Laufen als Spiegel der Seele

59. Bieler Lauftage 2017

Innehalten - Reise in innere Erfahrungswelten

von Rüdiger Schaller

LaufReport begann mit dem Biel-Projekt im Herbst 2003. Trainingspläne und Tipps für Kandidaten, die sich vorgenommen hatten, erstmals eine so lange Distanz zu laufen. Zu den Fragen der Debütanten erhielten wir bald auch welche von gestandenen "Bielanern", die nicht nur Ultramarathon-Erfahrung, sondern auch schon die eine und andere Bieler Nacht erlebt hatten. Was als einmalige Begleitung zum 45. Bieler 100-km-Lauf gedacht war, läuft nun bereits seit Jahren fort. Nach jeder Bieler Nacht ereilen uns Rückmeldungen unserer Kandidaten, noch voller Euphorie. 2007 bedankte sich Rüdiger Schaller bei uns, der seine Biel-Premiere ohne große Probleme in seiner Wunschzeit absolvierte (13:16:44 Stunden). Seine Eindrücke waren noch frisch, als er im August 2007 seine Zeilen niederschrieb, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollten. Nun hat es schon Tradition, dass Rüdiger Schaller von seiner Bielnacht berichtet. In diesem Jahr war es die Zehnte! Vielen Dank Rüdiger!
Walter Wagner - 12.6.2017

Wenn Dein Kind dich morgen fragt, wonach Du lebst und handelst - was werde ich antworten? Innehalten und nachdenken: Wonach streben wir? Was trägt uns? Um diese Fragen kreisten meine Gedanken schon einige Zeit vor dem Lauf in diesem Jahr.

Vorweg: Ich habe die Strecke das zehnte Mal erfolgreich absolviert - ein kleines Jubiläum. Nach Biel war ich wieder mal übermüdet gefahren. Die Nacht zuvor unruhig geschlafen, wenig Erholung. Vorstartspannung schon viele Stunden vor dem Start. Ich reiste an mit etlichen guten Wünschen von lieben Menschen. Kurz vor dem Start: Ehrung für Jubilare: 20 Jahre, 25 Jahre - bis zur fünfzigsten Teilnahme. Ein Blick in die Runde: Anerkennung auf Augenhöhe, Respekt und Annahme des Menschen, der vor mir steht. Ob das erste Mal oder wie oft auch immer. Ganz anders als häufig im Alltag erlebt: Selbstgefällige Meinungen und Urteile. Vorverurteilungen, ohne Erfahrungswissen und meist auch ohne Faktenkenntnis.

Rüdiger Schaller vor seinem 10. Start beim 100km Lauf von Biel. Nach 13:11:16 ist er wieder zurück 6 von der LG Seligenstadt kamen an den Start der 59. Bieler Lauftage. Von 2x bis 9x über 100km dabei gewesen lautet die Bilanz der Teilnehmer mit der roten Nummer. Das erste Mal am Start - ..aber nur über 56km zum Eingewöhnen"- ist Ralf Rachor, verdeckt mit gelber Nummer. Die zweite gelbe Nummer trägt Ina Marschner-Kempcke, sie gewinnt in 5:47:14 die W55 beim Ultramarathon über 56km. Dieter Schipper (159) ist der schnellste auf der klassischen 100km Strecke in 10:41, Thomas Disser (452), Mitveranstalter des EVO-Wasserlauf im deutschen Seligenstadt mit einem heute selten gelaufenen 25 km Lauf, beendet das Rennen nach 14:27 h
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Wonach lebe und handele ich? Erfolgreiche Menschen ob Sportler, Pop-Idole, Unternehmer oder auch starke Menschen wie Dietrich Bonhoeffer können Orientierung geben. Aber alle diese Vorbilder sind auch nur Menschen, die ihr Schwächen, Fehler und Probleme haben. Und nicht zu vergessen: Sie hatten und haben ihr ganz eigenes Leben. So wie jeder von uns sein eigenes, einzigartiges Leben führt. Wenn mein Kind mich fragt, was mir gelingendes Leben ermöglicht, dann kann ich zwar auf Vorbilder verweisen, doch einen letzten Halt können sie mir nicht geben. Soweit kam ich in meinen Gedanken, ich war gut in den Lauf gekommen. Klasse Laufwetter. Urplötzlich erschrecke ich - von rechts kommt eine Rangierlock auf mich zu. Kurze Ablenkung, ich stolpere und stürze zu Boden. Mal wieder auf das rechte Knie und die rechte Hand. Sofort wieder aufrappeln, weiterlaufen. Kurzes Gespräch mit einem Mitstreiter, der sich sofort besorgt an mich gewendet hatte. Keine Schmerzen im Knie, nur Blut, wie auch an der Hand, die allerdings schmerzt. Und das den ganzen Lauf über. Kein Wunder, am nächsten Tag sehe ich die Ursache: Bluterguss im Handballen, Daumen und über das Handgelenk bis in den Unterarm. Im Reflex den Sturz wohl überwiegend mit der Hand abgefedert. Bei den nächsten Samaritern Wundversorgung und Verband, nach knapp einer halben Stunde ging es wieder in die Nacht hinein.

Durch den Sturz war ich völlig aus meinem Laufplan gerissen. Neuorientierung war notwendig, am Tiefpunkt zwischen KM 25 und Oberramsern, dem ersten großen Zwischenstopp. Ich fühlte mich klein und schwach, wollte dort aufgeben. Jeder unebene Streckenabschnitt machte mir Angst - wieder in die offene Wunde fallen, nein. So hatte ich mein Tempo an diesen Stellen drastisch reduziert. Das Laufen wurde so unruhig. Doch in Oberramsern ließ ich mir von den Samaritern nur den Verband am Knie neu fixieren. Dann ging es weiter in die Nacht, begleitet vom Vollmond, der zu dieser Zeit am Himmel zu sehen war. Bis zur Halbzeit, bei KM 50, brauchte ich noch, um mich im Laufen neu auszurichten. In dieser Zeit beschäftigen mich viele Gedanken und Überlegungen zur Laufeinteilung. Doch dann war ich wieder ganz im Lauf, konnte Tempo aufnehmen und mit ganzer Kraft mich auf das Ziel hin ausrichten. Ein tolles Lauferlebnis, gerade auch mit Blick auf den Sturz und dessen Verarbeitung. Warum immer wieder Biel? Kein Hype, kein "immer wieder Neues" für mein Ego sammeln zu müssen in rastloser Jagd; Nein, wie in einer guten Beziehung sich miteinander auseinander setzen. Jeder Lauf ist anders, immer wieder gibt es neues Erleben. So nahm ich dieses Jahr zum ersten Mal die roten Mohnblüten in der Wildwiese kurz nach KM 80 wahr. Neben alle dem, was mich innerlich so beschäftigt hatte. Dann der Zieleinlauf, ein begeisterter Empfang. Die Endorphine, genauer gesagt: Die tiefe Freude und Begeisterung, die tragen mich auch heute noch. Trotz der noch großen Müdigkeit.

Was war es eigentlich, was mich bei KM 38 in Oberramsern bewegt hatte weiterzulaufen? "Du spendest morgen die 100 Laufkilometer und keine 38", so der Impuls, der klar und deutlich in mir aufstieg. 100 KM spenden an das KinderPalliativTeam Südhessen - Frankfurt. Im Rahmen des Deutschland Cups einer Stiftung, die die Palliativarbeit in Deutschland publik machen will. In dem Team werden Kinder bis zum Tode betreut, ebenso die Eltern und die Geschwisterkinder. Vieles wird ehrenamtlich getan, die Spendengelder sind knapp. Kinder, sie können uns daran erinnern, dass unser Leben ein Geschenk ist, nicht verdient, nicht erarbeitet. Als meine Frau und ich unsere Kinder nach der Geburt in den Armen hielten, da haben wir sie so sehr geliebt, dass wir unser Leben für sie geben hätten. Das ist Leben aus Liebe und Gnade. Diese Liebe wiederzuentdecken und mehr und mehr ins Leben zu bringen, das ist eines der lohnenswerten Ziele auf unserer Lebensreise. Wir brauchen dazu unserer Seele nichts hinzufügen, sondern nur Schicht um Schicht das entfernen, was uns daran hindert, aus dieser Quelle zu schöpfen. Wenn mein Kind mich morgen fragt: Wonach handelst du, was bestimmt dein Leben, woher bekommst du Kraft - dann weiß ich die Antwort! Das macht innerlich frei, in aller Bedingtheit, in der wir leben und unser Leben gestalten.

Mal gespannt, was so das nächste Jahr in Biel zu erleben ist. Ich freue mich auch auf die kurzen Begegnungen mit Helfern und Mitstreitern. So wie auf die Jungs aus Seligenstadt; kurze Gespräche am Frankfurter Fernbahnhof. Vielleicht erwächst auch aus diesen Begegnungen Neues.

Beitrag von Rüdiger Schaller 12.6.2017 - Fotos © LaufReport

LaufReport zu den 59. Bieler Lauftagen 2017 HIER

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Information unter www.100km.ch

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Laufen als Spiegel der Seele

58. Bieler Lauftage 2016

Tanz zwischen Wirklichkeit und Wahrheit

Sind wir verrückt? Was für eine freudige Überraschung: Der Zug nach Biel/Bienne fährt gerade im Baseler Bahnhof ein - da taucht unter den wartenden Menschen unvermutet und völlig überraschend Melanie auf. Melanie, meine liebe Arbeitskollegin und inzwischen auch "Wiederholungstäterin". Sie hatte sich am Freitagmorgen spontan entschlossen, sich nachzumelden. Wir sind uns sicher, irgendwas ganz Spezielles, Besonderes, hat dieser Nachtlauf in Biel.

Melanie wollte eigentlich pausieren, sie hatte an Folgewirkungen eines 24-Stunden-Spendenlaufs vom vorangegangenen Wochenende zu knabbern. Und ich, ich hatte auch so meine Sorgen. Zweieinhalb Monate zuvor, direkt nach Ostern, hatte ich eine größere Schilddrüsen-OP. Danach war ich fast fünf Wochen quasi "außer Gefecht" -Hormonumstellung. Ich war richtig neben mir, nichts ging von der Hand. War gezwungen einfach nichts, wirklich nichts zu tun. Obwohl ich voller Tatendrang war. Die OP war von dem Ergebnis für mich einfach sensationell gut gelaufen. Im Hals Raum und Weite, kein Druck mehr und ein besseres Atmen. Und keine Beschädigung des von Gewebe umwucherten Stimmbandnervs. Ich bin dem leitenden Arzt der endokrinen Chirurgie hier in Wiesbaden dankbar. Achtsamkeit und liebevolle Zuwendung erlebte ich, neben der professionellen Arbeit. Doch auch Leid erfuhr ich im Krankenhaus. In meinem Zimmer lag ein Familienvater aus Äthiopien. Krebskrank, seit neun Monaten. An dem Tag, an dem ich entlassen wurde, kam er auf die Intensivstation. Seine Augen spiegelten beim Abschied die ganze Zerbrechlichkeit und den unendlichen Wert unseres Lebens wieder. Alles ist auf Leben ausgerichtet, auch im Sterben. Das trug ich mit mir die letzten Wochen.

