Laufen, Schauen, Denken

Sonntags Tagebuch

  Mehr als Marathon - Wege zum Ultralauf - Werner Sonntag bringt nicht nur die Erfahrungen aus Jahrzehnte langem Laufen ein, in denen er 192 Marathons und 147 Ultramarathons bestritten hat. Er hat sich ein halbes Jahrhundert als kritischer Beobachter und Journalist intensiv auch viel mit Laufen befasst. Was ist Ultramarathon? Weshalb Ultramarathon? Bin ich ein Ultraläufer? Dazwischen beantwortet er die Fragen: Weshalb ist es schwerer, 100 Kilometer statt Marathon zu laufen? Weshalb ist es leichter, 100 Kilometer statt Marathon zu laufen? Gelesen & besprochen im LaufReport HIER

Eintragung vom 14. Oktober 17

Am 7./8. Oktober ist das fünfzigjährige Bestehen des Schwarzwaldmarathons begangen worden, das Jubiläum einer Laufveranstaltung, die in der Laufgeschichte einen Markstein gesetzt hat. Darüber offenbar ist der Termin einer anderen wichtigen Veranstaltung eine Woche zuvor in den Hintergrund getreten. Da liegt zwar kein Jubiläum vor, aber für Ultraläufer zumindest in Europa ist der Lauf von programmatischer Bedeutung – der Spartathlon, jener Lauf mit authentischem historischen Hintergrund und weltweit einer der anspruchsvollsten Ultraläufe. In spätestens 36 Stunden sind die 246 Kilometer von Athen nach Sparta zurückzulegen.

Nachdem 1982 der britische Luftwaffen-Commander John Foden mit vier Kameraden probiert hatte, ob die Angabe des griechischen Historikers Herodot plausibel sei, ein Bote habe bis zum Abend des auf den Starttag folgenden Tages, in 36 Stunden also, in einem Stück die Strecke und ihre 3000 Höhenmeter bewältigt, um die Spartaner um Waffenhilfe zu bitten, horchte die Ultraszene auf. Bereits im Jahr darauf wurde der Lauf öffentlich ausgeschrieben; 16 Läufer starteten, alle kamen an.

Im Laufe von drei Jahrzehnten steigerte sich die Teilnehmerzahl auf 369 in diesem Jahr. Allerdings erreichten nur 265 in 36 Stunden – in einem Fall mit kleiner Verspätung – das Ziel. Verspätungen werden offenbar toleriert. Das war, als ich 1992 im Alter von 66 Jahren meinen dritten Spartathlon lief, leider nicht der Fall; ich stieß zwar zu der Festversammlung an der Statue des Leonidas in Sparta, fiel aber, weil ich länger als 36 Stunden unterwegs war, aus der Wertung.

In diesem Jahr war Aleksandr Sorokin aus Litauen mit 22:04:04 Stunden der schnellste und Patrycja Bereznowska aus Polen mit 24:48:18 die schnellste Frau. Unter den Deutschen lag Antje Krause mit 28:13:57 Stunden an der Spitze. Ihr folgte nach etwa 30 Minuten (28:44) Dr. med. Dietmar Göbel, M50, von der vor zehn Jahren gegründeten LSG Schwarzwaldmarathon, ein ehemaliger Kunstturner, der in Donaueschingen als Orthopäde praktiziert. Er hat zum fünften Mal den Spartathlon bewältigt (Persönliche Bestzeit: 26:15:57). Die hohe Zahl von Ausscheidenden erkläre ich mir damit, daß die Faszination des Laufes von Athen nach Sparta vielleicht stärker ist als das geeignete Läufer-Potential.

Eintragung vom 7. Oktober 17

Auf dem Weg von der Garage zum Haus hatte ich am 5. Oktober Mühe, mich dem Sturm entgegenzustemmen. Dabei ist es in unserem Landstrich weit häufiger windstill denn stürmisch. Auf den etwa 75 Metern zwischen Haus und Garage beschloß ich, das Gehtraining heute ausfallen zu lassen. Das kommt ganz selten vor – bei unaufhörlichem Regen, bei Gewitter und bei Glatteis. Ich kann mich nicht erinnern, jemals wegen eines Sturmes auf das Training verzichtet zu haben. Ich habe auch nicht hin und her überlegt; es war ein spontaner Entschluß.

