Teil meines Abenteuers kann beginnen.

Ich schnappe mir mein Rad, schiebe es schwungvoll über die Rollsplitt-Passage und düse hinter der weißen Linie los. Nach nur einem Kilometer rumpelt es. Das darf doch nicht wahr sein - der vordere Reifen ist platt. Ich will es kaum wahrhaben, schaue nochmals genau hin. Welch ein Pech - es ist wirklich ein Reifenschaden - und dass, wo ich noch gar nicht richtig losgefahren bin, noch 179 von 180 km vor mir habe. Es hilft alles nichts. Ich steige vom Rad, hole das Flickzeug hervor und beginne gewissenhaft mit der Reparatur, wie ich es zum Glück bei meinen Vorbereitungen geübt hatte.

 

Unzählige Leute fahren an mir vorbei, doch ich lasse mich nicht irritieren. Zum Glück ist es der Vorderreifen. Ich wundere mich über mich selbst, wie ruhig ich bleibe. Ich lasse mir Zeit. Was sind schon fünf Minuten, wenn man insgesamt mehr als zehn Stunden unterwegs ist, überlege ich. Fertig. Die Luft ist drin, alles hat gut geklappt. Ich schwinge mich auf mein Rad, nehme wieder Fahrt auf. Immer wieder begutachte ich das reparierte Laufrad, will es mit hypnotisiertem Blick regelrecht zum Dichthalten überreden. Es hält. Ich atme erleichtert durch.

Wieder wundere ich mich über meine Geduld, welch kühlen Kopf ich bewahrt habe. Früher wäre solch eine Panne anderes ausgegangen, denke ich. Früher war ich ein Heißsporn, hätte das Rad in den Straßengraben gepfeffert oder sogar jemand Anderes vom Rad gerissen und wäre damit weitergefahren. Offensichtlich habe ich mich verändert, bin ruhiger geworden, kann schwierige Situationen cooler meistern, sinniere ich. Vielleicht ist es aber auch nur das jüngst Erlebte. Denn wie kann man sich ernsthaft über solch eine Nichtigkeit wie eine Reifenpanne aufregen, wenn tags zuvor die eigene Mutter gestorben ist. Ich denke an sie. Sie wird mir fehlen. Es wird so schwer sein, damit klar zu kommen, dass sie nicht mehr da ist - schwerer als jeder Ironman.

Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, worauf es jetzt ankommt, versuche meinen Rhythmus zu finden. Ich bemühe mich, nicht zu überziehen. 180 km sind lang. Ich kontrolliere ständig mein Tempo und vor allem meinen Puls. 120 Schläge pro Minute - so soll es sein. Die Geschwindigkeit variiert im Flachen zwischen 33 und 35 km/h - absolut in Ordnung. Es läuft. Ich fahre mein eigenes Rennen, interessiere mich nicht dafür, dass mich viele Andere überholen. Ich überhole auch - die ganzen besseren Schwimmer und diejenigen, die auf dem ersten Rad-Kilometer mehr Glück hatten. Ich versuche meine Selbstironie zu verdrängen, will nicht mehr hadern. Schließlich spielt die Platzierung keine Rolle - einfach nur ankommen. Ein wenig zu schaffen macht mir der Wind. Die Strecke in Köln ist zwar überwiegend flach, aber auch windanfällig. Immerhin kühlt die steife Brise meinen überhitzten Körper ab, schließlich ist es heute richtig heiß. Wie mit meinem Trainer besprochen, beachte ich die regelmäßige Verpflegung. Ich beuge einem möglichen Hungerast vor und führe regelmäßig Energiegels zu mir - schließlich sind sechs Stunden Fahrtzeit sehr lang. Wenn erst mal ein Hungergefühl aufkommt, kann es schon zu spät sein, weiß ich. Auch das regelmäßige Trinken ist wichtig - vor allem angesichts der Hitze. Ich nehme die Gefahren ernst und trinke viel.

Wieder muss ich an Mutter denken und dass sie noch nicht einmal beerdigt ist. Dass steht mir noch bevor. Unglaublich, wie viel Gelegenheit man während des Radfahrens hat, nachzudenken, überlege ich. Ich komme vom Laufsport - da ist das anders. Ich passiere erneut den Fühlinger See - hier bin ich mit Mutter in den letzten Jahren oft spazieren gegangen. Auf dem Weg in die Innenstadt passiere ich meinen früheren Kindergarten, später meine Grundschule. Mutter hat mich stets gebracht, immer auf mich aufgepasst. Ich konnte mich immer auf sie verlassen. Jetzt schaut sie mir bestimmt von oben zu. Ich will es schaffen - auch für sie. Vorbei am Zoo - unzählige Male hat mich Mutter hierhin mitgenommen, mir schöne Stunden bereitet. Meine Güte - all diese Gedanken. Plötzlich merke ich, dass es nicht nur Schweiß ist, der mir über die Wangen läuft. Es sind Tränen. Eigentlich weine ich nicht, zuletzt als Kind vor mindestens 30 Jahren. Jetzt tue ich es, kann nichts dagegen machen.

 

Mann, ist das emotional - und das während eines Wettkampfs. Ich motiviere mich erneut, es für Mutter schaffen zu wollen. Nur noch eine Runde, nur noch 60 km. Ich fühle mich gut, mein Puls ist nach wie vor nur bei 125 Schlägen. Es ist mir sogar zu locker. Ich kann nicht anders, als das Tempo leicht zu erhöhen. Kein großes Risiko, denke ich - schließlich ist es ja nicht mehr weit. Der Ehrgeiz lässt mich weiterhin nach einer optimalen Endzeit streben. Ich versuche mich zu zügeln, wende die Tempospritze nur sanft an. Die Deutzer Brücke naht. Es ist nicht mehr weit.

