29.7.17 - Davos SwissAlpine Marathon

Frühes Ende für die 7fache Siegerin Jasmin Nunige

von Wilfried Raatz

Herrliche Laufbedingungen beim dreitägigen Bergspektakel, das erstmals mit dem SwissAlpine und dem Swiss Irontrail unter einem gemeinsamen Nenner durchgeführt wurde
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
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Noch am Start im Davoser Sportzentrum zeigte sich die siebenfache K78-Siegerin Jasmin Nunige siegessicher, doch spätestens am Wiesner Viadukt musste die Davoserin bei ihrem Heimspiel anerkennen, dass ihr Körper den Strapazen über die 77.5 km und 2800 Höhenmeter nicht wird meistern können und machte mit dem vorzeitigen Ausstieg den Weg frei für die Schwedin Ida Nilsson. Die eigentliche Skibergsteigerin und Trail-Spezialistin trumpfte dabei über die beiden Kulminationspunkte Kesch-Hütte und Sertigpass derart auf, dass sie am Ende nach 7:05:19 Stunden mit über einer Stunde Vorsprung gewann. Bei den Männern triumphierte der spanische Weltklasseläufer Tofol Castanyer in 6:25:46 Stunden vor dem starken Schweizer Roman Wyss mit einem Rückstand von siebeneinhalb Minuten.

Vorstartfreude bei Jasmin Nunige und "Oldie" Peter Camenzind Locker drauf: Rennsteiglauf-Siegerin Melanie Albrecht (hier mit ihrer Mutter Alexandra)

Rund 4000 Teilnehmer aus 44 Nationen nahmen bei herrlichen Laufbedingungen am dreitägigen Bergspektakel, das erstmals mit dem Swissalpine und dem Swiss Irontrail unter einem gemeinsamen Nenner durchgeführt wurde. Angesichts der immer stärker werdenden Konkurrenz im Trail- und Berglaufsegment ist dies für OK-Präsident Andrea Tuffli eine zwingende Notwendigkeit. "Natürlich ist das Zusammenführen der beiden erfolgreichen Serien eine riesen Herausforderung", gesteht Andrea Tuffli, der 1986 das große Hochgebirgs-Laufspektakel aus der Taufe hob und seitdem an der Spitze der hochprofessionellen Organisation steht, in einem ersten Resümee im Kurhaus in Bergün.

Auf geht's bei herrlichem Bergsommerwetter

"Wir werden uns das zwei, drei Jahre ansehen, wie sich die neue Dachmarke Swissalpine Davos entwickelt. Die Herausnahme des K10 hat sich als Fehler erwiesen, deshalb werden wir für 2018 einige Korrekturen vornehmen! Aber grundsätzlich gilt: Wir werden nach der Veranstaltung alles auf den Prüfstand stellen!" Eines jedenfalls ist schon während der noch laufenden Veranstaltung klar, mit dem Sieg des Spaniers Tofol Castanyer dürfte man in Davos einen klugen Schachzug gelandet haben. Schließlich wird der Sieg des Mallorquiners in Spanien für einige Schlagzeilen sorgen, denn das laufbegeisterte Land gilt als eine der führenden Trailnationen - und kann eine Sogwirkung für die Folgejahre bedeuten. So wie es einstmals die Siege des Jonas Buud waren, der in Schweden einen wahren Ansturm an reiselustigen Läufern in Richtung Graubünden verursachte.

"Ich habe mich wirklich auf das Rennen gefreut", gesteht eine sichtlich geknickte Jasmin Nunige im Ziel im Davoser Sportzentrum im Interview, "aber ich hatte unterwegs immer stärker werdende Schmerzen. In Filisur hatte ich noch gehofft, aber es hatte keinen Zweck, den Körper noch mehr zu schädigen!" Bei ihrem Ausstieg nach 35 km in Bergün hatte sie im Journalistengespräch einige Hintergründe zu ihrer Verletzung genannt. "Eigentlich laboriere ich seit März an einem Knochenödem, das ich eigentlich im Griff hatte. Aber seit drei Wochen wurde es wieder stärker - dennoch habe ich gehofft, dass es im Rennen halten würde!"

Noch ist das Feld dicht gedrängt Stimmungsvoller Durchlauf in Davos

Anfangs auf gleicher Höhe mit der Schwedin musste sie allerdings erkennen, dass es "auf Dauer keinen Sinn machen würde, gegen den Körper zu laufen", wie sie es formulierte. In Filisur übernahm die Schwedin, Jahrgang 1981, die vor zehn Jahren zu den besten europäischen Hindernisläuferinnen mit einer Bestzeit von 9:39,24 Minuten zählte und zehnmal Landesmeisterin im Cross und auf der Bahn wurde, bevor eine Verletzungsserie sie völlig aus dem Tritt brachte. Durch die Bekanntschaft zu Emilie Forsberg, die sie in Chamonix in die "Geheimnisse" des Traillaufens und des Ski mountaineering einweihte, startete die inzwischen 2015 bereits 34jährige eine zweite Karriere, die schon nach kurzer Zeit unter anderem Siege beim Transvulcania Ultratrail 2016 und 2017 und weitere Erfolge in China einbrachte. Bei der WM im Skibergsteigen schaffte sie heuer gleich zwei Platzierungen unter den Top 15 und im Team mit Emilie Forsberg Rang sechs.