Anfang Mai, da kam ich dann wieder schrittweise ins Leben. Freute mich wieder zur Arbeit gehen zu können. Dort wurde ich von meinem Arbeitgeber sorgsam wieder in den Alltag integriert. Aber das mit dem Lauftraining, das war im Vergleich mit den Trainingsplänen aus dem LaufReport verdammt wenig. Hatte ich überhaupt die notwendige Wettkampfhärte? Was sind die Auswirkungen der OP, der Hormonumstellung? Spiele ich am Ende mit meiner Gesundheit? Völlig unsicher, suchte ich nach einem "Ja" oder "Nein". Auch Ängste spielten hier mit hinein in meine Überlegungen. Drei Faktoren gaben den Ausschlag für mein "Ja".

  1. Die Erfahrung: Bisher neun Starts und achtmal gut ins Ziel gekommen. Auch beim Ausstieg 2010 hatte ich gut auf meinem Körper gehört. Dazu kenne ich die Strecke und habe eine gesunde Demut und einen großen Respekt vor der Distanz und der abzurufenden Leistung entwickelt.
  2. Die Substanz: In den 15 Monaten vor der OP hatte ich mir eine gute Grundlagenausdauer geschaffen, allerdings war das dann doch schon mehr eine Hoffnung als Erfahrungswissen; Quasi das Pfeifen im Walde.
  3. Die Beschäftigung mit der Sinnhaftigkeit meines Vorhabens. Da entdeckte ich zum richtigen Zeitpunkt den Philosophen Khalil Gibran, der sinngemäß gesagt hatte: "Wer die Morgenröte sehen will, der muss die dunkle Nacht durchwandern." Das hat auch etwas mit dem Annehmen der eigenen Ängste zu tun und damit, durch sie hindurch handlungsfähig zu bleiben. Das hat eine ganz andere Qualität, als die Aussage von Kollegen, die sagten: "Wenn ich die Morgenröte sehen will, dann nehme ich mir ein Hotel, schlafe gut und stehe dann einfach früher auf. Dann sehe ich auch die Morgenröte. Wozu sich dann durch die Nacht quälen?" Erfahrungswissen ist eben etwas anderes, das kann man nicht erdenken.
    Meiner Frau gab ich das Versprechen, wirklich nur auf ein gutes Ankommen zu laufen, schließlich habe ich die Verantwortung für meine Familie übernommen. Am letzten Tag, an der die Onlineanmeldung offen war, bekam ich den "letzten Kick" - meine Frau und meine Tochter nahmen an einem Charity-Lauf teil. Ich konnte beide im Zieleinlauf begleiten, da spürte ich sie wieder, die Wettkampfatmosphäre. Meine Teilnahme an diesem Lauf war nicht möglich, da ich zum Startzeitpunkt noch einen Gottesdienst in meiner Rolle als Prädikant gehalten hatte. So blieb mein Kilometerzähler für den Mai bei exakt 197 km stehen.

Tja, und jetzt stehe ich - noch ziemlich nervös - tatsächlich im Starterfeld, letzte gegenseitige Aufmunterungen. Nach dem Startschuss erst mal ein achtsames Einlaufen. Es gilt ein gutes Gefühl für das Tempo zu finden. Das finde ich auch schon auf dem ersten Kilometer - doch ich weiß nicht, wie oft ich mich den ganzen Lauf über ermahnen musste. "Rüdiger, nimm Tempo raus - laufe langsamer!" Eine erste Vorfreude blitzt zaghaft auf: Ich komme ins Ziel, ja ich schaffe das.

Bei Kilometer 2 plötzlich Jubel und Anfeuerung, die mir gilt. Die netten Damen aus dem Team, das unsere Wertsachen in Empfang genommen hatte, feuerten mich an. Wir hatten uns bei der Übergabe der Wertsachen gleich vom letzten Jahr wieder erkannt und uns kurz unterhalten. Das ist ja inzwischen fast schon wie Heimat, hier in Biel. Man kennt sich.

Ich kam weiter gut in den Lauf, doch bei Kilometer 10, kurz vor Mitternacht, zuckten Blitze durch den Himmel. Ein beindruckendes Bild, vor dem Hintergrund der fernen Berge. Doch es war kein Donner zu hören, das Gewitter blieb weit weg. Nur: Es kam starker Gegenwind und heftiger Regen auf. Fast waagerecht mitten ins Gesicht. Erster Reflex: Es gibt Dinge auf der Welt, die können wir Menschen nicht ändern. Es kommt darauf an, wie wir sie annehmen, wie wir mit Ihnen umgehen. Also einfach weiterlaufen, Kopf runter und den Weg mit der Stirnlampe noch gezielter auf Unebenheiten beleuchten. Und so schnell wie das Unwetter aufkam, so schnell war es auch wieder vorüber. Da die Nacht nicht kalt war, hatte die Nässe auch nichts Unangenehmes für mich. Obwohl ich tratsch nass war. Weiter geht der Lauf: Aarberg, Oberramsen, Kirchberg, der Emmendamm, Bibern…..

Wieder ohne Uhr lief Rüdiger Schaller über die Holzbrücke von Aarberg - Fotos von 2015

Ich freue mich innerlich, tauche immer wieder in den Atem und die Bewegung ein, jenseits der Zeit. Natürlich hatte ich - wie im letzten Jahr - meine Laufuhr in der Ladestation zu Hause vergessen; das wird wohl jetzt zum Running Gag.

Dankbar stoppte ich an jeder Verpflegungsstation. Völlig unaufgeregt und gut organisiert stehen uns all die freiwilligen Helfer zur Seite. Nach kurzem Stopp: Weiter geht´s, in Bewegung bleiben.

Bei Bibern, bei km 76, war klar: Trocken komme ich im Ziel nicht an. Dunkle, schwere Regenwolken ziehen auf. Da wird wohl doch noch ein Schauer kommen, unausweichlich. Heftiger und ausgiebiger Regen prasselt kurz darauf auf uns Läufer und die Helfer runter. Aber der Regen ist nicht kalt, sondern erfrischend - es lag noch eine Gewitterschwüle in der Luft. Auch jetzt nur ein kurzer Schauer. Die Folgewirkungen bekam ich an der Aare mit. An dem Fluss angekommen, sehe ich, dass der Feldweg der nach Büren führt, voller Pfützen ist. Teils breiter als der Weg. Nach dem dritten Ausweichversuch, der mich eh nur ins nasse Gras gebracht hatte, hatte ich aufgegeben. Weiter, auch mal mitten durch die Pfützen. Irgendwie macht das auch Spaß. - Ich muss dabei an Kinder denken, mit welcher Wonne sie in Pfützen springen und sich dabei total versauen. Tja, das können wir auch; hier haben wir eben Ultraschlamm. Die Schuhe waren so voller Wasser, die sind noch heute, einen Tag später, immer noch total durchnässt. Mit der Zeit stellten sich Schmerzen in den Füßen und den Fußgelenke ein, das kannte ich noch nicht. Meine Füße waren durch das Wasser angeschwollen. Später, beim Duschen, da passten mir meine Badelatschen nicht.

Doch mehr als entschädigt wurde ich durch die Eindrücke der mich umgebenden Natur. Auf der einen Flussseite: Blauer Himmel, gesprenkelt mit Kumuluswolken. Auf der anderen Seite schwere Regenwolken in den Berghängen. Dazu der Blick auf die ruhig fließende Aare, die dieses Jahr viel Wasser führt. Zwei Schwäne treiben auf dem Wasser und putzen sich ihr Gefieder. Und ich stehe schon in der nächsten Pfütze. Ich weiß nicht warum, ich freue mich die ganze Zeit über. Mir geht es einfach gut. Ich genieße die letzten Kilometer in vollen Zügen, sauge alle Eindrücke auf. Nochmals ein kurzer schwerer Schauer bei meinem Zieleinlauf.

Die Helferin, die mir die Finishermedaille umhängt fragt gleich besorgt, wie es mir geht. Sie ist zumindest leicht erstaunt über meine Antwort: "Saugut, es geht mir einfach saugut!" Ich bin total glücklich: Ziel voll und ganz erreicht! Die Zielzeit spielt keine Rolle - das war mein bester Lauf bisher. Fürsorglich geleitet die Helferin mich noch in das Zelt direkt neben dem Zieleinlauf. Letzte Getränke- und Nahrungsaufnahme. Dann sofort unter die Dusche und mit dem Zug nach Hause. Es wartet schließlich ein saftiges Pfefferrahmsteak mit knusprig gebratenen Kartoffeln und süffiges, prickelndes Weißbier. Traditionell im Dotzheimer Turnerheim. Dann, ja dann wartet noch mein kuscheliges Bett auf mich, nach 40 Stunden ohne Schlaf.

Mein Fazit: Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, der wird nie die Wahrheit erobern!

Beitrag von Rüdiger Schaller 12.6.2016 - Fotos © LaufReport

P.S.: Später, auf der Rückfahrt, bekam ich noch eine SMS-Nachricht von Melanie. Sie hat auch gefinisht, nach einem großen Kampf. Mit ganz anderen Erfahrungen. Ich bin beruhigt und die Sache ist jetzt für mich ganz rund. Es freut mich zutiefst im Herzen, dass Melanie da jetzt durch ist und sie sicher auf dem Heimweg ist.

Laufen als Spiegel der Seele

57. Bieler Lauftage 2015

Laufen zum Selbst und weiter

Der Tag danach: Im ganzen Körper pulsieren die Endorphine, wissen noch nicht so genau, wohin mit der ganzen Bewegungsenergie. Gepaart mit einer noch ziemlich großen Müdigkeit. Alles ist irgendwie langsamer. Nach dem Lauf war ich in der Heimat von Conny und Jürgen, meinen Pfarrers und Freunden, zu der Feier Ihrer Silberhochzeit eingeladen. Da musste ich auf jeden Fall nach dem Lauf noch hin. Es war ein wunderschöner Abend. Und heute am Tag nach dem Lauf tauchen immer wieder Erinnerungen an Begebenheiten während des Laufes in Biel auf. Verdichten sich zu einem Gesamtbild, einordnen der Erfahrungen. Alles Erleben heute ist durchwoben von dem Gefühl eines tiefen Friedens.

