Whitlock vor Kimetto

von Christian Werth

Weltrekordler Dennis Kimetto hat in Berlin im September zwar die schnellste Marathonzeit erzielt, aber nicht die hochwertigste. Nach der Umrechnungsformel der "World Masters Athletics", bei der die Marathonleistung ins Verhältnis zu einer theoretischen Hauptklassezeit gesetzt wird, ist nämlich nach wie vor der Kanadier Ed Whitlock vorn. Der 83-jährige Ingenieur, Jahrgang 1931, erzielte 2011 mit stolzen 80 Jahren einen imposanten M80-Weltrekord von 3:15:54 h. Auf eine Hauptklassezeit umgerechnet ergeben sich daraus 2:02:10 h, also 47 Sekunden schneller als der Volksheld aus Kenia. Der rüstige Kanadier liefert sich schon seit vielen Jahren einen imaginären Kampf mit der Marathon-Weltelite, der er jedoch zumeist einen Schritt voraus ist. Vor zehn Jahren "duellierte" er sich bereits mit Haile Gebrselassie, als der 2008 mit 2:03:59 h Weltrekord lief. Doch auch hier gewann Whitlock, indem er damals mit 73 Jahren seinen M70-Weltrekord von 2:54:48 h erzielte, was umgerechnet 2:03:57 h bedeuteten. Gebrselassie lief seine beste Zeit übrigens mit 35 Jahren. Da der Altersbonus allerdings erst ab 36 Jahren greift, konnte der Äthiopier selbst also nicht in den Genuss dieses Vorteils kommen. Die nach Whitlock drittbeste Seniorenleistung hält der Niederländer Piet van Alphen, der mit 55 Jahren 2:25:56 h lief und es damit umgerechnet auf 2:04:54 h bringt. Auch Titus Mamabolo aus Kenia blieb bei seinem M50-Weltrekord unter der imaginären 2:05-h-Marke.

Der wohl bekannteste "Opa-Marathoni" ist jedoch nicht Whitlock, sondern nach wie vor der Brite Fauja Singh, der regelmäßig Reportageteams und Blitzlichtgewitter anzieht, obwohl sein wirkliches Alter durch Verlust der Geburtsbescheinigung gar nicht mehr nachvollziehbar ist. Der geschätzt 103-Jährige ist mit 5:40:01 h aus 2003 der M90-Weltrekordhalter, was jedoch lediglich 2:15:01 h wert ist. Sein aktueller M100-Rekord von 8:25:17 h fällt indes unter die Kategorie "Gemächliches Gehen". Hingegen ist Ed Whitlock nach wie vor schnell unterwegs. Im letzten Marathon erzielte der 82-Jährige 3:41:58 h, was allerdings "nur" noch 2:11:35 h wert ist. Trotz dieses Leistungsabfalls sollte Whitlock, der noch mit 74 Jahren unter drei Stunden blieb, den aktuellen M85-Weltrekord von 4:34:55 h bzw. imaginären 2:23:45 h pulverisieren können. Momentan ist der rüstige Rentner jedoch verletzt, laboriert seit Frühjahr an einer hartnäckigen Hüftverletzung. "Ich hoffe natürlich, bald wieder mit dem Training anfangen zu können. Hierzu sollte ich nicht zu früh und auch nicht zu spät wieder anfangen", zeigt sich der 83-Jährige geduldig. Dass er immer noch die nötige Grundschnelligkeit mitbringt, stellte er im vergangenen Februar mit neuem M80-Meilen-Weltrekord von 6:44,44 min unter Beweis.

Der Kanadier kann einen nur in Erstaunen versetzen. Der Pensionär aus Ontario ist ein Spätberufener, der nach einigen Jahren als ambitionierter Jugendläufer erst mit Mitte 40 den Laufsport wiederentdeckte. Whitlock gehört inzwischen seit mehr als vier Jahrzehnten zur Altersklassen-Laufelite, wobei seine Leistungen im Verhältnis zum ansteigenden Alter in den hohen Klassen zunehmend besser wurden. Herausragende Altersklassen-Leistungen erzielte er jedoch schon ab der M45, war 1979 mit 48 Jahren 1.500-m-Weltmeister der M45 und lief im gleichen Jahr in Ottawa persönliche Marathon-Bestzeit von 2:31:23 h. Auch in den folgenden Jahrzehnten gehörte er zur Altersklassen-Weltspitze, kann Weltrekorde allerdings erst seit der M65 aufweisen, im Marathon ab der M70. In der M60 kam er im Marathon auf verhältnismäßig schwächere 2:50:22 h, in der M65 auf 2:51:02 h. Der Kanadier hält Marathon-Weltrekorde in der M70 mit 2:54:38 h, in der M75 mit 3:04:54 h und in der M80 mit 3:15:54 h. Whitlock kann insgesamt 15 Altersklassen-Weltrekorde für sich beanspruchen, darunter auch M80-Rekorde über 1.500 m mit 5:48,93 min, 3.000 m mit 12:13,56 min und 5.000 m mit 20:58,12 min. Über 10.000 m schraubte er die Weltrekorde der M70 auf 38:04,13 min, M75 auf 39:25,16 min und M80 auf 42:39,95 min. "Ich laufe nicht, um gesund und fit zu bleiben, sondern um Wettkämpfe zu bestreiten und Rekorde aufzustellen", gibt der ehrgeizige Kanadier seine Motivation preis. Vor allem der imaginäre Generationenkampf gegen den jährlichen Leistungsabfall ist es, der Whitlocks Ehrgeiz weckt. "In meinen Alter kann man jedoch nie wissen, ob ein Lauf nicht der letzte Wettkampf sein wird", sinniert der "2:02-Marathoni".