Die Nachrichten am Abend haben meine Entscheidung bestätigt. Sieben Menschen haben an diesem Tage infolge von Wettereinflüssen ihr Leben verloren. Der typische Unfall war nicht, beim Training im Freien, sondern im Auto von einem niederkrachenden Baum erschlagen zu werden. Eisenbahnzüge blieben stehen, Flugzeuge schlitterten über die Landebahn. Im Südwesten war es längst nicht so schlimm wie im Norden; aber es reichte für den Entschluß, das Training lieber ausfallen zu lassen.

Ergo: Es reicht nicht immer, auf den Körper zu hören; zuweilen ist auch ein Blick in den Himmel angebracht.

Eintragung vom 1. Oktober 17

Noch bewege ich mich außer Haus mit zwei Unterarm-Gehstützen, im Zimmer mit nur einer. Wenn ich zum Bücherregal gehe, verzichte ich auch schon mal auf jede Hilfe. Den Rollator benütze ich kaum. Im dritten Monat nach meinem Sturz am 20. Juli ist der Wiederherstellungsprozeß deutlich erkennbar.

Dennoch, das Bewegungsdefizit ist riesig. Worüber schreibt jemand, der sonst in seinem Tagebuch über Laufen schreibt? Nach Berlin wäre ich gefahren – zum 100-Meilen-Lauf auf dem Mauerweg. Ich schätze diesen Lauf aus mehreren Gründen: Läuferisch ist er auch für Ultraläufer eine Herausforderung, so wie die 100 Kilometer, als es in Europa allein den 100-Kilometer-Lauf in Biel gab, eine Herausforderung für Marathonläufer waren. Ich schätze Läufe, die unter nichtsportlichen Aspekten in unser Leben, seine positiven und seine negativen Seiten, eingebunden sind. Politische Feiertage wie der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit, verblassen; es sind mehr oder weniger arbeitsfreie Tage, sonst nichts. Erinnert sei an den 17. Juni – was war denn da? Der Mauerweglauf ist die wohl aktivste Art, einen Gedenktag zu feiern. Im Grunde brauchten wir für den Tag der Deutschen Einheit eine repräsentative Laufveranstaltung. Der Mauerweglauf wäre es. Nein, ich will um Himmelswillen keine Diskussion darüber und keine Termin-Verschiebung. Es muß ja auch kein Ultralauf sein. Ich will nur die Bedeutung des Mauerweglaufs charakterisieren. Ich schätze zudem die Streckenführung, den Großstadtlauf im Grünen, ebenso die Organisation. Daher also bin ich auch nur als Beobachter gern zum Mauerweglauf nach Berlin gefahren.

Versteht sich, daß ich zum Fünfzig-Jahr-Jubiläum des Schwarzwaldmarathons nach Bräunlingen gefahren wäre. Es wäre reizvoll gewesen, vielleicht weiteren der über 600 Teilnehmer von 1968 zu begegnen. Jedesmal hätte ich die aktuelle Veranstaltung aus eigener Anschauung kommentiert. Jetzt hingegen, worüber schreibt einer, der nicht einmal als Beobachter dabei ist? Er schreibt über sich.

Die Alternative wäre zu schweigen. Doch es zeigt sich, daß diese Alternative zumindest nicht von allen Lesern akzeptiert wird. Immer wenn ich, wie jetzt nach dem Oberschenkelhalsbruch, das Tagebuch unterbreche, kommen Reklamationen. Warum schreibt er nicht? Ist es vielleicht gar nicht das Laufen, das viele Leser an das Tagebuch gebunden hat, sondern einfach das Bedürfnis nach einer menschlichen Beziehung abseits von Leistungsmessung?

