15.7.17 - 2. Heidelberger Bahnstadtlauf

Ein Lauf mit Potenzial

von Marcus Imbsweiler

Im offiziellen Laufkalender des DLV ist Heidelberg nicht gerade üppig vertreten. Mit dem SAS Halbmarathon findet sich dort nur ein einziger Eintrag. Zum Vergleich: Das benachbarte Mannheim bringt es auf acht Veranstaltungen pro Jahr, Ludwigshafen immerhin auf vier. Dass Heidelberg läuferisch natürlich weit mehr zu bieten hat, wissen LaufReport-Leser. Gerade erst wurde über den Benefizlauf des NCT berichtet, im Herbst findet der Gelita Trail-Marathon statt. Jüngstes "Kind" in dieser Reihe ist der Bahnstadtlauf.

Zunächst zum Namen: Bei der Bahnstadt handelt es sich um einen neuen, noch im Entstehen begriffenen Stadtteil auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs im Heidelberger Westen. Nach umfangreichen Erschließungs- und Sanierungsmaßnahmen zogen 2012 die ersten Bewohner ein; insgesamt sollen einmal gut 5000 Menschen hier ihre Heimat finden. Gewerbe- und Forschungseinrichtungen sind ebenfalls in Planung oder schon fertig, zu den aktuellen Bauprojekten gehören eine Schule sowie eine Straßenbahntrasse. Das Erscheinungsbild der Bahnstadt wird durch mehrstöckige, im Passivhausstandard errichtete Wohnblöcke geprägt, die nicht bei allen Heidelbergern auf Gegenliebe stoßen.

Im neuen Stadtteil wohnen überdurchschnittlich viele junge Leute, der Anteil an Akademikern ist groß. Kein Wunder also, dass sportliche Betätigung hoch im Kurs steht. Seit zwei Jahren gibt es einen Lauftreff in der Bahnstadt, der wöchentlich seine Runden dreht. Zu den ersten Aktivitäten zählte ein gemeinsamer Lauf mit Flüchtlingen aus dem Registrierungszentrum im Patrick-Henry-Village, und schon 2016 feierte der Bahnstadtlauf Premiere.

Impressionen aus Heidelbergs jüngstem Stadtteil. Die langen Geraden erinnern an den Verlauf der Bahngleise auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs
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Allerdings entstand der nicht komplett aus dem Nichts. Ganz in der Nähe gab es bereits eine Veranstaltung, an die man anknüpfte: den Schrebergartenlauf. Ein kleines, familiäres Event, zu finden in keinem DLV-Kalender, ausgerichtet vom Heidelberger Turnverein, der vor allem für seine Turn- und Rugbysparte bekannt ist. Die namensgebende Schrebergartenanlage liegt genau zwischen Bahnstadt und HTV-Gelände, bildet also eine Art Bindeglied zwischen Stadtteil und Verein. Nach einigen Gesprächsrunden entschied man sich, das organisatorische Knowhow des HTV mit der Bahnstadt-Manpower zu verknüpfen - der 1. Bahnstadtlauf war geboren. Als Veranstalter fungieren Stadtteilverein und Lauftreff in Kooperation mit dem HTV.

Bereits bei der Premiere 2016 schälten sich Vorzüge und Nachteile des Laufs klar heraus. Mit ihren langen, flachen Geraden bietet die Bahnstadt ideales Terrain für einen flotten Zehner oder Fünfer. Durch die offene Lage nach Südwesten hin ist die Strecke in Teilen allerdings windanfällig, und die Temperaturen spielen im Juli natürlich auch eine gewichtige Rolle. Durch die Kombination mit dem Stadtteilfest ist nicht nur gute Stimmung garantiert, sondern man erspart sich auch einiges an organisatorischem Aufwand, von der Bühne über die Verpflegung bis zu den Klohäuschen.

Eine Achillesferse hat der Bahnstadtlauf, und an der wird sich so schnell auch nichts ändern. Wie soll man in einem Stadtteil, der sich unablässig wandelt, einen festen Kurs etablieren? Der aktuelle Streckenverlauf musste gegenüber dem Vorjahr leicht modifiziert werden, und 2018 wird das ähnlich sein. Wo heute noch eine Brache ist, können morgen schon die Bagger anrücken. Baulücken werden geschlossen, provisorische Straßenverläufe korrigiert, die Verkehrsflüsse angepasst. Erst wenn in einigen Jahren Ruhe eingekehrt ist, lässt sich mit etwas Glück ein flacher, schneller und womöglich bestenlistenfähiger Kurs abstecken.

