3.12.17 - 27. Adventslauf in Reichelsheim

Schnee verwandelte das Adventslauftreiben

von Constanze & Walter Wagner 

Informationen zum Lauf 2018 - siehe Ankündigung im WO LÄUFT`S WIE?

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Dass die Erdgeschichte im Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald zum Greifen nah ist und jeder Stein, vom Bundsandstein bis zum Granit, davon erzählt, scheint den gemeinen Läufer nicht sonderlich zu locken. Das im südhessischen gelegene Reichelsheim, hat noch einen Namensvetter in der Wetterau. Beide sind hinsichtlich ihrer überregionalen Berühmtheit eher bedeutungsarm. Wie zwei gekochte Spaghetti, die sich bekanntlich nicht gegenseitig stützen können. Das Regionalmuseum Reichelsheim erzählt auch vom Bergbau, auf dessen Spuren man unweit des Städtchens und seiner 13 Eingemeindungen stößt, wenn man in der sanften Mittelgebirgsregion mit wachen Sinnen durch die Wälder streift. Freilich gibt es auch Lehrpfade mit Erklärungstafeln und sogar Stollenbesichtigungen. Spektakulär ist die im Geopark befindliche Tropfsteinhöhle Buchen-Eberstadt oder die UNESCO Welterbestätte Grube Messel, das ‚Pompeji der Paläontologie'. Zu entdecken gibt es aber unendlich Vieles im sagenumwobenen Odenwald.

Die Walker starten mit zeitlichem Vorsprung und werden unterhalb Schloss Reichenberg von den Läufern 'aufgerollt'. Ein Radvorausfahrer bahnt den Schnellen eine Überholspur Swim & Run Spezialist Sebastian Bleitgen (links) und Orientierungsläufer Cedric Guthier waren bald die Führenden
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Verlockender mag es für ortsfremde Läuferinnen und Läufer klingen, dass die Naturparke Bergstraße-Odenwald und der angrenzende Neckartal-Odenwald mehr als 15.000 Kilometer markierte Wanderwege bietet, die entsprechend auch laufend genutzt werden, sei es zu Trainingszwecken oder bei zahlreichen Laufveranstaltungen. Große Teilnehmerfelder sind bei Läufen der Region eher die Ausnahme. Man bleibt weitgehend unter sich, aufgestockt durch wenige Liebhaber des fordernden Geläufs aus der flachen Rheinebene und verirrten Erststartern, denen mancher unvergessliche Anstieg zur Einmaligkeit der Teilnahme verhilft.

Die in Form einer Acht konzipierte Strecke, mutiert zum mathematischen Unendlichzeichen, wenn es zum wiederholten Male gilt, den Höhenrücken am Rande der Ortschaft Beerfurth zu erklimmen. Doch bald sind nun die rund 11 Kilometer geschafft und die letzten Meter hinunter zum Sportplatz kann man es Rollen lassen. Gut, nicht so bei der 27. Austragung, denn kurz nach erfolgtem Startschuss setzte heftiges Schneetreiben ein und der Zielschuss wurde mehrheitlich mit angespannter Gesäßmuskulatur bewältigt. Ein jugendlicher Teilnehmer versuchte sich gar auf dem Gefälle in akrobatischer Rutschtechnik. Doch überhaupt überwog die Freude durch den Neuschnee zu stapfen und der Laufspaß in der sich rasch wandelnden Landschaft unterhalb des Schlosses Reichenberg, das auf der ersten Runde beinahe vollkommen umkreist wird. Aus dem 13. Jahrhundert datiert, ist das bewohnte Schloss, dessen Palas, mit ungewöhnlich gekrümmtem Grundriss, die anderen Gebäude überragt.

Die erste Steigung vom Sportplatz ist geschafft, Ines Trumpfheller führt in die 1. Runde Gut eingepackt folgt Sabine Kriewald auf Rang 2

Los ging es auf Kunststoff

Nach einer Einführungsgrunde im Stadion des Sportlerheims "An der Ruh" ging es auf Asphalt hinauf Richtung Schloss, wo kurz unterhalb der Gemäuer dem trailligen Rundweg gefolgt wurde. Nun galt es die Kuppe von der anderen Seite zu erklimmen und mit Blick auf die Sportplätze die nördliche Runde Richtung Fränkisch Crumbach anzugehen. Wo das Asphaltband rechts hinunter führt, trennten sich Walker, für die 8 Kilometer ausgesteckt waren. Für Läufer hieß es hier dem naturbelassenen Feldweg weiter geradeaus zum Wald zu folgen und erst nach dem Wäldchen rechts hinunter ins Gesprenztal abzubiegen. Kurz vor Beerfurth kamen beide Strecken wieder zusammen um letztmals den kräftezehrenden Buckel ins Nachbartal zu erstürmen.