Eintragung vom 24. September 17

Niemand hat das gewollt, niemand konnte es verhindern: einer der größten Marathons, der von Berlin, findet am Tag der Bundestagswahl statt. Blickt man zurück, so hat der Berlin-Marathon die größere Konstanz der Terminierung und damit das ältere Recht. Der Termin der Bundestagswahl hingegen schwankt; selbst der Turnus von vier Jahren ist nicht immer eingehalten worden.

In diesem Jahr fallen das größte und wichtigste deutsche Wahlereignis und der größte deutsche Marathon, ja einer der wichtigsten Marathons in der Welt, zusammen auf einen Tag, den 24. September. Richtig wohl war denen, die dafür Verantwortung tragen, anscheinend nicht.

Doch eine Verschiebung des Marathons kam nicht in Frage; schließlich liegt der Termin seit Jahren fest, und einige Zehntausend – die Zahl der Teilnehmer an den Veranstaltungen wird mit 70.000 angegeben – haben sich darauf eingerichtet. Die Bundestagswahl wegen eines Marathons anders zu terminieren, ist nicht diskussionswürdig.

Warum auch? Angesichts der Briefwahl, von der immer mehr Wähler Gebrauch machen, wird kein wahlberechtigter Läufer an der Ausübung der Wahl gehindert. Die einzige Überschneidung betrifft die an der Organisation der Wahl Beteiligten. Die Zahl der Marathon-Läufer unter ihnen, die in Berlin gestartet wären, ist wahrscheinlich jedoch zu vernachlässigen.

Was also bleibt von diesem Kommentar? Herzlich wenig. Wir registrieren ein Kuriosum. Vielleicht kann man auch sagen: Die Bundestagswahl wird mit einem populären Marathon in der Hauptstadt gefeiert. Das wär’s.

Eintragung vom 17. September 17

  In der Frühzeit der modernen Laufbewegung bedeutete Volkssport meistens: Gehen und Laufen. Wo ein Volkslauf angeboten wurde, gab es häufig auch einen Volksmarsch (damals wurde noch marschiert und nicht gewalkt). Wer sich die Teilnahme an einem Volkslauf nicht zutrauen mochte, konnte bei einem Volksmarsch mit anderen in den Wald gehen, und zwar völlig ungebunden. Es gab keinen gemeinsamen Start, sondern nur ein Zeitfenster, in dem man sich auf den Weg machen konnte. Mit dem Volkslauf hatte der Volksmarsch die markierte Strecke, die Verpflegungsstationen und ein Teilnahme-Abzeichen gemein. Jeder konnte die Strecke individuell in selbst gewählter Geschwindigkeit zurücklegen. Bedenkt man, daß auch für das knappe Angebot eine Teilnahmegebühr verlangt wurde, wundert es nicht, daß dem Volksmarsch keine Zukunft beschieden war. Auf ein Abzeichen waren die wenigsten erpicht. Laufen und Gehen waren zwei Paar Stiefel.

Läufer nahmen diejenigen, die durch den Wald spazierten, nicht für voll. Und die in Vereinen organisierten Wanderer hatten mit den Läufern nichts im Sinn. Das Walken hat zwar die sportliche Kluft verringert, aber die Gegensätze blieben. Im Gegenteil, ein neues Problem tat sich auf. Geselligkeitsbedürftige Walker blockierten die Wege und, zumal mit Stöcken, behinderten die Läufer. Man muß sich nur an die früheren Anti-Walker-Kommentare des Wort-Unternehmers Achim Achilles und sein T-Shirt erinnern.

Ich habe den Eindruck, es hat in unserer Zeit einen Ruck gegeben. Achilles – ein Zeichen der Zeit – ist von seinen Anti-Walker-Kommentaren abgerückt. Nicht nur daß neue Disziplinen wie Berglauf, Ultralauf, Traillauf zu einer Vermischung der Techniken beigetragen haben, – auch ideologische Gegensätze sind offenbar abgebaut. Ich habe sie ohnehin nicht verstanden. Als Läufer und als Bergwanderer habe ich keinen Gegensatz von Laufen und Gehen akzeptiert.