Walter Wagner, Chef des LaufReport, kurz vor dem Lauf getroffen Euphorisch werden die ersten Kilometer angegangen, wie auch hier von Thomas Disser, Mitveranstalter vom Seligenstädter Wasserlauf in Deutschland über 25 km

Rückblende: Unfall mit meiner Vespa im September - irgendwie hörte ich im Krankenwagen noch den Verursacher sagen: " Der war wohl im toten Winkel". Ein Blick in den Rückspiegel hätte genügt, um mich zu sehen. Er war rückwärts vom Bordstein gefahren. Es folgten Wochen voller Schmerzen, nach dem die Prellungen abgeklungen waren, wurden weitere Untersuchungen notwendig. Am Ende folgte eine beidseitige Leisten-OP Ende November. Wochen voller Schmerzen, vollgepumpt mit Schmermitteln und lahmgelegt in der Bewegung. Kurz vor dem Unfall war ich noch den Fränkischen Schweiz Marathon gelaufen.

"Ich will das alles nicht", das dachte ich halb unbewusst und verzweifelt auf dem Weg zur OP. Kaltes Licht und schnelle harte Bewegungen. Ich fror und zitterte am ganzen Körper. Doch die OP und die Wundheilung verliefen sehr gut. Nach einer von den Ärzten verordneten Wartezeit war dann kurz vor Weihnachten wieder an den Beginn eines leichten Lauftrainings zu denken. Langsames Traben über 5 km - mir war, als müsste ich das Laufen komplett neu erlernen. Irgendwie, als wäre da eine andere Statik im Körper. Doch ab Januar konnte ich wieder gut an der Grundlagenausdauer arbeiten; Tempotraining, das hatte ich abgeschrieben und auf den Herbst vertagt. Ende Mai war ich mir sicher, wieder gut und stabil in Biel laufen zu können. Seit diesem Zeitpunkt wuchs täglich die Vorfreude auf die Nacht der Nächte. Auch die Arbeitskollegen können davon ein Lied singen. Ich war mir sicher: Das wird ein Kracher; das wurde es auch - allerdings ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte.

Der Lauf: Beim Einsteigen in den Zug nach Biel durchfuhr es mich wie ein Blitz - "Mist, ich habe meine Laufuhr in der Ladestation zu Hause vergessen". Hektisches Wühlen in der Sporttasche bestätige es nur. Ja, an alles gedacht, nur die Uhr, die hatte ich vergessen. Keine Chance mehr, um sie noch zu holen. Annehmen des nicht Änderbaren, wie schon in der Rückblende aufgezeigt, und das Beste draus machen, aus Eigenverantwortung. Da half eben auch kein Plan B. Nein, mit der Armbanduhr laufen, dass wollte ich nicht. Also laufen pur, nur mit den Laufschuhen, Socken, Hemd und Hose. Selbstverständlich für Biel auch die obligatorische Nachtlauflampe am Körper. Meinen Entschluss bekräftige auch Walter Wagner, Chef des LaufReports: "Laufen ist ohne Uhr". Ihn und seine Frau Constanze hatte ich kurz vor dem Lauf getroffen. Über die kurze Begegnung mit den Beiden hatte ich mich sehr gefreut, ich mag beide.

Zum Start kam dann noch die Info, dass sich die Gewitter verzogen hätten und wir Läufer durchaus die Chance auf eine sternenklare Nacht hätten. So ging ich fast euphorisch die ersten Kilometer an, die Beine gut und ein gutes Gefühl für das eigene Tempo. Kurze Gespräche mit Melanie Schulze, einer ganz lieben Arbeitskollegin, die auch letztes Jahr schon dabei war. Dann verloren wir uns an einer Verpflegungsstation aus den Augen. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich Zweifel bekam. Es war mir zu schwül und ich verlor ziemlich viel Flüssigkeit. Nach der zweiten Verpflegungsstation konnte ich schon keine feste Nahrung mehr zu mir nehmen. Bei jedem Halt musste ich fast einen Liter trinken. Ich glaube, nur die gute Schweizer Gemüsebouillon - einer der Tipps aus dem LaufReport - hatte mich ernährungstechnisch über die Strecke gerettet. Erst ab Kilometer 78 kam konstanter etwas frischer, kühlender Wind auf. Vorher kaum ein Lüftchen und keine Abkühlung, selbst nicht in der tiefen Nacht und auch nicht gegen Morgen. Auch die paar Tropfen Regen die während der Zeit, in der ich entlang des Emmendamms lief, blieben vorwiegend in dem Blätterwerk hängen. Mehr nur eine Ahnung von Erfrischung. Die holte ich mir in Büren, an dem Brunnen. Klares und kühlendes Wasser, zunächst die Hände, dann die Arme, der Nacken und die Stirn. In der Zwischenzeit hatte der Wind die dunkle Wolkendecke beiseitegeschoben und die leichten Schleierwolken, die sich ausgebreitet hatten, lösten sich in der Sonne auf. Es wurde ab Kilometer 90 warm, sehr warm.

Ich glaube, nur die gute Schweizer Gemüsebouillon hatte mich ernährungstechnisch über die Strecke gerettet Erfrischen mit klarem und kühlenden Wasser am Brunnen in Büren an der Aare

Meine anfänglichen Zweifel, so zwischen den Kilometern 30 und 40 verflogen plötzlich. Aus meinem Bauch breitete sich ein Lächeln aus: Ich wusste da sicher, dass ich ans Ziel komme. Das hing auch mit dem Laufen ohne Uhr zusammen. Einfach in Bewegung bleiben, auf ein Ziel hin ausgerichtet. Aber keine Gedanken mehr über Zwischen- und Zielzeiten, die noch anfänglich da waren. Keine Hochrechnung von aktueller Durchschnittsgeschwindigkeit auf den nächsten Streckenabschnitt. Nein, mehr und mehr völlig frei von allem inneren Druck - welch eine Macht doch Gedanken haben können. Ein ganz neuer Erfahrungsraum öffnete sich für mich: Weit und klar. Aus diesem Raum konnte ich alles während des Laufes wahrnehmen. Meine Annahme der Witterungsbedingungen und auch den Kampf mit dem Schmerz im linken Knie. Auf dem Emmendamm war ich gestolpert, anscheinend eine Dehnung des Außenbandes. Ich suchte ein passendes Tempo und steigerte meine Achtsamkeit beim Setzen jedes Schrittes. Nach etlichen Kilometern hatte ich es raus, wie ich laufen musste und konnte fast schmerzfrei weiter laufen. Dann kam ab so Kilometer 80 etwas Neues hinzu: Die Waden schmerzten zunehmend. Zunächst ein Wechsel zwischen Gehpausen und Traben. Dabei auch hier die Einflüsterungen "Geh doch bis ins Ziel" hören, doch wieder weiter ins Laufen kommen. Nicht jeder Kilometer musste gelaufen werden, nein, jeder Schritt musste neu gesetzt werden; immer wieder. Und dabei, trotz allem Kampf, auch das Schöne wahrnehmen, wie die drei weißen Schwäne, die sich auf dem Wasser der Aare im Sonnenlicht treiben ließen. Das alles nahm ich mit und alle Emotionen explodierten im Zieleinlauf - Wahnsinn, was für eine Leistung, was für eine Freude und welch eine Erfahrung: Es ist wohl schon ein Geschmack von Selbsttranszendenz dabei gewesen, bei diesem Lauf. Sich selbst nicht so wichtig nehmen, hinter die Gedanken sehen und fokussiert in Bewegung bleiben - alles umhüllt und eingebettet in einen tiefen Frieden, der sich richtig, stimmig und kraftvoll anfühlt.

Und dabei, trotz allem Kampf, auch das Schöne wahrnehmen Auch dieser Erlebnisläufer sprang und tanzte 13,6 Kilometer lang. Dance Walk ist mehr als rückwärts

Noch eine abschließende Beobachtung vom Tag danach: Ich fuhr mit meiner Vespa Brötchen und anschließend leckere Erdbeeren einkaufen. Auf dem Rückweg sah ich Eltern mit ihren Kindern auf dem breiten Gehweg; die Kinder sprangen und tanzten vor Freude herum. Ich freute mich innerlich mit. Bewegung und Freude, das ist Leben. Das kann nur aus dem Inneren heraus kommen und sich dann in der jeweils gemäßen Form im Leben widerspiegeln.

Ein Dank an Alle, die uns mit ihrem persönlichen Einsatz freiwillig und ehrenamtlich solche Erfahrungsräume schaffen und anbieten.

Beitrag von Rüdiger Schaller 14.6.2015 - Fotos © LaufReport

p.s.: Was sage ich nur meiner Laufuhr? Ich hatte sie ein paar Tage vor Biel gekauft, die alte Uhr war defekt. Und heute hatte mich meine neue Uhr, so eine mit vielen Features, beim Auslaufen gelobt! Ja, die neue Uhr lobt mich: "Top: Die längste Strecke!" oder "Prima: Die schnellste Runde", so als Beispiele. Sie hat von dem Lauf in Biel ja nichts mitbekommen - und soll ich ihr nur sagen, wenn der nächste längere Trainingslauf durchgeführt wurde, so über 25 / 26 Kilometer?

Laufen als Spiegel der Seele

56. Bieler Lauftage 2014

Ein Kracher - mit dauerhaften Folgen. Oder: Der freie Tanz der Seele

Innenschau

Ziel erreicht - eigenes Zeitziel klar verfehlt, doch ein großer Erfolg nach großem Kampf. Erfahrungen jenseits des Messbaren.

 

Gut vorbereitet mit klarem Ziel vor Augen und beste Witterungsbedingungen mit Aussicht auf eine helle Vollmondnacht: Das wird ein Kracher! Doch ab KM 10 kommen immer mal wieder Bauchschmerzen auf, werden stärker. Vier Mal eine Mobitoi gerade noch erreicht. Da verließ mich doch der Mut und wurde schwach, ab KM 35 erste Gedanken an ein Aufgeben. Das Zwischenziel in Oberramsern noch erreichen, dann ist Schluss!

"Die Ambiance im Stadtzentrum ist einfach toll", schwärmt OK-Präsident Etter

Mal schmeichlerische Gedanken: "Da werden Dich viele loben, so ein vernünftiger und verantwortungsbewusster Mann", dann folgen massive und drohende Bilder: Ich sehe meine eigene Beerdigung, dabei werde ich angeklagt: "Wie konnte er nur unachtsam sein und völlig überziehen?"

Kurz nach Oberramsen war unter dem Eindruck dieser inneren Bilder der Impuls umzudrehen und abzubrechen stark, sehr stark. Doch in dem Moment tauchte in der Nacht das 40KM-Schild auf. Loslassen vom Plan, tiefer gehen. Was motiviert? Plan B musste am Tiefpunkt entwickelt werden. "Wenn Du jetzt gehst, dann brauchst Du noch 12 Stunden, dann bist Du um 15 Uhr im Ziel - das langt noch bis zum Zielschluss." Und dabei immer die Option: Nur von Zwischenstation zu Zwischenstation - Aussteigen geht da immer, dann wenn es tatsächlich nicht mehr geht. Und eines gilt: Jeder Schritt bringt Dich dem Ziel näher, bleib mit Deiner Achtsamkeit im Augenblick.

