2.4.17 - 37. Berliner Halbmarathon

Durchaus spannend

von Markus Heidl

Berlin ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, gleichzeitig auch Landeshauptstadt und mit gut 3,5 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Gemeinde Deutschlands. Berlin gilt als Weltstadt der Kultur, Politik, Medien und Wissenschaften. Meist hört man von Politik, wenn es in den Nachrichten um die Stadt des Bären (wobei sich Berlin vermutlich vom slawischen Begriff br'lo bzw. berlo mit der Bedeutung "Sumpf", "Morast" ableitet, nicht vom angeblichen Gründer Albrecht den Bären noch vom Berliner Wappentier) geht.

In Läuferkreisen allerdings steht Berlin vor allem für Marathon. Einen schnellen Marathon, den schnellsten der Welt, der immer am letzten Septemberwochenende stattfindet. Berlin kann aber (läuferisch) mehr und ist keineswegs "nur" Marathon. Da gibt es Laufveranstaltungen in Hülle und Fülle - und jedes Jahr Anfang April ein Rennen, das genauso für absolute Geschwindigkeit steht, wie der Marathon: der Berliner Halbmarathon.

Start zum 37. Berliner Halbmarathon - 21 km flach und ausgesprochen schnell
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Die Strecke

Die Strecke des Rennens geht eigentlich nur geradeaus: hin, eine Linkskurve nach Süden, eine Linkskurve nach Osten, und zurück. Sie wird von den Veranstaltern gerne als die schnellste Sightseeing-Tour durch Berlin beschrieben. Gestartet wird am Alexanderplatz, dann werden der Berliner Dom, die Humboldt-Universität, die Staatsoper Unter den Linden, das Brandenburger Tor, der Große Stern, der Ernst-Reuter-Platz, Schloss Charlottenburg, der Kurfürstendamm, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der Potsdamer Platz und schließlich die Friedrichsstraße mit dem ehemaligen Checkpoint Charlie passiert, bevor die Läuferinnen und Läufer wieder am Alexanderplatz ins Ziel einlaufen.

Wie der Marathon ist auch die Strecke des Halbmarathons flach und ausgesprochen schnell. Tückisch werden kann lediglich der Wind, der im Idealfall gar nicht, im schlechtesten Fall von Ost nach West oder umgekehrt weht. Auf das Wetter zu spekulieren ist allerdings nicht möglich: obwohl für eine Halbmarathondistanz unglaubliche 30.000 Startplätze vergeben werden, muss sich der gemeine Läufer schon frühzeitig für einen Start entscheiden. Für die diesjährige Auflage waren besagte Plätze bereits im November ausverkauft.

Einen Eindruck der Masse an Läuferinnen und Läufern, zu denen noch Inlineskater, Rollstuhlfahrer und Handbiker hinzukommen, bekommt derjenige, der erst am Samstag seine Startunterlagen in der BERLIN VITAL Messe abholt: trotz vieler Schalter und sehr zügig arbeitenden Helfern sind die Schlangen lang. Das Startfeld am Sonntagmorgen dann ist riesig.

Obwohl für eine Halbmarathondistanz unglaubliche 30.000 Startplätze vergeben werden, muss sich der gemeine Läufer schon frühzeitig für einen Start entscheiden. Für die diesjährige Auflage waren besagte Plätze bereits im November ausverkauft

Der Berliner Halbmarathon wird von vielen nicht wegen der erwähnten Sightseeing-Tour mit einem Ausrufezeichen im Kalender markiert, sondern weil auf der schnellen Strecke persönliche Rekorde fallen sollen. Auch ein Großteil der deutschen Elite ging heuer wieder in Berlin an Start, obwohl nur eine Woche später die deutschen Meisterschaften in Hannover stattfinden werden. Einen Start bei beiden Veranstaltungen ziehen nur die in Betracht, die zuerst in Berlin eine schnelle Zeit laufen wollen und sich eine Woche später zusätzlich in den Dienst der Mannschaft stellen.

Im Fokus des Interesses

Von besonderem Interesse ist die Startzusage von Philipp Pflieger (LG Telis Finanz Regensburg), dem auf dem Weg zum Hamburg-Marathon eine gute Leistung zuzutrauen ist. Aus seinem Training berichtet er von einem sehr guten Gefühl. Wenn er in den Bereich seiner Bestzeit von 63:51 min laufen kann, wird ihm eine Platzierung zwischen Platz sechs und acht zugetraut.

