11.6.17 - 17. Leverkusener EVL-Halbmarathon

19-jähriger Lokalmatador gewinnt Integrationsfest

von Christian Werth

Höchst ungewohntes Bild am Sonntagvormittag in Leverkusen-Opladen: Ein auffälliger junger Mann im Finishershirt des Leverkusen-Triathlons hält mühelos mit zwei erfahreneren, dunkelhäutigen Athleten mit, um sie auf dem letzten Kilometer sogar deutlich abzuhängen und zum Sieg davonzuspurten. "Etwa ein Staffelläufer?", fragten sich nicht wenige Zuschauer an der Strecke verwundert und hatten sicherlich das oft bestätigte Vorurteil vor Augen, dass ein so junger Deutscher bei einer regionalen Laufveranstaltung im direkten Kopf-an-Kopf-Duell mit afrikanisch-stämmigen Läufern doch eigentlich unterlegen sein müsste. Der Sieger heißt Jonas Müller, kommt aus Leverkusen, ist wirklich erst 19 Jahre alt und ist entgegen erster Vermutungen auch nicht im Staffellauf angetreten.

Die ganze Betrachtung relativiert jedoch die Erkenntnis, dass es sich bei den dunkelhäutigen Kontrahenten - Michael Mihretab und Weldey Gebremeskel - keineswegs um nach Preisgeld jagende Eliteläufer handelt, sondern schlichtweg um dem Hobbylaufen frönende, vor kurzem nach Deutschland ausgewanderte Flüchtlinge. So spielte sich der Dreikampf um den in 1:14:29 Stunden vergebenen Sieg zwar nicht auf allerhöchstem Topniveau ab, doch führte die ungewöhnliche Konstellation zu einem umso spannenderen Rennverlauf.

Kaiserwetter lockte in diesem Jahr besonders viele Zuschauer an die Strecke des 17. Leverkusener EVL-Halbmarathon
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Das Trio hatte sich bereits vom Start weg vom restlichen Feld abgesetzt und durchweg gemeinsame Sache gemacht. Recht konstante 5-km-Abschnitte von 17:32, 17:16, 17:45 und 18:24 Minuten - die Schlussphase birgt den weitaus anspruchsvollsten Streckenabschnitt - sollten schließlich alle Drei zu einer neuen Bestzeit führen. Die entscheidende Tempoverschärfung folgte dann bei der 20-km-Marke, als Müller anzog und zunächst Gebremeskel und wenig später auch Mihretab stehen ließ. Der junge Triathlet des TSV Bayer Leverkusen hatte sich die größten Schlussreserven aufgespart und die letzten 1,1 km in starken 3:31 Minuten absolviert, während dies Mihretab und Gebremeskel nur in 3:40 bzw. 3:44 Minuten gelang. Es war der dritte Lauf über 21,1 km für den Youngster, der sein Glück im Ziel kaum fassen konnte und sich nun als jüngster Gewinner in der Siegerliste neben großen Laufstars wie Dieter Baumann, Carsten Eich, Sabrina Mockenhaupt, Melanie Kraus oder Sonja Oberem wiederfindet. Auch wenn 1:14:29 Stunden die zweitlangsamste Männerzeit in der 16-jährigen Veranstaltungshistorie bedeutet, konnte sich der junge Student zugleich über eine neue Bestzeit freuen, nachdem er im Vorjahr in der Farbenstadt Vierter und bei seinem Debüt vor zwei Jahren Achter gewesen war. "Vom Gefühl her ist das wirklich ganz großes Kino. Aber es war sehr hart, die Temperaturen waren enorm", sagte der Teenager im Ziel.

Neben dem Halbmarathon mit Staffellauf stehen noch 10km und 5km auf dem Programm sowie zum Abschluss ein Bambinilauf

Beim Leverkusener 9-Meilen-Lauf vor wenigen Wochen hatte es noch den gleichen Zweikampf um den Sieg gegeben - hier jedoch mit dem knapp besseren Ende für den Migranten. Der 21 Jahre alte Mihretab war vor einem Dreivierteljahr als Kriegsdienstverweigerer von Eritrea nach Leverkusen gekommen und hatte sich dort unter Vermittlung einer Integrationshelferin dem TuS Opladen angeschlossen. Der 37-jährige Gebremeskel ist indes Äthiopier, schon ein Jahr länger in Deutschland und hat sich inzwischen dem Leichlinger TV angeschlossen. Die drei Erstplatzierten hatten rund sechs Minuten auf die Verfolger herauslaufen können, sodass es keine weiteren Leistungen unter 1:20 Stunden gab und - auch hitzebedingt - die weitaus geringste Leistungsdichte der Laufhistorie zu konstatieren ist.