Während der ganzen Zeit kam ich immer wieder zurück in eine meditative Innenschau. Die dies alles beobachtet und wahrnimmt. Und dann immer wieder auf den Körper zurückkommt. Die Beine sind in Ordnung und noch kraftvoll.

 

Bis auf die Magenschmerzen, die, so nehme ich es nach einer Weile wahr, immer kurz nach den Verpflegungsstationen auftreten, ist alles in Ordnung. Ich nehme nun keine feste Nahrung mehr zu mir bis der Magen leer ist. Experimentiere mit den Getränken, bis ich den richtigen Mix habe. Ab ca. KM 80 hat sich der Magen wieder weitestgehend beruhigt und ich kann auf die letzte Teilstrecke gehen. Und der Endspurt hatte noch einige verborgene Kräfte freigelegt.

Entlang der Aare die Morgendämmerung genießen

Durchwoben und begleitet war dieses ganze Erleben von starken Impressionen: Der Lauf durch die Bieler Innenstadt, dann später durch die Nacht. Ab ca. 1.00 Uhr begleitet vom klaren und hellen Schein des Vollmondes, der die ganze Natur in ein fast geheimnisvolles Licht tauchte. Später ein sanfter Übergang über das Morgenrot in den sonnendurchfluteten Himmel mit der wärmenden Sonne.

 

Getragen auch von Begegnungen. Zunächst eine liebe Arbeitskollegin, Erststarterin in Biel. Einige Male liefen wir für eine kurze Zeit nebeneinander und tauschten uns aus. Dann nahm ihr Mann, der sie auf dem Fahrrad begleitete, meine defekte Stirnlampe, die mich nervte, in Verwahrung. Später bin ich, jenseits der 40KM-Marke, in einem dunklen Waldstück gestolpert und gestürzt. Helfende Hände waren sofort zur Stelle: Ein Läufer einer Militärpatrouille, der direkt hinter mir lief, reichte sofort mir die Hand und half mir beim Aufstehen. Stiller Fluch, kurzer Check: Zum Glück nur eine leichte Schürfwunde am Knie und am Ellenbogen. Weiter geht es durch die Nacht dem Ziel entgegen.

Mit der Sonne kommt die Wärme, steigt die Zuversicht

Es kam die Zeit der andauernden Positionswechsel. Spätestens nach dem dritten Wechsel nahmen die Läufer Kontakt auf. Aufmunternde Worte: "Wir sehen uns im Ziel, bis dann!" Einmal bei einer kurzen Gehpassage fühlte ich eine sanfte Berührung an meiner Schulter. Ein Mitläufer munterte mich auf. Einige Zeit später konnte ich die Aufmunterung an ihn wieder zurückgeben.

 

Nicht zu vergessen alle die Zuschauer, die uns über die ganze Strecke hin anfeuerten, wie auch die vielen ehrenamtlichen Streckenposten. Ein aufmunterndes "Bravo" hilft, tut gut. Zu guter Letzt noch eine weitere schöne Begegnung: Constanze und Walter Wagner, die rast- und ruhelosen Laufreporter vom LaufReport. Irgendwo kurz nach KM 90 trafen wir uns und tauschten uns eine Weile aus, dann ging es weiter. Weiter ins Ziel, mit einer vor Stunden bei weitem nicht mehr erwarteten, für mich guten Zielzeit von 13 Stunden, 16 Minuten und 6 Sekunden.

Irgendwo kurz nach KM 90 bei Safern trafen wir uns

Laufzeit, Zeit des Laufens: Gelegenheit den Kopf, ähnlich wie bei einer Arbeitsmeditation, aufzuräumen. Den Kopf frei bekommen, weitere Lebensentscheidungen treffen und wieder ein Stück mehr in Verantwortung gehen. In der meditativen Betrachtung der Innenschau Sedimente von Altem, noch nicht verarbeiteten aufsteigen sehen und erkennen: Ich bin der Herr in meinem Haus. Bis zu einem Punkt, an dem etwas ganz anderes, größeres mit ins Spiel kommt. Weit und voller Frieden, Quelle stiller und tiefer Freude. Leuchtend wie der Mond und wärmend wie die Sonne. Ich bin gespannt, wie dies weiter in mein Leben ausstrahlt.

Beitrag von Rüdiger Schaller 15.6.2014 - Fotos © LaufReport

55. 100-km-Lauf von Biel 2013

Die Seele des Ausdauerläufers

Biel 2013
Ein Blick zurück, zunächst auf den Streckenplan. Auf die große Schleife. Sie scheint dazuliegen wie eine Schatztruhe. Nur wer sie öffnet, kann die verborgenen Schätze heben.

Erinnerungen: Begegnungen mit Menschen. Gleich zu Beginn ein freudiges Wiedererkennen - "Du, Du warst doch letztes Jahr auch dabei!" Herzlicher Empfang schon am Infostand. Dann zaghafter Beginn neuer Freundschaft. In der Turnhalle, die Frage eines Erststarters nach ein paar Tipps. So konnte ich einiges von den Ratschlägen aus dem LaufReport, die mir bei meinen ersten Starts geholfen hatten, weitergeben. Wir trafen uns auf der Strecke ein paar Mal und tauschen uns weiter aus. Mal liefen wir auch eine Weile schweigend nebeneinander. Im Ziel aufeinander gewartet und gemeinsam kurz gefeiert - dann musste Jürgen weiter. Später traf ich noch Clara und Leo Bleuel, früherer Spitzenläufer in Biel und Autor eines schönen Buches: "Island-Erlebnisse - 1401 km zu Fuß rund um Island". Die Beiden feuern mich nun schon seit dem ersten Jahr, in dem wir Bekanntschaft miteinander machten, immer an derselben Stelle kurz nach dem Start an. Auf diese Begegnung, freue ich mich jedes Mal. Wie auch auf die vielen Menschen und die freiwilligen Helfer, die uns Läufer so Klasse unterstützen; die sich beispielsweise an den Verpflegungsständen um unser leibliches Wohl bemühen und dann auch wieder motivieren, weiterzulaufen. Zu erwähnen, ohne auf Vollständigkeit achten zu können, auch auf die Helfer, die auf unsere Wertsachen aufpassen. Dort sind sie in guten Händen, da habe ich ein sicheres Gefühl. So wie auch auf und neben der Strecke vieles für unsere Wohlergehen organisiert ist.

Und selbst bei dem sechsten erfolgreichen Lauf: Es wird nie langweilig, immer gibt es Neues zu entdecken sowie Zeit und Raum zum Experimentieren. Dieses Mal Start ohne die Laufuhr einzuschalten. Rein auf den Körper, die Strecke und das Gefühl für das Tempo achten. Gleichsam in einen Flow hineintauchen und sich dabei tragen lassen. Und doch auf das Ziel hin ausgerichtet. Die Strecke in gut verdaubare 5er-Stücke aufteilen und nur von "Stück zu Stück" denken - das befreit von der Last, auf das Ende "hochzurechnen"; das geht eh meist schief. So kommt auch Freude auf, während des Laufens. Einfach über die Bewegung. Dazu dieses Mal auch noch ein fantastisches Wetter. In der Nacht sternenklarer Himmel und zwar kühle, aber nicht als kalt empfundene Temperaturen. Weit nach Mitternacht, kurz nach KM 40 auf einer Steigung dann auch die Lauflampe ausgeschaltet - mit ruhigem Schritt den Hügel hinauf, Kräfte sparen und noch tiefer in den Natur eintauchen: Die duftenden Felder grenzen sich deutlich gegen den dunkleren Baumbestand auf dem Höhenrücken ab. Darüber spannt sich das unendliche Sternenzelt. Klar und ruhig und weit. Nur ab und an das Tappen der Schritte von Stafettenläufern, die es eilig haben. Eine ganze Weile später dann auf dem Emmendamm, dem Teilstück, das so verdammt schwer zu laufen ist, der Sonnenaufgang. Ein glutroter Feuerball über den Bergen, die sich am Ende der Ebene majestätisch erheben. So ab KM 65 wird es wärmer, ab KM 80 spüre ich, wie die Sonne anfängt, dem Körper Kräfte zu entziehen. Die Erfahrung mit der Strecke hatte mir hier geholfen - gute Krafteinteilung war gefragt. Ab KM 70 unterstützt dann doch von der Laufuhr als Orientierung - in Zeit und Raum. Und die letzten zehn Kilometer einem inneren Impuls gefolgt und einen Schlussspurt angezogen. Der hat nochmal psychisch einiges befreit. Muster, die mich an einer gesunden Entfaltung meiner Kräfte, an der Ausdehnung meines Wesens hinderten, wurden durchbrochen. Mehr als ein Vorgeschmack, wie sich der freie Tanz der Seele, der Selbstausdruck, auch im Alltag anfühlen kann. Rein und klar, völlig fokussiert auf das Ziel. Voller Freude rein über das Tun.

Dennoch bleibt zu "Risiken und Nebenwirkungen" etwas anzumerken: Montag, nach dem Aufstehen und auf dem Weg zur Arbeit, da fühlte ich mich, als hätte ich einen Intensivurlaub von über 4 Wochen hinter mir. Der Kopf war - und ist es auch heute noch - einfach frei. Wenn das der Arbeitgeber erfährt - das könnte Konsequenzen vielleicht für alle Mitarbeiter haben: Ein Wochenende Biel gegen 20 Tage Urlaub! Das wär´s, oder?

Dankbar bin ich dafür, dass ich das eingangs beschriebene und noch mehr erleben durfte, auch wenn die ersten Monate des Jahres trainingstechnisch durchwachsen waren. Mehrfach krank und nun aber doch einen guten Lauf, keine Blessuren, keinen Muskelkater und tiefe Erfahrungen, die im Alltag weitertragen. So viel im Moment zu "Biel 2013".

