Was die 100 Kilometer von Biel unvergleichlich macht

Zum Fünfzig-Jahr-Jubiläum des ältesten noch bestehenden Ultralaufs in Europa

von Werner Sonntag

Ein Jubiläumslauf hat seinen besonderen Reiz, und gar erst der 100-km-Lauf von Biel. Die vergleichsweise erhöhte Zahl von Anmeldungen bestätigt dies. Für die Ultralaufszene insgesamt wird Geschichte lebendig. Und für die anderen? Weshalb sollte man sich für 50 Jahre 100-km-Lauf in Biel interessieren, wenn man mit der Ultralangstrecke nichts, aber auch gar nichts am Hut hat?

Der Horizont des Langlaufs, verstanden als Ausdauerlauf, endet in den Medien beim Marathon. Doch was besagt das schon! Auch der Marathon kam einst in den Medien kaum vor, und wenn, dann meistens im Lokal- oder allenfalls Regionalteil der Zeitungen. In der Sportredaktion, in die ich Einblick hatte, verstanden alle etwas vom Fußball, spielten einige Tennis, gab es einen Spezialisten für die Tour de France, einen für Eiskunstlauf, einen für Reiten, aber keinen für Marathon. Der fiel in die Zuständigkeit des Kollegen für die Leichtathletik. Heute ist der Marathon als Sportdisziplin Pflichtstoff, und Sportredakteure, die auf sich halten, laufen ihn. Über die großen Stadtmarathon-Veranstaltungen wird bundesweit berichtet; die wichtigsten Marathons in aller Welt sind Nachrichtenstoff. Diese Entwicklung in der medialen Wahrnehmung hat etwa zwei Jahrzehnte gedauert. Dies in einer Disziplin, die es seit über 110 Jahren gibt. Was also hätten Ultralangstreckler zu beklagen?

Ultramarathon ist erst seit wenig mehr als 20 Jahren eine leichtathletische Disziplin, wiewohl er im Grunde Jahrtausende alt ist. Der Marathon entstand ja nur als eine angeblich historisch begründbare Spezialstrecke des langen Laufens, basierend auf der Idee eines der Antike verbundenen Gelehrten. Der Ultralauf war Jahrhunderte lang Realität, der Marathon hingegen ist eine Erfindung. Seit 1896 steht er für den Langlauf schlechthin, seine Herkunft aus den langen Läufen, den ultralangen Botenläufen, den Wettbewerben der Pedestrianisten und den Schauläufen im 18. und 19. Jahrhundert, ist vergessen.

Was für den Marathonlauf der erste olympische Laufwettbewerb auf der staubigen Straße von Marathon nach Athen war, das ist für den Ultramarathon der erste 100-km-Lauf und -Marsch von Biel in der Schweiz, auch wenn der Lauf über eine solche Strecke nicht wirklich neu war. Schließlich gab es ja schon einmal einen 100-km-Wettbewerb am Genfer See sowie Jahrzehnte lang den Lauf von London nach Brighton und den Comrades-Marathon in Südafrika. Doch, wenn man so will, war der Bieler Lauf der erste Volkslauf auf der Ultralangstrecke. Niemand hat den Ultralanglauf als Wettbewerbsdisziplin erfunden, wie damals für 1896 den Marathon; er hat sich daraus entwickelt, daß es immer mehr Läufer drängte, es jenen 35 wackeren Schweizern nachzutun, die in einer regnerischen Novembernacht 1959 zu einer besonderen Ausdauerprüfung, der Bewältigung von 100 Kilometern zu Fuß, gestartet waren.