Für das stärkste Seniorenergebnis sorgte M55-Sieger Jörg Zimmermann vom TV Witzhelden als Gesamtfünfter in 1:21:48 Stunden. Die ganz schnellen Siegerzeiten gehören in Leverkusen inzwischen der Vergangenheit an. Der Kenianer Matthew Kosgei mit 63:16 min und Melanie Kraus mit 1:11:39 h halten hier die Streckenrekorde. Der familiäre Lauf hat sich mit Abschaffung von Preisgeldern vor nunmehr acht Jahren zu einem reinen Hobbyevent entwickelt, sodass hier auch regionale Sportler den Anreiz haben gewinnen zu können und stets die Siege unter sich ausmachen.

Halbmarathon-Siegerin Inken Schmitz Halbmarathon-Spitzentrio Michael Mihretab (1368), Weldey Gebremeskel (2990) und Jonas Müller

Auch bei den Damen überquerte in Person von Inken Schmitz eine regionale Läuferin als Erste die Ziellinie und brillierte ebenfalls durch ihre kluge Renneinteilung. Die 23-jährige Rheinländerin, die als Trainerin in einem Bergisch Gladbacher Fitnessstudio arbeitet, hatte die lange Führende Annika Reinertz nach 17 Kilometern überholen und ihren Vorsprung bis ins Ziel kontinuierlich ausbauen können. 1:35:31 Stunden bedeuteten zwar persönliche Bestleistung, aber allerdings auch die mit Abstand schlechteste Siegerzeit dieses Wettbewerbs, sodass die Überraschungssiegerin im Ziel selbst total erstaunt war, dass nicht noch stärkere Kontrahentinnen angetreten waren. "Während des Rennens wusste ich überhaupt nicht, wie weit vorne ich war", hatte die junge Debütsiegerin bis zuletzt gezittert, nicht doch noch überholt zu werden. 1:36:33 Stunden zeigte die Uhr dann bei der Zielquerung der zweitplatzierten Lokalmatadorin Reinertz, die in der zweiten Hälfte deutlich langsamer geworden war. Platz drei ging in 1:38:56 Stunden an Nora Skorupa aus Leverkusen. Für das stärkste Seniorenresultat sorgte hier Ingeborg Werth aus Köln mit 1:41:46 Stunden als Siegerin der W55.

Bei hohen Temperaturen wurde ordentlich "gebechert"

Die Laufbedingungen waren mit 19 Grad am Start und 26 Grad nach 2 Stunden Laufzeit nicht grade ausdauersportfreundlich. Hinzu kam intensivste Sonneneinstrahlung, die es gefühlt weit über 30 Grad erscheinen ließen und an den Verpflegungsständen unterwegs zuweilen zu Staubildungen führte.

Die heißen Temperaturen hatten vielen Teilnehmern zu schaffen gemacht, davon nicht wenigen sogar medizinisch. "Wir hatten deutlich mehr Sportler mit Kreislaufproblemen. 15 wurden ins Krankenhaus gebracht, zwölf im Zielbereich behandelt. Eine Teilnehmerin musste reanimiert werden", bilanzierte Wilfried Düperthal von der Leverkusener Berufsfeuerwehr. Am Abend war der Zustand der Frau zum Glück wieder stabil. Allerdings zeigt dieser Herzstillstand einmal mehr, wie wichtig ein vorsorglicher Belastungscheck beim Sportarzt ist - auch dann, wenn dem eigenen Empfinden nach alles in Ordnung zu sein scheint.

Streckenverlauf durch die schönsten Ecken der Industriestadt

Insgesamt rund 2.700 Einzelfinisher über 21,1, 10 und 5 km erlebten die Sport- und Industriestadt im Laufschritt, sodass Veranstalter "Sportpark Leverkusen" diesmal um einiges hinter seinen Erwartungen zurückblieb. Etwa 3.700 hatten sich laut Veranstalterangaben vorangemeldet, von denen sich offensichtlich Viele wegen der hohen Temperaturen kurzfristig gegen einen Start entschieden hatten. Insbesondere im Halbmarathon, der trotz leichter Streckenänderung abermals durch die schönsten Ecken der Industriestadt führte und auch als Staffellauf absolviert werden konnte, musste ein regelrechter Teilnehmereinbruch konstatiert werden. Mit nur 1.458 Einzelfinishern beteiligten sich hier so wenige wie noch nie, nachdem sich die Beteiligungszahl in den vergangenen Jahren stets auf den Bereich zwischen 1.800 und 2.000 eingepegelt hatte. Hinzu kamen diesmal 818 Läufer über 10 km sowie 433 über 5 km, die jeweils am anderen Ende der Stadt gestartet waren. Hier siegten Daniel Singbeil in 33:25 bzw. Caroline Hardt in 43:37 Minuten sowie David Ranstler in 17:02 bzw. Rebekka Ackers in 19:35 Minuten.

