17.6.17 - Stelvio Marathon - Stilfserjoch

Glanzvolle Premiere am Stilfserjoch

Neues Highlight der (Berglauf-)Marathonszene

von Wilfried Raatz

Die Premiere des Stelvio Marathon hätte nicht glanzvoller ausfallen können, denn Bilderbuchwetter begleitete das Engagement des neu gegründeten Vereins ASV Stelvio Marathon auf der überaus schweren Strecke von Prad am Stilfserjoch zum Stilfserjoch auf 2 757 Metern. Knapp 700 Läufer aus 17 Nationen wollten bei der Premiere dabei sein - und sind alle Zeuge einer überaus bemerkenswerten Premiere. Und übereinstimmend fiel aber auch das Urteil nach Kräfte zehrenden 42,195 km aus: Die als eine der härtesten Marathonprüfungen überhaupt kategorisierte Strecke hat das Potential zu einer der bedeutendsten Veranstaltungen in Europa. Vergleiche zu den über ebenfalls die Marathondistanz führenden Läufe in Zermatt, Brixen oder vor dem majestätischen Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau in Interlaken sind angebracht, zumal die Laufdauer von 3:45 bis 8:05 Stunden reichte.

Freier Lauf auf der zweithöchsten Passstraße der Alpen - 2 Fotos Wilfried Raatz
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Es ist sicherlich ein Novum, dass die zweithöchste Passstraße der Alpen für Stunden für die Fußläufigen freigehalten wird, wo sonst vornehmlich Hunderte von (Motor-)Bikern die 48 Kehren durch die hochalpine Landschaft mit ihren Schneefeldern und dem Blick auf den 3905 m hohen Ortler hochdonnern oder cruisen, je nach Gusto. Ausnahme neben den Läufern wird dabei nur noch für die Radtouristen gemacht, die die legendäre Zielankunft der Tour d'Italia nachstellen möchten.

Plauderei mit Hermann Achmüller am Start in Prad Start zum "Classic"-Wettbewerb (rechts Stephan Tassani-Prell)

Auch wenn die einschlägige Literatur unterschiedliche Aussagen über die Rangfolge der höchsten Passstraßen der Alpen mit dem Col de la Bonette (mit einer maximalen Straßenhöhe von 2802 m. der Passhöhe aber von 2715 m), dem Col de l'iseran (2764) und dem Stilfserjoch (2757 m) zeigen, den Bergläufern konnte es an diesem Tag gleichgültig sein, für viele war es der "härteste, aber auch schönste Berglauf".

Die Strecke? "Dieser Lauf hat in der internationalen Szene noch gefehlt", urteilte Martin Cox über den überaus selektiven Parcours. Der Brite mit derzeitigem Domizil bei Landeck ist einer der honorigsten Berglaufspezialisten der Szene mit einer Vielzahl von Siegen quer durch die Alpen - und seine Beurteilung zählt gewiss. "Ich bin mir sicher, dass der Stelvio-Marathon eine ähnliche Entwicklung nehmen wird wie der Zermatt-Marathon!"

Noch ist es flach….

Dem konnte sich Hermann Achmüller nur anschließen, der die Premiere zum Stilfserjoch als "Trainingslauf" letztlich bestreiten wollte. "Ein phantastischer Lauf. Ich habe jeden Kilometer genossen. Das ist eine tolle Werbung für den Vinschgau. Ehrlich: So einen schönen Lauf habe ich bislang noch nicht gemacht…", so der Südtiroler, der übrigens in Prad seinen 88. Marathonlauf bestritt, zudem aber auch schon 12 Ultraläufe absolviert hat. "In drei Wochen sehen wir uns wieder, am Reschensee!" versprach der 46jährige Hermann Achmüller, der zuvor allerdings noch beim Brixen-Marathon an den Start gehen wird. "Auch das werden Trainingsläufe sein, mein Hauptfokus liegt heuer auf dem Berlin-Marathon, da möchte ich noch einmal unter 2:30 laufen!"

Für ausgesprochene Berglaufcracks liest sich die Stelvio-Marathon-Strecke so: 16 km Anlauf auf leicht kupiertem Terrain mit addierten 100 Höhenmetern über die Burgruine Lichtenberg und das idyllische Glums und zurück zum Startpunkt nach Prad. Erst dann werden sie losgelassen auf die 26 km lange Strecke mit den 2250 Höhenmetern. In Stilfs (1300 m Höhe) ist Marathon-Halbzeit. Auf schmalen Trails und Forst- und Alpwegen führt die Strecke letztlich über die Furkelhütte (2.150 m) und die Obere Tartscher Alm (2270 m) zur Franzenshöhe (2190 m) und damit zum Einstieg auf die Passstraße mit den "restlichen" 25 Kehren. Das Stilfserjoch mit seinen Restaurants und den Souvenirläden grüßt bereits aus atemberaubender Höhe. Dazwischen das schmale, sich am steilen Berg entlang windende Asphaltband mit den Begrenzungssteinen in der eher kargen Landschaft mit Schnee- und Geröllfeldern.

