16.7.17 - 28. Kusterdinger Hornissenlauf

3. Durchgang des neugeschaffenen "WLV Team-Lauf-Cup"

323 Teilnehmer im Ziel der anspruchsvollen Waldstrecke

von Günter Krehl

Der TSV Kusterdingen ist derzeit besonders im Ultrabereich äußerst erfolgreich. Neben Florian Böhme (7:20) und Ralf Steißlinger (7:53) ist besonders die vierfache Deutsche Meisterin über 100 Kilometer, Pamela Veith (8:02) zu nennen, die leider verletzt, aufmerksame Beobachterin war. Doch schon in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren die Kusterdinger eine Langstreckenmacht. Ihre Aushängeschilder waren unter anderem Hindernisspezialist Helmut Kallenberger, die Gebrüder Ott und nicht zuletzt der Cheforganisator des aktuellen Laufes, Erich Knapp. Der war von 800 Meter bis Marathon (2:33) erfolgreich, seine 8:42 über 3.000 m ragen besonders hervor.

Walker starten zuerst auf eine 8,3 Kilometer lange Strecke Beim Hauptlauf wird auf dem harten Schlusskilometer das Gefällstück nach dem Start zur anspruchsvollen Steigung
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1990 wurde erstmal eine 11,6 Kilometer lange Volkslaufstrecke im Kusterdinger Wald ausgezeichnet. Ein Jahr später wurde der führende Läufer von einem Hornissenschwarm angegriffen. 1992 hatten die Insekten Mitleid mit den schnelleren Wettkämpfern, sie attackierten dieses Mal die zweite Hälfte des Feldes. Da viele Teilnehmer medizinische Hilfe benötigten, wurde danach die Strecke um das Hornissennest herumgeführt, die Veranstaltung hatte aber ihren werbewirksamen Namen erhalten. 1994 nahm ich mit 557 Sportkameraden in Kusterdingen erstmals bei einem Wertungslauf der Württembergischen Volkslaufmeisterschaft teil. In 2 Rennen blieben 69 Teilnehmer über nun 11 Kilometer unter 40 Minuten. Schon damals ging es gleich nach dem Start steil abwärts in den Wald. Selbst wer den ersten Kilometer unter 3 Minuten angelaufen war, sah etwa 20 weitere Schnellstarter vor sich.

Ab 1997 wurde die Runde auf 10 Kilometer verkürzt, so dass beim Wertungslauf 2000 von 496 Läufern sogar 106 unter 40 Minuten blieben. 5 Jahre später gab es nur noch einen Lauf. Immerhin kamen noch 511 Läufer ins Ziel, mit 99 unter 40 Minuten war das Niveau weiterhin stabil. Frank Honold sorgte in 33:10 für einen Sieg des Veranstalters. Er belegt in der ewige Bestenliste der Kusterdinger auf allen Strecken von 5.000 Meter (15:08) bis Marathon (2:27) Platz 1. Heuer gab es ein Wiedersehen mit dem einstigen Meisterläufer, in 42:12 belegte er Platz 48 (9. M45).

Start der Schüler Benjamin Holzer gewinnt den Schülerlauf knapp vor Marius Knisel Sarah Walch wird schnellstes Mädchen

Verlief bisher nur ein Teil über asphaltierte Wirtschaftswege, wurde die Strecke 2006 amtlich vermessen und vollständig auf Asphalt und über freies Feld geführt. Obwohl die Strecke weiterhin etwas hügelig war, wurden teilweise recht gute Zeiten erzielt. Beim Wertungslauf 2013 erzielte das Seniorenteam des VfL Ostelsheim sogar Deutschen Mannschaftsrekord in der Klasse M65. Die Volkslaufmeisterschaften waren da schon in einer Krise, nur noch 40 von 345 Athleten blieben unter 40 Minuten.

Seit letztem Jahr sind die Veranstalter wieder vom Straßenlauf abgekommen. Erich Knapp stellte fest, dass immer weniger Teilnehmer auf eine vermessene Strecke Wert legen und lieber im schattigen Wald unterwegs sind. Nun verläuft die Strecke im Gegensatz zu den Anfangsjahren ganz im Wald und dürfte noch um ein paar Nuancen anspruchsvoller sein. Leistungsorientierte Athleten mögen die Entwicklung bedauern, aufzuhalten ist sie wohl nicht mehr.

