23.4.17 - 32. Haspa Marathon Hamburg

Olympiasieger und Weltmeister Stephen Kiprotich (UGA) geschlagen

Tsegaye Mekonnen (ETH) und Jessica Augusto (POR) siegen

Schöfisch und Schauer mit PB - Stockhecke unzufrieden

von Michael Schardt

Stephen Kiprotich aus Uganda war im Vorfeld des Hamburg Marathons der Star in den Medien. Es wurden von ihm aktuelle Interviews in deutschen Zeitungen und Online-Medien veröffentlicht, seine Freundschaft zu Eliud Kipchoge, dem Hamburger Streckenrekordhalter und Hoffnungsträger der Aktion, die Schallmauer von zwei Stunden zu unterbieten, wurde hervorgehoben. Ebenso stellten Medien die Bedeutung von Äthiopiens ehemaligem Wunderläufer Haile Gebrselassie für seine Entwicklung als Läufer heraus, denn der hatte ihm die entscheidenden Tipps gegeben, als Kiprotich noch ein junger, unbekannter Langstreckler war, einer von vielen aus dem unerschöpflichen Reservoir des schwarzen Kontinents.

Die Uhr zeigt es an. Noch 15 Minuten bis zum Start um neun Uhr. Die Läufer ab Startblock "G" warten hinter Absperrungen auf ihren Einsatz Als die Elite ins Rennen geschickt wird, ist es zwar kalt, aber noch trocken. 12000 Marathonis und 7000 Staffelläufer nehmen das Rennen auf - Foto © Haspa Marathon Hamburg
Ausführliche und einladend präsentierte Laufankündigungen im LaufReport HIER

Und dann, 2012 und 2013, ereigneten sich für den zurückhaltenden Athleten gleich zwei persönliche Wunder. Er wurde 2012 gegen die starke ostafrikanische Konkurrenz Marathonolympiasieger bei den stimmungsvollen Spielen von London, und 2013 zudem Weltmeister in Moskau. Zugleich amtierender Titelträger der beiden wichtigsten Wettbewerbe im Marathon zu sein, das war etwas Besonderes und hatte sonst bisher nur der Äthiopier Gezahegne Abera geschafft. Eine Lebensgeschichte, die wie erfunden klingt für eine Sportmedienlandschaft, der es an guten Storys mangelt. Kein Wunder also, dass die Organisatoren des Hamburg Marathons auf Kiprotich setzten und wahrlich stolz auf ihre Verpflichtung sein konnten, wo doch am gleichen Tag auch der finanziell hochrangiger aufgestellte London Marathon stattfand.

Auch die hinteren Gruppen kommen noch trockenen Fußes über die Startlinie. Anfangs geht es über den roten Teppich und an den Zuschauertribünen vorbei

Männerduell auf Biegen und Brechen

Kiprotich seinerseits sandte aus der Heimat freundliche Grüße Richtung Hamburg, ließ sich auf ein Gespräch mit Hamburger Journalisten ein, das bei ihm zu Hause stattfand und schickte eine Videobotschaft in die Hansestadt. Er wolle nicht nur siegen, sondern auch den Streckenrekord seines Freundes Kipchoge und damit auch seine Bestzeit steigern. Auf die Frage, ob er die Strecke kenne oder das Wetter, antwortete er mit "Nein". Aber er habe schon sehr viel Gutes vom Hamburg Marathon gehört.

Dass Kiprotichs Ausführungen keine Floskeln waren, sondern Worte voller Entschiedenheit, zeigte sich dann am Renntag, wo er auf den 21-jährigen Dubai-Sieger (2014) und bisher weltbesten Marathonjunior Tsegaye Mekonnen aus Äthiopien traf. Dieser hatte im Vorfeld selbstbewusst verkündet, nicht nach Hamburg gekommen zu sein, um zweiter zu werden. Viel Sprengkraft also war im Männerrennen, das zu einem der spannendsten in der Geschichte werden sollte.