Let's go! Der erste Startschuss in der Bahnstadt erfolgt um 18 Uhr für die Bambini. Der Schnellste, Julius Kretzer (Nr. 744), hat sich hier schon an die Spitze gesetzt Start zum 2. Bahnstadtlauf. Mit der Nr. 1 der Sieger von 2016, Philipp Weng, rechts neben ihm Christoph Frank (TV Schriesheim, gestreiftes Shirt) und Tobias Balthesen (TSG 78 Heidelberg, Nr. 157), die 2017 über 5 bzw. 10 km triumphieren.

Aber das ist Zukunftsmusik. In der Gegenwart schickte keine Geringere als Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, die in Heidelberg lebt, zunächst 101 Kinder zwischen fünf und elf Jahren auf die Strecke. Nach 1200 Metern und 4:38 min. hatte Julius Kretzer vom TSV Handschuhsheim, Jahrgang 2008, hauchdünn gegenüber dem ein Jahr jüngeren Joan Lorscheid (Bahnstadtschule) die Nase vorn. Die elfjährige Chiara Tricks von der Rugby-Abteilung des HTV verlor zwar das Duell gegen ihren jüngeren Bruder Tom, war aber in 5:13 min. schnellstes Mädchen. Nur fünf Sekunden dahinter erreichte mit Amanda Mintamak bereits die erste U10-Läuferin das Ziel.

Eine halbe Stunde später dann der gemeinsame Start über 5 und 10 km. 115 Läuferinnen und Läufer, darunter auch Ministerin Bauer, nahmen die 5 km (zwei Bahnstadtrunden) in Angriff, 183 schafften die doppelte Länge. Bei 25 Grad Celsius und leichtem Wind wurden durchweg bessere Zeiten erzielt als im vergangenen Jahr; von Streckenrekorden zu sprechen, verbietet sich angesichts der Kurskorrekturen gegenüber der Premierenveranstaltung.

Das Zuschauerinteresse am Bahnstadtlauf ist dank des gleichzeitig stattfindenden Stadtteilfests groß - Foto Veranstalter © Martin Hellmann Ganz flach ist der Kurs des Bahnstadtlaufs nicht. Am Ende jeder Runde geht es runter zur Ausfallstraße nach Schwetzingen … … und dann diese kleine Rampe wieder hoch. Abklatschen hilft!

Während die Sieger über 5 km vom TV Schriesheim kamen, wurde der Zehner von der TSG 78 Heidelberg dominiert. Heimische Laufprominenz also, unter die sich aber auch das eine oder andere unbekannte Gesicht mischte. Der Franzose Pierre-Emmanuel Alexandre etwa, der über 10 km Platz 3 in 34:33 belegte. Für drei Jahre hat er seine Zelte in Heidelberg aufgeschlagen, um hier in organischer Chemie zu promovieren. Er stammt aus Angers und wird im Herbst seinen ersten Marathon in Angriff nehmen: den Trail-Marathon, ausgerechnet.

Auch Florian Schmidbauer war den Kennern der Szene kein Begriff. Der Münchner nahm einen Besuch am Neckar zum Anlass, die Bahnstadt läuferisch zu erkunden. Viel Zeit ließ er sich dabei nicht; nach exakt 35 Minuten war sein Ausflug auf Gesamtplatz 4 beendet. Die insgesamt schnellste Zeit freilich gelang einem alten LaufReport-Bekannten. Tobias Balthesen (TSG 78 Heidelberg) hat sich in der Vergangenheit als Sieger des 3-Länder-Laufcups, des Brüder-Grimm-Laufs und diverser Einzelrennen hervorgetan. Im Frühjahr lief es noch nicht rund bei ihm, momentan ist er aber wieder klar auf Kurs Richtung Bestzeit. Die 33:40, mit denen er den Bahnstadtlauf im Alleingang gewann, sind ein Fingerzeig.