Man muß sich vergewärtigen: Als 1968 beim 1. Schwarzwaldmarathon in Bräunlingen, einem Lauf, der später der weltweit teilnehmerstärkste Marathon war, etwa 600 Läuferinnen und Läufer starteten, waren es beim 100-km-Lauf von Biel bereits mehr als doppelt so viele. Teilnehmer von Biel gründeten eigene 100-km-Läufe und -märsche. Auf diese Weise, nach dem Schneeball-System, entstand eine Bewegung der Ultralangläufer, und dies ohne jeglichen Anschub durch die für den Laufsport zuständigen Fachverbände. Im Gegenteil, Ultralangläufer wurden in den Sportvereinen, vorsichtig gesagt, nicht ernst genommen. Meistens waren sie keine schnellen Marathonläufer, und sie vollbrachten ihre Leistung auf einer Strecke, die im Leichtathletik-Kanon nicht vorkam, manchmal sogar auf Strecken, die nur ungefähr 100 Kilometer lang waren. Aus dem Bedürfnis nach Zusammenhalt, das freilich später wie in vielen Verbänden und Vereinen gelegentlich auch Not litt, und dem Streben nach sportlicher Gleichberechtigung entstand in der Bundesrepublik Deutschland die Deutsche Ultramarathon-Vereinigung. Sie erreichte, daß der Lauf über 100 Kilometer eine neue Wettbewerbsdisziplin geworden ist. Wenn das in den Medien nicht so recht wahrgenommen worden ist, hängt dies mit menschlichem Beharrungsvermögen zusammen. Noch ist das Potential der Ultralangläufer klein, wenn auch weit größer als das Marathon-Potential Ende der sechziger Jahre. Es wird - trotz dem anderen Trend, dem zum Halbmarathon - mit Sicherheit wachsen. Die Zahl der Menschen, die auch im Wettbewerb keine Konkurrenzsituation sehen, sondern eine Herausforderung der Strecke, ist weit größer, als sich dies Verbandsfunktionäre vorstellen können. Beim Marathon wird eine Gehpassage als persönliche Niederlage empfunden, beim Ultramarathon gehört sie zur Bewältigungsstrategie. Offenbar erkennen das auch immer mehr Frauen, die ohnehin weit weniger gegeneinander rennen als Männer.

Das Jubiläum 50 Jahre 100-km-Lauf in Biel geht also weit über die Bedeutung eines Veranstaltungsjubiläums hinaus. In Biel-Bienne, wie der Name der Stadt an der deutsch-französischen Sprachgrenze inzwischen lautet, ist zumindest für Europa eine Sportdisziplin begründet worden. Kein Mensch hat das im Jahr 1959 geahnt.

Die fünfzigjährige Geschichte dieses Laufes wird andernorts dargestellt, im Vorgriff schon in der Broschüre „45 Jahre 100-km-Lauf von Biel“. Ich habe versucht, die Facetten des Laufs aktuell zum Jubiläum aus persönlicher Sicht zu beschreiben („Bieler Juni-Nächte“, laufenundleben@t-online.de, 14 € inkl. Porto). Die Deutsche Ultramarathon-Vereinigung hat persönliche Schilderungen von Läuferinnen und Läufern zu einem kleinen Band vereinigt, der mir zum 80. Geburtstag überreicht worden ist und nun als Erinnerungsband erscheint („Irgendwann warst du in Biel“, über die DUV-Pressestelle, 9,90 € + 2,00 € Versandkosten - ins Ausland 4,00 €. Das „Bieler Tagblatt“ wird sich ebenfalls nicht lumpen lassen und wie in früheren Jahren die Teilnehmer der Bieler Lauftage mit der Jubiläumsbeilage beschenken.

Immer aufs neue stellt sich die Frage: Was macht die 100 Kilometer von Biel so anziehend, daß schon von einem Mythos gesprochen worden ist? Es ist, meine ich, vor allem die Erlebnisqualität. Die Voraussetzung dafür ist die Streckenführung über eine einzige große Runde (oder beim Rennsteiglauf eine Punkt-zu-Punkt-Strecke). Der Start am Abend zaubert eine stimmungsvolle Atmosphäre, der Lauf durch die Nacht verstärkt den Abenteuer-Charakter. Die Optimierung der vor fünfzig Jahren konzipierten und mehrfach modifizierten Rundstrecke sorgt für den Wechsel der Eindrücke: Anfangs der Lauf durch die Stadt mit dem Flair eines City-Marathons, dann der Weg durch die Nacht zum ersten Höhepunkt, über die aus dem 17. Jahrhundert stammende gedeckte Holzbrücke zum weiten Marktplatz von Aarberg, danach je nach Placierung das gemeinschaftliche Traben durchs Limpachtal oder der einsame Kampf, der Etappensieg in Kirchberg, nämlich mehr als die Hälfte bewältigt zu haben, die Herausforderung des Pfades entlang der Emme, in den Sprachgebrauch der Teilnehmer als Ho-Chi-Minh-Pfad eingegangen, der Kampf gegen die Monotonie auf langgedehnten Straßen, die Bewältigung der persönlichen Krise, der mühsame Lauf entlang der Aare, das Vorwärtshangeln von Kilometer zu Kilometer am Büttenberg, das Hochgefühl, wenn schon die Ansagen vom Ziel zu hören sind.