Noch vor Erreichen der Reeperbahn (km1) setzt kräftiger Regen, versetzt mit Hagelkörnern, ein km2: Schmuddelwetter vor dem Operettenhaus

Es begann aber unspektakulär. Ein Tross aus vierzehn ausschließlich afrikanischen Läufern und Pacemakern passierte die ersten Zwischenmarken bei km 5, 10 und 15 jeweils nach Abschnitten von fünfzehn Minuten bei 15:02, 30:05 und 45:05 Minuten. Noch vor der Halbzeit versuchte Mekonnen eine deutliche Tempoverschärfung, zu der er auch seinen Pacemaker motivierte. Diese blieb aber weitgehend folgenlos, außer dass sich die Gruppe bis km 21 um zwei Leute reduziert hatte. Die HM-Matte wurde bei 1:03:21h passiert. Kurz später probierte der Äthiopier einen zweiten Vorstoß, in dessen Folge Kiprotich um sechzehn Sekunden zurückfiel.

km4: Für die Sehenswürdigkeiten der Stadt haben die Läufer kaum einen Blick Die Bernadottestraße. Die Zuschauer hat es in die Häuser verschlagen. Jubel gibt es nur vom Balkon herunter

Mekonnen: "Keine Zweifel"

Der Vorsprung von Mekonnen und seinem Pacemaker Jacob Kendagor (KEN) vergrößerte sich bis km 35 sogar auf neunzehn Sekunden. Doch dann zeigte der Mann aus Uganda, dass er nicht zufällig Weltmeister und Olympiasieger wurde. Er kämpfte sich Sekunde um Sekunde wieder heran und hatte den Ausreißer bei km 40 gestellt, nachdem dieser seinen Tempomacher verloren hatte. Bis 150 Meter vor dem Ziel lief man nun Seite an Seite, bis ein fulminanter Schlussspurt des Dubai-Siegers die Entscheidung brachte. Mekonnen siegte in sehr guten 2:07:26h vor Kiprotich in 2:07:31h und dem durchlaufenden Pacemaker Kendagor in 2:08:50h und drei weiteren Ostafrikanern.

Der erste Verpflegungspunkt wird von einem rein asiatischen Helferteam bedient. Eine halbe Million Pappbecher kommen zum Einsatz km6: Parkähnliches Umfeld am Halbmondsweg, dem westlichsten Punkt der Strecke

Bei der abschließenden Pressekonferenz stand Sieger Mekonnen Rede und Antwort, während Kiprotich nicht anwesend war. Der Sieger gab sich selbstbewusst. Zweifel an seinem Sieg habe er nie gehabt. Die zwischenzeitlichen Tempoverschärfungen hätten zum Programm gehört, welches er mit seinen Betreuern abgesprochen habe. Das Wetter könne man auch in einem Duell nicht ganz ausblenden, aber der Regen, nicht die Kälte oder Hagel, sei für ihn das Schlimmste gewesen. Er habe am Schluss durchaus Mühe gehabt, als er wieder eingeholt worden sei, doch auch das habe ihn nicht am Sieg zweifeln lassen, denn er habe sich noch einige Reserven für das Finale aufgehoben. Abschließend dankte Tsegaye Mekonnen den Hamburger Organisatoren und den Zuschauern: "Die Hamburger haben mich gut empfangen und gut behandelt", sagte er, "er komme, wenn es möglich ist, gerne wieder, um seinen Titel zu verteidigen."

12 Von der Elbchaussee an hat die Strecke für einige Kilometer tendenziell leichtes Gefälle

13 Dieser Läufer hat einen Riesenteddy geschultert. Er schafft die 42.2 km knapp unter fünf Stunden
14 Die Kilometerschilder muntern mit Sprüchen auf. Hier: "Der Anfang ist geschafft!"