  Diese Betrachtung hat einen Anlaß: Zum 50-Jahr-Jubiläum des Schwarzwaldmarathons am 7./8. Oktober gibt es am Dienstag, 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, einen „Wandermarathon“. Ich sehe darin ein großartiges Beispiel der Kooperation. Keine Vorwürfe mehr, daß Läufer Wanderwege mit Beschlag belegen, kein Spott über Waldspaziergänger! Vielleicht ist typisch, daß die Idee von einer „neutralen“ Stelle stammt, nämlich dem Amt für Tourismus in Bräunlingen, dem Veranstaltungsort des Schwarzwaldmarathons.

In Zusammenarbeit mit der Wanderorganisation Schwarzwaldverein Donaueschingen und der LSG Schwarzwaldmarathon, seit einigen Jahren dem Veranstalter des Schwarzwaldmarathons, ladet die Stadt Bräunlingen dazu ein, die 42 Kilometer der ganzjährig markierten Marathon-Strecke individuell, ohne Zeitmessung, zu wandern. Für die 5 Euro Teilnahmegebühr, jetzt 8 Euro, kann man sich an einer Verpflegungsstation bei Kilometer 34 verpflegen und erhält eine Urkunde. Wie beim ersten Schwarzwaldmarathon hat man 10 Stunden Zeit. Alternativ kann man – hier jedoch mit Führung – die Halbmarathon-Strecke wandern.

 

Diese, wie mir scheint, neuartige Initiative in Bräunlingen ist ein guter Schritt der gemeinsamen Bewegungsförderung. Er hätte es verdient, in die Ankündigungen des Schwarzwaldmarathons aufgenommen zu werden. Da findet sich als Jubiläumshöhepunkt lediglich der Vortrag von Joey Kelly „No Limits. Wie schaffe ich mein Ziel“. Bemerkenswert daran scheint mir der Eintrittspreis zu sein; im Vorverkauf muß man 17 Euro zahlen, wenn man am Marathon-Vorabend zu Kelly in die Festhalle will, an der Abendkasse 25 Euro. Auch wenn man berücksichtigt, daß Kelly fleißig Spenden für gemeinnützige Zwecke sammelt, scheint mir der Eintrittspreis für einen Vortrag, den er bei allen möglichen Gelegenheiten im Bundesgebiet hält, weit überzogen zu sein.

Als Teilnehmer des ersten Schwarzwaldmarathons 1968 (4:18:51) und elf weiteren Schwarzwaldmarathons (Verbesserung auf 3:38:21) bin ich zwar auch eingeladen worden, mußte jedoch wegen meiner durch einen Sturz hervorgerufenen Gehbehinderung absagen.

Eintragung vom 10. September 17

Dieses Tagebuch wird, wie im Grunde jedes Tagebuch, ohne Netz geschrieben, mit anderen Worten: Wenn ich nicht schreiben kann, kommt es zum Stillstand – wie in den zurückliegenden sieben Wochen. Und zwar ganz plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, ohne Ankündigung, ohne Erklärung, ohne Entschuldigung. Ich hätte zwar schreiben können, aber mir fehlten die technischen Möglichkeiten. Ich habe die Zeit vom 20. Juli bis zum 8. September in Kliniken verbracht. Mir scheint es nicht nur im Hinblick auf wartende Leser, deren e-mails ich erst jetzt lesen konnte, sondern auch nützlich zu schildern, was sich zugetragen hat. Die Ursache: ein simpler Sturz, sofern man Stürze allgemein als simpel bezeichnen kann.

Am 20. Juli wollte ich zur Postagentur fahren, um ein Buchpaket aufzugeben. Nebenbei: Ich hätte das Paket für 3 Euro von der Post abholen lassen können, einen minimalen Betrag, wenn man die Folgekosten des Sturzes bedenkt...

