Im Februar 2011 zum 36. Int. Bienwaldmarathon in Kandel

Warum die "schnellste Strecke der Welt" etwas langsamer geworden ist

Rückblick eines ganz besonderen Kandel-Fans

von Günter Krehl

Wie kann der LaufReporter nur so ahnungslos von Kandel als der schnellsten Marathonstrecke der Welt reden, wo doch jedes Kind (besser einige wenige Insider der Szene) weiß, dass dies seit 2003 London (Paula 2:15:25) und seit 2008 Berlin (Haile 2:03:59) sind. Nun außer seiner langjährigen persönlichen Kandelerfahrung kann er seine Behauptung rein mathematisch beweisen.

Wäre Haile Gebrselassie je in Kandel gelaufen, hätte er die Weltbestzeit auf etwa 2:02:52 verbessert. Die Strecke von Berlin (2:03:59) ist genau 58 Sekunden schneller als die von Frankfurt (2:04:57). Und Frankfurt (2:30:26), so hat der LaufReporter empirisch vor vielen Jahren mit dem eigenen Leib erforscht, ist wiederum 2:18 Minuten langsamer als Kandel (2:28:08). Somit ist (besser war) Kandel immerhin noch 80 Sekunden schneller als Berlin. Da nun der Weltklasseathlet etwa 16% weniger Laufzeit benötigt als ein Mittelklassemarathonläufer der Marke 2:30, kann er auch nur etwa 67 Sekunden schneller sein, was zu obiger Rekordzeit führt.

 
Franz Teichmann (2:35:01), Günter Krehl (2:37:32) und Jochen Bechtle (2:37:56) am 10. März 1979 unterwegs auf der "Kandeler Autobahn"

Ich - und damit bekenne ich mich auch namentlich zu meiner großen "Pfalzliebe Kandel" - bin dort alleine 18 (15%) meiner insgesamt 118 Marathonrennen gelaufen, 1984 innerhalb von 5 Wochen sogar zwei Mal. Dazu kommen noch 6 Fünfundzwanziger, einige Zehner und Halbmarathons und sogar ein 10.000 Meter Bahnrennen. Berücksichtigt man die Qualität meiner Zeiten, so waren 13 davon (72%) unter 2:40 Stunden, da aber 3 Starts nur Trainingsläufe waren, verbessert sich der Prozentsatz sogar auf 87.

Wie war das möglich? Nun Kandel war die einzige Strecke, die 42 Kilometer lang nur bergab ging und trotzdem Start und Ziel am selben Punkt hatte. Ein ein Meter fünfundziebzig großer Athlet schaut aus einer Höhe von hundertfünfundsechzig Zentimeter schräg nach vorn auf den Asphalt und hat bei topfebener Strecke ständig das Gefühl, abwärts zu laufen.

Kleinste Schwachpunkte hatte die Strecke auch in früheren Zeiten schon. Der Start, anfangs im Stadion, allerdings ohne die Halbmarathonis übersichtlicher, benötigt Konzentration, weil Kurven nie optimal von allen Teilnehmern belaufen werden können.

 

Auch beim Start auf der Straße verlangen eine kleine Verengung und eine frühe Rechtsbiegung Aufmerksamkeit und bis zum Ort geht es erst mal relativ schmal weiter. Die beiden Wendepunkte kosten je nach Tagesform jeweils 2 bis 4 Sekunden. Die Pendelstrecke im Wald Richtung Büchelberg weist 5 Ecken auf, an denen bei Gegenverkehr nicht immer die Ideallinie gelaufen werden kann, auch ist der Asphalt dort nicht ganz so glatt wie auf der Kreisstraße 15. Das kostet weitere 15 Sekunden. Der größte Schwachpunkt in früheren Jahren war zu Zeiten herkömmlicher Aschenbahnen der Einlauf ins Stadion, mindestens ein Mal herrschten absolute Crossbedingungen.

DM 1984: Einlauf ins Stadion - noch eine starke Minute bis ins Ziel

Waren also in früheren Jahren 99% einer optimalen Strecke im Bienwald erfüllt, so dürften es nach der Kursänderung immer noch 98% sein. Der erste Streckenteil nach Minfeld ist nun leider leicht ansteigend (etwa 10 Höhenmeter) und meist einem ordentlichen Westwind ausgesetzt. Das dürfte die Strecke nun noch eine gute Minute langsamer gemacht haben und somit sollten die Bedingungen denen in der Landeshauptstadt gleichzusetzen sein. Ich bin zwar nie in Berlin gelaufen, habe aber in vielen Berichten gelesen, dass es ab dem Wilden Eber nur noch abwärts ins Ziel gehen würde - irgendwann muss es zuvor ja auch nach oben gegangen sein.