"Vierjahreszeitenmarathon"

Noch während ein Großteil der Marathonläufer auf der Strecke war, machte ein Wort die Runde, nämlich das vom Vierjahreszeitenmarathon. Denn dieser griffige Terminus spiegelt wohl am besten wieder, was die Organisatoren und Läufer am vorletzten Aprilsonntag in Hamburg durchzumachen hatten, wenn auch der Sommer währenddessen nicht wirklich vorkam. Dafür aber alle drei anderen Jahreszeiten um so deutlicher. Noch fünf Minuten vor dem Start motivierte ein partiell blauer Himmel und frühlingshafter Sonnenschein den Moderator zu der Aussage, dass man mit Petrus einen Vertrag geschlossen habe, wonach es genau ein solches Wetter geben soll, wenn der Lauf angeschossen (oder besser: angeglast) werde. Das bewog einige Leichtsinnige dazu, die Regenfolie zusammenzurollen und über die Bande zu werfen.

Andere blieben skeptisch und trauten dem Braten nicht. Und tatsächlich: kaum waren die Läufer auf der Piste, da öffnete der Himmel seine Schleusen und sorgte nicht nur für viel Nass, sondern auch für noch kältere Temperaturen. Die waren zum Startzeitpunkt ohnehin nicht üppig gewesen und hatten sich bei vielleicht sieben Grad eingependelt. Dann ging der Regen in einen heftigen Graupel- und Hagelschauer über, der zwanzig Minuten andauerte. Danach wechselten die Witterungsverhältnisse sehr schnell zwischen Sonnenschein, Sprühregen und Niesel. Nach der Halbzeit, im Norden Hamburgs, wurde der böige Wind zu einem nervigen Problem, besonders wenn er um den dreißigsten Kilometer (und später) von vorne kam.

Grau in grau in der Breitestraße Alle zwei Kilometer gibt es musikalische Unterhaltung. Über zwanzig Bands spielen auf

Orgachef Frank Thaleiser war angesichts dieser Verhältnisse heilfroh, dass der Marathon ohne ernsthafte Probleme über die Bühne gegangen war, nicht bezogen auf eine mögliche kriminelle Tat, sondern allein wegen des Wetters. Er berichtete davon, dass man schon nahe dran war, das Zehntel am Vortag abzusagen, bei dem in drei Rennen Kinder und Jugendliche über 4,2 km starteten. Da habe es so starke Windböen gegeben, dass der komplette Startaufbau umgekracht sei und es nach vierzehn Stunden harter Arbeit genau so ausgesehen habe wie davor. Man hatte dann jeweils die momentanen Verhältnisse geprüft, und dann die einzelnen Jugendfelder am Samstagmorgen und Samstagmittag auf die Strecke geschickt.

Bei km 11 führt eine langgezogene Kurve hinab zu den Landungsbrücken Absoluter Kult beim Hamburg Marathon, diese hanseatische Combo wartet an den Landungsbrücken mit deutschen Schlagern und nordischem Volksliedgut auf

Kaum Verluste bei den Teilnehmern

Die äußeren Bedingungen führten weder beim Zehntel noch beim Marathon zu gravierenden Verlusten bei den Teilnehmern. Beim Marathon traten von 15.000 angemeldeten Läufern gut 12.100 an, wovon 11.930 auch ins Ziel kamen. Das bedeutet gegenüber der Finisherzahl des Vorjahrs einen kaum nennenswerten Rückgang von rund 100 Läufern. Überraschend dabei, dass sich diese ausschließlich auf Männer beziehen, während sogar mehr Frauen das Rennen erfolgreich beenden konnten als 2016. 2784 Frauen im Ziel stehen 9146 Männern gegenüber, was einem weiblichen Anteil von knapp 23 Prozent entspricht, für Hamburg ein Rekordwert.

Das Zehntel konnte bei knapp 9000 Meldungen mit 7248 Finishern einen neuen Teilnehmerrekord vermelden und damit den Ruf als größter Jugendlauf im Norden nicht nur festigen, sondern weiter ausbauen.

