26.8.17 - 23. Reichelsheimer Michelsmarktlauf

Drei Siege in vier Tagen

Kerstin Bertsch krönt ihre erfolgreiche Woche mit einem Streckenrekord

von Reinhold Daab

Informationen zum Lauf 2018 - siehe Ankündigung im WO LÄUFT`S WIE?

"Das war hart heute", diesen Satz hörte ich am Samstagnachmittag sehr oft in Reichelsheim im Odenwald. Dort wurde im Rahmen des 69. Michelsmarktes der Michelsmarktlauf ausgetragen. Das Fest und der Lauf, die beiden gehören bereits seit 23 Jahren zusammen und die Laufveranstaltung in der Ortsmitte von Reichelsheim ist einer der Höhepunkte des Volksfestes, zumindest in sportlicher Hinsicht.

Am Samstagnachmittag war es unheimlich schwül, auch ohne sportliche Betätigung war man bei den bei den geringsten Bewegungen bereits schweißgebadet. Wie sollte es da erst den Teilnehmern beim Michelsmarktlauf ergehen, die einen 2,4 km langen Rundkurs vor sich hatten. Davon konnte ich mir später selbst ein Bild machen, weil ich auf der Suche nach einem schönen Motiv den steilen Buckel am "Bezenbach" hinauf zum Friedhof bepackt mit Kamera und Rucksack auch zurücklegen musste und oben angekommen mein T-Shirt auswringen konnte. Dafür wurde ich mit einem tollen Blick auf "Schloss Reichenberg" belohnt und konnte die Läuferinnen und Läufer mit dem Wahrzeichen im Hintergrund ablichten. Wie sagte eine Teilnehmerin so treffend: "Vier mal den Buckel hoch und dann auch noch am Friedhof vorbei, das ist nicht so schön".

Der Michelsmarkt unterhalb von "Schloss Reichenberg" und der Michelsmarktlauf sind bereits seit 23 Jahren untrennbar miteinander verbunden
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Der KSV Reichelsheim kämpft seit Jahren mit stagnierenden Teilnehmerzahlen, bleibt aber dennoch seiner Linie treu und hält unnachgiebig am Michelsmarktlauf fest. Das ist gut so, weil in letzter Zeit schon genug schöne Laufveranstaltungen aus dem Laufkalender verschwunden sind. Da beim KSV noch alles "handgemacht" ist und kein professioneller Zeitnehmer Geld verschlingt, halten sich die Kosten in Grenzen. Dafür nimmt man dann auch gerne in Kauf, dass die Auswertung mal etwas länger dauert, weil einige Teilnehmer dreimal so lange unterwegs sind, wie die Schnellsten.

Auch die Schüler mussten auf ihrem 1,8 km langen Rundkurs zum Friedhof hinauf, aber zum Glück nur ein einziges Mal. Trotzdem richtete Orga-Chef Roland Pößiger vor dem Start im Hinblick auf die extreme Witterung und die bevorstehende Anstrengung ein paar warnende Worte an die 24 Jugendlichen. Pünktlich um 16:30 Uhr ging es los und Sina Fuchs konnte das Kunststück, das ihr vor drei Wochen bereits beim Volkslauf in Güttersbach gelang, eindrucksvoll wiederholen.

Erneut hatten ihre männlichen Vereinskameraden von der LGO keine Chance gegen das 13-Jährige Talent vom SC Beerfelden. Sina gewann nicht nur den Schülerlauf mit großem Vorsprung, sie stellte auch noch einen fantastischen, neuen Streckenrekord auf und war erst das zweite Mädchen, das die anspruchsvolle Strecke unter 7 Minuten schaffte. In 6:35 min. (1. WJU14) pulverisierte sie die alte Bestmarke von Kim Medelnik aus 2011 um fast eine halbe Minute und das bei diesen Bedingungen. Mit ihrer Rekordzeit kam sie sogar dem Rekord der Schüler, aufgestellt ebenfalls 2011 von Sören Hartmann mit 6:20 min., bedrohlich nahe. Bei ihrem Sieg im vergangenen Jahr benötigte Sina noch 7:16 min.. Daran erkennt man, welche erstaunliche Entwicklung sie in diesem Jahr genommen hat.