Locker beschwingt die Passstraße hinauf - Foto Wilfried Raatz Julia Bongiovanni vom TV Schriesheim wird 2. Frau auf der 26 km langen "Classic"-Distanz - Foto Wilfried Raatz

Das Starterfeld, für das ASV-Präsident Peter Pfeifer und Organisationschef Gerald Burger verantwortlich zeichneten, konnte sich sehen lassen. Mit Hermann Achmüller aus dem Pustertal, Gerd Frick aus Meran, Thomas Niederegger aus dem heimischen Vinschgau und dem britischen Ass Martin Cox und der zur 100 km-Weltspitze zählenden Monica Carlin aus dem Trentinischen war Prominenz angesagt, die Premierensieger jedoch sollten etwas überraschend andere werden.

Wohl niemand hatte dabei den aus dem nordbadischen Weinheim stammenden Jochen Uhrig auf der Liste, der völlig überraschend bei seinem allerersten Berglauf gleich die erfahrene Konkurrenz mit einem letztlich souveränen Sieg in 3:45:30 Stunden bezwang. "Mein Problem war, dass ich eigentlich niemand kannte. Vielleicht noch Hermann Achmüller als Pacemaker für die Hahner-Twins. Und zudem noch niemals so etwas gelaufen war. Mein einziges profiliertes Rennen war bislang lediglich der Heidelberg-Halbmarathon, der allerdings nur 400 Höhenmeter hat!" Wahrhaftiges Zuckerschlecken gegen die 2.350 Höhenmeter von Prad zur Passhöhe.

Überraschungssieger Jochen Uhrig
Frauensiegerin Edeltraud Thaler Zwei Experten im Plausch: Organisator Gerald Burger und Hermann Achmüller

Aber Jochen Uhrig kennt zumindest die zahllosen Kehren hinauf auf 2757 Meter. "Ich bin früher oftmals mit dem Rad zum Stilfserjoch gefahren. Deshalb war für mich auch klar, dass ich dieses auch zu Fuß einmal in Angriff nehmen wollte!" Gesagt getan, aus einer abwartenden Haltung heraus, bei Streckenhälfte in Stilfs hatte er als Vierter noch einen Rückstand auf den zeitweise führenden Marco Ferrari, lief es in den Kehren immer besser für den studierten BWLer. "Vier Kilometer vor dem Ziel überholte ich Gerd Frick und konnte mich auch sogleich etwas absetzen!"

Am Ende waren es drei Minuten, die den "Flachländer" vom Bergspezialisten Gerd Frick, der vor Wochenfrist noch den LGT-Marathon als Vierter beendete, trennten. Dass Jochen Uhrig übrigens mit einer Marathonmarke von 2:25:31, resultierend vom Frankfurt-Marathon 2016, ins Rennen gegangen war, das verriet er im Gespräch so nebenbei. Und zeigt aber auch das Potential, das er künftig vielleicht auch in den Bergen abrufen könnte. "Ich denke, das könnte passen!" Nicht mehr und nicht weniger Versprechungen aus dem Mund eines bescheidenen Siegers.

Zwölf Sekunden hinter Gerd Frick, der sich übrigens nach dem kräftezehrenden Marathondoppelschlag auf den Urlaub ("am Meer") freut, folgte mit dem Schweizer Christoph Schefer bereits der Dritte, der seinen Angriff auf Rang zwei auf der Zielgeraden wegen eines Krampfes allerdings rasch abbrechen musste. "Ich bin so glücklich über meinen dritten Rang", freute sich der 37jährige Schreiner aus der Nähe von St. Gallen. "Wenn ich schon mit deutlich reduziertem Training bis in die Spitze gelaufen bin, dann dürfte es kein Argument mehr geben gegen einen Start beim Swissalpine!"

Top 3 der Männer v.l.: Christoph Schefer (3.), Jochen Uhrig (1.), Gerd Frick (2.) Top 3 der Frauen v.l.: Paola Vollmeier (2.), Edeltraud Thaler (1.), Francesca Scribani (3.)