Spektakulär - per Bahn oder per pedes - das Wiesner Viadukt

"Ich habe erst auf dem Sertigpass gehört, dass Jasmin ausgestiegen war und ich einen großen Vorsprung haben würde", erklärte die Schwedin - und auf die Frage nach einer neuen schwedischen Siegesserie nach dem achtfachen Männersieger Jonas Buud eher ausweichend: "Ich bin zum ersten Mal in der Schweiz und habe eine tolle Strecke vorgefunden. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, immer das gleiche zu sehen. Ich liebe die Abwechslung!" Eines jedenfalls weiß Ida Nilsson allerdings: "Ich kann nicht langsam laufen, deshalb habe ich auch im Gefühl des sicheren Sieges noch Vollgas gegeben!" Und bei ihrem Laufen auf dem Gaspedal ließ sie gerade einmal fünf Männern den Vortritt, ehe sie als umjubelte Siegerin ins Davoser Sportzentrum einlief.

Noch läuft's rund bei Jasmin Nunige
Mit der Startnummer 2 unterwegs: Justin Maxwell aus Großbritannien Seite an Seite am Bahnhof Wiesen die K31-Dritte Tamara und M60-Sieger Rolf

Nach dem frühen Ausscheiden von Jasmin Nunige und der deutschen Rennsteiglauf-Siegerin Melanie Albrecht ("Ich hatte vor allem mentale Probleme, deshalb hatte ich das Rennen schon nach 15 km beendet") dauerte es über eine Stunde, bis mit der Britin Sarah Morwood (8:10:26) und der Schweizerin Luzia Bühler (8:12:43) die nächsten Läuferinnen ins Sportzentrum einliefen. Die Dresdnerin Nicole Kessler schaffte Rang sechs in 8:43:00 Stunden.

Heja Swerige!
Gernot Helferich aus Deutschland am Bahnhof Wiesen

Bergün brachte auch bei den Männern im K78-Wettbewerb letztlich die Entscheidung zugunsten des spanischen Weltklasse-Trailläufers Tofol Castanyer, der sich Stück für Stück von seinem erstaunlich starken Konkurrenten Roman Wyss lösen konnte, der gerade erst vor vier Wochen den Zermatt-Ultratrail zum zweiten Mal gewinnen konnte. Beim Aufstieg zur 2.625 m hoch gelegenen Keschhütte arbeitete der auf Mallorca lebende Castanyer einen Vorsprung von vier Minuten hinaus, den er über den Sertigpass (2.739 m) und hinunter nach Davos auf sieben Minuten vergrößern konnte. Mit 6:25:46 Stunden lief er praktisch eine identische Siegerzeit zum im Vorjahr erfolgreichen Neuseeländer Vajin Armstrong (6:25:23).

Tofol Castanyer drückt in Bergün auf das Tempo
Roman Wyss bleibt dem spanischen Favoriten auf den Fersen In Bergün war der Chinese Longfei Yan noch Dritter… (später leider aufgegeben) Nach Rang drei beim Stelvio-Marathon nun 7. beim K78-Swissalpine: Christoph Schefer Mit der Startnummer 5 wird der US-Läufer Matt Flaherty Gesamtdritter

Artig bedankte sich der Spanier für die Einladung, die allerdings wie bei Ida Nilsson der alpine Sportausrüster Salomon forciert hatte, und vor allem über die tolle Veranstaltung mit "perfekten Trails". Und was natürlich Andrea Tuffli und seine Mitstreiter gerne gehört haben mögen: "Ich bin mir sicher, dass ich wiederkommen werde!" Und mit einer einzigen Angabe machte der frühere UTMB-Ultra-Trail-Sieger zudem den Unterschied zwischen seiner Heimat auf der Ferieninsel Mallorca und der Schweiz verständlich: "Es ist die Höhenlage. Man muss wissen, dass in meiner Heimat der höchste Berg gerade einmal 1300 m hoch ist!"

Schon kurz nach ihrer Aufgabe zeigt sich Jasmin Nunige schon wieder optimistisch
Beifall für Alle !

Roman Wyss hatte das Rennen offensiv eröffnet und auf Augenhöhe bis Filisur mit Tofor Castanyer gelaufen. Bis Bergün hielt er den Rückstand auf den prominenten Spanier auf eine Minute begrenzt, im langen Aufstieg über Val Tuors zur Keschhütte hatte er einige Probleme, wie er offensiv zugab.

Baut seinen Vorsprung kontinuierlich aus: Tofol Castanyer
Roman Wyss beim Aufstieg an der Keschhütte Benoit Charles-Mangeon gelingt ein Spitzenresultat als K78-Fünfter Aus dem flachen US-Staat Indiana im hochalpinen Davos erfolgreich: Matt Flaherty (3.)