Das Wetter wandelte sich fast im Minutentakt. Bei der Querung der Hafencity (km 13 bis 15) gewann sogar für kurze Zeit die Sonne die Oberhand

Zu den 11.930 Marathonfinishern und 7248 Zehntelläufer gesellen sich aus verschiedenen Rahmenbewerben noch folgende Teilnehmerzahlen hinzu: 62 Handbiker und Rollstuhlfahrer, 6512 Staffelläufer aus 1628 Viererteams, sowie 600 Frauen aus dem erstmals durchgeführten Women's Race, bei dem sich zwei Läuferinnen, ebenfalls im Staffelmodus, den Vollmarathon teilen. Zusammengenommen waren in Hamburg demnach 26.290 Teilnehmer dabei, - eine stolze Zahl, vor allem auch deshalb, weil weder ein Halbmarathon noch 10-km-Lauf angeboten wird und der Staffellauf gedeckelt ist.

Die Rahmenwettbewerbe mit Mocki

Das Zehntel ging erstmals 1997 an den Start und fand nun zum 21. Mal und mit Rekordbeteiligung statt. 1998 ging der damals sechzehnjährige Arne Gabius an den Start und stellte in 11:38 für die 4,2 km lange Strecke einen Rekord auf, der noch heute besteht. So berühmt wie Gabius, der deutsche Rekordhalter im Marathon, wurde freilich kein anderer Zehntelsieger, aber mit Jule Assmann ist noch eine einst prominente Starterin unter ihnen. Sie sorgte für Furore, als sie als 13-Jährige beim Wien Marathon startete und diesen in 3:10h bestritt. Diesmal gewannen bei den Grundschülern Vincent Hopf von der LG Wedel Pinneberg in 16:44 und Sarah Damm von der Schule Kielortallee in 21:56 sowie im Oberstufenbereich Ole Grot von der TSG Bergedorf (13:56) und Lisa Hausdorf von der Gemeinschaftsschule HH-West (15:38). Im Zehntel mit dabei auch die SpecialOlympics. Deren Wertung gewannen Torben Poddig (29:07) und Marion Böpel (36:25).

Der Wallringtunnel bei km 15 unterquert den Hauptbahnhof ...
... und führt direkt zur Binnenalster

Eine Premiere feierte 2017 das Women's Race, für das 500 Startplätze reserviert waren und 300 Duos antraten. Eine gute Annahme also. Die Streckenlängen sind fast identisch. Die Startläuferin absolviert 21,8km, die Schlussläuferin 20,4km. Für die Läuferinnen steht ein gesonderter Wechselbereich zur Verfügung, der einige hundert Meter hinter der HM-Matte liegt. Ein Duo, das vielleicht die drei Stunden geknackt hätte, war nicht dabei. Für den Sieg reichte eine Nettozeit von 3:03h für das Duo Kerstin Haberkorn und Martina Linke, die unter dem Teamnamen "Größer werden wir nicht mehr" antraten. Diesem folgte die Staffel Hamburg mit Bibiana Beck und Sarina Kothe, welche nach 3:11h finishte. Als dritte fand Sabrina Mockenhaupt mit Lina Cord Platz auf dem Treppchen in 3:13h (Mocki-Lina-Express). Mockenhaupt hatte die Position der Startläuferin übernommen, da sie als Hauptaufgabe die Pacemakerdienste für Mona Stockhecke bis km 21 übernommen hatte.