Beitrag von Rüdiger Schaller 11.06.2013

54. 100-km-Lauf von Biel 2012

Die Seele des Ausdauerläufers

Biel 2012
Im Ziel: Durchatmen! Zeit nehmen, das Erlebte sacken zu lassen. Noch ohne Worte, voller Eindrücke, Impressionen und neuer Erfahrungen. Unendlich dicht ist das Erlebte. Erfahrungsräume, geschaffen wie von Zauberhand. Nein: Von Menschen, die mit Leidenschaft, Ausdauer und großer Herzlichkeit die Bieler Lauftage vorbereitet und durchgeführt hatten. Allein an jedem der üppig bestückten Verpflegungsstände immer frisch zubereitete Nahrung und volle Getränkebecher. Jederzeit freundliche Helfer, die uns unterstützen, mit einem Lächeln und einem aufmunternden Zuspruch anfeuerten. Streckenposten, die über Stunden mit hoher Achtsamkeit uns Läufer lenkten und bei den Straßenüberquerungen sicherten. Viele Andere arbeiteten im Hintergrund und trugen mit ihrem Wirken einen wichtigen Teil zum Gelingen bei. Die Lauftage leben, nach all der Kritik vom letzten Jahr und den Abgesängen. Wieder ein Beitrag zum Mythos Biel, zu den unzähligen Erlebnissen und Berichten über die vielen Jahre; manches auch verklärend. Und immer wieder neben den rein sportlichen Aspekten auch eine Möglichkeit für Jeden, der dies will, individuelle Erfahrungsräume zu erlaufen. Quasi ein 100km langer Pilgerweg auf dem großen Rundkurs durch das Seenland. Nach dem Start in der hell erleuchteten Innenstadt hinein in das Dunkel der Felder und Wälder, nur hin und wieder unterbrochen durch das durchqueren nächtlicher Dörfer. Weiter, immer weiter, bis der Tag zu erahnen ist. Im hellen, dieses Mal mit viel Sonne, schlussendlich dem Ziel entgegen.

Im "Underground" von Bätterkinden bei km 62 erwartet ein Versorgungsteam die Läufer

Im Rückblick, mitten in der Nacht, in den Wäldern, dann wenn das Mondlicht durch die Wolken bricht, fast mystische Erfahrungen. Vorab, das hat nichts mit Mystizismus zu tun, der Klares verschleiert, sondern mit einer Art der Welt- und Selbstwahrnehmung, die noch vor der durch Begriffe geprägten Wahrnehmung kommt. Die Vorbereitung war dieses Mal nicht gut, Krankheit im November, dann im Dezember der Tod der Mutter. Trauerarbeit und Wohnungsauflösung. Leben ist und bleibt unergründlich und nicht steuerbar. Das Lauftraining trat in den Hintergrund, erst ab März hatte ich mich wieder in ein regelmäßiges Laufen hineingearbeitet. Es lief nicht rund, doch ich blieb dabei. Denn Leben ist Bewegung, auch wenn man manchmal etwas selbst dazu beizutragen hat; aus wohlverstandener Eigenverantwortung.

Nun, auf der Anreise nach Biel Zweifel: Langt der Trainingsstand? Übernehme ich mich? Ja es kam bei der Ankunft am Bahnhof Angst auf, ein starker Impuls, der mich körperlich drängte, einfach umzukehren. Doch ich blieb achtsam und dachte wieder an mein Leitmotto für dieses Jahr: Das Leben siegt! So ging es weiter, zum Start. Nach dem Startschuss war ich ganz angekommen, mitten in dem Läuferfeld. Kein euphorisches Abklatschen und Aufpuschen, nein eher ruhige, stille Konzentration auf die anstehende Ausdauerprüfung. Vor meinem inneren Auge sehe ich noch heute die verschiedenen Stationen auf der Strecke, teils schon vertraut nach dem nun sechsten Start. Jeder Lauf hatte seine eigenen Erfahrungen gebracht. So auch dieser Lauf: Wieder im Leben angekommen, dabei die Ängste angenommen und nicht verdrängt. Das macht frei, auf einer tiefen Ebene. So breitet sich Frieden aus, gepaart mit stiller Freude und Stolz über die erbrachte Willensleistung. Fast 14 Stunden auf den Punkt fokussiert, die ganze Kraft auf ein Ziel ausgerichtet. Hingabe an etwas Größeres und dann komfortabel im Ziel angekommen. Aus christlichem Hintergrund betrachtet, ein wesentlicher Aspekt der Osterhoffnung, geboren aus dem Ostermysterium: Das Leben siegt!

Beitrag von Rüdiger Schaller - Fotos © LaufReport

53. Bieler Nachtlauf über 100 km

Raum der Begegnung - Wegstrecke zur innern Freiheit

Biel 2011
Begegnungen mit Mitstartern, Zuschauern und mir selbst. In einer ersten kurzen Bilanz taucht zuerst das Bild eines Mitstarters auf. Wir trafen uns bei der Rückreise auf dem Bahnhof. Sein Anblick berührte mich auf eine merkwürdige Art und Weise. Irgendwie stand er verloren in der Menschenmenge. Mit traurigen Augen. Er musste bei KM 56 aufgeben. Nach fünfzig Kilometern war er stehen geblieben und kühlte sofort aus. An ein Weiterlaufen war mit verhärteter Muskulatur nicht mehr zu denken. Doch etwas tiefer in seiner Seele Liegendes stimmte ihn wirklich traurig. Im kurzen Gespräch offenbarte er mir, wie sehr er daran leide, dass er sich in seinem privaten Umfeld nicht richtig verständlich machen könne. Wenn er seine Erfahrungen mitteilen wolle, dann würde er eher Achselzucken oder billige Phrasen ernten. Ja, es ist schon speziell, was gerade Ultraläufer erleben können. Vor allem, wenn Sie sich auf einen inneren Weg machen. Sie stellen sich Herausforderungen und Prüfungen, die sich viele Menschen nicht vorstellen können; oder es nicht wollen. Ganz anders mein Erleben während des Laufes. Anfeuerung an vielen Streckenpunkten; die ehrliche Anerkennung aus dem Herzen tut gerade auf den letzten Kilometern gut. Sie trägt weiter. Respekt vor der Leistung und Wertschätzung jedes Einzelnen auf Augenhöhe auch im Ziel von den Helfern. Was für eine Leistung der Organisatoren, so viele freiwillige Helfer zu motivieren, die uns zu jeder Nacht- und Tageszeit freundlich empfingen und geholfen haben. Das ist es, was bleibt - nicht die von manchen reklamierten Pannen und angeblichen Mängel in der Organisation.ss: "Da muss man sich ja so zurückhalten, um nicht schneller als 6er-Schnitt zu laufen."

Der Startbereich war neu, aber das Laufen durch die Innenstadt von Biel über den Zentralplatz gab es die letzten Jahre auch schon

Raum der Begegnung, der Begegnung mit mir. Mit wenig Training ging ich an den Start. Im November war ich nach einem Unfall am Meniskus operiert worden. Doch die Heilung verlief gut, geradezu sensationell gut! Dank der liebevollen Unterstützung des Physiotherapeutenteams in Wiesbaden-Auringen, meinem Heimatort. Und der professionellen Hilfestellung im MedX-Fitnesszentrum in Wiesbaden. Geduldiger Aufbau im Rahmen der Möglichkeiten, das war angesagt. Und ein Stöbern in den Hilfestellungen im LaufReport. So fasste ich nach einem Probemarathon Mut für die Anmeldung. Dann doch noch ein "Panne" - ein Augenblick der Unachtsamkeit und ich stürzte bei meinem letzten Trainingslauf vor Biel: Schürfwunde am rechten Knie. Mit Hilfe von Tipps des Laufdoc´s Ziegler versorgte ich die Wunde und war tatsächlich am Freitag schmerzfrei. Trotzdem war mir bei der Fahrt im Zug etwas mulmig zu Mute. Doch vorweggenommen: Das Knie hielt bis in das Ziel, das einzige Problem waren da leicht verhärtet Waden! Hier verschaffte die Massage nach der so ersehnten warmen Dusche Abhilfe; es war ja quasi über 14 Stunden eine Regenschlacht bei Wind und frischen Temperaturen. Was mich im Gegensatz zu vielen Mitläufern begeisterte: Ich hatte keine Blasen an den Füßen; trotz von Beginn an durchnässter Schuhe. Die guten Ausrüstungstipps von Marc und Uwe Bonewitz aus Mainz waren hier mehr als wertvoll.

Heftige Regengüsse begleiteten die Läufer der Bieler Lauftage 2011

Nur eines hatte ich mir beim Start vorgenommen: Gut Ankommen - in Achtsamkeit für mich. Achtsam, das heißt für mich sorgen. Kein Überziehen, kein Verhärten und dabei aber auch den vielfältigen Ablenkungen, die zum Ausstieg verlocken oder drängen, nicht nachgeben. So wurde der Lauf ein Lauf in innere Welten. Begünstig durch den nach dem ersten Kilometer einsetzenden Regen. Über die Umstände jammern, über jede Pfütze meckern? Nein, die Umstände im Außen sind übermächtig, nicht zu ändern. So bleibt nur der innere Umgang mit dem, was von Außen kommt. Vieles gäbe es zu berichten über die inneren Prozesse, doch das würde im Moment zu viel Raum nehmen; mehr an anderer Stelle. Im Wesentlichen - und davon zehre ich, das bewegt mich noch immer - kam ich meiner inneren Freiheit in einer bislang nicht geahnten Qualität näher. Nicht Spielball der äußern Umstände, sondern aus eigener Entscheidung handeln. Das gibt einen ersten Geschmack von einer bestimmten Freiheit, die jedem von uns innewohnt. Sie hat die Qualität, die auch einen tiefen Sinn im Leiden und im Sterben erkennt. Und so dem Leben eine neue Ausrichtung gibt. Hin zu mehr Frieden und Heimkehr, dabei dem Leben geben, was es von mir erwartet: Hingabe. In Anlehnung an Victor E. Frankl " …….trotzdem Ja zum Leben".

Ich hoffe, dass die Organisatoren in Biel uns trotz aller Schwierigkeiten auch in Zukunft weiterhin Räume der Begegnung schenken. Es liegt schon etwas Besonderes über dem Bieler Lauf, doch man kann das nur für sich selbst erfahren, wenn man das will. So kann der Wille als zielgerichtete Energie trainiert werden. Ausrichtung auf ein Ziel, auf das Ankommen. Übungsraum für das Leben, so möchte ich meinen kurzen Bericht heute unterschreiben.

Beitrag von Rüdiger Schaller - Fotos © LaufReport

52. 100-km-Lauf von Biel 2010

Laufen als Spiegel der Seele

Am Tiefpunkt - das Ziel aus den Augen verloren;
Ausstieg bei km 56. "Warum tust Du Dir das an?"

So oder so ähnlich wurde ich im Vorfeld öfters gefragt. Grippeinfekt im November, das ging an die Substanz. Wieder ran gekämpft - doch im Januar der nächste Tiefschlag: Ein Abszess musste aus dem Rücken geschnitten werden. Wieder Pause, bis die Wunde geheilt war. Der nächste Anlauf folgte. Schwer fiel der Marathon in der Vorbereitung im Mai. Doch es ging langsam weiter aufwärts, nach langen Wochen des Trabens durch Schnee und Eis. Dann zum dritten Mal ein "Stop": Fußprellung. Zwei Wochen voller Schmerzen. Selbst an normales Gehen war kaum zu denken. Bis zwei Wochen vor dem Start.