Ich beeilte mich, die 75 Meter entfernte Garage zu erreichen, denn es hatte heftig zu regnen begonnen. Regenschirm und Pakettransport sind unvereinbar. Kaum hatte ich das Garagentor geöffnet, sank ich zu Boden. Ich war gegen die Wand geprallt. Wahrscheinlich war ich auf dem vom Regen erreichbaren Garagenboden ausgerutscht. Schwindel? Das bin ich mehrfach gefragt worden. Nein, es war kein Schwindel, unter dem ich auch sonst nicht zu leiden habe. Das Paket knallte auf den Boden – ich hinterher.

Da lag ich nun, bemühte mich aufzustehen und konnte nicht. Von einem Schulmädchen erhoffte ich mir Hilfe. Ein kräftiger Händedruck hätte gereicht, meinte ich. Das war eine Illusion. Das Mädchen holte die Mutter. Wie ich erfuhr, alarmierte es die Mutter mit den Worten: „Da liegt ein Mann auf der Straße! Ruf‘ den Doktor!“ Die Mutter kam, besichtigte den Unfallort und rief den Nachbarn. Der fackelte nicht lange und benachrichtigte die Unfallrettung. Der Krankentransporter kam auch sehr rasch. Eine Minute des Zähne-Zusammenbeißens, aber ich war in Sicherheit. Ich hatte nur noch die Wahl des Krankenhauses.

Marianne mußte ich nicht benachrichtigen, nicht jetzt, sie lag nach einer Operation in einer Rehabilitationsklinik. Im Krankenhaus kam ich sofort unters Messer – mein Tip: Immer die Gesundheitskarte oder einen anderen Versicherungsausweis bei sich führen, zur Not selbst in der Sporthose! Man weiß nie, wie mein Beispiel lehrt, ob man das Papier nicht dringend brauchte!

Die Diagnose lautete: Oberschenkelhalsbruch, medizinisch: Pertrochantäre Femurfraktur rechts nach Sturz. Die Therapie bestand im Einsetzen einer Metallplatte an der Hüfte und einer Femur-Nagelung. Nach dem Klinikaufenthalt in Esslingen am Neckar erhielt ich einen Rehabilitationsaufenthalt in den Fachkliniken Hohenurach vom 8. August bis zum 8. September.

Dazu ein paar Worte: Ich kam in die Abteilung Geriatrie und konnte – bei aller Anerkennung der Rehabilitationstherapie und der Verpflegung – den Umgangston einzelner Pflegerinnen erfahren. Wer den Film „Sein letztes Rennen“ (2013) mit Dieter Hallervorden nicht gesehen haben sollte, muß dies als Läufer unbedingt nachholen, auch jetzt noch. Die hier geschilderte Atmosphäre eines Altenheims ist authentisch. Wenn man bedenkt, daß ich für das Einzelzimmer einen Batzen aus eigener Tasche drauflegen muß, kann ich den Umgangston von Pflegerinnen nur als unangemessen bezeichnen.

Andererseits bin ich anerkennend als Läufer wahrgenommen worden. Freilich, war dies dadurch veranlaßt worden, daß ich ohne jegliche demonstrative Absicht eine Anzahl Lauftrikots getragen habe. Mein Sohn hatte einfach einen Stoß davon ins Krankenhaus gebracht. Der Stationsarzt in Esslingen meinte allerdings, ich sei zu viele Marathons gelaufen; er selbst konnte fünf Teilnahmen aufweisen. Die – wahrscheinlich tschechische – Stationsärztin beeilte sich mir mitzuteilen, daß sie selbst Marathons und Halbmarathons gelaufen sei. Immer wieder versicherten mir Ergotherapeuten, daß meine Fortschritte bei der Rehabilitation mit Sicherheit auf mein Lauftraining zurückzuführen seien.

Allerdings, vierzehn Tage völlige Immobilität und fünf Wochen äußerst eingeschränkte Mobilität lassen sich nicht ungeschehen machen. Das Mobilitätstraining bestand größtenteils aus Gehen mit dem Rollator und therapeutischen Übungen. Erst in der letzten Woche konnte ich mit anderen Gehhilfen, mit Krücken, trainieren.

