21.10.17 - Altmühl Trail Dollnstein

Goldener Herbst im Altmühltal

von Marcus Imbsweiler

Traumkulisse, Traumwetter - was der 4. Altmühltrail versprochen hatte, das hielt er auch. Wobei im Vorfeld gerade das Wetter einen Unsicherheitsfaktor darstellte. Nach einer Woche Sonnenschein und spätsommerlichen Temperaturen wurde ausgerechnet für das Laufwochenende eine Regenfront erwartet. Bloß wann genau, das war die Frage.

Nun ist der gemeine Trailläufer nicht aus Zucker. Aber da gibt es ja noch die Zuschauer, die oft Stunden im Ziel auf ihre Lieben warten, da gibt es die Streckenposten und Sanitäter, die ihren Dienst unter freiem Himmel verrichten, Veranstalter und Sponsoren, die mit attraktiven Fotos Lust auf weitere Austragungen machen möchten. Auch an die dachte Cheforganisator Ludwig Bittl, wenn er am Vortag immer wieder die Wettervorhersage checkte.

Natur pur beim 4. Altmühltrail rund um Dollnstein
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Letztlich scheinen sie im katholischen Bayern dann doch einen guten Draht zu Petrus zu haben. Nach nebligem Morgen kam schon am Vormittag zögernd die Sonne heraus, und spätestens beim Start der Langstrecke Punkt zwölf herrschte einmal mehr prächtiges Spätsommerwetter - Indian Summer im Altmühltal. Für Ortsunkundige ein paar Worte zur Orientierung: Die Altmühl entspringt bei Rothenburg ob der Tauber, in Mittelfranken also, schlägt anschließend südöstliche Richtung ein, um bei Kelheim, kurz vor Regensburg, in die Donau zu münden. Sie gehört zu den langsamsten, weil gefälleärmsten Flüssen Deutschlands und ist daher bei Freizeitpaddlern und -radlern beliebt.

Auf halber Strecke durchbricht die Altmühl die fränkische Juraplatte, ein Karstgebirge, weltweit bekannt für seine zahlreichen Versteinerungen, etwa den Urvogel Archaeopteryx. Anfänglich bildet sie ein enges Flusstal, das sich aber bei der Ortschaft Dollnstein plötzlich erweitert. Der Grund: Hier verlief vor Jahrmillionen einmal die Donau. Und genau an diesem Punkt, wo Urdonau- und Altmühltal zusammentreffen, fiel auch der Startschuss zum diesjährigen Altmühltrail.

Als erstes gehen die Walker und Wanderer ohne Zeitnahme auf die Langstrecke. Noch hält sich die Sonne zurück Dollnstein erwartet den Ansturm der Trailläufer. In der Bildmitte die Pfarrkirche mit ihren sehenswerten gotischen Wandfresken Vielfach im Einsatz: Cheforganisator Ludwig Bittl, hier als Führungsradler beim Kinderlauf. Nur ca. 800m haben die Kinder beim Altmühltrail zu bewältigen. Trailfeeling kommt aber auch hier auf, und steil ist es sowieso

Die Veranstaltung selbst ist noch jung, sie fand 2017 erst zum vierten Mal statt. In den Anfangsjahren wechselten die Austragungsorte, zunächst startete man in Treuchtlingen, dann in Gunzenhausen. 2016 präsentierte sich die DJK Dollnstein, ein Mehrspartenverein mit Schwerpunkt Fußball, erstmals als Ausrichter. Und hier, etwa 15 km westlich der Bischofsstadt Eichstätt, scheint der Altmühltrail sein "Zuhause" gefunden zu haben.