Nach 16 km steht am Jungfernstieg der erste Staffelwechsel an Während links die Marathonis weiter die Binnenalster umkreisen, warten rechts die Staffelläufer auf den Wechsel

Das Staffelrennen mit vier Läufern erlebte 2012 seine Premiere. Es gibt Wertungen für reine Männer- und Frauenteams sowie in der Mixedkategorie mit mindestens einer Frau. Mixed war erneut die beliebteste Zusammensetzung mit über 1100 Mannschaften (von 1600). Im Mixed gewann das Team SDR Omme IF1 mit Jesper Thomsen, Henrik Therkildsen, Marie Bundesen und Christoffer Frost in 2:43h die Goldmedaille. Bei den Männern gelang dies dem Team Sport Mauritz mit Jean-Pierre de Lannoy, Philipp Letzgus, Klaas Franzen und Vilmos Tomaschewski in 2:25h. Prominent war die beste Frauenstaffel, das Laufteam Haspa Marathon Hamburg besetzt. Dort gewannen Maya Rehberg, Tabea Themann, Josefine Meyer-Ranke und Jana Sussmann klar in 2:41h den Titel. Gelaufen werden ungleich lange Teilabschnitte zwischen 16 und 5 km.

Neu im Programm war ein Wettbewerb namens Women's Race, bei dem sich zwei Läuferinnen den Marathon teilen. Hier, nach 21,8 km, war für die Frauenduos der Wechselpunkt. Im Hintergrund ist noch der HM-Bogen zu sehen Sobald die Sonne herauskam, kamen die Zuschauer vermehrt an die Strecke. Hier der Durchlauf des Stadtparks bei km 23 bis 25

Hervorragende Leistungen waren bei den Handbikern zu bewundern. Da siegte bei den Männern der Niederländer Jetze Plat in 1:06h vor Vico Merklein (DEU) in 1:07h. Bei den Frauen lag Katrin Möller (DEU) in 1:39h vor Landsfrau Annett Zenker-Urban (2:04h). Ins Ausland gingen die Titel bei den Rollstuhlfahrern. Thomas Frühwirth aus Österreich (1:56h) und Simone Baldini aus Italien (2:16h) heißen die Sieger.

Frauenmarathon:
Kein neuer Landesrekord für Portugiesin Jessica Augusto

Noch nie, so die Marathonsiegerin Jessica Augusto nach dem Rennen, habe sie bei Hagelniedergang ein Rennen bestritten, noch nie sei das Wetter so schlecht gewesen wie diesmal. Da habe sie gleich gewusst, dass ihr Plan, den Landesrekord von Rosa Mota, der bei 2:23h liegt, zu brechen zum Scheitern verurteilt war. Schon wenige Minuten nach dem Start habe sie das Vorhaben beiseitegeschoben und sich nur auf sich konzentriert. Sie sei nur ihr Tempo und nach Gefühl gelaufen, egal was auch immer die Tempomacher auf dem Zettel stehen hatten. Das Wetter hätte schon einen enormen Einfluss auf Renngestaltung und Endzeit gehabt, räumte sie ein.

km28: Viel Gegenwind gab es im Norden Hamburgs wie hier in der Nähe Alsterdorfs
Der Motivationsspruch nach drei Vierteln der Strecke: "Das läuft gut"

So erklärt sich - zumindest zum Teil - auch der ungewöhnliche Rennverlauf. Denn als ausgemachte Favoritin ließ sich Augusto schon in der Anfangsphase zurückfallen, während sich die ungestüme kenianische Debütantin Viola Kibiwot zusammen mit der äthiopischen Mitfavoritin Megeru Ifa auf und davon machte. Acht Sekunden bei km10, 34 Sekunden bei km 15 und gar 45 Sekunden bei km 20 betrug der Vorsprung des Duos vor der Portugiesin. Dann aber machte sich die erfahrene Augusto auf die Verfolgung, kam immer näher heran und stellte bei km 30 die Ausreißerinnen. Bis zum Ziel nahm sie ihnen gar noch vier bzw. fünf Minuten ab. So siegte Augusto in der sehr guten Zeit von 2:25:30h vor Ifa (2:29:47h) und der zum Schluss stark abfallenden Kibiwot in 2:30:33h.