Der 2. der MHK Jörg Witt (123; gesamt 4.) begleitet Werner Stojetzt (144), der als 5. die M50 gewinnt und Achim Schumacher, der als 2. M50 6. wird M60-Sieger Hans Schweitzer vor M65-Sieger Olaf Berger

Alle Abzweige waren beschildert gewesen, "und kontrolliert hatten wir die Strecke auch noch einmal", versicherte Organisationsleiter Roland Pößiger. Dennoch war die Markierung nicht mehr komplett vorhanden, als die Läufer kamen. Das Führungsduo folgte dem Radvorausfahrer auf den Grasweg, dahinter tendierten einige auf sich allein gestellt auf dem Asphalt zu bleiben. Es kam wohl zudem zu Irritationen an einer Spitzkehre. Überwiegend ist der Streckenverlauf den Teilnehmenden bekannt, so dass der Herdentrieb nie in Gänze einsetzte. Teilnehmer, die teils auch noch zurück zum Original fanden, reihten sich dann aber mit einem zusätzlichen Anstieg belastet weiter hinten ein.

Das Führungsduo war davon nicht betroffen und behielt die meiste Zeit Tuchfühlung und zudem Kontakt zum kundigen Vorausradler. Sebastian Bleitgen vom Tria Team VfL Michelstadt gegen Cedric Guthier von der LG Odenwald / TSG Bad König, das war zugleich die Wiederholung des letztjährigen Zweikampfes. Wegen einer Verletzung konnte Bachit Yousif das Rennen nur als Zuschauer begleiten, der 19jährige sudanesische Flüchtling war 2016 mit wenig Langstreckenlauferfahrung lange vorweg gelaufen und am Ende Drittplatzierter geworden.

Ob runter oder hoch: Sebastian Bleitgen (links) und Cedric Guthier noch immer gemeinsam unterwegs Alexander DiLella im Anstieg zu Rang 3 und Sieg in der M45

Im Vorjahr zwang Cedric Guthier mit einer Schlussattacke Sebastian Bleitgen in die Knie. Der 36jährige Bleitgen, vielseitig orientierter Ausdauersportler, war gewarnt. In den stark aufkommenden Swim & Run Wettbewerben zählt er zu den Besten und hat bereits an den Swimrun-Weltmeisterschaften beim 75 km langen (10 km Schwimmen) Ö till Ö in Schweden teilgenommen. Das Herz des 21jährigen Cedric Guthier dagegen schlägt für den Orientierungslauf. In dieser Saison hat er zwei Weltcuprennen in Lettland und in Grindelwald/Schweiz bestritten und erkennt neidlos an, dass die Profis aus Skandinavien und der Schweiz den deutschen Amateur-OL-ern in dieser bei uns wenig bekannten Sportart einiges voraus haben.

Im dichten Schneegstöber Sebastian Bleitgen (links) und Cedric Guthier nähern sich der finalen Entscheidung Vorsicht rutschig ! Der Zielschuss zum Stadion„An der Ruh“ wird mit Bedacht angelaufen

Auf Schnee flog Sebastian Bleitgen mit langen Schritten zum Sieg in 43:39 Minuten. Cedric hatte alles versucht, die verschieden gelagerten Vorzüge beim Bergauf und Bergab für sich zu nutzen, doch Sebastian wusste zu verhindern, dass er sich entscheidend absetzte und hielt ihn auf der halben Zielrunde im Stadion auf Distanz (43:50 min). Den Dritten hatte sich René Strosny schon zurecht gelegt, doch beide kamen wohl auf Abwege, so dass es auch einige Minuten dauerte bis das Podium besetzt war. Um den dritten Rang wurde es dennoch spannend, schließlich setzte sich Alexander DiLeila aus Löhrbach in 49:39 min (1.M45) gegen Jörg Witt (49:47) und M50-Sieger Werner Stojetz vom TSV Aschbach (49:55) durch.

Sabine Schmidt wird 3. Frau Marion Ihrig gewinnt die W55

Ines Trumpfheller sorgte dafür, dass das Tria Team Michelstadt nun beide Siegerpokale abstauben dürfen, denn bereits nach in 52:23 min lief sie im Schneegestöber in den Zielkanal, wo man erst sieben Männer erfasst hatte. Sie erinnerte sich, schon einmal beim Adventslauf gelaufen zu sein: "…aber weit hinterher. Damals lag auch viel Schnee." 2009 begann die W30-Läuferin des Jahrgangs 1983 an Wettkämpfen teilzunehmen und läuft auf 10km-Strecken 43er Zeiten. Auch eine Marathon-Bestzeit nennt sie: 3:23 h.

Für Sabine Kriewald aus Reichelsheim kam es endlich zur Teilnahme, die für die 1. der W40 nach 55:10 min auf dem zweiten Platz der Frauen endete. Bisher hatte sie es nie zum Start geschafft, obwohl sie in den beiden letzten Jahren den Adventslauf eingeplant hatte, dann aber jeweils wegen Erkältungen das Vorhaben nicht ausführen konnte. "Die Strecke ist schon sehr anspruchsvoll", urteilte die Lokalmatadorin, die diese nicht vorher testhalber abgelaufen war. "Ich lasse mich gern überraschen." Sie liebt aber auch eher das Hügelige, ist den anspruchsvollen Heidelberger Halbmarathon in 1:43:06 h gelaufen. Ihre Halbmarathon-Bestzeit lief sie im Februar in 1:38:19 h. Nach einer Unterbrechung fing sie 2014 wieder mit ambitioniertem Laufen an. Schon als Jugendliche betrieb sie Leichtathletik, da vor allem Weitsprung.