Die Begegnung so vieler Läuferinnen und Läufer schafft ein unvergleichliches Ambiente. Der Zielschluß erst nach 21 Stunden macht die 100 Kilometer nach wie vor zu einem Volkslauf. Wo sonst noch können auch betagte Alterssportler oder Frauen ohne Marathon-Erfahrung eine solche Herausforderung bestehen? Kein anderer Ultralauf bietet diese Möglichkeiten für alle Leistungsabstufungen. Auch wenn in Anbetracht der vielen Ultralauf-Angebote der Kulminationspunkt der Teilnehmer-Kurve Jahre zurückliegt - in den achtziger Jahren über 4000 Teilnehmer, in der Zeit vor den City-Marathons mehr als jeder Marathon -, sind die 100 Kilometer von Biel noch immer der stärkste Ultralauf in Europa. All die allein an sportlichen Kriterien orientierten Ultraläufe konnten in der Breitenwirkung mit Biel nicht Schritt halten. Symptomatisch dafür ist die starke Fluktuation im Ultra-Veranstaltungskalender. Eine Kontinuität von fünfzig Jahren ist in der modernen Laufbewegung auch für andere Distanzen ganz ungewöhnlich.

In diesen fünfzig Jahren hat sich, einzigartig im Ultramarathon, ein Potential an Kompetenz und Erfahrung entwickelt, selbst wenn jede Veranstaltung der Bieler Lauftage für die Organisatoren eine neue Herausforderung darstellt und niemand einen völlig pannenfreien Ablauf garantieren kann. Außer der Erlebnisqualität ist es die Präzision der  Organisation mit etwa 1000 Helfern, die den Ruf von Biel ausmacht. Mit der Bedeutung der Veranstaltung ist auch die Kompetenz der Organisatoren gewachsen. Vierzig Jahre lang liefen bei Franz Reist, dem Initiator der 100 Kilometer, die Fäden zusammen. Nach einer Phase der Unsicherheit, die sogar zu Gerüchten über das Ende der Bieler Veranstaltung geführt hat, leitet nun Jakob Etter das Organisationskomitee; er  kennt den 100-Kilometer-Lauf von innen, hat er doch selbst die Strecke neunmal bewältigt, und dies in bemerkenswerten Zeiten, dazu dreimal in der Stafette.

Die internationale Attraktivität der 100 Kilometer von Biel hat trotz der starken medialen Konkurrenz der City-Marathons neue Sponsoren veranlaßt, sich hier zu engagieren. Die Startgelder werden tatsächlich ausschließlich für die Organisation der Veranstaltung einschließlich der Werbung und nicht für Preisgelder verwendet. Niemand startet in Biel des Geldes wegen. Kein VIP-Status hebt erfolgreiche Teilnehmer über das Feld der anderen. Was so sympathisch klingt und im großen Sport nachgerade einzigartig ist, macht es freilich auch schwer, eine solche Veranstaltung zu finanzieren.

Die 100 km von Biel haben von Anfang an Modellcharakter gehabt, sie sind in bestem Sinne eine Volkssportveranstaltung. Otto Hosse, der Begründer der deutschen Volkslauf-Bewegung, und seine Freunde haben Anfang der sechziger Jahre von schweizerischen Volkssportveranstaltungen gelernt. Nach wie vor kann man von Biel lernen. Die Schweizer wissen es wahrscheinlich nur nicht. Sonst würde aus den 100 Kilometern von Biel und den Bieler Lauftagen insgesamt auch politisch ein Markenartikel gemacht. Eine Fußball-Europameisterschaft geht rasch vorüber und wird folgenlose Erinnerung, 50 Jahre 100-km-Lauf in Biel dagegen können nicht verblassen, solange die Veranstaltung weiterbesteht. Vielleicht gelingt es mit dem Jubiläum, die Sportpolitik sensibel zu machen für die wahren Werte des Sports, die in den Bieler Lauftagen verkörpert werden.

Beitrag zum Jubiläum von Werner Sonntag

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