Kurz vor dem Stimmungsnest in Ohlsdorf, unweit vom Stadtteilfriedhof und dem Hamburger Flughafen Fünf Kilometer vor dem Ziel wird Eppendorf erreicht

Im Interview ließ es Augusto bei dem simplen Erklärungsversuch, dass nicht sie schneller geworden wäre auf der zweiten Hälfte, sondern ihre Widersacherinnen hätten nachgelassen. Sie habe ein gleichmäßiges Tempo durchgezogen und sei glücklich, gewonnen zu haben. Überrascht habe sie, dass sie von so vielen Portugiesen angefeuert worden sei, und auch, dass trotz des Wetters so viele Zuschauer an der Strecke gewesen seien.

Starke deutsche Männer

Im Vorfeld musste der Hamburg Marathon mit Absagen von wichtigen Läufern fertig werden. So konnte die Marathonolympiasiegerin Tiki Gelana als aussichtsreiche Kandidatin auf den Sieg nicht antreten, womit der prestigeträchtige Start beider Olympiasieger von London hinfällig war. Auch der beste deutsche Starter Philipp Pflieger winkte wenige Tage vor dem Start aus Verletzungsgründen ab.

km40: Rotherbaum ist Durchgangsstation
Hundert Meter vor dem Ziel ist der Schlussbogen schon zu sehen

Eine gute Rolle spielten die deutschen Läufer dennoch. Frank Schauer vom Tangermünder Elbdeich Marathonverein, der vor zwei Wochen kundtat, seine Bestzeit in Hamburg angreifen zu wollen, ließ den Worten Taten folgen. Er verbesserte sich von 2:18:56h, die er in München gelaufen war, als er deutscher Marathonmeister wurde, auf nun 2:18:18h. Damit wurde er guter 13. Noch etwas besser machte es der aktuelle deutsche Marathonmeister Marcus Schöfisch aus Leipzig bei seinem erst zweiten Marathon. In Frankfurt war er mit 2:20:08h Meister geworden, in Hamburg nun lief er hervorragende 2:17:56h, eine Verbesserung um mehr als zwei Minuten. Es sei ein perfektes Rennen gewesen, ließ er wissen. Bester Deutscher, Deutscher Polizeimeister und PB, besser gehe es nicht. Das Wetter habe ihm gar nichts ausgemacht, im Gegenteil sogar, es seien seine Bedingungen gewesen. Ganz große Umfänge trainiere er unter Coach Ronny Martick eigentlich gar nicht, um nicht zu müde ins Rennen zu gehen. Dafür setze er beim Marathon ganz auf seine Leidenschaft. Er wurde als bester Deutscher 12.

Keine übertriebenen Jubelposen dieser Sub-5h-Finisher Die siegreiche Frauenstaffel (Laufteam Haspa Marathon Hamburg) mit v.l. Jana Sussmann, Tabea Themann, Josefine Meyer-Ranke und Maya Rehberg - Foto © Haspa Marathon Hamburg

Nicht ganz so glücklich dürften zwei andere deutsche Läufer gewesen sein: Marcel Bräutigam und Mona Stockhecke. Für Bräutigam lief es vor allem am Schluss nicht mehr rund. Hatte er noch bei km 35 vor Schauer und Schöfisch gelegen, fiel er später hinter sie zurück und finishte als 16. in 2:19:48h. Mona Stockhecke schimpfte im Ziel wie ein Rohrspatz über das Wetter: "Mist, Scheiße, Fuck!" Die äußeren Bedingungen hatten ihr Vorhaben zunichte gemacht, persönliche Bestzeit zu laufen, vielleicht sogar die WM-Norm (2:29:30h) zu knacken. Daraus wurde nichts, da die Muskulatur ausgekühlt war und sie sich möglicherweise nicht sofort auf die neue Situation einstellen konnte. Das deutete jedenfalls Orgachef Thaleiser an. Mona sei eine Läuferin, die ein Rennen hundertmal im Kopf durchgehe, aber das extreme Wetter dürfte dabei vermutlich keine Rolle gespielt haben. Letztendlich lieferte sie in 2:36:36h trotz allem eine respektable Leistung ab und durfte sich über einen schönen 8. Rang als beste Deutsche doch auch ein wenig freuen. Der WM-Zug allerdings sei für sie abgefahren.