10 km-Sieger Tobias Balthesen dreht einsam seine Runden Ein Duo, das gut 36 Minuten, bis zum Schluss nämlich, zusammen bleibt: Max Leible und dahinter Jens Müller, beide von der TSG 78 Heidelberg Frauensiegerin Verena Bröstl schrammt nur knapp an der 40-Minuten-Marke vorbei. Ihre bisherige Bestzeit stand bei 43 Minuten

Auf Platz 2 folgte mit LaufReporter Marcus Imbsweiler (34:29) der nächste TSGler und auf den Plätzen 5-7 dessen Teamkollegen Philipp Weng (35:26), Max Leible (36:48) und Jens Müller (36:53). Philipp hatte bei der Premiere in der Bahnstadt gesiegt, war aber nach seinem mittäglichen 800m-Rennen im Rahmen der Badischen Meisterschaften (Platz 4 in 1:58,16 min.) verständlicherweise nicht ganz frisch.

Erfolgreich war die TSG 78, die den beliebten Halbmarathon im April ausrichtet, auch bei den Damen. Verena Bröstl ließ von Beginn an keine Zweifel aufkommen, dass der Sieg nur über sie führen würde - auch wenn sie auf der zweiten Streckenhälfte ihrem hohen Anfangstempo etwas Tribut zollte. Die Jurastudentin, Jahrgang 1991, trainiert erst seit einem knappen Jahr regelmäßig und steigerte sich in dieser Zeit auf 1:32:40 h im Halbmarathon und 10:58 min. über 3000m. Beim Bahnstadtlauf verpasste sie die sub 40 knapp (40:10 min.), aber allzu lange dürfte es nicht dauern, bis diese Marke fällt.

Da ist es passiert: Hicham Zerrik überholt Jonas Wachtendorf und sichert sich Platz 2 über 5 km Auch wenn es 2017 nicht so heiß war wie bei der Premiere im Jahr zuvor, stand flüssige Verpflegung hoch im Kurs Der DRK Kreisverband Rhein-Neckar war mit zahlreichen Läuferinnen und Läufern vertreten. Hier erreichen Nicole Hoeft und Timo Lind das Ziel

Auf Platz 2 die nächste junge Wilde: Celina Körtum, 18 Jahre alt, aus Ilvesheim. Celina ist eigentlich Tennisspielerin, und zwar eine sehr erfolgreiche. Aktuell kämpft sie mit der ersten Damenmannschaft des SC Ettlingen um die Meisterschaft in der Oberliga, bevor sie im August ein Sportstipendium an der Columbus State University in Georgia antreten wird. Da steht das Laufen naturgemäß nur an zweiter Stelle. Beim Bahnstadtlauf wurde Celina als Zweitplatzierte geehrt, ist in der jetzt veröffentlichten Ergebnisliste allerdings weit nach hinten gerutscht - womöglich ein nachträglicher Auswertungsfehler?

DKFZ-Mitarbeiterin Teresa Krieger war die nächste, die vom Stadtteilvereinsvorsitzenden Dieter Bartmann im Ziel begrüßt wurde. In 42:09 min. hielt sie Alexandra Keil vom AC Weinheim (1. W40, 44:13) klar in Schach. Es folgten Joanna Wiese (46:30) und Corinna Piepkorn (47:09) als die beiden Schnellsten der W30. Und keine fünf Minuten später war auch Erwin Hube im Ziel (51:52). Der 78-Jährige ließ einmal mehr fast die Hälfte aller Teilnehmer hinter sich.

Im 5 km-Lauf gab es zunächst wechselnde Führungen, bis sich der Schriesheimer Christoph Frank an die Spitze setzte. Im gemeinsamen Pulk mit den 10 km-Läufern war es natürlich schwierig, hier den Überblick zu behalten. Auch Hicham Zerrik von der TSG 78 Heidelberg wusste nicht genau, auf welchem Platz er lag, als er ausgangs der zweiten Runde an Jonas Wachtendorf (PH Heidelberg) vorbeizog. Am Ende belegten dieses Trio die ersten Plätze über 5 km: Frank in 17:29 min. vor Zerrik (17:51) und Wachtendorf (17:55). Noch einmal sechs Sekunden dahinter musste sich Jan Steinmüller mit Platz 4 begnügen.