Dass die Kandeler Strecke nicht mehr ganz so schnell ist, sieht man ja an den gelaufenen Zeiten - oder sollte ich da was verwechseln. - Nun die beiden Streckenrekorde von Ralf Salzmann (2:14:25) und Susi Riermeier (2:38:13) lesen sich zwar nicht gerade berauschend an. Bei der Deutschen Meisterschaft im Jahre 1984 herrschten allerdings durch einen plötzlichen Wärmeeinbruch im April wohl die mit Abstand schlechtesten Laufbedingungen. Für die zweite Garde der Bestzeitenjäger war und ist Kandel jedoch der ideale Ort, ihre Träume zu verwirklichen.

Am 27. März 1976 begann mit dem 1. Internationalen Bienwaldmarathon eine Serie von bisher 84 Kandeler Straßenläufen (35 Marathons, 13 Fünfundzwanziger, 19 Halbmarathons, 17 Zehner) mit insgesamt ziemlich genau 45.000 Teilnehmern. Der Auftakt mit 77 Männern im Ziel blieb noch "frauenlos", es siegten zeitgleich Hans Gulyas (Portrait im LaufReport HIER) und Günter Conzelmann (2:27:36).

Der Olympiateilnehmer von Rom 1960 über 400 m Hürden, Wolfgang Fischer, späterer Spitzenmarathoni im Seniorenbereich und langjähriger Teamchef der erfolgreichen Salamander Straßenläufer, machte mich auf den schnellen Kurs in der Pfalz aufmerksam. Die zweite Auflage sah Michael Breitrick (2:25:34) und als erste und einzige Dame Koosje Röper (3:34:14) bei nunmehr 125 Teilnehmern in Front.

1977 krankheitsbedingt noch auf den Spätmärzmarathon in Önsbach ausgewichen, kam ich ein Jahr später erstmals zum Kandel Marathon, der seine 3. Auflage erlebte. An jenem 11. März wurde noch samstags um 14 Uhr gestartet. 282 Läufer erreichten das Ziel, darunter 125 unter 3 Stunden. Hans-Jürgen Eichberger siegte in 2:21:09, erste Frau wurde Wilma Rudolf (2:56:54). Bei dieser Traumstrecke war es sicher keine Sensation, dass ich meine Bestzeit im 27. Marathon von 2:50:29 auf 2:39:17 steigern konnte.

 

Schon damals lernte ich kennen, was ich jahrzehntelang schätzen durfte: Meist ideal kühle Bedingungen, ein windgeschützter, flacher, größtenteils schattiger Kurs. Eine Strecke wie mit dem Lineal gezogen mit fast immer "zentimetergenauen" Kilometerangaben. Bei gewohnt früher Anfahrt ein Parkplatz 100 Meter von Start und Ziel entfernt, der es ermöglichte auch bei großer Erschöpfung rasch ins Warme zu kommen. Keine Wartezeiten und Drängeleien bei Anmeldung oder Kleiderabgabe. Traumhafte Pfade im Bienwald zum lockeren drei bis vier Kilometer langen Warmtraben. Eine engagierte und selbst laufende Organisationscrew. Felder leistungsstarker Athleten, die das Laufen in der Gruppe zum atemberaubenden Abenteuer werden ließen.

Kandel 1984 - DM: Einlauf Günter Krehl
Vorbei an Kilometer 42 bei der Deutschen Marathonmeisterschaft am 15. April 1984. Die Aschenbahn ist staubtrocken durch die ungewöhnliche Vorsommerwärme

Probleme mit der Zeitnahme hatte es in den Anfängen allerdings auch mal gegeben. 1979 musste sich der Veranstalter öffentlich entschuldigen und versprach, den 390 Teilnehmern eine korrigierte Liste in ein paar Tagen zu versenden. In Zeiten von Chipzeitnahme und Internet kann man sich nicht vorstellen, dass Athleten früher oft tage- oder wochenlang auf die Ergebnisse mit ihrer korrekten Zeit warten mussten.