Kurz vor Streckenhälfte haben sich Jens Ziganke und Björn Browatzki abgesetzt Sergio Paulo (1. M50) gewinnt mit umgerechneten 32:29 die Team-Lauf-Cup Wertung Sebastian Groteloh (1. M40) arbeitet sich wie gewohnt auf der 2. Hälfte bis auf Platz 6 nach vorn

Einige Jahre suchten die Verantwortlichen des Württembergischen Leichtathletikverbandes nach neuen Strukturen für die einst heißgeliebte Meisterschaft. Gab es früher eine Mannschaftswertung in Fünferklassen, werden nun nur noch Männer-, Frauen- und Mixteams jeweils über und unter 40 Jahren ausgeschrieben. Um die verschiedenen Jahrgänge gerecht zu behandeln, wird nicht die tatsächliche Zeit für die Platzierung herangenommen. Jedes Alter und beide Geschlechter haben nach der internationalen Tabelle einen Faktor, nach dem die entsprechend altersentsprechende Zeit berechnet wird. Nach 3 Durchgängen in Kiebingen, Welzheim und Kusterdingen kann das neue Format durchaus als gelungen bezeichnet werden. Alleine 24 Männermannschaften über 40 Jahre können beim letzten Wertungslauf am 23. September in Nagold noch punkten.

Friederike Kallenberg wird ihrer Favoritenrolle gerecht … … Margot Dourcet ist ihr aber 10 Kilometer lang dicht auf den Fersen Sylwia Zakrzewski-Heiter 1. W40 und Franziska Schrader (2. W) auf dem vielleicht schönsten Streckenteil im Tal der Ramslache

Bei idealen Temperaturen um 13° starteten um 9.00 Uhr 21 Walker über 8,3 Kilometer. Ihre Strecke war identisch mit der der Läufer, nur durften sie die Wendestrecke kurz vor Halbzeit ignorieren. 5 Minuten später wurden sie von 21 Schülern verfolgt. Diese liefen bis zur Wende bei 950 Meter und hatten einen recht anspruchsvollen Rückweg, danach ging es am Start vorbei über Rasen ins Stadion und nach 50 Meter auf der Kunststoffbahn zum Ziel. Benjamin Holzer gewann in 7:30 eine Sekunde vor Marius Knisel, dem Sohn des Orga-Chefs vom Tübinger Nikolauslauf. Schnellstes Mädel war Sarah Walch in 8:37.

Alle Läufe wurden auf die Sekunde genau gestartet. Leider gab es gleich nach dem Start des Hauptlaufes um 9.30 Uhr einen folgenschweren Sturz. Nach Berichten von Läufern hatte sich ein älterer Sportler wohl etwas zu weit vorne eingereiht und wurde von schnelleren Athleten unabsichtlich von hinten zu Fall gebracht. Nicht ganz ideal ist der Startpunkt für ein so leistungsstarkes Feld. Schon nach 15 Metern kommt eine Linkskurve mit 90°. Dann geht es wie früher abwärts auf Asphalt und sehr schnell in den Wald. Dort geht es meist abfallend, technisch auf steinigen Wegen anspruchsvoll bis nach Kilometer 2. Dann folgt auf leichterem Parcours erst relativ eben, später durchaus steil, der Abstieg ins romantische Tal der Ramslache. Hier folgt der vielleicht schönste Streckenteil relativ eben am Waldrand, vorbei an der Walkerabzweigung bis zum Wendepunkt vor Kilometer 6.

Ostelsheimer Doppelsieg in der M45: Am Ende liegt Gunther Moll (187) 11 Sekunden vor seinem Teamkameraden Armin Gotsch Frank Honold, schnellster Kusterdinger Läufer aller Zeiten von 5.000 Meter bis Marathon, ist noch immer läuferisch fit als 48. und 9. M45 Ludger Becker (3. M55) als zweitstärkster Läufer der ersatzgeschwächten Teams VfL Ostelsheim 2

Auf dem Rückweg auf der doch schmalen Passage gab es beim Abbiegen der ersten Athleten einige Probleme. Da die Sportlern nicht deutlich genug eingewiesen wurden musste im Gegenverkehr gekreuzt werden. Der Veranstalter versprach für 2018 dieses Problem in den Griff zu bekommen. Jetzt folgte eine für passionierte Bergläufer wunderbare Steigung. Recht gleichmäßig auf Asphalt mit Kurven ging es steil nach oben, flachte dann etwas ab und traft einige hundert Meter auf den Hinweg. Nun ging es auf schönem Waldweg größtenteils eben bis Kilometer 9. Auf dem letzten Kilometer wurden die Läufer noch einmal richtig gefordert. Die Steigung im Wald und am Ende die asphaltierte Startgerade zwang so manchen im hinteren Feld zu ein paar Gehpausen. Auf den ebenen Metern vor und im Stadion kamen alle wieder in Schwung und man sah im Ziel nur frohe Gesichter.