Der jetzige Status: Nach dem Sturz bin ich von einem fitten Einundneunzigjährigen – so jedenfalls die Beurteilung – zu einem Behinderten geworden. Im Haus ist ein Treppenlift eingebaut, der bereits für Marianne bestellt worden war. Ich bewege mich mit einem Rollator, wiewohl ich mich einst über die Zunahme von Rollatoren kritisch geäußert habe. Zum Gehen in den Zimmern benütze ich die Krücken, ebenso zum Freilufttraining. Wenn ich mich in einer Umgebung weiß, in der ich Gelegenheiten zum Festhalten habe – in einem Reihenhaus von 1966 nicht gar so selten – , probiere ich auch schon einmal, zwei Schritte ohne Krücken zu tun. Andererseits erkenne ich, daß mir das Ausdauertraining fehlt. Insofern ist die Lage ungeklärt. Wahrscheinlich werde ich Freilufttraining mit dem Rollator betreiben, nämlich längere Strecken zurücklegen.

Ich denke, ich werde mich wohl mehrfach noch über das Training äußern.

Eintragung vom 18. Juli 17

Nicht, daß ich etwas vermißte! Aber gewundert habe ich mich schon – ich habe keine Knieschmerzen mehr. In meiner aktiven Zeit kam das alle paar Jahre vor. Mehrfach konsultierte ich einen (laufenden) Orthopäden, sprach mit erfahrenen Laufschuhverkäufern, ließ das Aufsetzen meiner Füße auf dem Laufband analysieren, gab Einlagen in Auftrag und verwarf sie wieder.

Am intensivsten traten die Knieschmerzen 1981 beim Deutschlandlauf nach etwa 600 Kilometern auf. Da bei diesem Lauf die Ernährung im Fokus stand, war für die Mediziner, soweit sie sich vollwertig ernährten, die Diagnose klar: Es lag angeblich an meiner Ernährung. Ich war einer der beiden Läufer, die sich herkömmlich ernährt hatten. Die anderen vier dagegen waren eingeschworene Vollwertköstler. Da paßte es hervorragend, daß die Kniebeschwerden bei mir auftraten.

Die wirkliche Ursache fand ich nach dem Lauf: Es waren die Schuhe. Nur war während des Laufs keiner darauf gekommen. Drei Jahre zuvor hatte ich nach meinem ersten New York City-Marathon ein Paar Laufschuhe mit einem mir bis dahin unbekannten hohen Dämpfungsfaktor erworben. Ich lief darin wie mit Engelsflügeln. Solche Schuhe hatte ich bis dahin nicht kennengelernt. Nike – so schien mir – war offenbar seiner Zeit voraus. Zu denken hätte mir geben müssen, daß die Schuhe im Preis heruntergesetzt waren. Ich war so naiv anzunehmen, daß der Schuhladen uns Marathon-Teilnehmern damit entgegenkommen wollte. Eine solche Kostbarkeit – Nike hatte in Europa noch nicht Fuß gefaßt – schonte ich aufs äußerste. Nachdem ich sie eingelaufen hatte, trug ich sie allein bei Marathon-Läufen. Der Deutschlandlauf jedoch schien mir eine solche, Herausforderung zu sein, daß ich sie unbedingt in die Laufausrüstung aufnahm. Ich war der einzige, der mit amerikanischen Laufschuhen antrat, und bildete mir Kennerschaft ein.

 

Sehr viel später enthüllte sich mir der Pferdefuß. Die Schuhe waren sichtbar niedergetreten. Das waren sie offenbar auch schon nach einer Woche Deutschlandlauf; nur waren noch keine Indizien dafür erkennbar. Der herabgesetzte Preis war kein Entgegenkommen für New-York-Marathon-Teilnehmer, sondern ein Ramschpreis. Der Laufladen wollte diesen Nike los werden, weil sich wahrscheinlich herausgestellt hatte, daß die viel zu weiche Dämpfung, die mich bestochen hatte, eine orthopädische Fehlkalkulation war. Als dies sogar auf Photos erkennbar war, schenkte ich sie Carl-Jürgen Diem für seine Sammlung mißgestalteter Laufschuhe.