Hinter Mario Ferrari (3:52:18) folgte mit Thomas Niederegger (3:57:58) einer der Favoriten. Mit Hermann Achmüller lief ein anderer Sieganwärter (mit Selfie-Aufnahmen) offenbar im Schongang ins Ziel, er möchte bei seinem Heimspiel, dem Brixen-Marathon, schon in zwei Wochen wieder an der Startlinie stehen. Auf den Rängen 12 und 13 kamen mit dem für den SSC Hanau-Rodenbach startgenden Jörn Harland (4:11:43) und Martin Cox (4:14:28) weitere Promis ein.

Für Jochen Uhrig könnte der Erfolg am Stilfserjoch der Startpunkt für eine weitere Karriere (die erste endete als Radamateur mit der U23-Kategorie) sein. "Warum nicht. Ich kann mir das schon vorstellen!" Dem Zufall jedenfalls hat Jochen allerdings nichts überlassen, denn in seinem zweiwöchigen Urlaub in Toblach und Schlanders war er schon einmal auf der Strecke - und dürfte sich seinen "Schlachtplan" gegen die Spezialisten schon zurechtgelegt haben.

Vergeblich wartete man hingegen im Ziel auf die Frauen-Favoritin, die zur 100 km-Weltklasse zählende Monica Carlin - doch die Ultraläuferin kam nicht, auch nicht im weiteren Feld der 72 Frauen. Stattdessen konnte sich die bereits 51jährige Edeltraud Thaler feiern lassen. Die fünffache Siegerin des Brixen-Marathon überquerte nach 4:30:46 Stunden als überlegene Siegerin die Ziellinie. "Damit habe ich nun gar nicht gerechnet! Dafür ist der Sieg nun umso schöner!" Die Schweizerin Paola Vollmeier gehört wie die Siegerin bereits der Mastersklasse F 50 an und durfte sich als Zweite nach 4:41:36 feiern lassen. Francesca Scribani aus Cortina d'Ampezzo wurde Dritte (4:48:40). "Das ist der schönste Marathon, den ich bislang gelaufen bin. Er ist aber auch brutal hart!", freute sich Elke Keller von der LG Filstal über Rang sechs und Rang drei in der F50-Wertung nach 5:03:06 Stunden. "Die Kulisse ist schon einmalig, auch wenn die 16 km flach nicht hätten sein brauchen! Aber ein Marathon ist nun einmal 42 Kilometer lang!"

Läuferfreude über zünftige Aufmunterung
... und im Ziel bei der Premiere am Stilfserjoch, dem 1. Stelvio Marathon
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Nicht nur Schulterklopfen und viel Beifall gab es für die Organisatoren, sondern auch für den ASV-Präsidenten Peter Pfeifer, der als 21. des Gesamteinlaufes auf 4:32:18 Stunden kam. "Die Vorbereitung war doch aufwändiger als erwartet, ich wollte eigentlich nach 4:20 im Ziel sein!"

Einen weiteren deutschen Erfolg gab es über die 26 km lange "Classic"-Distanz (mit 2350 Höhenmetern) durch den Triathleten Andreas Schindler von der LG Steinlach-Zollern in 2:43:49 Stunden und deutlichem Vorsprung vor Marco Maini (2:47:18), Roland Osele (2:48:58) und Stephan Tassani-Prell (2:49:35), der zudem Zweiter in der M45-Wertung wurde. Dahinter folgte bereits als Fünfte des Gesamteinlaufes mit Agnes Tschurtschenthaler die schnellste Läuferin. Sie benötigte für die selektive Strecke 2:49:56, womit sie klar vor Julia Bongiovanni (TV Schriesheim) lag, die ihr Bergabenteuer nach 3:14:08 Stunden abschließen konnte.

"Ich glaube, wir haben eine phantastische Premiere erleben dürfen!" freut sich Gerald Burger im Zieltrubel auf dem Stilfserjoch. "Das Wetter hat uns zweifellos geholfen, aber der Rest muss einfach auch stimmen. Vor einem Jahr hatten wir bis hinunter zur Franzenshöhe noch Schnee… Endlich konnten wir die Idee, die wir bereits seit 19 Jahren hatten, in die Tat umsetzen. Ich bin mir sicher, mit der Werbung der gelungenen Premiere können wir im kommenden Jahr bereits mit über 1000 Teilnehmern rechnen!". Gerald Burger kennt derartige Entwicklungen bereits aus eigener Erfahrung, denn der ebenfalls von ihm in verantwortlicher Position organisierte 15 km lange Reschenseelauf hat derweil schon über 3.500 Teilnehmer.

Bericht von Wilfried Raatz
Fotos Veranstalter - 4 Fotos von Wilfried Raatz

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Ergebnisse www.stelviomarathon.it
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