Bei den Damen bewirkt die Umrechnungsformel der "World Master Athletics" deutlich größere Unterschiede gegenüber der Hauptklasse, obwohl der Altersmalus doch eigentlich geringer einzuschätzen ist als bei den Männern. Doch wird man hier wohl der Tatsache gerecht, dass es bei den Frauen weniger ambitionierte Altersklassen-Athletinnen gibt. So liegen die meisten Altersklassen-Weltrekorde hier klar unter Paula Radcliffes Fabelzeit von 2:15:25 h. Ganz im Gegensatz zum männlichen Bereich lassen sich hier also keine Generationen-Kämpfe um die imaginär schnellste Zeit stricken. Die beste altersbereinigte Leistung hält die Ukrainerin Tatjana Pozdniakowa, die 2002 mit 50 Jahren in der W50 2:31:05 h lief und damit auf phänomenale 2:07:57 h kommt. Der deutsche Frauenrekord Irina Mikitenkos von 2:19:19 h aus 2008 ist übrigens auch "bereinigungsfähig", weil die Gelnhausenerin zum Zeitpunkt des Rekords 36 Jahre alt war. So bedeuten dies umgerechnet 2:16:39 h.

Die Umrechnung der Altersklassenleistungen auf einen Vergleichswert ist durch die "World Masters Athletics" ins Leben gerufen und zuletzt 2006 aktualisiert worden. Diese Umrechnungsmöglichkeit, die sämtliche Leistungen auf ein vergleichbares, "altersbereinigtes" Niveau bringt, wird hauptsächlich von amerikanischen und niederländischen Läufen genutzt, doch gibt es auch hierzulande einige Laufveranstaltungen.

Solch ein Rechner ist für sämtliche Distanzen anwendbar und auf der Seite von Uli Sauer unter dem Link www.uli-sauer.de/laufen/age_calculator_ger_2006factors01.htm zu finden. Hier kann man Alter, Strecke und Zeit angeben und klickt danach links auf "Umrechnen". Es erscheint eine "Hauptklasse-Zeit", die umrechnet, was die Zeit wert ist. Das zweite Feld, der "Leistungsgrad" könnte sich bei Laufveranstaltungen dazu eignen, ihn als Zusatzinformation in die Ergebnisliste bzw. auf die Urkunde anzuführen. Der Weltrekord der jeweiligen Altersklasse beschreibt 100%. Wenn ein Hauptklasse-Läufer beispielsweise 31:30 min erzielt und damit einen Wert von 85,24% erreicht, müsste ein 45-Jähriger 34:37 min oder ein 55-Jähriger 37:31 min laufen. Das ist in der Praxis sehr realistisch und gäbe bei vielen Volksläufen knappe Endergebnisse. Die Wertung wäre also spannend und brisant. Nur die Frage der Umsetzung ist relativ kompliziert. Da es keinen gleichbleibenden Faktor gibt, sondern einen, der von Alter zu Alter unterschiedlich ist, ist das nicht einfach mathematisch mit einem allgemeinen Faktor zu lösen. Man müsste sich am Veranstaltungstag also schon die Mühe machen, alle Zeiten und Leistungen in diese Umrechnungsmaske einzugeben, um so die Prozentwerte jedes Läufers einzeln zu ermitteln. Voraussetzung wäre allerdings, dass alle Teilnehmer bei der Anmeldung ihr exaktes Alter bzw. ihr Geburtsdatum angeben.

Altersklassen-Weltrekorde Marathon
AK Zeit Name Land Datum Ort Alter bereinigt
M35 2:03:59 Haile Gebrselassie ETH 28.09.08 Berlin
35
2:03:59
M40 2:08:46 Andres Espinosa MEX 28.09.03 Berlin
40
2:05:40
M45 2:14:16 Jackson Kipngok KEN 05.03.06 Torreon/MEX
45
2:05:39
M50 2:19:29 Titus Mamabolo RSA 20.07.91 Durban/RSA
50
2:04:56
M55 2:25:56 Piet van Alphen NED 19.04.86 Rotterdam/NED
55
2:04:52
M60 2:36:30 Yoshihisa Hosaka JAP 01.02.09 Beppu City/JPN
60
2:07:38
M65 2:41:57 Derek Turnbull NZL 12.04.92 London/GBR
65
2:05:35
M70 2:54:48 Ed Whitlock CAN 26.09.04 Toronto /CAN
73
2:03:57
M75 3:04:54 Ed Whitlock CAN 15.04.07 Rotterdam/NED
76
2:05:06
M80 3:15:54 Ed Whitlock CAN 16:10.11 Toronto/CAN
80
2:02:10
M85 4:34:55 Robert Horman AUS 04.07.04 Gold Coast/AUS
86
2:23:45
M90 5:40:01 Fauja Singh GBR 28.09.03 Toronto/CAN
92
2:15:01

Beitrag von Christian Werth

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