1980 war noch jeden zweiten Samstag Schule in Baden-Württemberg. So hetzte ich vorzeitig um zehn aus dem Klassenzimmer, um pünktlich um 14 Uhr in Kandel im Bienwaldstadion zu stehen. 396 Teilnehmer erreichten das Ziel, wieder siegte H.-J. Eichberger. - Bei seinem nächsten Erfolg 1981 lief er dann den noch heute gültigen Pfalzrekord mit 2:19:52. Vielleicht führte die Umstellung auf Sonntag mit Startzeit 10 Uhr zu der Rekordteilnahme von 530 Läufern. In Baden-Württemberg gingen die Schüler (und Lehrer) inzwischen nur noch ein Mal im Monat samstags zur Schule. Diese Tatsache war für eine sinnvolle Wettkampfplanung ein großer Gewinn.

 

1982 vergab der Süddeutsche Verband seine Meisterschaft in die Pfalz, daran nahmen allein 520 von 780 Läufern teil. Süddeutsche Titelkämpfe mussten vor einigen Jahren vom Terminplan gestrichen werden, weil "keiner" mehr mitmachen wollte. Der noch heute aktive Rainer Müller gewann in 2:19:03. Die österreichische Europameisterschaftsteilnehmerin Henriette Fina lief mit 2:40:51 Strecken- und Landesrekord, sie hatte in der neuen Saison wegen der Meisterschaft in Athen vom VfL Ostelsheim nach Innsbruck gewechselt. 400 Sportler (51%) blieben unter 4 Stunden.

1983 wurde dann endlich der Start auf die Straße vor das Stadion gelegt. Roland Schmidt durfte bei seinem eigenen Rennen mitlaufen und in 2:46:20 trotz Stress 196. werden. 439 von 940 blieben unter 3 Stunden, nur 17 brauchten länger als 4 Stunden. Dass diese Teilnehmerzahl leider nie mehr erreicht wurde, konnte man damals noch nicht erahnen. Nur 1993 wurde die Neunhundertergrenze um 8 Athleten noch mal überboten.

DM 1984: Für Fritz Hiller, fünf Wochen zuvor in 2:40:23 noch zwölf Sekunden vor seinem Kontrahenten, kommt der Mann mit dem Hammer schon bei Kilometer 17 in Gestalt seines Kameraden Andreas Kampert (2:44:44), dem es sichtlich Spaß macht, dieses Mal den Spieß umzudrehen

1984 wurde der Aufwärtstrend mit 780 Läufern im Ziel nicht zuletzt dadurch gebremst, dass viele Spitzenathleten sich die Strecke innerhalb von 5 Wochen nicht zwei Mal zumuten wollten. Am 11. März hatte es im Nordschwarzwald morgens um 6 Uhr 8 Grad minus. Auch in der Pfalz war der Boden beim Warmlaufen noch steinhart gefroren. Beim Start herrschten ideal Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. An diesem Tag war jedoch die Stadionrunde am Ende wie Kaugummi. Die aufgetaute Aschenbahn war ein einziges Matschfeld. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpfte ich um eine neue Bestzeit, sah die Sekunden verrinnen und rettete in 2:31:25 gerade noch 25 Sekunden gegenüber 1982.

 

Der 15. April sollte mit den Deutschen Meisterschaften dann der große Tag werden. Noch in der vorletzten Nacht hatte es Frost gegeben, dann kam die Frühsommerhitze. Schon am Start brannte die Sonne und die Spitzenathleten begannen das Rennen sehr vorsichtig. Bis 300 Meter vor dem Stadion, das diesmal von der Sonne gut getrocknet war, war Herbert Steffny(2:14:30) in Front gewesen (Portrait im LaufReport HIER). Durch einen fulminanten Schlussspurt (6:40 zu 6:50) gewann Ralf Salzmann mit 5 Sekunden Vorsprung seinen 5. Titel in Folge mit persönlicher Meisterschaftsbestzeit. Bei anderen Witterungsbedingungen hätten die beiden und der drittplatzierte Michael Spöttel (2:14:38) sicher 2:10er Zeiten erzielt, was mindestens Salzmann bei besseren Bedingungen später in Japan gelingen sollte.

DM 1984: Noch geht es im Marathonexpress Richtung 2:29

Susi Riermeier, vielfache Titelträgerin im Skilanglauf gewann ihre einzige Marathonmeisterschaft mit 2:38:13, vor Gaby Wolf (2:40:31) und Christel Eilhoff (2:46:58). Die 19jährige Birgit Lennartz deutete mit Rang 4 den Beginn einer langen erfolgreichen Karriere an. Insgesamt erreichten nur 314 Läufer (48 Frauen) das Ziel, so mancher hatte vorzeitig das Handtuch geworfen. - Ich selbst musste im heißen Bienwald die Hoffnung auf "sub 2:30" begraben, war als wenig hitzebeständiger Läufer dank blendender Verfassung mit 2:33:44 jedoch recht gut bedient. Dass die Form gestimmt hatte, zeigte sich 4 Wochen später auf der langsameren Strecke in Frankfurt mit neuer Bestzeit von 2:30:26.