Ähnliche Beachtung erfährt Mittelstreckler Homiyu Tesfaye (Eintracht Frankfurt), der mit einer hervorragenden Bestzeit über 10 km ausgestattet ist und nun eine entsprechende Zeit über die Halbmarathondistanz erreichen wollte. Die Favoriten auf den Sieg kommen jedoch aus Kenia.

David Kogei hätte vor zwei Jahren bereits um einen Hauch gewonnen, als er seine Bestzeit von 59'46 aufstellte. Er wurde in einem Zielspurt geschlagen, der als engstes Finish der Veranstaltungsgeschichte gilt. Auch Daniel Chebii kennt die Strecke. 2011 wurde er mit einer Zeit von 60'56 Dritter, 2014 mit 60'40 Fünfter. Seine Bestzeit steht bei 59'49.

Philipp Pflieger kämpft um den Anschluss. Vor ihm Ejerssa Temesgen aus Äthiopien, den er im Ziel noch hinter sich lässt
Timo Göhler mit langen, letzten Schritten

Im Rennen der Frauen treffen die Siegerinnen der vergangenen beiden Jahre aufeinander. Im letzten Jahr gewann die aus Kenia stammende und seit Anfang 2016 für Holland startende Elizeba Cherono mit einer Zeit von 70'43, ihre Bestzeit ist eine gute halbe Minute schneller. 2015 gewann die Kenianerin Cynthia Kosgei in nach wie vor gültiger persönlicher Bestzeit von 70'52.

Deutlich schneller ist bereits Sabrina Mockenhaupt (LT Haspa Marathon Hamburg) gelaufen, die mit ihrer Bestzeit von 68'45 2009 an Ort und Stelle gewinnen konnte. Nach zwei Seuchenjahren kommt sie 2017 immer besser in Schuss und nutzt die schnelle Strecke als weitere Standortbestimmung. Ihre Vereinskameradin Mona Stockhecke will, wie sie zuletzt auf der Pressekonferenz des Frankfurt Marathons, gerne einmal beim Berlin-Marathon starten. Wie im letzten Jahr, als sie mit 74:20 Minuten Rang neun belegte, versucht sie in der Hauptstadt zunächst ihre Bestzeit im Halbmarathon zu steigern.

Als Aufsteigerinnen des vergangenen Jahres der deutschen Marathon-Szene werden zwei weitere Starterinnen des Berliner Halbmarathons 2017 bezeichnet: Anja Scherl (LG Telis Finanz Regensburg) und Katharina Heinig (Eintracht Frankfurt). Anja Scherl lief zunächst in Barcelona im Februar 2016 71'17 über die Halbmarathondistanz, steigerte sich dann beim Hamburg-Marathon um unglaubliche acht Minuten auf 2:27:50 Stunden, womit sie sich für die Olympischen Spiele qualifizierte und dort als 44. beste Deutsche wurde. Katharina Heinig lief ebenso in Barcelona persönliche Bestzeit im Halbmarathon (72'55), musste auf ihren Durchbruch aber bis zum Herbst warten. Beim Berlin-Marathon passte dann endlich alles: nach einem gleichmäßigen Rennen mit sehr starkem Finish lief sie nach 2:28:34 Stunden als Fünfte ins Ziel. Dieses "Berlin-Feeling" gilt es nun auf der halben Distanz zu wiederholen.

Der Sieger des 37. Berliner Halbmarathons: Gilbert Masai
Homiyu Tesfaye läuf als betser Deutscher in 1:02:58 auf Platz 7
Fotoquelle SCC EVENTS/camera4

Der Rennsonntag

Während noch am Samstag in Berlin der Sommer ausgebrochen war und sich in sämtlichen Park- und Grünanlagen Menschen in kurzer Hose und mit oder ohne T-Shirt tummelten, war für den Sonntag zum Glück kühleres Wetter angesagt. Dennoch zeigte sich schon früh die Sonne und heizte mächtig ein. Auch der Wind - in Berlin ein ständiger Begleiter - frischte auf und wehte gefühlt stets von vorne. Dennoch wurde vorne natürlich zunächst mächtig aufs Tempo gedrückt. Und mit dabei ein Deutscher! Homiyu Tesfaye wolle riskieren und einfach vorne mitgehen. Philipp Pflieger, der andere deutsche Star des Tages, wollte "ganz gechillt" in 30:00 (auf die ersten 10 km) anlaufen, war dort aber mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Dennoch sollte vom Gefühl her eine neue Bestzeit her, er liebäugelte sogar mit einer Zeit unter 63 Minuten.