Der deutsche Marathonmeister Marcus Schöfisch aus Leipzig war schnellster Deutscher und verbesserte sich um über zwei Minuten - Foto © Haspa Marathon Hamburg Die Jubelpose täuscht: War ganz und gar nicht zufrieden. Die schnellste deutsche Läuferin Mona Stockhecke - Foto © Haspa Marathon Hamburg

Und sonst?

Noch ist die Auswertung des Hamburg Marathon nicht abgeschlossen, aber fest steht, dass mindestens zwei Läuferinnen die WM-Norm geknackt haben, nämlich die Spanierin Marisa Casanueva, die in 2:32:22h auf Rang vier landete, sowie die Brasilianerin Adriana da Silva, die sechste in 2:35:44h wurde. Und dann gab es noch einen Weltrekord zu vermelden, oder besser: einen Rekord fürs Guinnessbuch. Der 35-jährige Oberpfälzer Felix Mayerhöfer lief in voller Businessmontur eine Zeit von 2:42 Stunden und darf nun auf einen Eintrag im Buch der Rekorde hoffen. Ohne Schlips und Anzug hat er es vordem sogar schon auf 2:30h gebracht.

Die letzte Frage im abschließenden Pressegespräch galt der Anzahl der Zuschauer. Ob schon eine Meldung diesbezüglich von der Polizei vorliege, oder von einer anderen Stelle, wollte ein Kollege wissen. Nein, sagte Thaleiser, es dürfte sicher weniger Publikum an der Strecke gewesen sein als sonst, aber immer noch sehr viele, wie Athleten bezeugen konnten.

Tsegaye Mekonnen aus Äthiopien gewinnt den 32. Haspa Marathon Hamburg - Foto © Haspa Marathon Hamburg
Bei den Frauen ist mit Jessica Augusto erstmals eine Portugiesin siegreich - Foto © Haspa Marathon Hamburg
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Sonst sollen es ja rund 700.000 gewesen sein, insistierte der Kollege, und nun? Thaleiser blieb locker. Einigen wir uns auf die Formulierung "mehrere Hunderttausend", damit alle das Gleiche schreiben. Die Zahl 700.000 bestehe seiner Vermutung nach schon seit dem Debüt 1986 und sei seither wohl immer wieder verwendet worden. Eine echte Schätzung habe vermutlich weder die Polizei noch sonst wer je durchgeführt. Darauf flüsterte einer: " wohl Fake-News schon damals" und erntete allseitiges Schmunzeln.

Zum Schluss: der Umgang Thaleisers mit dem hartnäckigen Kollegen war sympathisch. Als wenn jemand wirklich glauben könnte, eine realistische Zuschauerzahl bei einer solchen Großveranstaltung könne genannt werden. Nach des Laufreporters Erfahrung werden bei irgendwelchen Großereignissen, egal ob im Sport oder bei anderen Events, locker Zahlen in die Luft geworfen, bei denen man sich fragt, wie man nur darauf gekommen sein mag. Ein Polizist auf dem Bike kann das nicht feststellen, und ein Laufteilnehmer auch nicht. Jedenfalls fühle ich mich bei meiner nun wohl schon zehnten Hamburg-Teilnahme nicht annähernd in der Lage zu sagen, wann wie viele Menschen am Straßenrand gestanden hätten.

Viele waren es auf jeden Fall, auch diesmal. Aber das ist relativ ...

Bericht und Fotos von Michael Schardt
Weitere Fotos © Haspa Marathon Hamburg

Ergebnisse www.haspa-marathon-hamburg.de

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