 

Mein persönlicher "Kandelhöhepunkt" sollte der 10. März 1985 werden. An diesem Tage schaffte ich meine leider noch heute gültige inoffizielle Halbmarathonbestzeit (1:13:21). Damit müssen andere alte Haudegen der "25 Kilometer-Generation" auch leben, dass sie in den ewigen Halbmarathonlisten weit hinten zu finden sind, da niemand ihre wesentlich schnelleren Durchgangszeiten beim Fünfundzwanziger gestoppt hat. Mit Trainingswochen zwischen 120 und 200 Kilometern bestens vorbereitet, aber mit Magenproblemen im Vorfeld und starkem Seitenstechen auf der zweiten Hälfte (1:14:47), bleibt mir der Makel, auf der Königsstrecke nie ganz zur Vollendung gekommen zu sein. Die 2:28:08 bedeuteten den 20. Rang und hätten ab dem Jahr 2000 immerhin zu 9 Gesamtsiegen gereicht.

DM 1984: Schon haben sich in der ungewohnten Wärme ein paar "Wagen" abgehängt. Auch diese Gruppe kommt nicht geschlossen ins Ziel: 339 Conzelmann (2:32:26), 370 Krehl (2:33:44), 355 Martin Staiger (2:37:52)

Nicht für alle endete jener Tag mit Freude. Im Gegensatz zu manch anderer Veranstaltung, bei der Startverzögerungen die Regel sind, wurde in Kandel immer pünktlich gestartet, bis auf eben jenen 2. Märzsonntag vor 26 Jahren. Wer Schuld hatte, ist nicht mehr zu klären und heute auch unrelevant, auf jeden Fall nicht die Politik. Kurt Beck war damals noch nicht Ministerpräsident und den Startschuss gab er auch erst 2 Jahrzehnte später ab.

Meine Frau Petra hatte 1983 in Frankfurt mit 2:58:12 die Dreistundenmarke deutlich unterboten und das bei einer Bestzeit von nur 39:32 auf der Unterdistanz. Im Gegensatz zu mir belegte sie neben ihren Gesamtsiegen an der Hornisgrinde und beim 1. Karlsruher Stadtmarathon bei fast allen ihren 58 Marathonrennen Medaillenränge. 1985, in der Form ihres Lebens knallte es vor den Bienwaldstadion 3 bis 4 Minuten zu früh. Ich selbst kann gerade noch hinterherstürmen, Petra steckte noch mitten im hinteren Feld. Hoffnungslos eingekeilt brauchte sie mehr als 6 Minuten für den ersten Kilometer.

Der Traum von einer durchaus realistischen 2:52 war bald ausgeträumt. Sie, die immer durch ihre fast sekundengleichen Kilometerabschnitte gepunktet hatte, versuchte im Viererschnitt verlorenen Boden gutzumachen. Das rächte sich natürlich in der Endphase des Rennens. Total enttäuscht "schleicht" sie ins Stadion. Ihre 3:04:36 (2. W40) waren der Supergau ihrer äußerst erfolgreichen Marathonkarriere, die sie 1991 würdig in Kandel beendete. - So wie meiner Frau hatte eine falsch eingestellte Uhr manchem einen Strich durch die Rechnung gemachte, das Wort "Nettozeit" stand damals noch nicht im Duden.

1986 wurde das Ziel aus dem wieder schlammigen Stadion auf den Bereich des Schulhofes verlegt, was sich als Glücksgriff erwies. Vielleicht noch besser in Form als im Vorjahr, verpasste ich durch eine falsche Zwischenzeit eine erneute Steigerung. Als der Ausnahmeathlet Walter Koch (2:27:47) bei Kilometer 40 anzog, kämpfte ich mich mutlos auf der alten Strecke am Waldrand am Schafstall vorbei und verlor auf der kurzen Distanz noch annähernd eine halbe Minute. 4 Sekunden über Bestzeit, dieses Mal war der Kopf, nicht der Körper Verlierer gewesen.

