16.7.17 - 3. Nußlocher Wiesenlauf

Schnelle Zeiten im Wiesental

von Marcus Imbsweiler

"Richtig schnell ist die Strecke ja nicht", hatte Matthias Leyk von der SG Nußloch vor dem Wiesenlauf noch geunkt. Aber dann zeigten die beiden Tagessieger, was auf dem Kurs möglich ist. Sowohl Yosief Weldegebriel als auch Fabienne Amrhein gewannen souverän und in Streckenbestzeit, er komplett im Alleingang, sie mit angezogener Handbremse.

Nun ist einschränkend anzumerken, dass der Wiesenlauf in diesem Jahr erst seine dritte Auflage erlebte. Außerdem litten die beiden bisherigen Austragungen unter Wetterkapriolen: Starkregen 2015, Hitze 2016. Die Hürden für neue Streckenbestzeiten lagen daher nicht allzu hoch. Bei den Männern waren 35:20 min. zu unterbieten, bei den Damen 42:14 min. Jetzt, nachdem Weldegebriel in 32:53 min. gewann und Amrhein in 39:11, sieht die Sache freilich schon etwas anders aus.

Die Nußlocher Wiesen sind Landschaftsschutzgebiet. Laufen ist erlaubt - solange man auf den Wegen bleibt Mal geht es kurvig durch das Wiesental … … mal in langen Geraden
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Nußloch liegt etwa zehn Kilometer südlich von Heidelberg an der Bergstraße. Jüngst erst machte der Ort bundesweit Schlagzeilen durch den spektakulären Absturz eines Außenbalkons, bei dem glücklicherweise niemand zu Schaden kam. Für das Ortsbild charakteristisch ist eine mehrere Kilometer lange Materialseilbahn, die von den höher gelegenen Steinbrüchen durch die Bebauung bis zum Zementwerk Leimen führt.

Schon in den Achtzigern hatte die SG Nußloch einen Volkslauf ausgerichtet. Das Engagement der Leichtathletikabteilung beim Lauf der Volksbank im Herbst sorgte für eine mehrjährige Unterbrechung, bis man sich 2015 dazu entschloss, wieder eine eigene Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Drei Wettbewerbe werden angeboten: 10 km, 5,3 km sowie Bambiniläufe im Max-Berk-Stadion.

Machen auch auf der Laufstrecke gemeinsame Sache: Gesamtsiegerin Fabienne Amrhein und Karsten Königstein Ja, wo laufen sie denn? Pressesprecher Matthias Leyk (links) empfängt im Ziel jeden Läufer persönlich An der Weiche Kurz-/Langstrecke bei km 3,5 ist Gesamtsieger Yosief Weldegebriel schon weit enteilt. Einziger Begleiter: Rolf Rensch auf dem Fahrrad - Foto SG Nußloch

Der Hauptlauf über vermessene 10 km, dessen Verlauf dem Kurs von früher entspricht, ist im Prinzip flach. Im Prinzip; denn ein paar leichte Wellen gibt es eben doch, außerdem einige scharfe Kurven und wechselnden Untergrund, was in Kombination für merklichen Tempoverlust sorgt.

Unterwegs berührt man immer wieder vertrautes Volkslaufterrain. Die namensgebenden Wiesen zwischen Nußloch und Wiesloch wurden in der Vergangenheit vom schon erwähnten Volksbanklauf genutzt, bei km 3 trifft man auf die Strecke des St. Ilgener Germanenlaufs, und noch etwas später umrundet man den Walldorfer Waldspielplatz, Ausgangspunkt etlicher Kreiswaldlaufmeisterschaften.

Sommerliche Wiesen(lauf)szene mit Iris El Hindi ... … und Monika Bähr

Diese Beschreibung lässt schon erahnen, dass der Begriff "Wiesenlauf" nicht auf die gesamte Strecke zutrifft. Etwa die Hälfte der 10 km verlaufen im Wald oder am Waldrand. Komplett außerhalb des Waldes bleibt nur, wer sich für die kürzere Variante über 5,3 km entscheidet.

2017 erreichten 297 Teilnehmer das Ziel, dazu mehrere Dutzend Bambini, die Distanzen zwischen 200 und 1200 Meter bewältigten. Ein deutliches Plus gegenüber den Vorjahren und sicher begünstigt durch die läuferfreundlichen Temperaturen. Und noch etwas war positiv zu vermelden: kein uneinsichtiger Jagdpächter mehr, der auf der Strecke geparkt hatte und partout keine Rücksicht auf Läufer nehmen wollte - so geschehen im vergangenen Jahr.

Auf den letzten beiden Kilometern werden die 10 km- und 5,3 km-Läufer wieder zusammengeführt Drei Mal 10 km: Jürgen Trauth vor Jie Cheng und der Erstplatzierten in der W 30, Stefanie Feurer (TSG Wiesloch). Dem Chinesen Cheng steckte noch der Bahnstadtlauf vom Vortag in den Knochen

Wer die sportlichen Schlagzeilen schrieb, klang ja bereits eingangs an. Besonders durch die Teilnahme von Fabienne Amrhein erfuhr der Wiesenlauf eine Aufwertung. Die 25-jährige Studentin der Molekularbiologie zählt mittlerweile zu den stärksten deutschen Läuferinnen, vor allem im Crosslauf, wo sie vergangenen Winter Vizemeisterin wurde und Deutschland bei der EM vertrat. Bei der DM in Erfurt vor einer Woche kam sie über 5000m auf Platz 7 und war damit alles andere als zufrieden. Nächstes Ziel ist die Teilnahme an der Universiade in Taipeh (Taiwan), für die sie sich mit einer 1:13, erzielt beim Halbmarathon in Mainz, qualifizierte.