Seit ich vor bald zehn Jahren meinen letzten Marathon gelaufen bin, habe ich nur noch zwei Paar Laufschuhe gekauft. Mit der einen Marke hatte ein neuer Hersteller die Laufszene betreten – ich wollte mir ein Urteil bilden. Es ist positiv ausgefallen. Für einen Marathon ist der Schuh zwar zu schwer, aber für das Traillaufen hingegen ist er hervorragend. Dreimal habe ich den Schuh inzwischen besohlen lassen. Das zweite Paar war ein Minimal-Schuh. Auch da wollte ich eigene Erfahrungen gewinnen. Das jedoch ist nur eingeschränkt möglich gewesen. Altersläufer sollten sich bei der Übernahme revolutionärer Schuhkonzepte zurückhalten. Von einer Beurteilung durch Altersläufer ist daher abzuraten.

Seit ich nicht mehr laufe, sondern nur noch gehe, nutzen sich meine Laufschuhe nach meinem Eindruck kaum noch ab. Da ich mich zum Mißfallen meiner Frau höchst selten von Laufschuhen trenne, kann ich ein ganzes Schuhregal von Laufschuhen zum Gehen benützen. Und siehe da, die Schuhe werden beim Gehen so wenig strapaziert, daß keine orthopädischen Beeinträchtigungen auftreten. Ich habe keine Knieschmerzen mehr.

Photo: Sonntag

Eintragung vom 11. Juli 17

Demnächst ist es fünfzig Jahre her, daß der älteste noch bestehende Marathon mit Volkslauf-Charakter erstmals veranstaltet worden ist. Das soll ein andermal ein Thema sein. An dieser Stelle möchte ich daran erinnern, welche Probleme uns der Marathon seinerzeit in der ärztlichen Sprechstunde bereitet hat. Probleme? Ja, wohl bei den meisten Ärzten. Heute sind wir soweit, daß die Ärzteschaft insgesamt vor zu wenig Bewegung warnt. Einstmals hat sie vor zuviel Bewegung gewarnt.

Nehmen wir ein Beispiel – meines. Vor dreißig Jahren schickte mich mein damaliger Hausarzt zu einer internistischen Untersuchung. Herzrhythmus-Störungen hatten ihn dazu veranlaßt. Der Internist, dem mein Hausarzt Patienten zuführte, war mitnichten ein laufender Arzt, sondern im Gegenteil ein laufkritischer. Seinem Übergewicht konnte man das ansehen.

Über den Bericht an meinen Hausarzt habe ich mich sehr gewundert. Die medizinischen Befunde mochten ja stimmen, aber die sonstigen Informationen bewegten sich im Ungefähren. Dabei hatte ich ihm präzise erzählt, was ich so treibe.

Ich zitiere aus dem mir vorliegenden Bericht vom 22. September 1987: „Als Journalist der Zeitschrift ,Langlauf‘ (Anmerkung: Den Titel hat der Doktor frei erfunden) ist er selber (Anmerkung: Also ich) dem Laufen fast süchtig verfallen, er laufe wöchentlich mind. 75 km, auch Ultralanglauf über 100 km mit gelegentlichen Laufzeiten von 24 Std. keine Seltenheit, jetzt will er den Spartathlon-Lauf mit über 200 km mitmachen. (Anmerkung: Völliger Unsinn, die 100 km in Rodenbach bin ich 1987 in 9:49:07 Stunden gelaufen, einen 24-Stunden-Lauf mit 177 km. Die Länge des Spartathlons habe ich, versteht sich, präzise mit 246 km angegeben.)