 

1988 verzichtete ich zugunsten der Deutschen Crossmeisterschaften auf einen Start in Kandel. Quälten wir uns nach 30 Zentimeter Neuschnee in der Nacht in Waiblingen durch knöcheltiefen Schlamm, konnten die Marathonläufer in der Pfalz auf nassem Asphalt zur selben Stunde hervorragende Resultate erzielen.

1989 war dann noch einmal das Jahr des "doppelten Marathons". Nachdem im Frühjahr die noch heute aktiven Rainer Mühlberg (2:19:44) und Manuela Veith (heute Zipse, damals 15 Jahre alt - 2:50:38) siegreich blieben, erreichten am 15. Oktober mit 470 (51 Frauen) bei der 2. Deutschen Meisterschaft deutlich mehr Teilnehmer das Ziel als 1984. Die Siegerzeiten waren jedoch durchweg langsamer. Uwe Hartmann (2:15:20), vor Werner Grommisch (2:15:58) und Thomas Ertl (2:16:00) lautete die Reihenfolge bei den Männern. Birgit Lennartz (2:41:23) hieß die Siegerin vor Dagmar Knudsen (2:41:32) und Elke Hoffmann (2:45:10). Lennartz gewann auch ein Jahr später (2:38:15) und erneut 1992 (2:44:50) in Kandel, wobei sie 1990 den Streckenrekord nur um 2 Sekunden verfehlte.

DM 1984: Der jüngere Bruder des Karlsruher Meisterläufers Günther Conzelmann, Rainer Conzelmann (Foto), gab 5 Wochen zuvor in Kandel mit 2:37:25 sein Debüt. In der Hitze der Meisterschaft 1984 steigerte er sich auf sensationelle 2:32:26. Im August 1986 erzielte er in Malmö die noch heutige gültige Kreisbestleistung von 2:25:15

Mit den Achtziger Jahren endete so langsam auch die Ära der Leistungsläufer. Liest man heute in fast sämtlichen Fachzeitschriften, dass wegen der kalten Witterung viele Läufer für einen Marathon noch nicht genügend Trainingskilometer in den Beinen hätten, um schon so früh im Jahr die lange Distanz anzugehen, galt früher, dass Langstreckenläufer im Winter "gemacht" werden. Ruhige 120 bis 180 Trainingskilometer in der Woche, höchstens von einigen wenigen Cross- oder Straßenläufen garniert, waren die Grundlage für eine erfolgreiche Saison. Je höher der Schnee lag, desto besser war die allgemeine Kondition.

Bei kühlen Temperaturen wurden spätestens bis April die Jahresbestzeiten über 25 Kilometer und Marathon zementiert. Selten war eine Verbesserung im Herbst noch möglich, da während der kraftraubenden Bahnlaufsaison, die mit teils sehr anspruchsvollen Volksläufen gespickt war, mehr als 100 Trainingskilometer kaum möglich waren. Vermessene 10 Kilometer Straßenläufe waren damals äußerst selten.

Am zweiten Märzwochenende kamen die Athleten dann aus Württemberg, auch aus Bayern und anderen Landesteilen in die Südpfalz gereist.

 

Manche hatten schon monatelang keinen Meter auf schneefreiem Terrain mehr trainiert. Auf dem griffigen Asphalt in der Vorderpfalz bekamen dann alle Flügel - schließlich hatte man 3 Monate nur für diesen Tag "gelebt". Dass Kandel wenig von dem großen Laufboom zu Beginn des neuen Jahrtausends abbekommen hat, ist also der Tatsache zu verdanken, dass viele Genussläufer im Winter andere Aktivitäten dem Laufen vorziehen.

Kandel 1991: Startbild 1991 mit Hans Dieter Baumgart, Heinz Hüglin, Herbert Cuntz, Manfred Borell und weiteren 731 Aktiven

Dazu muss man auch erwähnen, dass in Kandel natürlich das Flair eines Stadtmarathons fehlt. Ich habe es immer genossen, unterwegs keinen Bratwurstduft und keinen Zigarettenqualm einatmen zu müssen. Holpriges Altstadtpflaster und unnötige Brücken habe ich nie vermisst. Der herrliche Bienwald hat immer für besten Sauerstoff, meistens für genügend Schatten und Windschutz gesorgt. Die langen Geraden waren mir immer Autobahn oder Schnellstraße, am liebsten hätte ich mir den ganzen Lauf ohne eine einzige Ecke gewünscht. Nicht jeder denkt so. Wer sich nicht voll auf sein Rennen konzentrieren, dagegen unterwegs abklatschen, fotografieren, sich unterhalten will und möglichst viel Sehenswürdigkeiten bestaunen möchte, ist in Kandel fehl am Platz. Er wird die schnurgerade Kreisstraße Nummer 15 eintönig und langweilig finden. Auch wer glaubt die berühmte Wildkatze zwischen den Bäumen zu sehen, hat nur geringe Chancen, dies zu erleben.