Steigende Teilnehmerzahlen zeugen vom Renommee der Veranstaltung. Schon nach wenigen Wochen war in diesem Jahr das Starterlimit von 700 Läufern und Wanderern erreicht. Offenbar hatte sich herumgesprochen, dass die Strecken rund um Dollnstein ebenso abwechslungsreich wie anspruchsvoll sind. Dazu kommt die professionelle Organisation durch Baboons, einen Veranstalter, der vor allem im Motorsportbereich tätig ist, aber auch den Seenmarathon am Brombachsee managt. Federführend bei Baboons: Stephanie Pummer, selbst Triathletin mit einer Halbmarathonbestzeit von 1:25:35 h.

Zwei Strecken hat der Altmühltrail im Angebot. Eine ca. 8 km lange Schleife östlich von Dollnstein, die durch das Naturschutzgebiet Mühlbergleite führt und auf gut 200 Höhenmeter kommt, sowie die Langstrecke über 27,5 km und ca. 670 HM. Hier wird zunächst nach Westen gelaufen, dann in gegensätzlicher Richtung bis fast nach Eichstätt, bevor man auf dem Rückweg den Kurs der Kurzstrecke erreicht. Beide Strecken können auch erwandert werden, nach Wunsch mit oder ohne Zeitnahme. Start und Ziel befindet sich jeweils am Sportplatz der DJK Dollnstein.

Die Passage beim Burgsteinfelsen wurde für die diesjährige Austragung extra ins Programm genommen

Sämtliche Highlights des Kurses aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Nur ein paar seien herausgepickt: gleich zu Beginn die Ortsquerung mit Umrundung der Burganlage; der Höhenweg hinter Schernfeld mit fantastischem Blick ins Altmühltal (ab km 12); der Abstecher durch den Skulpturenpark des Bildhauers Alf Lechner in Obereichstätt (km 16). Und dann natürlich eine Passage, die 2017 ganz neu ins Streckenprofil aufgenommen wurde: der Aufstieg zum Burgsteinfelsen.

Hier, bei km 22,3, hat der Trail alpinen Charakter, wenn es parallel zu den fast senkrechten Wänden der markanten Felsnadel hoch in den Wald geht. Nach etwa 300 Metern lockt eine Verpflegungsstelle mit Getränken, Bananen und Backwaren, aber danach führt der Weg noch einmal fast genauso steil nach oben … Letztes Jahr hätten sich einige Teilnehmer mehr Trailpfade gewünscht, berichtet Ludwig Bittl vom Orgateam. Nun, die haben sie bekommen.

Die Qual am Burgsteinfelsen: kraxeln … … stärken …
… und gleich weiter nach oben!

Auf der Langstrecke erreichten 253 Männer und 87 Frauen das Ziel. An der Spitze formierte sich zunächst eine Fünfergruppe u.a. mit dem kompletten Männerpodium des Vorjahres, den Zwillingen Andreas und Sebastian Radecker sowie Roland Rigotti. Die fiel aber schon beim ersten steilen Anstieg (km 4) auseinander, und ab etwa km 6 war der spätere Sieger Kai Reißinger allein in Front. Kontinuierlich baute er seinen Vorsprung auf über vier Minuten aus; in 1:53:59 h blieb er als Einziger unter der Zweistundenmarke.

Trailspezialist ist Reißinger nicht, sondern verdiente sich seine Meriten bislang hauptsächlich im Straßenlauf. 2015 wurde er deutscher M40-Meister über 10 km sowie Vizemeister im Marathon (2:26:07 h). Anschließend trat er etwas kürzer, um in diesem Jahr wieder ins Wettkampfgeschehen einzugreifen. Im September wurde er trotz knapper Vorbereitung Zweiter beim Seenlandmarathon (2:38). Reißinger startet für das Team "Mannschaft ohne Namen", was nicht mit einer Mannschaft der Namenlosen zu verwechseln ist; gerade im Seniorenbereich hat die in Pleinfeld beheimatete Truppe einiges zu bieten.