Sina Fuchs bleibt als erstes Mädchen unter 7 Minuten und gewinnt den Schülerlauf über 1,8 km mit neuem Streckenrekord (1. WU14) Marek Beysel wird Zweiter (1. MJU14) Der dritte Platz beim Schülerlauf geht an Florian Budel (2. MJU14) Sarah Köcher ist die zweitschnellste Schülerin (2. WJU14)

Hinter der Siegerin war deren Vereinskamerad Marek Beysel in 6:44 min. schnellster Schüler (1. MJU14), ihm folgte Florian Budel als Gesamtdritter (6:54 min., 2. MJU14, LGO/TSG Bad König). Dessen Vereinskameradin Sarah Köcher war als Vierte das zweitschnellste Mädchen (6:55 min., 2. WJU14).

Der Michelsmarktlauf war in der Vergangenheit immer mal wieder für Überraschungen gut. Beispielsweise lief René Strosny 2012 mit etwa 20 km An- bzw. Einlaufen überraschend zum Sieg und 2015 sorgte Ruben Zillig mit einem famosen Rennen für einen neuen Streckenrekord (32:22 min.), an dem man sich vermutlich noch lange die Zähne ausbeißen wird. Im vergangenen Jahr gelang es der ersten Frau, eine Zeit unter 40 min. zu erzielen.

Petra Wassiluk verbesserte den vier Jahre alten Streckenrekord um fast 3 Minuten auf 38:44 min. und ihr Lebensgefährte Rolf Ciesielski gewann gleichzeitig den Hauptlauf.

Start zum Hauptlauf über 9,6 km in der festlich geschmückten Ortsmitte von Reichelsheim

Auch in diesem Jahr lag eine Überraschung in der Luft. Ich hatte erfahren, dass Kerstin Bertsch gemeldet hatte und kurz vor dem Start zum Hauptlauf um 17 Uhr lief sie mir tatsächlich über den Weg. Kerstin hatte einen Familienausflug mit Ehemann und ihren drei Kindern in den Odenwald unternommen. Nach einer Zwischenstation am Naturschutzgebiet "Reinheimer Teich" und einem Schwimmbadbesuch in Reichelsheim stand zum Abschluss der Michelsmarktlauf auf ihrem Programm. Nach der Geburt ihres dritten Kindes hat sich Kerstin überraschend schnell wieder ihrer alten Form angenähert, was ihre Siege über 5 km und 10 km beim Bürostadtlauf in Frankfurt-Niederrad am Mittwoch zwei Tag zuvor eindrucksvoll bestätigen. Natürlich hatte sie sich im Vorfeld über den aktuellen Streckenrekord informiert. Er lag durchaus im Bereich ihrer Möglichkeiten.

Neben den 52 Teilnehmern waren noch 7 Staffeln mit 2-4 Läuferinnen und Läufern für den Hauptlauf über 9,6 km angemeldet. Wie bereits eingangs erwähnt, machte ich mich nach dem Start um 17 Uhr schnell auf dem Weg kurz hinter die letzten Häuser von Reichelsheim mit Blick auf Schloss Reichenberg. Nach zwei Runden lagen die Vereinskameraden von der TSG Bad König, der Vorjahreszweite Jonas Uster und der Vierte von 2016, Bachit Yousif, gemeinsam und mit großem Vorsprung in Führung. Bereits an Position drei tauchte Kerstin Bertsch auf, was mich aber nur wenig überraschte. An dieser Reihenfolge änderte sich auch in Runde drei und vier nichts. Keiner der beiden Führenden konnte sich von seinem Konkurrenten absetzen, alles deutete auf eine Spurtentscheidung hin.

Elena Daum stellt zusammen mit ihren Vereinskameraden Jonas Uster und Rico Budel die siegreiche Staffel von der TSG Bad König Vier runden lang liegen die Vereinskameraden Jonas Uster (2., 1. MHK) und Bachit Yousif gemeinsam in Führung Kerstin Straub gewinnt das dritte Rennen in vier Tagen und krönt ihre erfolgreiche Woche mit einem neuen Streckenrekord (1. WHK)