Firmenläufer mischen sich unter Volksläufer

Bei den Teilnehmerzahlen ist jedoch auch zu berücksichtigen, dass es sich in Leverkusen zu einem großen Anteil um rekrutierte Firmenläufer handelte. So startete etwa ein Drittel der Gesamtteilnehmerzahl für ein Unternehmen, die stets mit entsprechendem Erkennungsshirt angetreten waren. Im Wettstreit um die größte Läufergruppe duellierten sich die beiden Leverkusener Chemieunternehmen Lanxess und Currenta, wobei erstgenannter Betrieb mit 700 Teilnehmern einmal mehr die Oberhand behielt. Fittere Mitarbeiter und möglichst gute Werbung sind hierbei die vordergründigen Ziele. Identifikationsgefühl und Kollegenverhältnis helfen hier nicht selten als Motivationshilfe und bringen auch so manch einen zum Laufen, der das von sich aus nicht unbedingt getan hätte und auch nicht unbedingt dazu geeignet ist. Das konnte man in Leverkusen beobachten, wenn man nur lange genug wartete. So begegneten den Zuschauern jedoch auch außergewöhnlich viele übergewichtige Teilnehmer, vor allem über 10 km. Entsprechend lange brauchten die Letzten. 45 Prozent der 10-km-Läufer benötigte mehr als eine Stunde. Beim Halbmarathon blieben nur Drei unter 1:20 Stunden und grade mal 23 unter 1:30 Stunden, davon keine Frau.

Der ältester 5-km-Teilnehmer Jozef Kucinski aus Polen gewinnt in 33:56 die M75 5-km-Sieger David Ranstler 5-km-Siegerin Rebekka Ackers

Die Firmenläuferflut überrascht nicht. Nicht umsonst sind in Leverkusen Sport und Industrie seit jeher mit großer Tradition eng miteinander verbunden. Beim Streckenverlauf rund um Leverkusen sparte man allerdings Innenstadt und Industrieviertel aus, sodass die abwechslungsreiche, flache Strecke innerstädtische Betonwüsten und rauchende Industriewerke ausließ und stattdessen reichlich Naturgenuss bot. So ging es für die Halbmarathonis vorwiegend durch Wälder, Parkanlagen oder vorzeigbare Wohnsiedlungen. Durch die idyllischen Stadtteile Quettingen, Alkenrath und Rheindorf verlief der Kurs unter anderem am Schloss Morsbroich, dem Landesgartenschau-Gelände sowie an der Bay-Arena vorbei. Halbmarathon-Start und Ziel aller Läufe befanden sich im ansehnlichen Ortskern von Opladen, ein bis 1974 noch eigenständiger Stadtteil und sogar ehemals Kreisstadt. So sieht man besonders heimatverbundene Autofahrer nach der jüngsten Nummernschildreform seit kurzem wieder mit dem historischen Kennzeichen OP herumfahren. Überregional bekannt ist der Stadtteil Opladen übrigens auch durch seine im August stattfindende Bierbörse, bei es sich um die weltweit größte ihrer Art handelt.

Kinder, aufgeteilt in 3 Läufe, starten nach den Erwachsenen Die charakteristische, rund 200 Meter lange Zielgerade, die wegen ihrem eindrucksvollen Gefälle viele spektakuläre Zielspurts erlebt
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Das Kaiserwetter lockte in diesem Jahr besonders viele Zuschauer an die Strecke und vor allem auf die charakteristische, rund 200 Meter lange Zielgerade, die wegen ihrem eindrucksvollen Gefälle abermals viele spektakuläre Zielspurts erlebte. Durch die unmittelbare Abfolge der Zieleinläufe von Schülerläufen, 10- und 5-km-Lauf sowie Halbmarathon wurde den Zuschauern im Ziel lückenlos etwas geboten, doch konnte auch die Stimmung am weiteren Streckenrand einmal mehr voll und ganz überzeugen. Nicht nur auf der dicht gesäumten Zielgeraden in Opladen, sondern auch entlang der Strecke hatten sich neben zwei Sambabands unzählige Stimmungsmacher postiert und zum Teil auf Campingstühlen im eigenen Garten oder aus dem Dachfenster heraus für Unterstützung gesorgt. Darüber hinaus profitierte das Familienevent von vielen Durchgangsbesuchern des Opladener Neustadtfests mit großem angrenzenden Trödelmarkt. Neben der Masse an Firmenläufern fiel über 10 km die außergewöhnlich große Zahl an Kindern auf. Hier hatten die Leverkusener die sonst übliche Altersgrenze von 16 Jahren auf zehn Jahre herabgesetzt, wobei man den 5-km-Lauf sogar schon mit acht Jahren in Angriff nehmen durfte. Auf den Kurzdistanzen ebenfalls groß geschrieben wurde Integration. Dies bezog sich nicht nur auf teilnehmende Flüchtlinge und extrem langsame Firmenläufer, sondern auch auf Menschen mit Behinderung, die die Distanzen unter dem Motto "Inklusion - wir machen das laufend" in Begleitung von Mitarbeitern der Lebenshilfe-Werkstätten meisterten.

Bericht und Fotos von Christian Werth

 unter Sportonline-Foto.de

Ergebnisse www.leverkusen-halbmarathon.de

Zu aktuellen Inhalten im LaufReport HIER

© copyright
Die Verwertung von Texten und Fotos, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne Zustimmung der LaufReport.de Redaktion (Adresse im IMPRESSUM) unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.