Es war bei Ihnen (Anmerkung: Meinem Hausarzt) bereits beim EKG eine polytope ventriculäre Extrasystolie aufgefallen sowie ST-Streckensenkungen bei steigender Belastung.“ Nach dem Befund die Diagnosen: „Massive komplexe Herzrhythmusstörung mit polytopen VES (Anmerkung: Ventriculären Extrasystolen), ja, sogar 12 VES in direkter Folge. Wahrscheinlich doch durch eine KHK bedingt, kein Hinweis für andersartige Ursache der Rhythmusstörung, begeisterter Langstreckenläufer.

Unter Kenntnis dieses Befundes kann man den Pat. eigentlich nicht mehr Langstrecken laufen lassen. Wann hier ein tödliches Kammerflattern bzw. -flimmern eintritt, ist nicht vorhersehbar. Wahrscheinlich wird er sich aber nicht zurückhalten lassen, man kann ihn halt nur zu warnen versuchen. Vielleicht ist hier auch noch eine Vorstellung bei einem Cardiologen höherer Kompetenz sinnvoll, dessen Urteil einen natürlich auch rein akademisch interessieren würde.“

Einen „Cardiologen höherer Kompetenz“ (wie ich annehme) habe ich danach aufgesucht – einen laufenden Kardiologen, versteht sich. Das tödliche Kammerflattern hat sich Zeit gelassen. Ich stehe im 92. Lebensjahr.

Eintragung vom 4. Juli 17

Ob man das nicht als soziale Verarmung bezeichnen könnte? Neulich habe ich mit einem Altersläufer telefoniert, der nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen oder gar wie ich überhaupt nicht mehr laufen kann. Er hat mir sein Problem geschildert, das auch ich habe.

Klicken wir Jahre zurück! Auch wenn wir an dem betreffenden Wettkampf nicht teilgenommen hatten, stießen wir auf den Ergebnislisten mit Sicherheit auf Namen, die uns vertraut waren. Wir waren wirklich eine Familie. Wir waren, auch wenn wir nicht mehr aktiv waren, eingebunden. Doch heute? Mein Gesprächspartner klagte, er könne mit den Namen auf den Listen nichts mehr anfangen. Die Namen seien ihm fremd. Er sprach mir aus der Seele. Mir geht es genauso. Jahrelang haben wir Leistungsfortschritte und Alterungsprozesse an Ergebnislisten beobachten können. Heute? XY Müller sagt uns nichts, bis zum nächsten Nachschauen haben wir die Namen der Spitzenpositionen vergessen.

Was ist zu tun? Gewiß, man kann Namen im Gedächtnis speichern und dabei sogar sein Gedächtnis trainieren. Das setzt jedoch ein gewisses Interesse voraus. Journalisten zum Beispiel haben kein persönliches Interesse an Läufern mit Spitzen-Placierungen; aber sie haben ein Interesse daran, Namen im Gedächtnis parat zu haben, um davon in späteren Beiträgen Gebrauch machen zu können. Dieses Interesse geht den meisten von uns ab. Wir haben aus eigenem Erleben ein persönliches Interesse an Namen gehabt, die uns einst häufig auch eine persönliche Begegnung bedeuteten. Das eigene Erleben von Läufen ist weggefallen; zu den Namen haben wir keine persönliche Beziehung.

Sicher, man kann einen dicken Schlußstrich ziehen und die Läuferkarriere der Erinnerung überlassen. Es soll solche Läufer geben, die keine mehr sein wollen. Doch abgesehen von meinen persönlichen Bezügen zur Laufszene, kann ich mich mit dem Auslöschen meiner läuferischen Vergangenheit nicht anfreunden. Bleibt der andere Weg: Sich Namen einprägen, obwohl sie einem nichts sagen. Ernst van Aaken war der klassische Beobachter, der zum Beispiel meine Laufzeiten präziser kannte als ich selbst.

Ich denke, ich werde es wohl so halten wie bisher: Listen vielleicht lesen, schon um Vergleiche ziehen zu können, aber Namen nicht speichern.

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