Auch die Veranstalter waren nicht ganz glücklich mit ihrem Kurs, erhielten aber keine Genehmigung, die Straßen zu benutzen. Hier muss der Wasserlauf am Langen Anger im Zickzack überquert werden Schlussspurt vor der Neuen Feuerwache, die bei ihrer Fertigstellung 2007 die erste Feuerwache im Passivhausstandard war Sophie Crommelinck (TV Schriesheim), schnellste Frau über 5 km, im Ziel schon wieder ganz entspannt

Eine klare Angelegenheit war dagegen die Sache bei den Damen. Sophie Crommelinck, Teamkollegin Franks in Schriesheim, blieb als einzige Frau unter 20 Minuten. Anfangs hatte sie noch hinter der 10 km-Siegerin Bröstl gelegen, sich dann aber vorgearbeitet und ihr Rennen nach 19:21 min. zu einem erfolgreichen Ende gebracht. Die Geoinformatikerin Crommelinck hat es mittlerweile ins holländische Enschede verschlagen, für 4-5 Monate ist sie aktuell aber wieder in der Region.

Der Pokal für Platz 2 blieb gewissermaßen vor Ort, denn Doreen Lorscheid startete wie ihr Sohn Joan für die Bahnstadtschule, an der sie als Grundschullehrerin unterrichtet. Dass die Schule derzeit noch im benachbarten Pfaffengrund untergebracht ist, bevor sie ihr neues Domizil in der Bahnstadt beziehen kann, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse im Stadtteil: Dort ist eben noch vieles im Fluss. Hinter Lorscheid (20:59) belegte Selina Kocher (21:18), eine von vielen Starterinnen des DRK-Kreisverbands, Platz 3. Es folgten Ina Plakinger von der TSG 78 (21:42) und die schnellste W50erin, Gundula Zilm (22:53).

Von den überdurchschnittlich vielen jungen Bewohnern der Bahnstadt war eingangs dieses Berichts die Rede. Das spiegelte sich auch im Teilnehmerfeld wider, wenigstens im Vergleich mit anderen Volksläufen. Der erwähnte Erwin Hube bildete hier die große Ausnahme, dazu noch Läufer wie Hans-Jürgen Bentz, Jahrgang 1946, und Margareta Liebert, Jg. 1944. Die am stärksten vertretene Gruppe aber war die der 30-39-Jährigen, gefolgt von den Hauptklässlern.

Siegerehrung des 5 km-Laufs mit (v.l.) Wolfgang Wagner (HTV), Ministerin Theresia Bauer, Christoph Frank, Hicham Zerrik, Sophie Crommelinck, Doreen Lorscheid, Selina Kocher und Dieter Bartmann vom Stadtteilverein Und hier die Schnellsten über 10 km: Pierre-Emmanuel Alexandre (mit roter Mütze), daneben Verena Bröstl, Marcus Imbsweiler, Tobias Balthesen, Celina Kortüm und Teresa Krieger - Foto Veranstalter © Martin Hellmann
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Und noch etwas fällt beim Blick auf die Ergebnisliste auf: die zahlreichen ausländischen Teilnehmer. Überraschend oft steht hinter dem Finishernamen ein anderes Kürzel als GER. Dass Läufer aus Ungarn, Frankreich, Spanien, der Schweiz, China, Japan, Großbritannien, Kroatien, der Slowakei, Polen, der Türkei und den USA (Liste unvollständig!) sich zum Bahnstadtlauf anmeldeten, mag symbolisch für die Weltoffenheit der Universitätsstadt am Neckar stehen.

Fazit: Der Bahnstadtlauf hat Potenzial. Perfekt wird er auch im nächsten Jahr noch nicht sein, dazu bietet ein Stadtteil, der ständig im Wandel begriffen ist, einfach nicht die Voraussetzungen. Man sollte - aus Läufer- wie aus Veranstaltersicht - den ersten Austragungen einen gewissen Testcharakter zubilligen, um dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, auf diesen Erfahrungen aufzubauen.

Bericht und Fotos von Marcus Imbsweiler
2 Fotos Veranstalter © Martin Hellmann

Ergebnisse www.br-timing.de - Info www.bahnstadtlauf.de

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254 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-95602-067-6, Preis 13,90 €
Marcus Imbsweiler, gebürtiger Saarländer, lebt in Heidelberg. Er studierte in Tübingen, München & Heidelberg Philosophie, Geschichte, Germanistik und Musikwissenschaft. Heute arbeitet er als freier Autor und Musikredakteur. Laufend neue Geschichten www.marcus-imbsweiler.de

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