"Zum Glück gab sich das wieder, sonst wäre ich ja auch nicht hier im Ziel! Mit Rang zwei bin ich natürlich zufrieden, schließlich lagen ja nur vier Wochen zum Zermatt-Ultra!" Und bekannte allerdings auch, dass der Swissalpine ein Zubrot in der Saison sei, denn die Priorität hätte Zermatt mit dem erneuten Sieg gehabt. Hinter Wyss (6:33:19) folgten internationale Läufer wie Matt Flaherty (USA/ 6:38:05) und der Brite Jon Ellis (6:47:50) vor dem Schweizer Benoit Charles-Mangeon (6:51:50). Als bester deutscher Starter platzierte sich Manuel Seidl aus Denkendorf als Zehnter nach 7:36:41 Stunden.

Die Schwedin Ida Nilsson überquert als Gesamtsechste den Kulminationspunkt Keschhütte
In atemberaubender Landschaft Manuel Seidl wird als Zehnter bester Deutscher im K78-Wettbewerb

Auch wenn sich Ida Nilsson eine Serie in Davos noch nicht vorstellen kann, Schweden hat nicht zuletzt durch den Boom, ausgelöst durch Jonas Buud, mit Mimmi Kotka über die K47-Strecke und dem seit zehn Jahren in Schweden lebenden gebürtigen Eritreer Napoleon Solomon im K23-Wettbewerb weitere Streckensieger stellen können.

Junger Himmelsstürmer: Sandro Herrmann wird als Elfter M20-Sieger
Philipp ist auch nach 50 Kilometern noch guter Dinge Stefan wird K78-Sechzehnter "overall"

Das vielleicht attraktivste Rennen der Swissalpine-Wettbewerbe neben der Königsdisziplin K78 führte als K47 über 47,2 km und 1750 Höhenmeter von Davos durch das Dischmatal über den Scalettapass zum Sertigpass und zurück über Clavadel nach Davos und hatte mit insgesamt 516 Finishern einen bemerkenswerten Zuspruch. Der frühere Nationalmannschaftsläufer Stephan Wenk holte sich ein Jahr nach dem Erfolg im K42 nun hier den Tagessieg in 3:47:03 Stunden und einem satten Vorsprung vor Gabriel Lombriser (3:54:19) und dem Münchener Moritz auf der Heide (4:00:25).

Der Schweizer Stephan Wenk gewinnt die Marathondistanz über den Scaletta- und Sertigpass
Der Spanier Tofol Castanyer gewinnt den K78 über 77,5 km und 2800 Höhenmeter

"Eigentlich bin ich froh, dass ich das Ziel erreicht habe", gestand der am Greifensee als Osteopath arbeitende Stephan Wenk, "denn nach zwei Kilometern hat meine Wadenmuskulatur Probleme bereitet, habe aber dennoch bergauf einen guten Laufschritt gefunden!" Und machte sich Gedanken über einen möglichen K78-Start im kommenden Jahr. "Das ist jedenfalls das Ziel!" Davon sieht sich Moritz auf der Heide allerdings weit entfernt. "Ich mag einfach die etwas kürzeren Distanzen" und freute sich über Rang drei, zumal er einen Anfängerfehler machte, indem er die ersten Wasserstellen ausließ. "Ich habe mich einfach verkalkuliert, denn es wurde doch um die Mittagszeit in der Höhe sehr warm!"

Komfortabel geriet der Vorsprung für die Schwedin Mimmi Kotka bei den Frauen, die nach 4:31:19 Stunden wieder zurück in Davos war und auf Lena Steuri 13 Minuten Vorsprung hatte, ihre Landsfrau Petra Kindlund lag als Dritte weitere vier Minuten dahinter. Für Pia Holzer und Julia Seidl im Trikot der LG Filder gab es im Zieleinlauf im Sportzentrum Davos als Vierte und Fünfte allen Grund zur Freude.

Moritz auf der Heide aus Deutschland wird im Hochalpinen K47-Dritter Expertenplausch (v.l.) Stephan Wenk, OK-Chef Andrea Tuffli und Gabriel Lombriser, dem K47-Zweitplatzierten Zieleinlauf im Davoser Sportzentrum ist Kult
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Auch wenn der Swissalpine im Prinzip schon immer ein hochalpiner Landschaftslauf mit maßgeblichen Trailabschnitten war, die Teilnehmerzahlen sind eher rückläufig im Vergleich zu den stark in den Vordergrund rückenden Trailevents, die mit viel Brimborium den Laufmarkt stark beeinflussen. So wurden bei der 32. Auflage des Swissalpine Marathon knapp 3000 Finisher gezählt, darunter 400 Schüler auf kurzen Distanzen in Davos. Zählt man allerdings die 754 Trailläufer des Swiss Irontrail hinzu, dann tummelten sich unter der neuen Dachmarke Swissalpine knapp 3800 Finisher - ein treffliches Argument für die Konzentration der Kräfte auf eine Laufwoche, die unter dem Schlagwort "Highseven" sportliche Inputs und mentale Einstimmung zu einem fairen Preis überzeugen konnte.

Bericht und Fotos von Wilfried Raatz

Ergebnisse www.swissalpine.ch/de/swissalpine

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