Ich hetzte auf kürzestem Weg zurück in die Ortsmitte, um das Finale ja nicht zu verpassen. Kurz danach kündigte das Führungsfahrrad die ersten Läufer am letzten, kurzen Anstieg wenige Meter vor dem Ziel an. Etwa 200 m vor der Ziellinie trat Bachit Yousif zu einem fulminanten Endspurt an, dem sein Vereinskamerad Jonas Uster nichts entgegenzusetzen hatte. Yousif holte sich in 36:03 min. (1. MJU20) den verdienten Sieg beim Michelsmarktlauf. Der glückliche Sieger kam vor etwa zwei Jahren als Flüchtling aus dem Sudan in den Odenwald und hat bei der TSG Bad König seine sportliche Heimat gefunden. Sein Asylantrag wurde anerkannt und derzeit nimmt er an einer 1-jährigen Eingliederungsmaßnahme teil. Anschließend kann er eine Ausbildung beginnen, worauf er sich bereits freut. Vereinskamerad Uster hatte keinen Konkurrenten im Nacken und ließ es auf den letzten Metern austrudeln. Nach 36:20 min. war er wie im Vorjahr als Zweiter im Ziel (1. MHK). Trotzdem konnte auch er sich über einen Sieg freuen, denn zusammen mit Helena Daum und Rico Budel war er in 36:40 min. maßgeblich am klaren Sieg der schnellsten Staffel von der TSG Bad König beteiligt.

M45-Sieger Alexander DiLella vor der Kulisse von "Schloss Reichenberg" Ein verschwitztes Trio mit M70-Sieger Klaus Gora (vorne) und Lothar Sauer (5. M50) sowie Simone Barth (2. W45) M50-Sieger Werner Stojetz wird Siebter

Kaum eine Minute war vergangen, da raste als Gesamtdritte auch schon Kerstin Bertsch strahlend den letzten Anstieg hinauf und erreichte in der neuen Streckenrekordzeit von 37:56 min. das Ziel (1. WHK, SSC Hanau-Rodenbach). Damit brachte Kerstin das Kunststück fertig, drei Rennen innerhalb von nur vier Tagen zu gewinnen. Später erzählte sie mir, dass es in der dritten Runde wegen der enormen Schwüle richtig schwer für sie gewesen sei. Im Ziel warteten bereits Ehemann Simon und die drei Kinder und nahmen die Siegerin in Empfang.

W40-Siegerin Sandra Lamprecht läuft strahlend auf Platz drei, begleitet wird sie dabei von Holger Göbel (2. M40) Die Deutsche W70-Berglaufmeisterin Karin Risch ist ganz andere Steigungen gewöhnt, trotzdem verlangte auch ihr die Strecke beim Michelsmarktlauf einiges ab (1. W70) Fünfte wird W45-Siegerin Christiane Weber (vorne), Marina Köcher (1. W35) läuft auf den sechsten Platz, sie liegt beim Odenwald-Cup in Führung

Den Triumph der TSG Bad König machten Nico Bartsch, der in 38:25 min. (2. MJU20) bei den Männern Dritter wurde und die erst 15-jährige Svenja Clemens als zweite Frau (40:29 min., 1. WJU18) komplett. Platz drei ging in 44:28 min. an W40-Siegerin Sandra Lamprecht vom LC Michelstadt.

Der Michelsmarktlauf war der zehnte von sechzehn Wertungsläufen beim Odenwald-Cup. Mit seinem Tagessieg konnte Bachit Yousif seine Führung weiter ausbauen. Bei den Frauen blieb es spannend, die in der Zwischenwertung weiter führende Marina Köcher büßte am Samstag als Sechste (49:29 min., 1. W35, TSG Bad König) einige Punkte von ihrem Vorsprung auf Sabine Schmidt ein, die knapp zwei Minuten vor ihr als Vierte (47:13 min., 2. W40, SV Falken-Gesäß) im Ziel war.

Etwa 200 m vor dem Ziel tritt Yousif zum entscheidenden Sprint an und holt sich den Sieg beim Michelsmarktlauf (1. MJU20) Die 15-jährige Svenja Clemens trägt als zweite Frau (1. WJU18) maßgeblich zum Erfolg der TSG Bad König bei Orga-Chef Roland Pößiger fungiert auch als Streckensprecher und begrüßt die Teilnehmer beim Zieleinlauf
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Mit leichter Verspätung wurde die Siegerehrung im schattigen Innenhof der Gemeindeverwaltung durchgeführt. Bleibt abzuwarten, ob die 24. Austragung des Michelsmarktlaufs im nächsten Jahr wieder für Überraschungen gut ist. Wundern würde es mich jedenfalls nicht und verdient hätte es der KSV Reichelsheim allemal.

Bericht und Fotos von Reinhold Daab
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