 

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Hinter Reißinger gab es im Verlauf des Rennens noch etliche Positionswechsel. Aus der ursprünglichen Führungsgruppe konnten sich die beiden Radeckers auf Platz 2 und 3 behaupten. Hatte 2016 noch Sebastian vor Andreas triumphiert, ging die Sache in diesem Jahr ganz knapp zugunsten von Andreas aus: 2:00:12 h zu 2:00:17 h. Die beiden sehen sich nicht nur ähnlich und laufen im gleichen Leistungsbereich, sie üben auch denselben Beruf aus: Sie sind geowissenschaftliche Präparatoren, zuständig für die Erhaltung von Versteinerungen und anderen prähistorischen Funden. Sebastian arbeitet im heimischen Niedersachsen, am Naturhistorischen Museum Braunschweig, Andreas hat es ans Jura-Museum von Eichstätt verschlagen.

Der Dollnsteiner Bürgermeister Wolfgang Roßkopf gibt das Startsignal für die Langstrecke Mit über sechs Minuten Vorsprung im Ziel: Langstreckensieger Kai Reißinger (Mannschaft ohne Namen).

Gut eingeteilt hatte sich den Lauf Marcus Veth vom TSV Rannungen, der für Life! Gesundheitstraining an den Start ging, ein Fitness- und Gesundheitsstudio aus dem nordfränkischen Neustadt/Saale. Von Platz 8 arbeitete sich der 26-Jährige konsequent nach vorne und hätte auf den Schlusskilometern fast noch einen Podiumsplatz ergattert. In 2:00:45 h konnte er sich über den klaren Sieg in der Hauptklasse freuen.

Etwas enger als bei den Männern ging es in der Frauenkonkurrenz zu. Nur gut zwei Minuten trennten die Siegerin und die Zweitplatzierte. Positionswechsel gab es dafür keine; Andrea Lutz (Eintracht Kattenhochstadt, 2:17:38 h) lag von Beginn an vorn, wenn auch nie so deutlich wie ihr männliches Pendant Reißinger. In der Verfolgung: Christina Holzinger, die den Altmühltrail im Jahr 2015 gewonnen hatte, während Lutz bereits 2016 in Dollnstein erfolgreich war.

Dass sie sich bei diesem Duell zweier Gesamtsiegerinnen durchsetzen konnte, kam für Andrea Lutz nach einem im Sommer erlittenen Bänderriss etwas überraschend. Sie hatte sogar mit sich gerungen, ob sie überhaupt antreten sollte - letztlich gaben die tolle Stimmung und das familiäre Ambiente des Laufs den Ausschlag für ihren Start. Auch sie ist auf ganz verschiedenen Strecken zuhause, von den klassischen 10 Kilometern, die sie in knapp 40 Minuten bewältigt, bis zu Halbmarathon (1:24 h) und Marathon (2:58 h). Und die Strecke? "Ich konnte sie genießen!"

Christina Holzinger belegte in 2:19:54 h ungefährdet Platz 2 vor der Gewinnerin der W50, Petra Stiegler (Twin Neumarkt, 2:25:48 h). Überhaupt waren die über 50-Jährigen mit drei Damen unter den Top Ten hervorragend vertreten. Die beiden ältesten Teilnehmerinnen gehörten der W60 an, bei den Männern brachten es immerhin 15 Finisher auf 60 Jahre und mehr.

Jascha Lagoda (EL Rookies, Platz 18 gesamt) hatte eine der weitesten Anreisen: Er kam aus Köln ins Altmühltal Ganz entspannt kurz vor Dollnstein: Andrea Lutz (Eintracht Kattenhochstadt), Titelverteidigerin über die Langstrecke Christina Holzinger gewann den Altmühltrail 2015. In diesem Jahr muss sie sich knapp geschlagen geben

Ein ganz anderes Bild ergibt sich beim Blick auf die Kurzstrecke. Hier wurden 139 Läuferinnen und Läufer im Ziel registriert, ganze 200 weniger als über die 27 km. Noch bemerkenswerter: 74 von ihnen, und damit deutlich mehr als die Hälfte, sind Frauen. Der Trailläufer, vor allem wenn er männlichen Geschlechts ist, bevorzugt also eindeutig die Herausforderung der Langstrecke.