Die Wechselzone am Rheinpark ist erreicht - auch hier bin ich oft mit Mutter spazieren gegangen, kommt mir spontan in den Sinn. Nun der zweite Wechsel. Ich versuche konzentriert zu bleiben, halte trotzdem nach meinen Lieben Ausschau. Da stehen sie. Sie strahlen mich an, geben mir erneut motivierende Worte mit auf den Weg. Schön, dass sie da sind. Ich lächele zurück, winke und sage ihnen, dass ich mich sehr gut fühle - auch wenn das ein wenig übertrieben ist. Schließlich schmerzen die Beine ganz schön, was ich vor allem in dem Moment merke, als ich vom Rad steige. Ich lasse mir Zeit, finde meinen Radplatz erstaunlich schnell. Die Laufschuhe sitzen. Der Wechsel verläuft ohne Probleme.

Ich bin erleichtert. Endlich runter vom Rad, endlich nicht mehr von der Technik abhängig sein, denke ich. Trotz Schmerzen bin ich optimistisch. Schließlich sind zwei von drei Prüfungen geschafft. Und jetzt folgt nur noch meine Spezialdisziplin. Laufen kann ich gut, bringe die Erfahrung von 15 Marathonläufen mit, bin immer ins Ziel gekommen. Allerdings ist es mein erster Marathon nach Vorbelastung - und die war nun mal nicht zu knapp. Doch ich bin gut vorbereitet, habe unzählige Einheiten des Koppeltrainings hinter mich gebracht. Meine Bestzeit von 3:12 h ist natürlich kein Thema. 3:45 h habe ich mir vorgenommen. Ich laufe recht zügig an, überhole unzählige Andere. Doch merke ich schnell, dass ich es nicht übertreiben sollte. Alles tut weh, die Muskulatur schmerzt immer mehr. Bloß nicht zu schnell - einfach ins Ziel kommen. Ich trinke nach wie vor viel, lasse mir dabei Zeit. Trotz aller Schmerzen ist der Halbmarathon erstaunlich schnell erreicht. Ich denke nicht viel - ganz im Gegensatz zum Radpart. Die Schmerzen sind einfach zu groß, um viel denken zu können.

Ich werde zunehmend langsamer, muss nun der Ironman-Distanz so richtig Tribut zollen. Die Zeit spielt immer weniger eine Rolle. Eine Minute Zeitverlust ist gar nichts mehr, wird mir bewusst. Bei Kilometer 25 spüre ich, dass sich meine Oberschenkelmuskulatur übermäßig anspannt - ein schmerzvoller Krampf. Ich muss erstmals gehen - ich befürchte, dass es nicht das letzte Mal gewesen ist. Nach einigen Gehmetern geht es wieder, ich laufe weiter. Doch schon 5 km später wieder Krämpfe - wie befürchtet. Nun lasse ich mir mehr Zeit, dehne mich ausgiebig, um die Probleme endlich in den Griff zu kriegen. Viele laufen an mir vorbei - jetzt bringt es mir gar nichts mehr, dass ich ein guter Läufer bin, sinniere ich. Der Krampf löst sich endlich. Es geht weiter - laufend. Doch der Kampf geht weiter, kommt mir trotz aller Probleme sogar noch ein Wortspiel in den Sinn. Ich muss weiter auf die Zähne beißen, habe nach wie vor starke Muskelschmerzen. Hauptsache ich bring das jetzt zuende, sage ich mir.

 

Ich erspähe die 35-km-Marke. Jetzt weiß ich, dass ich es schaffe. Die Marathon-Zeit wird wohl nur knapp unter 4 h liegen - vollkommen egal. Der Kölner Dom rückt jetzt bereits ins Blickfeld - vor drei Wochen waren wir hier noch gewesen, geht es mir durch den Kopf. Damals zu Fünft. Ich will nur noch ins Ziel - für meine drei Lieben und für Mutter. Sie wird stolz sein, denke ich. Hoffentlich kann sie das wahrnehmen. Ich biege ein letztes Mal auf die Deutzer Brücke, werde mir bewusst, dass 225 von 226 km geschafft sind. Von der einen auf die andere Sekunde sind alle Schmerzen vergessen. Ich laufe plötzlich locker und leichtfüßig, fühle mich wie ausgewechselt. Ich erreiche das Rheinufer, bin auf der Zielgeraden.

Ich habe es geschafft, bin total erleichtert - alles hat gutgegangen. Die Uhr zeigt 11:11:18 h, doch die Zeit spielt überhaupt keine Rolle mehr. Ich reiße die Arme in den Himmel - wieder Tränen. Ich bin vollkommen euphorisiert, denke wieder an Mutter.

Welch ein Hochgefühl, welch Emotionen, werde ich mir bewusst. Unmittelbar hinter der Zielmatte falle ich meinen Lieben in die Arme. Sie hatten sich extra für mich am Wachpersonal vorbeigeschmuggelt. Sie wundern sich über die Tränen, umarmen mich inniglich. Ich sehe, wie stolz sie sind, bin stolz auf sie. Unbeschreibliche Gefühle. Mein erster Ironman ist vollbracht - bestimmt nicht mein letzter, aber sicherlich mein emotionalster.

Beitrag von Christian Werth
Fotos: Christian Werth

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