Trotzdem ist Kandel auch heute noch der wohl qualitativ schnellste Lauf, wenn man den Durchschnitt aller Teilnehmer betrachtet. Leider hatten die Behörden vor Jahren die Überquerung der Bundesstraße nach Lauterburg nicht mehr genehmigt, so dass die Marathonstrecke verändert werden musste. Kernstück blieb die schnelle B 15, der erste Wendepunkt wurde nun nach Schaidt verlegt und die Anfangs- und Schlusskilometer dementsprechend geändert.

Schon lange ist der Zieleinlauf wieder im Stadion, allerdings "schlammlos" auf Kunststoff. Seit 1999 werden Marathon und Halbmarathon zur selben Zeit ausgetragen, was immerhin der kürzeren Distanz zu einem konstanten Zuspruch von weit mehr als tausend Sportlern (2007 Rekord mit 1304) verhelfen konnte.

Am 24. Mai 1979 trug der TSV Kandel erstmals einen Nationalen Straßenlauf (275 Teilnehmer) über 25 Kilometer aus. Trotz Juniterminen und teilweise warmer Witterung wurden meist um die 400 Teilnehmer registriert (1985 sogar 503), die durchweg sehr schnelle Zeiten ablieferten. Nach der zeitlichen Umstellung auf September in den Jahren 1989 (einmalig auch mit der 15 Kilometerdistanz) und 1990 wurde mit dem Nationalfeiertag, 3. Oktober 1991 ein idealer neuer Termin gefunden.

Schon im Folgejahr setzten die Mannen um Roland Schmidt die Vorgaben des Deutschen Leichtathletikverbandes um und verkürzen ihre Strecke. Die Nummerierung wurde beim 14. Straßenlauf, erstmals über die Halbmarathondistanz, beibehalten.

1979 wurde der damals sehr beliebte Spiridon Dreikampf (Punkwertung aus Marathon, 25 km und 10.000 m) in Kandel ausgetragen. Morgens um 8 Uhr war Start zum ersten von 3 oder 4 Läufen (insgesamt 116 Teilnehmer). Schade, dass diese tolle Serie in den folgenden Jahren nicht mehr angeboten wurde. 1988 begann dann die schöne Zeit der 10 Kilometer Straßenläufe auf unterschiedlichen aber immer schnellen Kursen. Nach 2 September- und 2 Juniterminen gab es 8 Austragungen parallel zum Halbmarathon am 3. Oktober. Nach der Zusammenlegung der beiden langen Strecken wurde der Zehner noch 5 Mal im Mai ausgetragen. Der 17. Straßenlauf 2004 war leider der (vorerst?) letzte beim Bienwaldstadion.

 
Kandel 1991: Die LG Düsseldorf brachte 1991 sechs Athleten unter 2:39

Roland Schmidt, Abteilungsleiter der Leichtathleten des TSV Kandel, selbst aktiver Läufer und ehemals Deutscher Seniorenmeister ist seit den Anfängen der Motor einer engagierten Helferschar. Über die Jahre wurde seinem Prinzip treu geblieben: Viel Leistung für wenig Geld bieten, auf unnötigen Schnickschnack verzichten, den Sport immer im Mittelpunkt behalten aber keine Spitzenathleten einkaufen.

Neuerungen gegenüber blieben die Kandeler nicht verschlossen. So führten sie schon 1982 den Blockstart ein und ließen sich nach Teilnehmerbefragung vor wenigen Jahren auch auf die Chipmessung ein. Der "Bienwaldexpress" fährt seit Jahren Zuschauer und Begleiter zu Kilometer 10 an die Strecke. 5 verschieden schnelle Brems- und Zugläufer, einst in Steinfurt "erfunden" gibt es für Zielzeiten von 3 bis 4 Stunden. Die neuen Sportanlagen bieten mehr Raum für Siegerehrung, Verpflegung (in Kandel immer vom Feinsten), Umkleiden, Duschen, Läufermesse und Präsentation heimischer Produkte.