Zu denen, die den kürzeren Trail wählten, gehörte Felix Mayerhöfer. Er benötigte 35:50 min. für die 8 km und war damit klar Schnellster an diesem Tag. Vom Leistungsprofil her hätte Mayerhöfer auch über die Langstrecke ein gutes Bild abgegeben. Beim Hamburg-Marathon im April schaffte er einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde, als er die 42,2 km in 2:42:59 h lief - im Abendanzug! Vielleicht sollte er sich für den nächsten Altmühltrail etwas Ähnliches überlegen; in Krawatte den Burgsteinfelsen hoch, das hätte was.

U20-Starter Peter Luff (SV Marienstein) belegte in 38:18 min. Gesamtplatz 2, natürlich in Laufklamotten. Sein Bruder Simon, Triathlet wie Peter und in diesem Jahr nicht am Start, hatte 2016 über die Kurzstrecke gesiegt. 25 Sekunden dahinter komplettierte der Öhringer Volker Bender als Schnellster der M40 das Podium.

Das M30-Podium der Langstrecke mit (v.l.) Sebastian und Andreas Radecker, die in der Gesamtwertung die Plätze 3 und 2 belegen, sowie Attila Strifler (Platz 8). Die Ehrung nimmt Bezirksrat Reinhard Eichiner vor Felix Mayerhöfer trug sich als erster in die Dollnsteiner Siegerliste ein. Er triumphierte auf der Kurzstrecke - und zwar ausnahmsweise einmal nicht im Anzug
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Ebenfalls Triathlon betreibt Frauensiegerin Jana Lehnert vom TV 06 Thalmässing. Ihr war überhaupt nicht bewusst, dass sie in Führung lag, und sie wollte den Erfolg auch nicht zu hoch hängen: "Wichtig ist, dass es Spaß macht." Trailerfahrung konnte sie im April beim Innsbruck Alpine über 25 km und 1000 Höhenmeter sammeln. Aber auch in einer anderen Sportart war die 25-Jährige bereits extrem erfolgreich: Jana ist mehrfache Weltmeisterin im Einradfahren, Spezialität Downhill.

Hinter Lehnert (45:45 min.) kam Rita Gottleuber vom Team Arndt (46:32) auf Platz 2 und gewann die W30; Kathrin Büttner (48:36) bescherte dem Life! Gesundheitstraining als Gesamtdritte eine weitere gute Platzierung. Orgachef Ludwig Bittl, selbst leidenschaftlicher Trailläufer, musste in diesem Jahr verletzungsbedingt passen. Für ihn holte die Familie die Kastanien aus dem Feuer: seine Frau Karolin (52:49, Platz 8) sowie deren Geschwister Felix (49:53) und Juliane (66:55).

Fazit: alles in Butter bei der 4. Auflage des Altmühltrails, viel Lob für die Organisation und die spektakuläre Strecke. Man darf davon ausgehen, dass die 700 Startplätze auch im kommenden Jahr wieder ruckzuck vergeben sind. Mehr Teilnehmer verkraftet die Strecke nicht - der Naturschutz hat Vorrang. Aber auch dies, die Rücksichtnahme auf die Umwelt nämlich, ist ein Aspekt des Traillaufens.

Bericht und Fotos von Marcus Imbsweiler

Ergebnisse www.altmuehltrail.de

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Marcus Imbsweiler, gebürtiger Saarländer, lebt in Heidelberg. Er studierte in Tübingen, München & Heidelberg Philosophie, Geschichte, Germanistik und Musikwissenschaft. Heute arbeitet er als freier Autor und Musikredakteur. Laufend neue Geschichten www.marcus-imbsweiler.de

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