Ines Trumpfheller führt das Frauenfeld bis ins Ziel an Marina Köcher wird bei ihrer 1. Teilnahme 4. und gewinnt den Odenwald Cup Karin Risch gefällt das Schneelaufen. Sie gewinnt einmal mehr souverän die W70

Als Dritte schaffte es auch Sabine Schmidt vom SV Falkengesäß in 58:43 min unter einer Stunde zu bleiben (2.W40), was insgesamt 38 Finishern gelang. Herausragend die Leistung von Karin Risch, Jahrgang 1946, die in 63:49 min über den Schnee huschte und als W70-Siegerin einige jüngere Altersklassen dominiert hätte.

Odenwald Cup

Der Reichelsheimer Adventslauf war letzte Station des aus 16 Wertungsläufen bestehenden Odenwald Cup, wobei mit fünf Ergebnissen die Mindestanforderung erfüllt ist. Die Ehrung erfolgt unmittelbar nach dem Adventslauf, weshalb immerhin die Cupgewinner nach Reichelsheim aufgebrochen waren. Mit rund fünf Prozent lag man mit 61 Finishern über dem Vorjahr, dazu kam eine Handvoll Walker. Schön, dass sich die Helfer des KSV Reichelsheim zwei Mal im Jahr für die Lauffreunde die Mühe machen, den Michelsmarktlauf im Sommer und eben den Adventslauf zu organisieren und durchzuführen. Begeisterungsausrufe und lobende Worte fielen schon auf der Strecke. Es war wieder ein ganz besonderer Laufgenuss, wozu eben auch Frau Holle in besonderer Weise beizutragen wusste.

Ein letzter kleiner Anstieg zum Stadion „An der Ruh“ ... hier werden die Läufer mit heißem Tee und Leckereien willkommen geheißen

Kritisiert wurden Wetter-Apps, die den Schneefall erst in der Mittagszeit erwarten ließen. Die kleine Vereinsgaststätte war dennoch gut gefüllt, obwohl einige aufgrund der sich verschlechternden Straßenverhältnisse lieber rasch aufbrachen. Als Cup-Sieger geehrt wurde Bachit Yousif (LGO / TSG Bad König), Vorjahres-Sechster, der 13 Wertungsläufe bestritten hatte und dessen Knieverletzung, die er sich bei einem Arbeitsunfall zugezogen hat, hoffentlich bald wieder die Teilnahme an Läufen zulassen wird.

Bei den Frauen siegte Marina Köcher. Sie hatte erstmals am ODW Cup teilgenommen und sogleich komplett alle Wertungsläufe absolviert. Das hatte sich die 39jährige vorgenommen und nun auch erfolgreich durchgezogen. Zum Laufen animiert hatte sie Ehemann Thomas und die 12jährige Tochter, die wollten, dass sie ein Teil der Läuferfamilie wird. Im März 2016 begann ihre Karriere als Wettkampfläuferin bei den Kreis-Cross-Meisterschaften in Weitengesäß und sie ist dabei geblieben. Übrigens Thomas Köcher siegte heute als Gesamtneunter (52:29) in der AK M40 und Marina wurde 1. W35 und in 60:29 min Vierte bei den Frauen.

Aslan Öztürk, der Sieger der M30 in der Odenwald Cupwertung beißt mit Genuss zu. Tradition hat das Lebkuchenpräsent aus dem Ortsteil Beerfurth, das beim Reichelsheimer Adventslauf jedem Finisher winkt Marina Köcher und Bachit Yousif, sind Vereinskollegen der LGO/TSG Bad König und Odenwald Cup-Sieger 2017 René und Angela Strosny haben ein Herz für den Reichelsheimer Adventslauf Cheforganisator Roland Pößiger im mystischen Glanz des sagenumwobenen Ritters Rodenstein, der mit seinem Gefolge noch immer nächtens durchs Land zieht. Während des Adventslaufs döste der blecherne Geselle im Sportlerheim „An der Ruh“
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Und zu guter Letzt: Aslan Öztürk gewann in der Cup-Wertung die AK M30. Der Läufer des TuS Griesheim wohnt in Darmstadt, ist aber in Erbach aufgewachsen. Da lag es nahe, mal hier zu laufen, so der Reichelsheimer Erstteilnehmer. "Ist schon anstrengend der Lauf, aber schön", so der M30-Sieger und 15. Gesamt (53:30). Auch beim Odenwald Cup war er erstmals dabei und lief bei 14 der 16 Läufe mit.

Noch erinnert im Odenwald eine dichte Schneedecke an den Adventslauf in Reichelsheim. Um 2018 selbst mal mitzulaufen, da könnte ein Knoten im Taschentuch besser erinnern, denn das gefrorene Nass hat bestimmt nicht lange Bestand. Es könnte aber am 1. Advent 2018 die Landschaft wieder verzaubern.

Bericht und Fotos von Constanze & Walter Wagner

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Ergebnisse www.ksv-reichelsheim.de
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