Läufer, Walker und Radfahrer kurz vor dem Abzweig der Gehsportler Gerold Knisel holt nach Sohn Marius ebenfalls einen 2. Platz (M60) Anne Fahrner (3. W) und Edmund Schlenker (191) führen eine Gruppe an. Der Ostelsheimer ist amtierender Deutscher Berglaufmeister M70 und liegt mit umgerechneten 32:42 auf Rang zwei der Cupwertung

Bei Kilometer 2 führte eine Vierergruppe mit Jens Ziganke (SV Reichenau), Björn Browatzki (LAV Stadtwerke Tübingen), Christof Hillebrand (TF Feuerbach) und Max Dapp (TSG Reutlingen) das Feld an. Kurz vor Kilometer 5 waren der Feuerbacher und der Reutlinger etwas zurückgefallen. Vom Wendepunkt kam dann der Mann vom Bodensee schon alleine zurück. Er siegte schließlich überlegen mit ausgezeichneten 34:04 auf der nach Angabe des Veranstalters mit 305 addierten Höhenmetern doch äußerst anspruchsvollen Strecke. Björn Browatzki (1. M30) rettete seinen zweiten Platz mit 35:12 noch sicher vor dem stark aufkommenden Max Dapp (35:28/2. M30). Platz vier ging an Christof Hillebrand (1. M35) in 35:52. Der ständig im Verfolgerfeld aktive Jochen Tomaschko (VfL Herrenberg/36:41/2. M35) konnte den Angriff des wie immer betont vorsichtig startenden Sebastian Groteloh (TSV Hirschau/36:43/1. M40) knapp abwehren.

Bei den Frauen lief Friederike Kallenberg (LV Pliezhausen/40:10/1. W30) ständig an vorderster Stelle. Wenige Meter dahinter folgte ihr als beständiger Schatten Margot Doucet (TF Feuerbach/40:30), die bis ins Ziel den Sichtkontakt nicht abreißen ließ. Auch Silke Holzmann (SV Ohmenhausen/42:17/1. W45) lag die gesamte Strecke über auf dem dritten Rang. Die weiteren Positionen nahmen Anja Götz (LG Steinlach-Zollern/42:46/1. W35), Sylwia Zakrzewski-Heiter (Team AR Sport/44:01/1. W40) und Franziska Schrader (SV Ohmenhausen/44:24/2.W) ein.

Nadine Kuhn (4. W) führt eine Vierergruppe Richtung Wendepunkt Chiara Witzemann (1. WU18) auf den letzten Metern im Stadion

Von den 323 Teilnehmern nahmen 212 am WLV Team-Lauf-Cup teil, immerhin blieben 26 unter 40 Minuten. Bei der Cup-Wertung sah die Rangliste ganz anders aus. Es siegte überraschend Sergio Paulo (VfL Ostelsheim/37:48/1. M50) mit umgerechneten 32:29 vor seinem favorisierten Teamgefährten Edmund Schlenker (45:58/1. M70) der mit 32:42 gelistet wurde. Nach Martin Jongmanns (TS Esslingen/38:24/2. M50) mit 33:34 folgte mit dem ehemaligen Spitzenläufer Klaus Löffler (39:20/3. M50) ein weiterer Ostelsheimer mit 34:23 vor Sebastian Grotheloh (39:20/34:23). Erst auf Rang 51 folgte mit Silke Holzmann die erste Frau (42:16/38:17).

Die 6 Mannschaftswertungen gingen an folgende Sieger: Frauen U40: TSV Welzheim Mädels (18 Punkte). Frauen Ü40: TSV Neuenstadt/DJK Ellwangen (14 Punkte). Mixed U40: SV Ohmenhausen (15 Punkte). Mixed Ü40: VfL Herrenberg (19 Punkte). Männer U40: LAV Stadtwerke Tübingen (15 Punkte). Männer Ü40: VfL Ostelsheim (Idealpunktzahl 6).

Alette Metz-Bohsem vom TSV Kusterdingen erreicht das Ziel 3 Minuten schneller als im Training Pamela Veith, vierfache Deutsche 100 Kilometer Meisterin, und Edmund Schlenker, der alleine im Trikot vom VfL Ostelsheim 15 Deutsche Einzeltitel und fast ebenso viele Mannschaftssiege errungen hat
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Fazit: Der Hornissenlauf ist eine gut organisierte Veranstaltung erfahrener Sportler, die durchaus für positive Kritik aufgeschlossen sind. Die Strecke war vorbildlich austrassiert und sehr gut zu finden, selbst als noch keine Helfer an den Posten standen. Kurze Wege und die gewohnt gute Verpflegung sind weitere Pluspunkte. Die Siegerehrung erfolgte zeitnah, verlief aber meiner Meinung nach etwas schleppend. Ohne Wertungslauf wäre die Teilnehmerzahl eher bescheiden gewesen, hätte dann aber auch keine Probleme beim Start bekommen.

Etwas traurig stimmt den Laufreporter die Entwicklung vieler traditioneller Laufveranstaltungen im Lande, die ums Überleben kämpfen müssen. Ich wünsche nicht nur den rührigen Organisatoren in Kusterdingen für die Zukunft, dass der Trend zu Event und extremen Wettbewerben, die oft von laufunerfahrenen Agenturen mit überhöhten Startgeldern ausgerichtet werden, nicht so überhandnimmt, dass immer mehr kleine mit dem Herzblut ehrenamtlicher Idealisten veranstaltete Rennen zur Aufgabe gezwungen werden.

Bericht und Fotos von Günter Krehl

Ergebnisse www.tsv-kusterdingen-la.de

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