Vorfreude, dann zu Beginn der Nacht der Nächte: Vorsichtiger Start und keine Schmerzen beim Laufen. Aber die Substanz hat nicht gereicht. Es war drückend in der Nacht und auch der mentale Akku war leer; sehr leer nach monatelangen Dauerstress im Job. Auch hier das Ziel aus den Augen verloren. Erst jetzt, im Ringen mit mir - aufgeben oder doch weiter machen, zumindest bis km 76 - wird mir bewusst: Hier ist eine Grenze, darüber hinaus kann es ungesund werden. Mir fielen auch all die Ratschläge und Tipps aus dem LaufReport ein, jetzt war das alles aus dem Kopf ins Leben gekommen; Erfahrungswissen. Dieses "Nein" gleicht einem "Ja" für mich, meine Gesundheit. Dennoch mit schwerem Herzen gab ich den Transponder ab, doch auch irgendwie erleichtert, diese Entscheidung getroffen zu haben.

In Biel mit dem Shuttlebus angekommen verfolgte ich wehmütig einige Zieleinläufe. Schade, da wollte ich doch auch einlaufen. Ja, die Begeisterung der Finisher, die konnte ich gut nachvollziehen. Diese Distanz, die 100km, zu bewältigen, auf diesem unvergleichlichen Rundkurs: Es ist und bleibt eine Leistung, die zutiefst Respekt einfordert. Es ist schon Wahnsinn, diesen Lauf über so lange Zeit, über mehr als 50 Jahre, auszurichten. Immer wieder die vielen Helfer zu aktivieren, die jeden Läufer begeistert empfangen, versorgen und anfeuern. Ja, es ist fast nicht zu glauben, aber es ist wahr: Dieses Ereignis durchwebt etwas Faszinierendes, Einzigartiges. Das gilt es für jeden Läufer selbst entdecken; immer wieder neu. Jetzt, Monate nach dem Lauf, nach Urlaub und Wochen der Regeneration steht für mich fest: Auf geht´s, Biel 2011 ruft.

Während ich diese Zeilen schreibe, tauchen vor meinem inneren Auge Erinnerungen auf, wie Perlen an einer Schnur. Erinnerungen aus den letzten Jahren, an Stationen, an Begegnungen, ja auch an die Zieleinläufe. Meine Vorfreude steigt. Mich wieder dieser Herausforderung zu stellen, das hat etwas Besonderes; gerade auch nach meinem Scheitern. Diesen Wettkampf, den macht man nicht so nebenbei. Dazu gehört auch die ganze Vorbereitung mit ca. 2.000 Trainingskilometern. Herbst, Winter und Frühling gilt es zu durchlaufen. Mit all den wechselnden Eindrücken. Der Geruch des Herbstes mit all seiner Farbenpracht in den Wäldern, die kalte, klare Luft im Winter - vielleicht wieder mit schneebedeckten Weiten - und das Aufblühen der Natur im Frühling; mit dem so frischen ersten Grün. Leben im Lauf der Zeiten. Und: Laufen als Spiegel der Seele. Wieder das eigene Lebensziel anvisieren, ihm entgegen gehen. Unterstütz und begleitet mit dem Lauftraining und der Ausrichtung auf das große Ziel: Finishen in Biel!

Dabei über die langen Zeiten auch der Vorbereitung wieder mehr auf den Gleichklang von Geist, Körper und Seele achten und unverdrossen dabei neben dem Körper vor allem die Schulung des Willens trainieren. Übertragen ins Leben: Ausrichtung am Wesentlichen. Auf ein Ziel fokussieren und es durch alle Höhen und Tiefen mit allen Wechselfällen des Lebens nicht aus den Augen verlieren. Aus Eigenverantwortung geboren: Noch bewusster für mich und meine Gesundheit, auch die seelische, sorgen. Und die innere und äußere Balance mehr achten, als das letzte Jahr. Das ist eine der Lehren aus dem letzten Jahr.

Eines bewegt mich noch, analog der Frage im LaufReport, warum es nur 1260 Finisher waren, dieses Jahr. Öfters in den letzten Monaten, im Gespräch mit anderen Läufern bekam ich im Wesentlichen folgende zwei Aussagen. Erstens: "Biel? Wo ist das?" Und gepaart mit Überraschung, die sich in ungläubigem Kopfschütteln äußert: "Einen 100km-Lauf, echt so was gibt es?" Zweitens: "Nein, dass ist mir unmöglich, 100km zu laufen. Ich bin doch schon nach einem Marathon, nach 42km, völlig platt." Weiterhin lag es jenseits ihrer Vorstellung, auf so einen Lauf hin zu trainieren. Da müsste ja ein wahnsinniger Trainingsaufwand betrieben werden. Ein vorsichtiger Hinweis von mir auf meine Trainingsumfänge aus dem LaufReport machte einige nachdenklich.

Vielleicht lassen sich hieraus ja einige Überlegungen für die Vermarktung ableiten. Aber vielleicht muss so ein kleiner Kreis bestehen bleiben, um aus dem Besonderen keine überlaufene Massenveranstaltung zu kreieren? Es bleibt nun schon seit über einem halben Jahrhundert dabei, dass gerade dieser Lauf, die 100km von Biel auf jeden Fall etwas Besonderes sind. Eine besondere Herausforderung. Ich wünsche den Veranstaltern noch viele erfolgreiche Durchführungen und gutes Gelingen. Mal gespannt, wie die angekündigten Veränderungen im nächsten Jahr greifen.

Beitrag von Rüdiger Schaller - Fotos © LaufReport

51. 100-km-Lauf von Biel 2009

Die Seele des Ausdauerläufers

"Was, Du läufst 100km? An einem Stück?" Meist winken die Fragenden ab. Hin und wieder setzt es auch Sprüche wie "Dazu hab ich ein Auto" oder "Du Armer". So bleibt das Gespräch, die mögliche Begegnung von Menschen, an der Oberfläche. Doch es gibt auch seltene Augenblicke, in denen sich eine Türe öffnet, im Versuch des Verstehens des Anderen. Echtes, tieferes Interesse, auch Unbekanntes zu zulassen und sich diesem nähern, das ist der Impuls, der weiter trägt. Vielleicht ist das Annähern zunächst eher skeptisch, das ist in Ordnung.

Vorgeschichte

Viele Facetten gibt es zum Thema Ausdauerlauf – wo anfangen? Rückblende: Angefangen hat die ganze Geschichte vor etlichen Jahren. Im Weglaufen. Im Laufen in die Verhärtung. Unstrukturiertes und unregelmäßiges Laufen. Kürzere Strecken, maximal ab und an mal 20 Kilometer. Alles ohne Plan und ohne echtes Ziel. Kampf war angesagt. Schmerzen wurden verdrängt oder mussten überwunden werden. Bis der Körper "Nein" sagte. Nein: "So nicht!". Laufen wie das Leben – bis zum Herzinfarkt. Dies zu sehen dauerte Jahre der mitunter auch schmerzlichen Erforschung des eigenen Selbst, der eigenen Schatten. Der Weg ging tief in die Dunkelheit, bis zum Burn-Out. In die fast vollständige Erstarrung; zurückgehaltene Lebensenergie. Doch das ist eine andere Geschichte, aus vergangenen Zeiten. Mehr dazu an anderer Stelle. Allerdings reicht aus diesen Zeiten etwas Wichtiges in das Heute hinüber: Aus dieser Zeit stammen die Wurzeln für eine heute ausgeprägte Wahrnehmung des eigenen Zustandes beim Laufen. Es ist wie ein feines Messinstrument in mir, das die Balance zwischen Verhärtung und Öffnung achtsam wahrnimmt. Diese Wahrnehmung geschieht fortwährend und meist unbewusst. Wenn der Zustand beim Laufen in die Verhärtung kippt, dann wird mir dies fast sofort bewusst und ich kann gegensteuern.

Gesundheitsvorsorge

Laufen, das wurde wieder aufgenommen; anders als zuvor. 110 Kilogramm zeigte die Waage, das waren mindestens 25 Kilogramm zu viel. Die Gesundheit war angeschlagen. Nach monatelangem Ringen sackte eine schon lange bewusste Erkenntnis aus dem Verstand in das Herz: "Es kommt niemand vorbei, der für Deine Gesundheit sorgt. Dass kannst nur Du selbst tun. Im Rahmen dessen, was Menschen möglich ist." Ja, das war´s – dass musste erst mal in das Leben integriert werden! Daraus erwuchs eine Selbstverpflichtung: Wieder in Bewegung kommen; für mich. Leben ist Bewegung. Jeder Schritt bekräftigt und erneuert diese Entscheidung. Laufen gleicht so einer Meditation.

Während ich diese Zeilen schreibe, schweifen meine Gedanken ab. Heute Morgen ist ein mir nahestehender langjähriger Arbeitskollege an einem Herzinfarkt gestorben. Mit 55 Jahren. Die Einschläge kommen näher. Ein Aspekt: Weiter konsequent der Selbstverpflichtung "Ich sorge für mich, für meine Gesundheit" folgen. Immer mit dabei der EGK-genaue Herzfrequenzmesser mit der Pulsuhr; dass hatte ich versprochen, da ich oftmals dazu neigte, zu überziehen und die Signale des Körpers verdrängte. Nun ist dieses Hilfsmittel hochwillkommen – weicht mal im Wintertraining die Pulsfrequenz um ca. 10 Schläge nach oben ab, im Vergleich zu sonst, dann sind dass Vorboten eines Infektes. Dann wird das Training sofort reduziert und auskurieren ist angesagt. Vieles wäre noch anzufügen, doch das kann in der einschlägigen Literatur nachgelesen werden; z.B. die Zusammenhänge von Sport und antioxidativem Zellschutz (Quelle: http://www.laufreport.de).

Wichtig bei alledem ist eine zunehmend gut ausgeprägte Wahrnehmung des Körpers, regelmäßige ärztliche Kontrolluntersuchungen und das konsequente Einhalten der regenerativen Trainingseinheiten. Das baut auch mentalen Stress ab. Dazu als notwendige Ergänzung in einem Fitnessstudio mit qualifizierten Trainern zielgerichtetes Krafttraining für den ganzen Körper. Nach zweimaligem Meniskusriss ist das für mich heilsam gewesen. Die Knie, selbst nach 100 km: Stabil und schmerzfrei – was für ein Geschenk! Dazu noch passende Laufschuhe durch hervorragende Berater ausgewählt. Keine Blasen oder sonstigen Probleme: Laufen kann so zur puren Freude werden. Ergänzend noch, im Rückblick: Ein wichtiger Baustein war, dass ich mir die Zeit gegönnt hatte, meinen Körper, alle Muskeln und auch die Bänder und Sehnen, ja meinen ganzen Organismus, langsam an die steigende Belastung zu gewöhnen. Das wurde mir dieses Jahr bewusst, da hatte ich das zweite Mal den gleichen Trainingsplan absolviert. Mir viel auf, dass es mir deutlich leichter gefallen war, das vorgegebene Pensum zu absolvieren. Es ist, als ob der Körper sich erinnert.