Der TSV Kandel kann für den DLV als Vorbildverein dienen, er richtete insgesamt 4 Deutsche-, 5 Süddeutsche-, 9 Rheinland-Pfalz-, 17 Pfalz- und 25 Bezirksmeisterschaften im Straßenlauf aus.

Roland Schmidt ist der "Werner Roth vom Bienwald"; ich habe ihn schon vor 25 Jahren ob seines unermüdlichen Einsatzes wegen bewundert. Er selbst bleibt bescheiden, lobt seine vielen einsatzbereiten Mitstreiter und betont als Pädagoge, dass er die Veranstaltung auch als finanzielle Unterstützung der Vereinsjugend des TSV ansieht.

 

Um jeglichen Plagiatsvorwürfen den Wind aus dem Segel zu nehmen, möchte ich zum Schluss meine Quellen angeben. Die sind: 1. Meine persönlichen Tagebuchaufzeichnungen von 1963 (Beginn meiner läuferischen Aktivitäten) bis in die Neunziger Jahre. 2. Meine zwölfbändige Sammlung Ergebnislisten aus den Jahren 1969 bis 2011. 3. Zwei Statistiken des TSV Kandel. 4. Die Zahlen des hochverehrten früheren Herausgebers von "Marathon im Spiegel der Altersklassen", Günter Otte.

Sollte ich an der einen oder anderen Stelle Fehler gemacht, die eigene Person zu sehr in den Mittelpunkt gestellt oder gewissen Übertreibungen nicht standgehalten haben, so bitte ich hier um Entschuldigung. Die Arbeit ist in vielstündigem Zeitrahmen, neben meiner starken beruflichen Belastung als Pensionär, meiner familiären Inanspruchnahme als zweifacher junger Opa und meiner noch immer unangemessen übertriebenen Trainingsaktivität als Seniorenläufer entstanden.

Kandel 1991: Die SG MBB Augsburg stellte 1991 mit Hans Dieter Baumgart (2:25:25) nicht nur den Sieger, auch Hans Hammer (2:38:54) und Jupp Moser (2:42:44) konnten überzeugen, für Günter Krehl reichten 2:35:10 gerade mal zu Platz 9 in der M40

Ich habe keineswegs die Absicht, mir mit diesem Werk irgendeinen Titel zu erschleichen, möchte nur erreichen, dass nun jeder weiß, dass der Marathon in Kandel gewiss kein Plagiat, auf alle Fälle einmalig und noch immer einer der schnellsten der Welt ist.