Fabienne hätte man sogar zugetraut, in Nußloch um den Gesamtsieg mitzulaufen. Als Begleiterin ihres Freunds Karsten Königstein ließ sie es jedoch gemütlicher angehen; beide kamen nach 39:11 min. ins Ziel. Karsten, der als Sportmediziner in Basel arbeitet, hatte sich eine schnellere Endzeit erhofft. 39 Minuten, das war so ungefähr auch seine Durchgangszeit beim Mannheimer Halbmarathon an Pfingsten. Aber mit einem komplett flachen Straßenlauf kann sich die Nußlocher Strecke eben nicht messen.

Zweitschnellste Frau über 10 km wird Birgit Bodirsky vom TSV 05 Rot (41:36 min.) Michael Schmittnägel (TSV 05 Rot) schaffte es bei allen drei Wiesenläufen in die Top Ten. Hier überholt er gerade Tina Bülow, Teilnehmerin am 5,3 km-Lauf Und noch eine Läuferin des TSV 05 Rot: Andrea Seemann, 4. Frau gesamt, 1. in der W40 (44:12 min.)

Yosief Weldegebriel von der TSG Wiesloch schien das wenig zu kümmern. Der Asylbewerber aus Eritrea legte von Beginn an ein beeindruckendes Tempo vor, dem niemand auch nur annähernd folgen konnte. Sein Vorsprung im Ziel betrug über drei Minuten. War Weldegebriel noch im Frühjahr nach seinen Raketenstarts regelmäßig eingebrochen, wirkt er nun erstaunlich stabil. Sowohl in Rülzheim als auch beim Dünenlauf in Sandhausen siegte er, sorgte bei letzterem sogar für einen neuen Streckenrekord. Gern hätte man von dem (laut Pass) 43-Jährigen erfahren, wie es zu dieser Leistungssteigerung kam, doch sowohl sein Deutsch als auch sein Englisch sind rudimentär.

Über die 5,3 km siegten Daniel Jungblut (TSV 05 Rot, 20:25 min.) und Luise Dobmeier (TSG Bruchsal, 22:53 min.). Daniel, Gymnasiallehrer in Rot und seit einigen Jahren in Nußloch ansässig, hat in seiner Läuferbio 33er Zeiten über 10 km stehen, das Training aber mittlerweile deutlich reduziert. Luise knackte trotz Erkältung im Vorfeld die Streckenbestzeit über die Kurzdistanz. Sie stammt aus Bruchsal, studiert Klassische Archäologie in Heidelberg und kam eher durch Zufall zu ihrer ersten Teilnahme am Wiesenlauf.

Zieleinlauf für Florian Speth (TV Germania St. Ilgen) vor Peggy Seltenreich und Friederike Korn Auch der beinamputierte Jochen Wier (Anpfiff Hoffenheim e.V.) bewältigte die 10 km-Strecke, und zwar als 4. der Hauptklasse in 45:41 min - Foto SG Nußloch Auch nach knapp zehn Kilometern noch bester Dinge: Manfred Grimm (SV Rohrbach), 2. in der M60
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Wie stark die Veranstaltung in Nußloch und Umgebung verwurzelt ist, zeigte sich an der großen Zahl von Teilnehmern, die für ortsansässige Betriebe und Vereine antraten, darunter die Pizzeria "Bella Italia", den Fußballverein, Rewe oder den Kindergarten "Apfelbäumchen". Zwei Läufer sollen abschließend besonders hervorgehoben werden, nämlich zum einen der 13-jährige Kevin Kalbrunner von der SG Nußloch, der den 5,3 km-Lauf in 21:42 min. bewältigte - Platz 4 gesamt. Und auf Platz 18 rangiert Kim Fessler (LG Rülzheim) mit 25:11 min.; der Knabe ist Jahrgang 2008, also erst neun Jahre alt. Wachsen da neue Lauftalente heran?

Bericht und Fotos von Marcus Imbsweiler
und 2 Fotos SG Nußloch

Ergebnisse www.nusslocher-wiesenlauf.de

Zu aktuellen Inhalten im LaufReport HIER

  "55" - Gekonnt verknüpft Marcus Imbsweiler historische Ereignisse mit der aktuellen Flüchtlingskrise in einem fesselnden Roman...
Kurt ist gestorben: das Herz. Fred, sein ewiger Widersacher, stöbert in Fotoalben aus den Fünfzigern. Was verband die beiden Alten? Freds Enkel Joris weiß nur von politischer Gegnerschaft. Mitten im Dorf sollen Asylbewerber unterkommen. Widerstand formiert sich. Kurt gehörte zu den Initiatoren. Plötzlich Zweifel am natürlichen Tod. Die Polizei ermittelt, auch gegen Joris. Der beginnt auf eigene Faust mit Recherchen. Und die ziehen ihn unaufhaltsam in die Vergangenheit. Es gilt Licht ins Dunkel des Jahres 1955 zu bringen.
Conte-Verlag Saarbrücken, Oktober 2015,
254 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-95602-067-6, Preis 13,90 €
Marcus Imbsweiler, gebürtiger Saarländer, lebt in Heidelberg. Er studierte in Tübingen, München & Heidelberg Philosophie, Geschichte, Germanistik und Musikwissenschaft. Heute arbeitet er als freier Autor und Musikredakteur. Laufend neue Geschichten www.marcus-imbsweiler.de

© copyright
Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de Redaktion (Adresse im IMPRESSUM) unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.