Wertehierarchie

Für mich sorgen: Meine Gesundheit ist das höchste und kostbarste Gut, dass ich habe! Aus ihr heraus Familie, Beruf und soziales Umfeld gestalten; aktiv, kraftvoll, mit Freude. Trotz vieler Probleme und Schwierigkeiten, die das Leben an sich mit sich bringt. Und das auch weiterhin bei abnehmenden Kräften im zunehmenden Alter. Stress und Frust locker weglaufen, frei werden. Das tut unendlich gut. Und: Ab einem gewissen Trainingsstand fällt das Laufen oftmals leicht, ja man kann auch in Kontakt kommen mit einem Zustand des "ich werde gelaufen". Das verbindet mit der Natur, mit Gott. Ab und an auf längeren Strecken eintauchen in einen Raum, in dem Zeit und Raum scheinbar aufgehoben sind, die Grenzen verschwimmen. Eins sein mit allem, als Vorgeschmack auf Kommendes. Der Körper wird dabei wieder wahrgenommen, als das was er ist: Als Tempel der Seele. Für diesen habe ich zu sorgen. Laufen wird so zum Körpergebet.

Trotz des hohen Stellenwertes auch hier die Aufgabe, wachsam zu bleiben. Prinzipientreue darf nicht in Starrsinn mutieren. Das heißt, wohl an der hohen Wertigkeit festhalten und die Trainingseinheiten möglichst konsequent planen und einhalten. Doch es muss Raum bleiben, für Unvorhergesehenes. Nur Beliebigkeit hat keinen Platz. Da bietet die Grundentscheidung, besser gesagt Grundausrichtung, im Zweifelsfalle die notwendige Orientierung. Die Gesundheitsvorsorge für Geist, Körper und Seele ist an höchster Stelle der Wertehierarchie verankert.

Ertrag

Nun, da inzwischen das 5. Jahr als Ausdauerläufer angebrochen ist und inzwischen über 10.000 km zurückgelegt sind, ist es offensichtlich, dass da etwas mit Nachhaltigkeit in das Leben gekommen ist. Wenn vor jedem der über 700 Läufe – nicht jeder ist mir leicht gefallen – ein innerer Schweinehund zu überwinden wäre, dann könnte die an den Tag gelegte Konsequenz schwerlich gelebt werden. Die Couch und die anderen süßen Verlockungen, besser gesagt die Ablenkungen vom Wesentlichen, hätten längst gewonnen. Doch die Lebens- und Erlebensqualität ist deutlich, ja dramatisch, höher als zuvor. Kürzere Erholungsphasen und das Einbringen der zuvor gehaltenen Lebensenergie in den Alltag sind ein Ergebnis. Für Menschen, die das noch nicht erlebt haben, hört es sich bestenfalls paradox an: Trotz der in das Laufen investierten Zeit habe ich mehr Zeit für das Leben. Genau das ist eines der Geheimnisse. Das kann man im Kopf nicht erdenken, dass kann man nur erfahren; am eigenen Leib. Und das was getan wird, wird in besserer Qualität und kürzerer Zeit erledigt. Der Kopf ist freier – Ideen sprudeln nur so, spätestens ab km 10 – und der Körper ist belastbarer. Er regeneriert schneller als zuvor. Auch kann ich wieder Schuhe im Stehen binden – das war vor 5 Jahren nicht mehr möglich.

Von großem Nutzen ist die mit dem Laufen einhergehende Schulung des Willens, der Willenskraft. Gerade bei einer langen Strecke gilt es, das Ziel im Auge zu behalten und gut anzukommen. Auch bei innerlich aufkommenden Widerständen und Ablenkungen. Oder dem Gedanken an Aufgabe: Schnell mal in die Kneipe neben der Straße und ein kräftiges Steak mit Weißbier – das wär´s doch, nicht wahr? Es ist schon spannend, was unser "Mind" uns so vorgaukeln kann. Zu erkennen, was wirklich ist, das ist die Aufgabe. Und dann, wenn es schwer fällt, sich immer wieder auf das Lauftempo, die Schrittfrequenz und -länge und den Atemrhythmus fokussieren. Der nächste Schritt geht immer! Das gilt für den "Mind", nicht für den Körper. Dessen Warnsignale sind mehr als nur Ernst zunehmen.

Über die Fokussierung auf das reine Laufen gelingt es wieder in gutem Kontakt mit dem Körper und dem Boden zu kommen. Diese Erdung im "Hier und Jetzt" hilft weiter und tut gut. Im Alltag bringen mich diese bewusst gestalteten Erlebnisse und Erfahrungen vor allem in verfahrenen Situationen – ob im Beruf oder privat – weiter. Beispielsweise bei lange laufenden Projekten, in Tiefphasen, dann wenn es nicht richtig rund läuft: Mut gewinnen durch Rückblick auf einen der letzten Ultraläufe – jetzt fühle ich mich gerade wie bei Kilometer 38 und es sind noch über 60 Kilometer zu laufen. Aber ich komme ins Ziel! Das ist auf eine bestimmte Art und Weise gewiss.

Auch mein Lebenslauf, der soll ins Ziel kommen! Hierbei ist ein wesentlicher Faktor die Geduld. Auch die Geduld wird geschult. Ich kann bei Kilometer 45 nicht schon im Ziel sein, das dauert. Es ist je nach körperlichem Zustand, mitten im nächtlichen Leistungstief, noch verdammt lange bis zum Ziel. Das kann man gar nicht mehr denken. So muss ich meine Aufmerksamkeit immer wieder auf das "Hier und Jetzt" richten. Und trotzdem in Bewegung bleiben. Kontakt bei jedem Schritt mit der Erde machen, die mich trägt. Geerdet sein, unterstützt von Meditationstechniken. Diese auszuführen würde hier zu weit führen.

Warum um Himmelswillen 100km?

Die Seele läuft mit! Getragen von der Sehnsucht des Herzens. Zuhause ankommen, das ist das Ziel der Bewegung. Heimkehr.

Erfahrungen jenseits von Grenzen, in Grenzbereichen unserer Wahrnehmungen und Erfahrungen, können zur Selbsterkenntnis führen. Und eines gilt unverrückbar: Selbsterkenntnis ist gleich Gotteserkenntnis. Nach langen Kilometern stehe ich nackt vor mir, nackt vor Gott. Da kann ich mir nicht mehr ausweichen, kann das erste Aufflackern von Erkenntnissen nicht mehr wegdrücken durch Ablenkungen. Auch wenn es für mein Selbstbild schmerzliche Erkenntnisse sind: Ja, genau diese will ich erforschen. Diese bringen mich weiter im Leben. Ich stelle mich der Aufgabe, gleich doppelt. Die eine Aufgabe ist es, die sportliche Leistung zu erbringen. Diese Aufgabe ist schon gewaltig und nötigt Respekt ab. Und sie birgt potentiell auch das Risiko des Scheiterns. So eine Nacht ist lang und nicht berechenbar. Im Risiko des Scheiterns liegt aber auch die Würze der Teilnahme an dem Wettbewerb. Es ist trotz langem Trainings nicht gewiss, dass ich im Ziel ankomme. Das ist bei kürzeren Distanzen – abgesehen von Verletzungen – nicht der Fall. Da reicht die Erfahrung der langen Strecken und ich kann mich irgendwie, eben irgendwie, ins Ziel retten. Das ist bei der langen Kante anders, entscheidend anders. Durch diesen Reiz kommt noch im Unterbewussten ruhendes in Bewegung. Durch die bewusste Entscheidung, dies zu wollen und zuzulassen, kann das, was jetzt für mich dran ist, wie aus einem See auftauchen. Dann kann es gesehen und vor allem gefühlt werden: Ja, auch das bin ich! Darauf aufbauend kann ich das Erleben Schritt für Schritt integrieren. Wie gesagt: Das kann schon ganz heftig werden, gerade für das eigene Selbstbild. Doch es entspannt auf Dauer. Ich muss keine Kraft mehr aufwenden, um das einmal erkannte, zu dem ich "Ja" gesagt habe, wie bisher unter der Oberfläche halten zu müssen. Daraus erwächst ein tiefer gegründeter Frieden. Hier möchte ich diese Ausführungen stehen lassen, da es für einige Leser vielleicht zu persönlich werden könnte und eventuell auch ohne Belang für deren eigenes Leben ist. Es gibt viele Wege der Selbsterfahrung. Zum Beispiel pilgern Menschen auf dem Jakobsweg in Spanien; im Rollstuhl: Felix Bernhard (Dem Leben auf der Spur). Ich glaube, alle diese Menschen sind auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach Gott. Heimkehr ist die Bewegung der Suche die uns gemeinsam ist und auf einer unsichtbaren Ebene verbindet.

Das Gefühl von Dankbarkeit durchzieht mich. Ich musste gerade an "M" denken, ich nenne diesen Menschen einfach "M". Er begegnete mir vor ca. zwei Jahren einige Male. "M" war an einen Rollstuhl gefesselt. Eines Tages lag ein merkwürdiger Blick auf seinem Gesicht, wehmütig, voller Sehnsucht nach Bewegung, nach Leben. So meine Interpretation. Mich berührte dieser Blick auf eine äußerst merkwürdige Weise, mir verschlug es die Sprache. Sagen konnte ich in diesem Augenblick nichts. Drei Tage später erfuhr ich, dass "M" kurz nach unserer letzten Begegnung gestorben war. Gerade an dem Tag, an dem er erfahren hatte, dass die vielleicht lebensrettende Organspende durchgeführt werden kann.

Ja, ich bin zutiefst dankbar für jeden Atemzug und für jeden Schritt, der mir hier auf dieser Welt geschenkt ist. Auf einer Welt, die in ihrer Not und ihrem Elend oft zum Verzweifeln ist und zugleich ist sie ein wunderbares und zerbrechliches Geschenk an uns Menschen. Mitten in diesem Riss, mitten zwischen Licht und Finsternis, da atmet die Seele des Ausdauerläufers.