40 Jahre Bienwald-Marathon in Kandel - die Marathon Sieger

Männer Frauen
Datum Name Zeit Name Zeit
08 März 2015
Trauth, Oliver (GER)
2:37:57 Engelke-Horn, Carolin (GER) 3:12:40
09 März 2014
Gerhard Schneble (GER)
2:35:59 Almuth Grüber (GER) 2:54:04
10 März 2013 Martin Skalsky (GER) 2:28:37 Pamela Veith (GER) - 2 2:59:59
11 März 2012 Michael Sommer (GER) - 2 2:36:04 Pamela Veith (GER) 3:00:28
13 März 2011 Florian Neuschwander (GER) 2:28:17 Eve Rauschenberg (GER) 2:49:34
14 März 2010 Ralf Nacke (GER) 2:29:30 Heide Merkel (GER) 3:01:40
08 März 2009 Robert Jäkel (GER) 2:35:49 Marion Hebding (GER) 3:04:14
09 März 2008 Michael Sailer (GER) 2:31:49 Nicole Klinger (LIE) 2:51:46
11 März 2007 Andi Knopp (GER) 2:30:45 Anja Jordan (GER) 3:14:18
12 März 2006 Thomas Koenig (GER) - 2 2:32:47 Margret Ruppert (GER) - 6 2:59:30
13 März 2005 Thomas Koenig (GER) 2:31:34 Margret Ruppert (GER) - 5 2:54:10
14 März 2004 Reiner Nerding (GER) 2:30:38 Margret Ruppert (GER) - 4 2:54:38
09 März 2003 Anton Gröschl (GER) 2:29:01 Constanze Wagner (GER) 2:59:54
10 März 2002 Aleksandr Holovnitskiy (UKR) 2:27:25 Isabella Bernhard (GER) 2:54:28
11 März 2001 Frank Honold (GER) 2:27:28 Margret Ruppert (GER) - 3 2:47:15
12 März 2000 Dima Pjatnitschuk (UKR) 2:29:50 Tanja Schäfer (GER) 2:55:17
14 März 1999 Rainer Müller (GER) - 2 2:22:56 Margret Ruppert (GER) - 2 2:49:33
08 März 1998 Wolfgang Bronner (GER) 2:31:46 Margret Ruppert (GER) 2:47:52
09 März 1997 Michael Sommer (GER) 2:27:53 Josefa Matheis (GER) 2:57:38
10 März 1996 Thomas Lang (GER) 2:21:34 Petra Maak (GER) - 2 2:41:42
12 März 1995 Winni Spannaus (GER) 2:20:35 Petra Maak (GER) 2:43:38
13 März 1994 Jörg Hustig (GER) 2:19:54 Monika Imgraben (GER) 2:55:23
14 März 1993 Dietmar Köhler (GER) 2:24:52 Silvia Nussbaumer (AUT) 2:52:10
08 März 1992 Ulrich Rötzheim (GER) 2:19:02 Birgit Lennartz (GER) - 2 2:44:50
10 März 1991 Hans-Dieter Baumgart (GER) 2:25:25 Katharina Janicke (GER) 2:58:33
25 März 1990 Ulrich Wolf (GER) 2:19:11 Birgit Lennartz (GER) 2:38:15
12 März 1989 Rainer Mühlberg (GER) 2:19:44 Manuela Veith (GER) 2:50:38
15 Okt 1989 DM Uwe Hartmann VfL Waldkraiburg
2:15:20 Birgit Lennartz ASV St. Augustin
2:41:23
Werner Grommisch LAV Essen
2:15:58 Dagmar Knudsen LAV Husum
2:41:32
Thomas Ertl LLC M. Regensburg 2:16:00 Elke Hoffmann LG Speyer-Sch. 2:45:10
13 März 1988 Christoph Schall (GER) 2:25:09 Gisela Landherr (GER) 2:54:09
15 März 1987 Michael Biedermann (GER) 2:22:28 Andrea Holzäpfel (GER) 2:50:58
09 März 1986 Jürgen Dächert (GER) 2:17:11 Rita Krombach (LUX) 2:45:38
10 März 1985 Josef Perske (USA) 2:20:44 Doris Schlosser (GER) - 3 2:39:27
11 März 1984 Franz-Josef Schmidt (GER) 2:20:29 Gerda Bachmann (GER) 2:50:25
15 April 1984 DM Ralf Salzmann LG Frankfurt 2:14:25 Susi Riermeier LAC Quelle Fürth 2:38:13
Herbert Steffny - P.J. Freiburg 2:14:30 Gaby Wolf LG Dortmund 2:40:31
Michael Spöttel LG K. Verden 2:14:38 Christel Eilhoff LG Dortmund 2:46:58
13 März 1983 Hans-Werner Pietschmann (GER) 2:20:24 Doris Schlosser (GER) - 2 2:41:29
14 März 1982 Reiner Müller (GER) 2:19:03 Henrietta Fina (AUT) 2:40:41
08 März 1981 Hans-Jürgen Eichberger (GER) - 3 2:19:52 Inge Habel (GER) 2:59:11
08 März 1980 Hans-Jürgen Eichberger (GER) - 2 2:22:16 Wilma Rudolf (GER) - 2 2:59:41
10 März 1979 Leo Thoma (GER) 2:20:53 Doris Schlosser (GER) 2:51:14
11 März 1978 Hans-Jürgen Eichberger (GER) 2:21:08 Wilma Rudolf (GER) 2:56:53
19 März 1977 Michael Breitrick (GER) 2:25:34 Koosje Röper (GER) 3:34:14
27 Mar 1976 Hans Gulyas (GER) &
Günter Conzelmann (GER)
2:27:36 Christine Schwarz (GER) 3:49:52

40 Jahre Bienwald-Marathon in Kandel

die häufigsten Siege die Streckenrekordhalter 1984 und 1989 Deutsche Marathomeisterschaften
Hans-Jürgen Eichberger (GER) 1978,1981, 1980 Ralf Salzmann (GER) 2:14:25 (1984) 1989: Uwe Hartmann VfL Waldkraiburg 2:15:20
1984: Ralf Salzmann LG Frankfurt 2:14:25
Margret Ruppert (GER)
1998, 1999, 2001,
2004, 2005, 2006
Susi Riermeier (GER) 2:38:13 (1984) 1989: Birgit Lennartz ASV St. Augustin 2:41:23
1984: Susi Riermeier LAC Quelle Fürth 2:38:13

Bericht von Günter Krehl im Februar 2011
Fotos Uwe Vischer und Archiv Günter Krehl

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