Die schnellste deutsche Frauengruppe um Sabrina Mockenhaupt (LT Haspa Marathon Hamburg), zu Beginn Katharina Heinig (LG Eintracht Frankfurt) und die Schweizerin Martina Strähl (LV Langenthal) wurde derweil von Paul Schmidt und Clemens Bleistein angeführt. Dennoch war es "Mocki" teilweise immer noch zu windig, wenn sie sich aber weiter hinten in der Gruppe verstecken wollte, wurde es stets unruhig.

Tempomacher Clemens Bleistein fordert Applaus für "Mocki"
Siegerin des 37. Berliner Halbmarathon: Joan Melly
Fotoquelle SCC EVENTS/Petko

Gerade im Vergleich zu Prag am Vortag - wobei sich die Frage stellt, ob man diesen Vergleich überhaupt ziehen will - war Berlin zwar langsamer, aber durchaus spannend. Den Lauf mit historischen Bezügen, viermal wird dabei die ehemalige Mauergrenze überquert, gewinnt schließlich Gilbert Masai aus Kenia, der mit 59'57 als einziger unter einer Stunde bleiben kann. Ihm folgen seine Landsleute Vincent Kipchumba (60'32) und Reubern Limaa (61'43). Favorit Daniel Chebii wird mit 61'49 vierter, auf Rang fünf folgt mit David Kogei (62'30) ein weiterer Kenianer, bevor Homiyu Tesfaye hinter Tsegay Tuemay (ERI, 62'54) seine Bestzeit deutlich steigern kann. Als siebter bleibt er mit 62'58 unter 63 Minuten, auch wenn die zweite Hälfte schwergefallen sein wird.

Amos Kaptich (63'15) aus Kenia schiebt sich noch dazwischen, bevor Philipp Pflieger (LG Telis Finanz Regensburg) nach 64'04 neunter wird. Bestzeit also doch knapp verpasst, dennoch ein guter Leistungstest für den Hamburg Marathon in drei Wochen!
Die weiteren schnellen Deutschen sind Marcel Bräutigam (GutsMuts-Rennsteiglaufverein, 65'29), Timo Göhler (Asics Team Memmert, 66'21) und der deutsche Marathonmeister Marcus Schöfisch (Lauftraining.com, 66'23).

Im Frauenrennen blieb es lange Zeit spannend, bevor sich schließlich Joan Melly (KEN, 68'45) gegen ihre Landsfrau Edith Chelimo (68'57) durchsetzen konnte. Die für die Niederlande startende Elizeba Cherono hatte heute keine Chance und am Ende mit ihren 70'43 fast zwei Minuten Rückstand.

Wer schließlich die Nikolaikirche und das rote Rathaus passiert hat, ist dem Ziel sehr nahe
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Auf Rang vier lief die für den den PSV Grün-Weiß Kassel startende Äthiopierin Melat Yisak Kejeta (1h11'00). Ihr folgten die Französin Susan Jeptoo (1h11'28) und Cynthia Chepchirchir Kosgei (KEN, 1h11'58), bevor sich Martina Strähl vom LV Langenthal mit starken 1h11'59 in Szene setzen konnte. Mocki folgte mit 1h12'11 nicht allzu weit dahinter und macht nach ihren Verletzungen einen weiteren großen Schritt in die richtige Richtung.

‚Katha' Heinig lief ebenso ein starkes Rennen, kam trotz völliger Verausgabung aber nicht ganz an ihre Bestzeit heran. Nach 1h13'25 jagte sie dem Rettungspersonal im Ziel einen kurzen Schrecken ein, weil sie sie vom Boden auflesen mussten. Anja Scherl war leider nicht am Start, Mockis Vereinskollegin Mona Stockhecke kam nach 1h15'41 auf Rang 11.

Und schon ist alles vorbei

Den ganz schnellen folgen nach und nach noch viele weitere. Der Zieljubel kommt und geht. Und dann, mehr oder weniger plötzlich, ist schon wieder alles vorbei. In die Stadt, die niemals schläft, kehrt wieder Normalität ein, wenn es etwas wie Normalität in Berlin überhaupt gibt. Auf den Straßen mit den grünen Linien fahren wieder Autos. Und viele Tausend Läufer verteilen sich wieder über die ganze Welt. Einige mit Bestzeiten, alle mit tollen Erinnerungen im Gepäck.

Bericht von Markus Heidl
Fotos von Svenja Heidl und ssc events (2)

Ergebnisse www.berliner-halbmarathon.de

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