Beitrag von Rüdiger Schaller - Fotos © LaufReport

50. 100-km-Lauf von Biel 2008

Bieler Nachtlauf über 100km - ein Abenteuer

Ultramarathon – eine besonderes Ausdauerprüfung. Hier liegt die Herausforderung im Bewältigen der gewaltigen Strecke, nicht in der Konkurrenzsituation mit anderen Teilnehmern; ausgenommen hiervon sind die Spitzenläufer. Der Lauf startet am Abend. Die Strecke ist ein einziger großer Rundkurs mit wechselnden Eindrücken. Sie führt zunächst durch das hell erleuchtete Biel, mit dem Flair eines Stadtmarathons. Danach geht es hinein ins Dunkle, in die Nacht. Das verstärkt den Abenteuercharakter. Laufen mit Stirnlampe in einem nach einiger Zeit weit auseinander gezogenem Läuferfeld. Dieses Mal – es ist der 50. Jubiläumslauf – stellen sich über 3.000 Läufer- und Läuferinnen der Strecke. Hin und wieder Gespräche mit Mitläufern. Doch mit der Zeit kommt der Punkt, an dem das persönliche Tief sich Raum greift. Da ist man alleine, sehr alleine. Mit sich, inmitten der prallen Natur. Im Bewältigen dieser Krise wächst neue Kraft und Zuversicht, das noch weit entfernte Ziel zu erreichen. Es sind noch Stunden zu laufen, wenn der Morgen anbricht und die Natur erwacht.

Doch dieses Mal, anders als im letzten Jahr, keine Krise. Im Gegensatz dazu eine ganz andere, neue Erfahrung: Es kommen Zweifel: "Langt der Trainingsstand? Wenn Du jetzt geht's, schaffst Du es dann noch im Zeitlimit?" Aber, und das ist das Neue: Ich gebe diesen Gedanken, die sich leise einschleichen und in mir einnisten wollen, keine Macht über mich. Ich entscheide mich: Zweifel sind nicht gestattet – ich bin ausreichend trainiert und werde zu meiner Zeit ins Ziel kommen. So laufe ich weiter in die Nacht hinein, dem schon langsam heraufziehenden Morgen entgegen. Was für eine Kraft Gedanken haben können! Und wie eine von mir getroffene Entscheidung meine Erlebensqualität ändern kann.

Das bewege ich noch eine Weile in meinem Bewusstsein, während ich laufe. Dabei sauge ich die inzwischen doch kühle Luft in die Lungen und fokussiere mich immer wieder auf den Augenblick. Auf das "Hier und Jetzt". Nicht in Gedanken schon 20 Kilometer weiter sein und überlegen, wie es dort sein könnte. Ja, immer wieder mit Achtsamkeit den Augenblick mit all seinen Facetten wahrnehmen – die Bäume, die Felder, die Berge in den wechselnden Lichtverhältnissen, die Wege entlang der Flüsse, den Emmendamm, die nicht abreisende Lichterkette, mit der die Läufer ihre Spuren in die Nacht ziehen. Und vieles mehr, wie die Gräser und Blumen am Wegesrand. Sich öffnen, all dies ins sich aufnehmen, Eins werden in der Bewegung mit der Natur und sich selbst – ein wertvolles Geschenk. Ein Geschenk, für das ich unendlich Dankbar bin. Dankbar, dass ich gesund bin und voll im Leben stehe. Dafür Danke ich Gott und ich weiß, seine Begleitung ist mir auch hier sicher. Laufen als Meditation, als Körpergebet, schießt es mir in den Sinn.

Über Stunden wieder und wieder auf den Augenblick fokussieren, das ist dieses Jahr die Herausforderung für mich. Geduld und Willensstärke werden so geschult. Locker bleiben, den eigenen Rhythmus immer wieder finden und halten. Auch wenn schon fast 90 km gelaufen sind. Nun geht es eine Zeit an dem mit Bäumen bewachsenen Ufer der Aare entlang, die an dieser Stelle in sanften Schwüngen mitten durch Getreidefelder fließt. Das Ziel ist jetzt schon in Volkslaufnähe. Nochmals konzentriert die Kräfte mobilisieren. Auf den letzten Kilometern werden etliche Läufer, die sich im Tempo übernommen haben, überholt. Das Ziel fliegt quasi heran. Unbeschreiblich das Gefühl, die Ziellinie zu überqueren und die Finisher-Medaille zu empfangen. Lohn für fast sieben Monate Training, konsequent durchgezogen. Auch im Winter, bei Nacht, Nebel und an Regentagen. Gegen Anfang Februar wurde die Umstellung auf die Sommerzeit herbei gesehnt, da fiel es schwer, weiter Motivation für Trainingsläufe im Dunklen zu finden.

Für den Jubiläumslauf Jahr hatte ich mir den Trainingsplan vom Laufreport für 11 Stunden vorgenommen. Etwas übermotiviert hatte ich mir allerdings im Februar – beim Krafttraining – eine Zerrung im Oberschenkel zugezogen. Deswegen musste ich pausieren. Mut hat mir in dieser Zeit eine Anregung aus dem Laufreport gegeben: "Es ist noch genug Zeit bis Biel!" Von daher hatte ich mich langsam wieder an das Trainingspensum herangearbeitet. Und dabei festgestellt: Die Monate zuvor wurde eine gute Ausdauergrundlage gelegt! Nun stand Biel an und ich legte mich auf eine Zeit von 12 Stunden als Zielzeit fest. Es fehlten einige Trainingskilometer und vor allem folgte ich meinem Motto, das über allem steht: Ich sorge für mich, ich laufe für meine Gesundheit. Laufen steht für Bewegung, Lebendigkeit. Aus guter Gesundheit erwächst Lebensfreude und eine Kraft, mit der auch die Herausforderungen des Alltages besser bewältigt werden können. Sei es in der Familie oder im Beruf, zum Beispiel bei lang laufenden und herausfordernden Projekten. Auch hier gilt es mit Disziplin und Willenstärke Höhe und Tiefen zu überwinden und sich gerade in schwierigen Umfeldern auf das Erreichen des Zieles zu fokussieren. Und es zu erreichen, auch und gerade dann, wenn dazu eigene Grenzen überschritten werden müssen.

Zum Abschluss noch eine Anmerkung: Das Abenteuer geht weiter, auf Wiedersehen in Biel 2009! Das möchte ich vor allem den Organisatoren zurufen, die mit ihrem großen Einsatz und ihrer mehr als freundlichen Art und Weise uns Läufern die Möglichkeit geben, dies alles erleben zu können!

Rüdiger Schaller - DZ BANK runners
Persönliche Bestzeit (2. Teilnahme) in Biel 2008: 12:00:28

p.s.: Selbst Wochen nach dem Lauf werde ich auf mein häufiges "Grinsen" und meine gute Laune angesprochen. Ich wäre wohl in Urlaub gewesen, oder so. Oft ernte ich ungläubiges Staunen, wenn ich ihnen sage, dass ich gerade einen 100km-Lauf genossen habe und es mir gut geht; ja genossen habe ich den Lauf! So wie die Pizza und das Weißbier, dass ich mir Abends zu Hause gönnte. Ich glaube, so richtig verstehen kann das nur jemand, der schon mal mitgelaufen ist.

Und "last but not least": Ein herzliches Dankeschön an meine Laufsportberater aus Mainz! Der Tipp mit den Schuhen war gerade zu genial!

Beitrag von Rüdiger Schaller - Fotos © LaufReport

49. 100-km-Lauf von Biel

Biel - die Nacht der Nächte

Rüdiger Schaller über seine Premiere 2007

von Rüdiger Schaller

Es ist wahr: Nicht Hybris prägt diese Aussage. Biel, das ist ein Erlebnis der besonderen Art. Nicht nur ein Ultra-Lauf über 100 km. Viel wurde in den letzten 49 Jahren über diese Nacht gesagt und geschrieben, so wurde dieser Lauf zu einem Mythos. Und doch ist er lebendig. Jede Nacht ein einzigartiges Erlebnis. 100 km – eine Hürde selbst für manchen Marathonläufer. Meist eine mentale Hürde. Mut ist erforderlich, sich auf diesen Weg zu begeben; Unwägbarkeiten begleiten einen Läufer durch die Nacht. Grenzerfahrungen sind gerade hier möglich. Entdecken eigener innerer Grenzen, diese überschreiten und sich in ein neues Land von Erfahrungen wagen. Ja: Neues entdecken, das ist neben der sportlichen Herausforderung eine der großen Chancen für jeden der Starter. Diese Augenblicke sind im Gegensatz zur Vorbereitung des Trainings nicht planbar. Oft unvermittelt und überraschend tritt diese Art von Erfahrung ins Leben. Sie mit Achtsamkeit annehmen, das führt hin zu einer Integration ins Leben. Doch zu individuell und oft auch zu persönlich sind diese Erlebnisse, um sie im Detail zu schildern. Auf jeden Fall führen sie zu einer Bereicherung des Lebens, das Land der Erfahrungen wird weiter.

Was bleibt von den äußeren Eindrücken? Einige Impressionen: Unvergesslich die Lichterkette in dunkler Nacht, das ältere Ehepaar, dass morgens sich im Café erhebt und auch den einsamen Läufer, der schon über 10 Stunden unterwegs ist, aufmuntert. Unvergessen auch der Mitläufer, der bei Kilometer 85 einem anderen Teilnehmer, der stehen geblieben ist, die Hand auf die Schulter legt und ihn aufmuntert. Er verlangsamt dafür sein Tempo, zieht so den einsamen Läufer mit sich und bringt ihn wieder in Bewegung; dem Ziel entgegen. Der Start: Getragen von der Begeisterung der Zuschauer durch die Bieler Innenstadt, abklatschen von Kindern, die am Streckenrand die Läufer anfeuern. Anfeuerung und Motivation an jedem der mehr als gut bestückten Verpflegungsstände durch die stillen Helfer, die meist im Hintergrund wirken und die ganze Veranstaltung erst ermöglichen.

Beeindruckend auch die Natur. Nachts führt die Strecke durch Wälder und Felder, hin und wieder durch kleinere Dörfer, in denen noch spät in der Nacht gefeiert wird. Jeder Läufer wird freudig begrüßt.

Dann, nach dem Leistungstief mitten in der Nacht, der Tagesanbruch: Neue Lebensenergie durchpulst den ganzen Körper. Weiterlaufen, Eins werden mit der prallen Natur. Immer neue Eindrücke strömen auf den Läufer ein. Es ist, als ob die Blumen am Wegesrand den Läufer grüßen, der an einem Streckenabschnitt begleitet wird vom Wasser der Aare. Phasenweise völlig losgelöst von jeglichem Zeitgefühl, aufgegangen im Erleben der Bewegung in der Natur. Dann das Ziel: Freude kommt auf, und Stolz. Etwas vorher Unvorstellbares ist geleistet. Begleitet wird die Freude von Dankbarkeit. Der Dank gilt den Organisatoren und deren Helfer, ja auch all den Menschen, die uns Läufer unterstützt haben. Die ganzen Tage waren durchzogen von einer schwer zu beschreibenden Herzlichkeit und Freude. Alles zusammen genommen: Ein unvergessliches Erleben, dass mein Leben bereichert hat. Danke – und bis nächstes Jahr!

 

Beitrag von Rüdiger Schaller - Fotos © LaufReport

LaufReport zu den 59. Bieler Lauftagen 2017 HIER

Zum Biel-Projekt im LaufReport HIER

Information unter www.100km.ch

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